Geisternetze in den Meeren: So gefährlich sind sie

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Geisternetze sind schwimmender Plastikmüll in den Ozeanen und stellen eine handfeste Gefahr dar – nicht nur für Meeresbewohner. Hier liest du, wie es zu dem Phänomen kommt und was du selbst dagegen tun kannst.

Geisternetze – die schwimmenden Fallen im Meer

Unzählige verlassene Fischernetze treiben als sogenannte Geisternetze in den Weltmeeren. Damit machen sie die tägliche Futtersuche für viele Meerestiere zu einem lebensbedrohlichen Hindernisparkour.

Geisternetze erfüllen weiter ihren ursprünglichen Zweck: Sie fischen. Die Netze treiben teilweise senkrecht in den tiefen Gewässern oder bleiben am Meeresgrund hängen. Der WWF berichtet, dass darin nicht nur Fische hängenbleiben: Für Robben, kleine Wale oder Vögel wie Pelikane und Pinguine wird das Netz ebenfalls zur Falle. Auf der Jagd nach Fischen verfangen sie sich in den engen Maschen oder das Netz schneidet ihnen den Weg zur Oberfläche ab. Sie können nicht mehr auftauchen, um Luft zu holen.

Eine Studie zählt mindestens 344 Tierarten, die sich nachweislich schon in Geisternetzen verfangen haben. Fast die Hälfte davon (161 Arten) sind Seevögel, Meeressäugetiere oder Wasserschildkröten.

Auch großen Tieren wie dem Pottwal bereiten die schwimmenden Netze offenbar Probleme. Laut einer Pressemitteilung des Umweltministeriums Schleswig-Holstein fand sich in den Mägen von gestrandeten Pottwalen viel Müll. Darunter war auch ein dreizehn Meter langes Geisternetz. Die Tierärzt:innen vermuteten einen Zusammenhang mit der Strandung der Tiere. Der verschluckte Müll könnte die Gesundheit der Tiere so geschwächt haben, dass sie die Orientierung verloren.

Die Geisternetze bleiben auch gefährlich, wenn sie an Land gespült werden. Der NABU berichtet, dass Netzteile und Taue bei Seevögeln als Nistmaterial beliebt sind. Die Basstölpel auf Helgoland verwenden neben Seegras auch Netzteile für ihre Nester. Die festen Schlingen können sich für die Jungvögel dabei zur tödlichen Falle entwickeln.

Geisternetze: Auch ein Plastikproblem

Geisternetze treiben auch an den Strand an.
Geisternetze treiben auch an den Strand an.
(Foto: CC0/pixabay/AlkeMade)

Geisternetze sind Teil des wachsenden Müllbergs, der in Ozeanen schwimmt. In der Fischerei kommen heute überwiegend Netze zum Einsatz, die aus Plastikmaterialien wie strapazierfähigem Nylon gefertigt sind. Der WWF rechnet vor, dass es zwischen 400 und 600 Jahre dauern kann, bis sich das Plastikgarn zersetzt hat. Doch auch dann ist das Problem nicht verschwunden: Greenpeace weist darauf hin, dass sich ein Netz selbst nach dieser langen Zeit nicht komplett auflöst. Es zerfällt nur mit der Zeit zu feineren Plastikfasern. Diese Partikel schwimmen dann weiter als schädliches Mikroplastik im Meer.

Fische und kleine Meeresbewohner wie Muscheln, Würmer oder Schnecken schlucken die Partikel bei der Futtersuche. Das Mikroplastik gelangt auf diesem Weg in die Nahrungskette und kann sich zum Beispiel auch in einer Fischmahlzeit wiederfinden. Eine Studie von 2018 untersuchte den Mageninhalt von Fischen und stellte bei 73 Prozent der untersuchten Fische aus dem Nordatlantik Mikroplastik fest. Ob die bunten Nylonfasern tatsächlich von Geisternetzen stammten oder von anderem Plastikmüll, ließ sich allerdings nicht mehr eindeutig feststellen.

Geisternetze setzten außerdem Chemikalien frei, denn das Plastikgarn der Fischnetze enthält Zusatzstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel. Greenpeace gibt zu bedenken, dass sich diese Chemikalien mit der Zeit aus dem Plastik lösen und in die Meere gelangen.

Geisternetze sind ein Problem in allen Meeren

Geisternetze schneiden Robben den Weg an die Oberfläche ab.
Geisternetze schneiden Robben den Weg an die Oberfläche ab.
(Foto: CC0/pixabay/Noutch)

Das Phänomen der Geisternetze findet sich in allen Meeren und Ozeanen. Sie sind dabei keine Einzelfälle, sondern kommen in erschreckend hoher Anzahl vor. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht bestimmen. Laut WWF ist das Aufspüren der Netze ein äußerst aufwendiger Vorgang, bei dem auch Sonargeräte zum Einsatz kommen. Ein Sonar arbeitet unter Wasser mit Schallwellen. Ähnlich wie ein Radar spürt es Hindernisse auf.

So sieht die Situation in den Weltmeeren aus: 

Atlantik mit Nord- und Ostsee, Mittelmeer und arktischen Gewässern:

  • Der WWF schätzt, dass Geisternetze in europäischen Gewässern etwa zehn Prozent des schwimmenden Mülls ausmachen. Greenpeace rechnet hoch, dass jährlich etwa 25.000 Netze in diesen Gewässern landen. Aneinandergereiht entspricht dies fast der Luftlinie zwischen Hamburg und Rom.
  • In der Nordsee sind die Schutzgebiete im Wattenmeer besonders kritisch. Greenpeace berichtet beispielsweise von Funden im Sylter Außenriff. Das Gebiet ist Schutzzone für Schweinswale und Robben.
  • Auch in der Ostsee treiben Geisternetze. Laut WWF landen allein hier jedes Jahr zwischen 5.000 und 10.000 Netzteile.

Pazifischer Ozean:

  • Das Umweltprojekt Ocean Cleanup ermittelte, dass der gigantische Müllstrudel im Pazifischen Ozean (Great Pacific Garbage Batch) fast zur Hälfe (46 Prozent) aus Geisternetzen besteht. Der pazifische Müllstrudel ist eine schwimmende Insel, die aus Abfällen besteht. Seine Ausdehnung ist so gewaltig, dass er Frankreich dreimal bedecken könnte. Er befindet sich zwischen der Westküste der USA und Hawaii. 

Indischer Ozean:

  • Eine marinewissenschaftliche Untersuchung ergab, dass im Indischen Ozean der Müll zu 84 Prozent aus Netzen oder anderem Fischereizubehör besteht. Greenpeace berichtet, dass sich die Geisternetze unter anderem an den Hängen der Unterwassergebirge verfangen.

Geisternetze und ihre Ursachen

Die Besatzung eines Schiffes ist auch gesetzlich für ihre Netze verantwortlich.
Die Besatzung eines Schiffes ist auch gesetzlich für ihre Netze verantwortlich.
(Foto: CC0/pixabay/Detmold)

Geisternetze können auf unterschiedliche Weise in die Meere gelangen. Zu den häufigsten Ursachen zählen die folgenden.

Sturm oder Unfälle: Netze können sich durch Unwetter losreißen oder werden über Bord gespült.

  • In europäischen Gewässern ist bei solchen Vorfällen zunächst die Besatzung selbst für ihr Material verantwortlich. Gelingt die Bergung nicht, sind die staatlichen Behörden gefragt. Die Fischerei-Kontrollverordnung (Artikel 48) der EU besagt, dass verlorene Netze mit der letzten Position zu melden sind.
  • Der WWF kritisiert jedoch, dass in Deutschland nicht ausreichend kontrolliert wird, ob Meldungen über verlorene Netze wirklich eingehen oder ob eine Bergung erfolgt ist. Die Grünen forderten 2017 die Regierung auf, wirksame Kontrollen einzuführen, um die EU-Vorgaben durchzusetzen. Eine der Antragsteller:innen, die Grünen-Abgeordnete Steffi Lemke, berichtete 2019 auf ihrer Internetseite, dass sich seitdem noch nichts geändert habe: Die Kontrollen fehlen noch immer.

Bestimmte Arten oder Teile von Fangnetzen: Umweltorganisationen weisen in diesem Zusammenhang insbesondere auf Grundschleppnetze hin.

  • Laut NABU schleifen Grundschleppnetze während ihres Einsatzes über den Meeresboden. Verhakt sich das Netz dort, soll statt des Netzes selbst ein Scheuerschutz abreißen. Diese sogenannten Dolly Ropes sind Taue aus farbigen Plastikgarn, die weiter im Meer treiben. Sie vergrößern somit das Plastikproblem. Außerdem können sich auch in ihnen Tiere verfangen.
  • Die Deutsche Stiftung Meeresschutz nennt Grundschleppnetze „mit keiner anderen legalen Fischereimethode zu vergleichenden Raubbau“. Bei der Fangmethode wird alles gefischt, was sich in den Netzen verfängt. Fische, die nicht zu verwerten sind, werfen die Mannschaften ins Meer zurück. Oftmals sind die Tiere so schwer verletzt, dass sie nicht überleben. Grundschleppnetze führen so zur Überfischung und verwüsten den Meeresboden.

Illegaler Fischfang: Die Organisation Global Ghost Gear Initiative (englisch für Geisternetze) berichtet, dass zwischen illegaler Fischerei und Geisternetzen ein fataler Zusammenhang besteht.

  • Dem WWF zufolge kommt es in einigen Ländern in Südamerika, Afrika oder Asien zu illegalem Fischfang. Illegal ist es unter anderem, in Schutzgebieten zu fischen oder mit verbotenen Fangmethoden zu arbeiten. Die Besatzungen kappen manchmal ihre Netze, um sich bei Kontrollen der Beweise zu entledigen. Diese Netze bleiben dann als Geisternetze im Meer zurück.

Geisternetze: Was kannst du selbst dagegen tun?

Wasserschildkröten verfangen sich in den Geisternetzen.
Wasserschildkröten verfangen sich in den Geisternetzen.
(Foto: CC0/pixabay/TeeFarm)

Oft können nur gezielte Reinigungseinsätze die vorhandenen Geisternetze erfolgreich aus dem Ozean fischen. Ein Beispiel dafür ist das bereits genannte Projekt von Ocean Cleanup im Pazifik.

Der WWF arbeitet weltweit mit Taucher:innen, um die Netze zu bergen. Besatzungen von Fischkuttern sammeln bei ihrer Arbeit Müll aus dem Meer, wie etwa bei einer Zusammenarbeit zwischen dem NABU und dem Land Niedersachsen. Darüber hinaus betreibt der WWF Aufklärungsarbeit im globalen Süden. Die Menschen in den Fischerorten verstehen in diesem Rahmen, dass Geisternetze auch sie bedrohen. Sie leben meist vom Fischfang – gibt es keine Fische, fehlt ihnen die Lebensgrundlage.

Geisternetze sollen zwar aus dem Meer verschwinden, aber nicht als Müll auf dem Land enden. Das langfristige Ziel von Organisation wie dem WWF oder Ocean Cleanup ist die nachhaltige Weiterverarbeitung. Der WWF arbeitet beispielsweise an Methoden, die Netze zu recyceln oder anderweitig sinnvoll und umweltgerecht zu nutzen.

Auch du kannst dich im persönlichen Bereich für die Meere und gegen Geisternetze engagieren. Folgende Möglichkeiten hast du:

  • Spenden: Du kannst die Arbeit von Umweltverbänden wie WWF, NABU oder Greenpeace mit Spenden unterstützen.
  • Selber sammeln: Beim Projekt Gewässerretter kannst du selbst aktiv werden. Dort hast du die Möglichkeit, eine Sammelaktion für Netze zu starten. Im interaktiven Logbuch trägst du entweder deine geplante Aktion ein oder du markierst eine Fundstelle.
  • Du bist Sporttaucher:in? Die vom WWF entwickelte App Ghostdiver unterstützt die Suche nach Geisternetzen. Als Sporttaucher:in kannst du an markierten Positionen nachschauen, ob dort tatsächlich Netze im Meer treiben und die Information per App weitergeben. Die Bergung übernehmen anschließend speziell ausgebildete Taucher:innen.
  • Weniger Fisch essen: Das Problem der Geisternetze hängt zum Teil mit der industriellen Fischerei zusammen. Die Deutsche Stiftung Meeresschutz berichtet, dass die Bestände in Europa schon zu 41 Prozent überfischt sind. Du schonst die Bestände der Tiere und vermeidet vielleicht das eine oder andere Geisternetz, wenn du Fischmahlzeiten einschränkst oder ihnen ganz eine Absage erteilst. Möchtest du ab und zu Fisch genießen, kannst du dich bei Greenpeace mit dem Fisch-Einkaufsratgeber informieren. Die grüne Markierung zeigt dir Fischarten an, die aus nachhaltigem Fang stammen.

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