Zu Besuch im Treibhaus der Zukunft

Foto: A.Winterer

Tomaten und Paprika im Winter sind nicht nachhaltig? Das könnte sich bald ändern: Das erstaunliche Gewächshaus von Gemüsebau Steiner im bayerischen Kirchweidach verbindet Ideen der Nachhaltigkeit mit moderner Produktion.

An Tomaten und Paprika ist nichts schlecht: Jeder kann sie auf dem Balkon und im Garten züchten, drei Sommermonate haben sie Saison. Vielen Kunden reicht das aber nicht. Der Händler hat dann drei Möglichkeiten: Er verkauft nichts; er karrt das Gemüse aus fernen, wärmeren Ländern herbei; oder er züchtet es in Treibhäusern. Die beiden letzteren Möglichkeiten sind leider nicht nachhaltig. Gemüse transportieren verschlingt Ressourcen, regionaler Anbau in Treibhäusern auch, denn die muss man in unseren Breitengraten beheizen.

Hier kommt das Unterglashaus von Gemüsebau Steiner ins Spiel. Tief in Bayern bei einem Ort namens Kirchweidach gelegen steht es ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Das kann man erst mal nicht glauben, wenn man den Koloss aus Stahl und Glas sieht, der sich aus der Landschaft wie ein kleiner Flughafen erhebt. Ist aber so: Auf aktuell 11,8 ha Anbaufläche baut man dort verschiedene (hybride, nicht samenfeste) Paprika- und Tomatensorten an. Und zwar vergleichsweise nachhaltig, obwohl das dort eigentlich gar nicht möglich ist.

Der Schlüssel: regenerative Energie

Josef Steiner„Warum wird eigentlich nicht mehr Gemüse regional angebaut?“, fragte sich Gärtner und Treibhausbetreiber Josef Steiner (Bild rechts) und fand die Antwort. „Es liegt an den hohen Kosten für die Energie, die man dafür benötigt.“ Also suchte er nach alternativen Energieformen und dachte zum Beispiel darüber nach, ein Gewächshaus nahe bei Müllverbrennungsanlagen zu bauen, um deren Wärme zu nutzen. Dann fand er etwas noch viel Besseres in der Nähe von Kirchweihdach: eine geothermische Energiequelle. Geothermie gilt als regenerativ, weil die dabei genutzte Erdwärme zwar auch irgendwann zur Neige gehen wird, das aber zu einem Zeitpunkt, der – gemessen an menschlichen Zivilisationen – weit in der Zukunft liegt.

Aus der Quelle bei Kirchweihdach wird seit einigen Jahren 120 Grad heißes Thermalwasser gefördert. Es dient dem Ort als Fernwärmequelle und fließt anschließend wieder ins Erdreich zurück. Seit etwa einem Jahr macht ein Teil der Wärme vorher und nachher noch einen Umweg und beheizt nahezu kostenlos und CO2-frei das Gewächshaus und einen Wärmepufferspeicher. Zum Vergleich: Würde man das Treibhaus konventionell (mit fossilen Brennstoffen) betreiben, würde man dort knapp 5 Millionen Liter Heizöl pro Jahr verfeuern, etwa 1000 Liter pro Stunde. Und die meisten anderen Treibhäuser tun das noch immer, Jahr für Jahr – mit Öl, Gas und Kohle.

Geothermie, Photovoltaik, Regenwasser, Nützlinge

Für sein ziemlich einzigartiges Gewächshaus (ein ähnliches bei Wittenberg verwendet die Abwärme eines Chemiewerks) hat sich Steiner noch mehr einfallen lassen. Die Dächer des sechs Meter hohen Glashauses haben ein Gefälle: Das Regenwasser rinnt gezielt herab und füllt über Fallrohre ein externes Reservoir. Mit dem Wasser daraus gießt Steiner sein Gemüse: Die Wassermenge, die in diesem Landstrich jährlich pro Quadratmeter niedergeht, entspricht nämlich in etwa dem Wasserverbrauch der Pflanzen pro Quadratmeter. Wasser, das die Pflanzen nicht verwenden, wird wieder aufgefangen und erneut in den Kreislauf eingespeist, samt ausgewaschener Nährstoffe. Die 40 Liter Wasser, die das Gewächshaus pro Kilo Tomaten verbraucht, sind hier also Regenwasser.

Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Haupthauses versorgt zu etwa 80 Prozent die gesamte Produktion mit Strom. Und bei der Schädlingsbekämpfung setzt man auf Nützlinge (siehe Bild rechts), etwa Raubwanzen und Schlupfwespen, die auf verschiedene Weise gegen typische Tomaten- und Paprika-Schädlinge vorgehen. Für die Bestäubung setzt man (nach eigenen Aussagen „heimische“) Hummeln ein (Koppert Natupol). Würde man hier spritzen, würde man auch die Investition in die Nützlinge gefährden.

Nicht perfekt, aber beeindruckend

„Bio“ ist das Ganze nicht, dazu müsste das Gemüse zum Beispiel in der Erde wachsen. Die Bewässerungsanlagen erinnern ein bisschen an die Intensivstation, denn Schläuche versorgen die Pflanzen mit Wasser und Nährstoffen. Der Verbrauch von etwa einem Hummelvolk pro Woche und Hektar stimmt einen selbst als Nichtveganer nachdenklich. Die Tomaten wachsen auf Kokossubstrat, nicht in der Erde, denn der lokale Boden wäre ungeeignet. Die Kokosmatten sind ein Abfallprodukt der Kokosnussernte in Sri Lanka, müssen also herbeigeschafft werden – immerhin lassen sich die verbrauchten Kokosmatten am Ende der Saison als Dünger für normale Felder verwenden.

Das Treibhaus entstand 2014, heuer geht es erstmalig in den Regelbetrieb. 3500 Tonnen Tomaten und 1500 Tonnen Paprika soll es liefern – an Rewe: Deren Supermärkte haben den Regional-Trend erkannt und aufgegriffen. Die vier Tomaten- und Paprika-Sorten, die Steiner anbaut, wandern mit dem Label „Rewe Regional“ (Bild rechts) in ausschließlich bayerische Rewe-Supermärkte, ohne dieses Label auch zu Penny. Sie sind zwar nicht Bio, tragen aber Rewes hauseigenes Siegel „ProPlanet“, mit dem die Handelsgruppe Produkte auszeichnet, die nachhaltige Aspekte beachten und anders als Bio-Siegel auch Wasser- und Energieverbrauch berücksichtigen.

Man könnte aus puritanischer Sicht sicher einiges gegen dieses Gewächshaus vorbringen. Es steht wie ein Monster in der Landschaft. Die Tomaten in 625 Meter langen Reihen mit Schlauchbewässerung wirken so natürlich wie ein EKG-Monitor im Wald. Es weicht die Idee der Saisonalität („Kaufe Tomaten nur im Sommer, wenn sie wachsen“) zugunsten der Regionalität („In Kirchweidach geht’s auch von März bis November“) auf. Wobei die „Regionalität“ hier nur noch bedeutet, dass ein fast völlig geschlossenes System in der Region steht, welches so auch an jedem anderen Ort der Welt stehen könnte.

Und doch ist es beeindruckend zu sehen, wie viel der Gemüseanbau bewegen könnte, wenn er sich um klügere Methoden bemühte – wie es eben das Treibhaus von Gemüsebau Steiner auf beeindruckend vorbildliche Weise in Sachen Energie, Wasser und Schädlingsbekämpfung tut. „Wie wir hier produzieren, das wird im Unterglasanbau die Zukunft sein“, sagt Josef Steiner – und wahrscheinlich hat er recht damit.


Lesen Sie bitte auch
den lesenswerten Bericht des Utopisten Mario Sedlak, der ebenfalls dabei war und darüber geblogt hat:Der Erdwärmebauer in Kirchweidach

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