Geplante Obsoleszenz: 17 Tipps gegen den gewollten Verschleiss

Foto: gabs0110 / photocase.com

Geplante Obsoleszenz liegt vor, wenn Dinge nicht einfach nur zu früh und ohne Grund kaputtgehen, sondern der Hersteller dabei mehr oder weniger absichtlich seine Hände im Spiel hatte. Utopia gibt dir Tipps, um die geplante Obsoleszenz zu vermeiden.

Die Raumsonde Voyager 1 fliegt seit 1977 durchs All – das sind fast 40 Jahre. Gebeutelt von Sonnenstürmen und planetaren Gezeitenkräften hat sie fast 20 Milliarden Kilometer zurückgelegt und funkt immer noch Daten zur Erde. Sie funktioniert immer noch, anders als bei uns auf der Erde: kein Fernseher, keine Waschmaschine, kein Handy hält so lange durch. Warum ist das so?

Es lassen sich viele Gründe finden: Die Wirtschaft will es so: Ständiges Wachstum ist ohne geplante Obsoleszenz nicht möglich. Auch das Auf und Ab der Modeerscheinungen sorgt dafür. Unser Billigwahn ist natürlich ebenfalls schuld. Die Preistransparenz befeuert Schnäppchenjäger, die kaufen nur das billigste – egal, ob es lange hält oder nicht. Das Zusammenwirken all dieser Faktoren führt zu kurzlebigen Produkten.

Geplante Obsoleszenz: Definition

Die (nicht immer) geplante Obsoleszenz kann rein technischer Natur sein (früher Verschleiss), aber auch funktionaler (CD statt LP/MC, Blu-ray statt DVD/VHS) oder rein psychologischer Art (Moden und marketinggetriebene Scheinbedürfnisse).

Das Umweltbundesamt untersuchte die geplante Obsoleszenz in einer Studie (UBA) und kam 2016 zum Ergebnis, „dass die Erst-Nutzungsdauer von den meisten untersuchten Produktgruppen in den letzten Jahren abgenommen hat.“ – eine geplante Obsoleszenz wollte man aber aber nicht erkennen.

Stephan Schridde, Aktivist gegen geplante Obsoleszenz, kritisierte die Studie (hier) und warf ihr unvollständiges Arbeiten, Ignorieren von Fakten und fehlende Neutralität vor. Zu Denken gibt die Argumentation des UBA schon, denn sie versteht eine geplante Obsoleszenz offenbar ganz streng als eingebauten Kalender, der am Tag X die Gerätefunktion beendet – und findet diese plumpe Version natürlich nicht:

Eine gezielte kurze Produktlebensdauer, die die Hersteller mittels eingebauter Mängel erzeugen – die sogenannte geplante Obsoleszenz – kann in der aktuellen Studie nicht nachgewiesen werden. Vielmehr kalkulieren Hersteller mit einer bestimmten Produktlebensdauer, die sich auch nach Zielgruppen, Einsatzbereichen und Produktzyklen richtet.“

Im Klartext: Das UBA stellt zu Recht fest, dass Hersteller eine „Produktlebensdauer“ „kalkulieren“ – weigert sich aber, diese Kalkulation als eben genau die geplante Obsoleszenz zu bezeichnen, die sie eben aus Nutzersicht ist. Geplante Obsoleszenz ist eben auch eine Sache der Definition: Wer ein Gerät plant, dass mindestens drei Jahre funktionieren soll, tut ja nichts schlechtes – aber er plant eben nicht ein, dass es auch ein viertes, siebtes oder zehntes Jahr funktioniert. Obwohl das ja möglich wäre.

Geplante Obsoleszenz und Murks

Unbestritten ist immerhin, dass in Produkten oft gepfuscht wird. „Wir beobachten beispielsweise, dass in Monitoren die Kondensatoren oberhalb von Wärmequellen montiert werden.“, so HTV-Geschäftsführer Edbill Grote, dessen auf Elektroniktests spezialisiertes Unternehmen ein Prüfzeichen für Produkte ohne geplante Obsoleszenz entwickelt hat. „Die nach oben fließende Abwärme verkürzt dann deren Lebensdauer.“ Ist man schon Verschwörungstheoretiker, wenn man das nicht nur für Unfähigkeit, sonder für Absicht hält?

„In den meisten Fällen haben wir es mit gewollter Unterlassung zu tun“, sagt Stefan Schridde von Murks? Nein Danke! „Wir brauchen hier Gesetze, die den Rahmen stecken, etwa bei Produktverantwortung und Kennzeichnungspflichten, wir brauchen den konstruktiven Mangel im Gewährleistungsrecht und solche Dinge.“

Letztlich sah es auch das Umweltbundesamt so: „Dass die Studie geplante Obsoleszenz nicht nachgewiesen hat, bedeutet aber nicht, dass es keinen Handlungsbedarf gibt“, so Dr. Ines Oehme vom Umweltbundesamt, die die Studie fachlich begleitet hatte.

Geplante Obsoleszenz bei Apple, beim Drucker

Es gibt auch andere Fälle. Apple zum Beispiel baut natürlich ebenfalls keinen Zähler ein, der dafür sorgt, dass die Geräte nach 3 Jahren streiken. Doch die Verwandlung von Technik in Mode dafür, dass die Apple-Kunden immer das neueste haben wollen. Hier bekundet Apple selbst, dass die Lebensdauer bei den Geräten auf drei (iPad, iPhone) bis vier Jahre (Macs) kalkuliert ist. Lies dazu auch: geplante Obsoleszenz – so trickst Apple.

Viele Kunden beklagen sich über die Lebenszeit von Druckern und Druckerpatronen. „Bei einer Reihe von diesen Geräten gibt es eine Konstruktion, da ist ein Tintenschwämmchen enthalten, das nimmt die Resttinte von Reinigungsvorgängen auf. Dieses Schwämmchen hat eine begrenzte Kapazität“, räumt sogar Dr. Ines Oehme vom Umweltbundesamt ein. „Bei einigen dieser Geräte gibt es eine Schutzfunktion, die – nach Annahme, das Tintenschwämmchen sei voll – eine Fehlermeldung gibt und der Drucker druckt nicht mehr.“

Aber welchen Drucker wäre nun der richtige? Die Antwort kennt kaum jemand, denn Langlebigkeit wird bei Produkttest heute kaum noch getestet. Und selbst wenn: Schon bald ist ja ein Nachfolgemodell auf dem Markt, so daß diese Art von Test und Artikel eine so kurze Nutzungsdauer durch den Leser hätte, dass Redaktionen sich zwangsläufig dagegen entscheiden müssen. Ein Schurke, wer hier „Absicht!“ vermutet.

Mehr Beispiele für geplante Obsoleszenz in der Bildergalerie:

So oder so: Konsumenten sind nicht machtlos. Wir können bewusster einkaufen, typische Fallen umgehen:

17 Tipps gegen geplante Obsoleszenz

Kauf nichts, nur weil es billig ist.
Kauf nichts, nur weil es billig ist.

1. Billiges umgehen.

Kaufe nichts, nur weil es (gerade) billig ist. Meide 1-Euro-Shops, bevorzuge Waren aus nachhaltiger Produktion, zum Beispiel aus grünen Online-Shops. Meide Baumarkt-Sonderangebote, die unrealistisch preiswert erscheinen, Beispiele dafür sind Bohrmaschinen oder Akkuschrauber für wenige Euro, bei denen die geplante Obsoleszenz schnell für Defekte sorgt.

2. Fernost-Ramsch meiden.

Wir wollen hier nicht den Stab über China & Co brechen: Auch in den asiatischen Ländern wird Gutes und Sinnvolles produziert. Dennoch raten wir: Meide Produkte, die allzu deutlich aus asiatischer Billigproduktion stammen.

3. Reparieren und Selbermachen.

Müssen wir einen kaputten Gegenstand wirklich ersetzen? In vielen Fällen ist eine Reparatur möglich! Eine Möglichkeit, dabei Hilfe zu bekommen, sind Repair-Cafés. Auch im Umfeld der Maker-Bewegung und von DIY (Do-it-yourself) findet  man viele Menschen, die Dinge selber machen oder reparieren können, und von denen man viel lernen kann.

Was heute modisch ist, ist morgen trash
Was heute modisch ist, ist morgen trash

4. Klassiker bevorzugen.

Verweigere dich dem „modischen Verschleiß“, beispielsweise indem du bewusst „unmodische“ Produkte kaufst. Lass einfach alles liegen, was du in einem Jahr bestimmt nicht mehr haben willst. Bedenke: Wer sich stets für das Neuste entscheidet, wird unzufrieden, sobald es alt wird. Wer sich von vorneherein für „Klassiker“ entscheidet, wird lange damit zufrieden sein. Beispiele: Slow Fashion oder auch das Fairphone 2.

5. Auf Nutzen achten.

Kaufe nur, was du wirklich brauchst. Hinterfrage „Zusatzfunktionen“, die ein Produkt oder seinen Nachfolger scheinbar einzigartig machen, in Wirklichkeit aber nur weitere mögliche Defekte und Sollbruchstellen hinzufügen.

6. Folgekosten checken.

Bedenke beim Kauf technischer Produkte, welche Anschaffungen daraus folgen. Geht ein Smartphone oder Tablet kaputt, könnte es durchaus sinnvoll sein, sich das gleiche Modell gebraucht zu kaufen, statt eines aktuelleren Modells, dessen neue Maße oder Anschlüsse dann den Kauf neuen Zubehörs erzwingen.

Profis nutzen Pro-Werkzeug.
Profis nutzen Pro-Werkzeug.

7. Pro-Version suchen.

Viele Hersteller produzieren Geräte sowohl für private als auch für berufliche Nutzer. Bei Notebooks, Druckern und ähnlichen IT-Geräten lohnt es sich, mehr zu zahlen, um das besser verarbeitete „Business“-Modell (beim Fachhändler) zu erwerben. Auch bei Küchengeräten und Heimwerkerbedarf bietet etwa der Fachhandel für Gastronomie- bzw. Handwerksbedarf langlebigere Profi-Versionen.

8. Produkt anfassen.

Kaufe im lokalen Handel, wo du das Produkt, die verwendeten Materialien und die Verarbeitung ausführlich begutachten kannst. Suchen nach typischen Sollbruchstellen und fragen dich, wie das Produkt nach fünf Jahren Gebrauch wohl aussehen wird.

9. Ramsch retournieren.

Wenn du feststellst, dass die Ware nichts taugt: bringen sie zurück! Nimm beim Onlinekauf dein Recht in Anspruch, das Produkt innerhalb von 14 Tagen ohne Angabe von Gründen zurückschicken zu können. Häufige Retouren erziehen lokale Läden und Webhändler dazu, keine Schrottprodukte anzubieten – denn das macht nur Arbeit.

10. Gewährleistung einfordern.

Pochen auf deine Rechte als Verbraucher. Hilfestellung geben hier die Verbraucherzentralen. Interessant sind zum Beispiel Fragen und Antworten zum Gewährleistungsrecht des vzbv. Lesenswert auch dieser Report über typische Abläufe.

11. Social shoppen.

Bauen persönliche, langfristige Beziehungen zu deinen Händlern auf, statt ständig anonym und wechselnd einzukaufen. Das ist auch in Großstädten möglich und fördert die Neigung des Händlers, dir keinen Ramsch anzudrehen. Stelle deutlich klar, dass du ein robustes Produkt wünschst, nicht das Günstigste.

12. Ersatzteile erfragen.

Frage beim Händler nach Erfahrungen anderer Kunden, nach der Gewährleistung, inwiefern diese für „Verschleißteile“ gilt und welche das sind. Frage ganz konkret, ob es Ersatzteile gibt, wie lange diese verfügbar sein werden und was diese kosten.

Murks? Nein Danke! kämpft gegen geplante Obsoleszenz.
Murks? Nein Danke!

13. Ratgeber konsultieren.

Besuche die MURKS-Lupe des Vereins „Murks? Nein Danke!“. Sie informiert sehr detailliert über weitere Möglichkeiten, Murks im Vorfeld zu erkennen. Darüber hinaus findest du dort hilfreiche Hinweise für den Fall von Service- und Reparaturfragen.

14. Meinungen suchen.

Amazon-Rezensionen darf man misstrauen. Doch bei der Lektüre der Produktrezensionen fällt schnell auf, wenn etwa bestimmte Ausfallerscheinungen immer wieder genannt werden. Auf ähnliche Weise kann man ganz gezielt auf Verbraucherportalen wie ciao.de, dooyoo.de und yopi.de Hinweise auf frühen Verschleiß suchen.

15. Herkunft prüfen.

Deutsche und europäische Unternehmen achten (noch) auf Qualität und Langlebigkeit (sofern sie nicht in Fernost produzieren). Aber Vorsicht: Scheinbare deutsche Traditionsfirmen wie Grundig oder Rollei sind heute oft nur noch Markennamen für Fernost-Produkte.

HTV-Life®-Prüfzeichen gegen geplante Obsoleszenz.
Selten: HTV-Life®-Prüfzeichen

16. Prüfzeichen finden.

Achte auf das HTV-Life-Prüfzeichen für Produkte ohne geplante Obsoleszenz. Die Liste ist leider noch sehr kurz, doch die gelisteten Produkte haben keine eingebauten Sollbruchstellen. „Wir bauen die Produkte auseinander, berechnen und prüfen ihre Lebensdauer“, so Geschäftsführer Edbill Grote, der das Projekt aus ethischen Gründen startete. „Sicherheitshalber fordern wir eidesstattliche Erklärungen von den Herstellern, dass sie keine solchen Sollbruchstellen eingebaut haben.“

17. Murks melden.

Melde Produkte, bei denen dir die Lebensdauer künstlich verkürzt erscheint oder du geplante Obsoleszenz vrmutest. Lies umgekehrt diese Meldungen noch vor einer fälligen Anschaffung. Meldestellen gibt es zum Beispiel bei Murks? Nein Danke! und bei HTV Life. HTV zeigt eine Liste von Meldungen, Murks hat eine Suchfunktion. Mach deinem Unmut auch über soziale Medien Luft – natürlich sachlich, auf ein konkretes Beispiel bezogen und faktisch korrekt.

Teilen, leihen, tauschen

Musst du den gewünschten Gegenstand wirklich kaufen? Möglicherweise kannst du ihn besser leihen oder tauschen. Car-Sharing erspart den Autokauf, Tauschbörsen sorgen für längere Produktnutzungszeiten – siehe auch unser Beitrag Teilen, tauschen, leihen – das ist kollektiver Konsum. Auch so kannst du die geplante Obsoleszenz meiden.

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(40) Kommentare

  1. Es gibt kein wirkliches Recht, welches sagt, dass der Händler die Ware zurück nehmen muss. Dies ist eine reine Kulanz und kann jeder Markt für sich entscheiden. Denn wäre es so, so könnte der Verbraucher selbst auf sein Geld bestehen. Nicht jeder Händler macht dies. Er gibt da eher eine Gutschrift. Der Kunde entscheidet sich ja bewusst an der Kasse für den Kauf des Produktes. Und da kommt ein bewusster Kauf zustande. Kunden sollte nicht immer auf gut und billig aus sein. Denn damit graben sie unter anderem auch ihrer Zukunft bzw. ihren liebenden Enkelkindern ein Grab.

    • Innerhalb der Gewährleistungsfrist muß der Händler zumindest reparieren oder gleichwertigen Ersatz liefern.
      Natürlich muß man sich dafür den Kassenzettel = Quitung aufheben.

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