Ohne Hormone und Nebenwirkungen: Kommt die perfekte Pille für den Mann?

Keine Hormone, ohne Nebenwirkungen: Kommt bald die perfekte Pille für den Mann?
Foto: Unsplash/ CC0/ towfiqu barbhuiya

Warum sollte Verhütung Frauensache sein? Die Pille für den Mann gibt es zwar noch nicht – doch es wird schon länger an entsprechenden Verhütungsmethoden geforscht. Ein US-amerikanisches Forschungsteam verfolgt einen neuen Ansatz, der weniger bis keine Nebenwirkungen versprechen könnte.

Wenn Männer die Verhütung übernehmen wollen, haben sie in der Regel zwei Optionen: Kondome oder eine Vasektomie. Weitere Optionen zu schaffen, daran arbeiten mehrere Forschungsteams – unter anderem eines um Gunda Georg von der University of Minnesota. Die Wissenschaftler:innen konnten bei dem Frühlingstreffen der American Chemical Society (ACS) in San Diego, Kalifornien nun einen Durchbruch verkünden: Sie konnten ein Mittel auf Proteinbasis entwickeln, welches mit weniger Nebenwirkungen einher gehen könnte, als bisherige Optionen.

Das US-amerikanische Forschungsteam hatte den von ihnen entwickelten Wirkstoff „YCT529“ zunächst an Mäusen getestet, wie bei medizinischen Versuchen üblich. Hier zeigte sich das Mittel sehr wirksam: Zu 99 Prozent konnte eine Schwangerschaft verhindert werden – ohne dass es zu beobachtbaren Nebenwirkungen gekommen sei. An Menschen wurde das Mittel noch nicht getestet, doch erste Studien sollen noch in diesem Jahr beginnen. „Ich bin optimistisch, dass wir schnell vorankommen werden“, zitiert der Standard Gunda Georg. „Es gibt keine Garantie, dass es klappt. Aber ich wäre wirklich überrascht, sollten wir nicht auch bei Menschen eine Wirksamkeit feststellen.“ Sie hält die Markteinführung in fünf Jahren oder weniger für möglich. Die Entdeckung könnte also ein wichtiger Durchbruch in der Forschung für die „Pille für den Mann“ sein.

YCT529: So funktioniert die Pille ohne Hormone

Das neu entwickelte Mittel wirkt nicht durch Hormone, sondern durch Proteine. YCT529 dockt nämlich an ein bestimmtes Protein (Retinsäurerezeptor Alpha) an, welches unter anderem dazu beiträgt, dass der männliche Körper Spermien bildet. Dies hatte im Versuch folgende Wirkung:

  • Bei Mäusen, die das Mittel vier Wochen lang zu sich nahmen, reduzierte sich die Spermienzahl und die Tiere wurden dadurch zu 99 Prozent steril.
  • Mäuse, die das Mittel vier bis sechs Wochen nicht mehr verabreicht bekamen, konnten wieder Nachkommen zeugen.
  • Auswirkungen auf Aktivität, Appetit oder Gewicht der Tiere wurden nicht beobachtet.

Andere Proteine scheinen von dem Mittel nicht betroffen zu sein, was Nebenwirkungen unwahrscheinlicher macht. Allerdings müsste YCT529 laut Standard maßgeschneidert sein, damit es nicht mit den zwei verwandten Rezeptoren RAR-beta und RAR-gamma interagieren kann. Der Mdr weist drauf hin, dass die Formulierung „keine beobachtbaren Nebenwirkungen“ längerfristige oder indirekte Nebenwirkungen nicht ausschließt. Ob diese bei der neuen Pille für den Mann auftreten könnten, müssen weitere Versuche klären.

Pille für den Mann wird schon länger erforscht

Pille absetzen
Die Antibabypille für Frauen kann schwerwiegende Nebenwirkungen haben – zum Beispiel ein erhöhte Risiko für Thrombose. (Foto: CC0 / Pixabay / GabiSanda)

Für Männer wird schon länger an zusätzlichen Verhütungsmitteln (nicht nur Pillen) geforscht – mit Erfolg.  Eine WHO-Studie entwickelte einen Stoff aus Testosteron und Norethisteron, welcher alle acht Wochen per Spritze verabreicht wird. Die Studie wurde allerdings abgebrochen, weil etwa 10 Prozent der Teilnehmer schwere Nebenwirkungen entwickelten, unter anderem Stimmungsschwankungen, Libido-Verlust und Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression.

Die Antibabypille, welche Frauen bereits seit den 60er Jahren verabreicht wird, kann teils ähnliche Reaktionen hervorrufen. Auch ist die Pille immer wieder wegen erhöhtem Thromboserisiko in der Kritik. Trotzdem ist sie eines der meistgenutzten Verhütungsmittel. Eine breit angelegte Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ermittelte 2018, dass 47 Prozent der befragten Erwachsenen die Pille nutzten. Fast genauso oft wurden Kondome zur Verhütung verwendet (46 Prozent). 10 Prozent gaben an, dass sie eine Spirale verwenden.

Utopia meint: Wieso sollte Verhütung Frauensache sein?

Obwohl das nicht auf alle Paare zutrifft, wird das Thema „Verhütung“ doch oft eher den Frauen zugeschoben. Diese nehmen schon Jahrzehnte lang teils bedenkliche Nebenwirkungen durch hormonelle Mittel in Kauf. Doch nun zeigt die derzeitige Forschung an der Pille für den Mann: Es geht vielleicht auch ohne. Schade, dass es für Frauen nach immerhin rund 60 Jahren bisher noch kein entsprechendes Äquivalent gibt – zumindest nicht in Pillenform. Eine größere Auswahl an Verhütungsmitteln für Männer kann zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bei der Familienplanung beitragen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Forschung sich auszahlt und Männer etwaige neue Verhütungsmethoden auch annehmen.  

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