Schulsport: Notwendig und motivierend – oder purer Frust?

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Foto: CC0 / Pixabay / Stefan_Schranz

Schulsport ist für die Einen das Highlight der gesamten Schulwoche, für die Anderen die schlimmste Erniedrigung. Warum Schulsport für viele Schüler:innen zur belastenden Erfahrung wird, erfährst du hier.

Triggerwarnung: In diesem Artikel werden Mobbing, sexuelle Belästigung und körperliche Misshandlung in mehreren Abschnitten behandelt. Wenn du Bedenken hast, dass dich das Thema belasten könnte, überlege vorab, ob du den Artikel lesen möchtest.

Laut der Kultusministerkonferenz (KMK) ist Schulsport elementarer Bestandteil einer ganzheitlichen Bildung. So soll Sport nicht nur Bewegung und die körperliche Entwicklung der Kinder fördern, sondern auch zur emotionalen, sprachlichen und sozialen Entfaltung beitragen. Gerade in Spielen können Schüler:innen dabei auch Aspekte wie Solidarität, Teamfähigkeit und Empathie trainieren.

Zudem können Lehrkräfte Kinder im Schulsport auf spielerische Weise an sportliche Aktivitäten heranführen. Das scheint gerade angesichts des gesellschaftlichen Bewegungsmangels von besonderer Bedeutung zu sein. Laut der WHO bewegten sich im Jahr 2020 vier von fünf Jugendlichen nicht ausreichend.

Die WHO empfiehlt Kindern und Jugendlichen sich mindestens 60 Minuten am Tag moderat bis intensiv sportlich zu betätigen. An mindestens drei Tagen sollten sie dabei die Intensität noch steigern und so richtig ins Schwitzen kommen.

Sitzende Tätigkeiten sollen so ausgeglichen werden. Schließlich verbringen Kinder und Jugendliche täglich viel Zeit im Sitzen – sei es in der Schule oder zu Hause vor dem Laptop oder der Playstation. Häufiges Sitzen begünstigt jedoch zahlreiche Krankheiten, wie etwa Rückenschmerzen, Diabetes und Bluthochdruck. Umso wichtiger, dass Lehrkräfte Kindern im Schulsport Lust auf Bewegung machen. Teilweise ist jedoch das Gegenteil der Fall.

Erniedrigung im Schulsport: Keine Seltenheit

Die Plattform Krautreporter führte im Februar 2022 eine Umfrage zum Thema Schulsport durch. Etwa 5600 Menschen nahmen daran teil. Das traurige Ergebnis: Über 80 Prozent von ihnen sagten, sie hätten aufgrund von negativen Erfahrungen im Sportunterricht noch immer wenig Lust auf Bewegung. Die Erfahrungen der Teilnehmenden erzählen dabei vor allem von Erniedrigung und Mobbing.

So berichtet eine Person, dass der Sportlehrer die Kinder im Schwimmunterricht immer ins Wasser schubste und mit einer Stange vom Beckenrand fernhielt. In einem anderen Fall verlangte der Sportlehrer von allen Schülerinnen zwischen 16 und 18 sich im Freien auf dem Sportplatz umzuziehen. Andere erzählen, wie sie für schlechte Leistungen von ihren Lehrkräften vor der gesamten Klasse bloßgestellt oder immer als letzte Person ins Team gewählt wurden.

Derartige Erfahrungen prägen sich tief ins Bewusstsein. Das bestätigt der Sportpädagoge Günter Stibbe gegenüber dem Magazin Spektrum. So sei man nur im Schulsport körperlich vor seinen Mitschüler:innen und Lehrkräften so stark exponiert. Dadurch berühre der Sportunterricht „intim und existenziell“. Das mache ihn leider auch zu einem so häufig genutzten Ausgangspunkt für Mobbing. Denn laut Spektrum erfahren Kinder und Jugendliche mit weniger ausgeprägten motorischen Fähigkeiten nach wie vor Erniedrigung im Schulsport – beispielsweise beim Vorturnen vor der gesamten Klasse oder wenn sie spüren, wie unerwünscht sie in ihrem Team sind.

Wie sich negative Erfahrungen im Sportunterricht dabei genau psychisch auswirken, ist wissenschaftlich noch nicht erforscht. Doch es gibt Studien, die belegen, dass Jugendliche, die von Mobbing betroffen waren, später anfälliger für Depressionen und sogar Selbstmordversuche sind.

Sport und Leistung: Darum geht es im Schulsport

Der Schulsport orientiert sich stark an absoluten Leistungen der Schüler:innen.
Der Schulsport orientiert sich stark an absoluten Leistungen der Schüler:innen.
(Foto: CC0 / Pixabay / Vladvictoria)

Laut Spektrum verlernen einige Kinder durch wiederholte Erniedrigungen und schlechte Noten regelrecht ihre Freude am Sport. Denn im Schulsport lernen sie, sie seien unsportlich und dadurch nicht für den Sport geeignet. Auf diese Gefahr weist auch eine Studie aus NRW aus dem Jahr 2018 hin. In dieser gaben viele der 16-jährigen Teilnehmenden an, zwar gern Sport zu machen, sich dabei aber selbst als unsportlich wahrzunehmen.

Laut dem Sportpädagogen Stibbe weist dies darauf hin, dass die Jugendlichen verinnerlicht haben, nur wer bereits topfit sei, könne Sport machen. Stibbe spricht von einer „Katastrophe“. Schließlich solle der Sport für die Menschen da sein und nicht umgekehrt.

Doch es ist teilweise der Schulsport selbst, der den Leistungsgedanken in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen verfestigt. So fragten Forschende 2006 etwa 9000 Schüler:innen und ihre Lehrkräfte nach den Zielen des Sportunterrichts. Die Lehrer:innen sahen das wichtigste Ziel in der Förderung des fairen Umgangs miteinander. Danach folgte das Ziel, die Schüler:innen zum Sporttreiben zu inspirieren. Auf dem dritten Platz landete „Gesundheit und Fitness fördern“.

Dieses Ziel landete in der Auswertung der Schüler:innen-Antworten auf dem ersten Platz. Gleich darauf gaben die Kinder und Jugendlichen an „die Leistung in einzelnen Sportarten zu verbessern“. Dies zeigt, wie stark der Leistungsaspekt für die Kinder mit Schulsport verknüpft ist. Kein Wunder: Schließlich bewerten die Lehrkräfte die sportlichen Leistungen ihrer Schüler:innen kontinuierlich mit Noten.

Noten im Sportunterricht: Braucht es das?

Ob Noten im Schulsport tatsächlich sinnvoll sind, ist ein kontroverses Thema. Laut Stibbe brauche es im Sport eine gewisse Rückmeldung und eine Form von Bewertung. Dabei müssten Lehrkräfte aber nicht unbedingt eine feste Note auf die absolute Leistung am Ende geben, sondern könnten auch Fortschritte mit Noten belohnen. Die Fortschritts-Bewertung ist dann eher auf das individuelle Kind angepasst. Schließlich geht es darum, wie sich das Kind im Rahmen seiner eigenen körperlichen Voraussetzungen verbessert hat und nicht, wie es im Klassendurchschnitt abschneidet.

Gerade angesichts unterschiedlicher Körpergrößen und den schwankenden Wachstumsphasen in der Pubertät erscheint es tatsächlich fragwürdig, einen allgemeinen Bewertungsmaßstab für alle Schüler:innen zu nutzen.

Dass Schulsport nicht unbedingt Noten braucht, zeigt auch das Kölner Schiller-Gymnasium. Bis zur achten Jahrgangsstufe bekommen Kinder und Jugendlichen im Sportunterricht keine Noten, sondern einen individuellen Rückmeldungsbogen mit Tipps für Verbesserungen. So stehe hier vor allem die Freude an der Bewegung und eigenen kleinen Entwicklungsschritten im Vordergrund.

Fazit: Der Schulsport der Zukunft

Auch Yoga und Gymnastik können Teil des Schulsports sein und bieten den Kindern eine Pause von kompetitiven Sportarten.
Auch Yoga und Gymnastik können Teil des Schulsports sein und bieten den Kindern eine Pause von kompetitiven Sportarten.
(Foto: CC0 / Pixabay / Galina9237941221)

Spektrum und Krautreporter zeigen, dass einschüchternde und demotivierende Erfahrungen im Schulsport nicht nur Ausprägungen der Vergangenheit sind. Denn am generellen Konzept des Sportunterrichts hat sich nicht viel beziehungsweise nicht genug geändert. Strikte Notentabellen und Vorturnen finden auch heute noch statt und belohnen vor allem leistungsstarke und kompetitive Kinder. Schüler:innen mit weniger ausgeprägten sportlichen Fähigkeiten sind hingegen die klaren Verlierer:innen dieses Prinzips und haben so gut wie nichts davon.

Es wäre deshalb wünschenswert, dass sich der Schulsport von einer strikten Leistungsorientierung weg bewegt und tatsächlich die Freude an der Bewegung ins Zentrum stellt. Um dies umzusetzen, eignen sich individuelle Rückmeldungen, die Einbindung nicht-kompetitiver Sportarten (wie Yoga, Gymnastik und Tanzen) und andere Methoden, um Teams für das nächste Spiel zusammenzustellen.

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