Nüsse gelten als gesunde Energielieferanten. Doch Anbau, Ernte, Verarbeitung und Transport gehen häufig zulasten von Mensch und Umwelt. Wir zeigen, wo die Probleme liegen – und worauf du achten kannst.
Gut für Herz und Kreislauf, reich an ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien: Ernährungsphysiologisch genießen Nüsse einen sehr guten Ruf. Eine Handvoll Nüsse pro Tag empfiehlt etwa das Bundeszentrum für Ernährung. In diesem Artikel erfahrt ihr, welche Nüsse in eurer „Handvoll pro Tag“ landen sollten, und bei welchen aus ökologischen und sozialen Gründen Vorsicht geboten ist.
Nüsse: die Krux mit der Herkunftskennzeichnung
Üblicherweise könnt ihr die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln in einem ersten Schritt anhand ihrer Ursprungskennzeichnung einschätzen. So kann sich etwa jede:r mit ein wenig gesundem Menschenverstand zusammenreimen, dass in Deutschland verkaufte Erdbeeren aus Übersee im Dezember in Sachen Ökobilanz nicht allzu gut abschneiden. Und es ist nicht allzu überraschend, dass bei Anbau und Ernte besonders billiger exotischer Früchte aus dem globalen Süden womöglich Menschenrechte verletzt wurden.
Bei Nüssen ist leider oft nicht erkennbar, woher diese stammen, denn das deutsche Lebensmittelrecht verlangt, dass nur bei ungeschälten Mandeln, Hasel- und Walnüssen das Ursprungsland auf der Verpackung deklariert werden muss. Daher: Wenn ihr auf der Verpackung keinerlei Informationen darüber finden könnt, wo die Nüsse herkommen, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass ihr mit eurem Kauf unnachhaltige und ausbeuterische Anbau- und Verarbeitungsstrukturen unterstützt. Bei Bio-Nüssen erkennt ihr immerhin am Ländercode unter dem Bio-Siegel, wo die Nüsse herkommen, bzw. ob sie aus der EU stammen oder nicht.
Bio-Nüsse sind besser als konventionelle
Beim Anbau von Bio-Nüssen ist die Verwendung chemisch-synthetischer Pflanzenschutz- und Düngemittel nicht erlaubt, was die Arbeitssicherheit verbessert und die Umwelt schont. Bei der Verarbeitung gibt es zwischen Bio- und konventionellen Nüssen weitere wichtige Unterschiede: Da Nüsse sehr anfällig sind für Schädlinge wie Käfer oder Motten, werden sie üblicherweise vor der Lagerung „entwest“. Bei Bio-Nüssen geschieht dies mithilfe von Druck und Kohlendioxid, bei konventionellen Nüssen darf hingegen Methylbromid verwendet werden, welches nicht nur hochgradig giftig ist, sondern auch die Ozonschicht schädigt. Außerdem dürfen Bio-Nüsse im Gegensatz zu konventionellen nicht mit Schwefel gebleicht werden, um eine gleichmäßige Färbung zu erhalten.
Mandeln: beliebte Nuss mit enormem Wasserverbrauch
Ob als Marzipan, Mandelmus, „Mandelmilch“ oder Snack für Zwischendurch: Nur Erdnüsse sind beliebter als Mandeln. 2018 belief sich die weltweite Jahresernte auf knapp 1,3 Millionen Tonnen, für das Erntejahr 2021/2022 werden weitere Ertragssteigerungen auf ca. 1,6 Millionen Tonnen erwartet. Dabei verbraucht der Mandelanbau extrem viel Wasser: Bis zu 15.000 Liter werden für ein Kilo benötigt.
Besonders in Kalifornien, woher 80 Prozent der Mandeln weltweit stammen, wird hierdurch die bereits kritische Wasserknappheit zusätzlich verschärft. Außerdem werden auf den in Monokulturen angelegten Plantagen große Mengen Düngemittel und Pestizide ausgebracht. Gleiches gilt für Spanien, dem zweitwichtigsten Mandelproduzenten nach den USA. Zwar sorgen einige Bio-Betriebe durch die Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit für eine bessere Wasserspeicherfähigkeit der Böden, dennoch wird auch im Bio-Sektor bewässert.
In den USA kommt noch hinzu, dass Bienenvölker zur Bestäubung der Mandelplantagen quer durchs Land transportiert werden – und viele davon das nicht überleben. Unterm Strich fällt die unbequeme Empfehlung zum Thema Mandeln daher leider wie folgt aus: lieber verzichten – oder zumindest den Konsum sehr stark reduzieren.
Gleiches gilt aus denselben Gründen (Wasserknappheit, Pestizide und Dünger) auch für Pistazien, von denen fast 40 Prozent der Weltmenge ebenfalls aus den USA und 30 Prozent aus dem Iran kommen.
Cashews: absurde Transportwege und giftige Schalenöle
Cashewbäume sind deutlich pflegeleichter als Mandeln: Da sie auch auf nährstoffarmen, degradierten Böden wachsen, eher anspruchslos sind und ein sehr ausgeprägtes Wurzelwerk bilden, brauchen sie deutlich weniger Wasser und können einen wichtigen Beitrag zum Erosionsschutz leisten. Ursprünglich aus Brasilien stammend werden Cashews heute vor allem in Afrika und Asien angebaut.
Allerdings nehmen fast alle afrikanischen Cashews einen geradezu absurden Umweg, bis sie in unseren Geschäften landen. Denn ihre Verarbeitung – Rösten, Dämpfen, Knacken, Sortieren und Häuten – findet fast ausschließlich in Indien und Vietnam statt, was ihre Klimabilanz deutlich verschlechtert. Bei der Verarbeitung ist der Schutz der Arbeiter:innen besonders wichtig, da Cashewschalen ein giftiges Öl enthalten, welches schwere Verätzungen hervorrufen kann.
Achtet daher beim Cashew-Kauf mindestens auf eine Fair-Trade-Zertifizierung, die Gesundheitsschutzmaßnahmen bei der Cashew-Produktion vorschreibt. Empfehlenswert sind etwa die Cashews von Rapunzel – die Firma informiert auf ihrer Internetseite umfassend über die jahrelange Zusammenarbeit mit ihrem indischen „Hand in Hand“-Partner.
Erdnüsse: abgesehen von langen Transportwegen meist keine schlechte Wahl
Über die Hälfte aller jährlich weltweit angebauten rund 47 Millionen Tonnen Erdnüsse stammt aus China (40 Prozent) und Indien (15 Prozent). Streng genommen handelt es sich bei dem beliebten Snack allerdings nicht um Nüsse, sondern um Hülsenfrüchte bzw. Leguminosen, die – genau wie Erbsen oder Bohnen – in der Lage sind, Stickstoff aus der Luft im Boden zu fixieren und damit die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen. Das macht vor allem dann Sinn, wenn auf den Feldern zuvor stickstoffbedürftige Pflanzen wie Baumwolle oder Mais angebaut wurden und Erdnüsse im Rahmen einer Fruchtfolge eingesetzt werden.
Sofern sie, wie im Bio-Anbau vorgeschrieben, nicht zusätzlich mit chemischen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, sind Erdnüsse, die außerdem nur wenig Wasser benötigen, ökologisch gesehen keine schlechte Wahl. Je nach Ursprungsland solltest du jedoch zu fair gehandelter Ware greifen.
Wildsammlung von Paranüssen ist harte Arbeit
Paranussbäume wachsen wild in den Regenwäldern Brasiliens, Boliviens, der Elfenbeinküste und Perus. Sie werden nicht kultiviert, sodass bei ihrem Anbau weder Pestizide noch Düngemittel zum Einsatz kommen. Während sich die Wildsammlung positiv auf die Umweltbilanz der Nüsse auswirkt, ist sie umso beschwerlicher für diejenigen, die sich mit der Machete durch den dichten Dschungel kämpfen um die Nüsse, von denen sich jeweils 12-24 Stück in Kokosnuss-ähnlichen Schalen verbergen, zu sammeln. Der Kauf von Paranüssen sollte dir daher in jedem Fall eine Fair-Trade-Prämie wert sein – wie etwa bei den Paranüssen von Fairfood.
Vorsicht bei türkischen Haselnüssen
Über 70 Prozent der Haselnüsse weltweit werden in der Türkei angebaut. In Europa ist nur Italien mit 9 Prozent der weltweiten Menge ein nennenswertes Anbauland für die beliebten Nüsse. Haselnüsse benötigen vergleichsweise wenig Wasser und sind unkompliziert im Anbau. Aber: Die türkischen Haselnüsse stammen von über 400.000 familienbetriebenen Haselnussplantagen entlang der Schwarzmeerküste, wo bei der in Handarbeit erfolgenden Ernte nach wie vor unterbezahlte Saisonarbeiter unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen schuften, darunter auch viele Kinder.
In Italien wird zwar maschinell geerntet, doch dafür haben die meist chemie-intensiven Monokulturen vielerorts einst biodiverse Kulturlandschaft verdrängt. Bei italienischen Haselnüssen ist daher das Bio-Siegel besonders wichtig, bei Haselnüssen aus der Türkei solltet ihr fair gehandelte Produkte, z. B. von der Firma Gepa, bevorzugen. Übrigens: Haselnüsse wachsen auch bei uns in Deutschland.
Lieber europäische Walnüsse als Pekannüsse aus Übersee
Walnüsse belegen bei den weltweiten Produktionsmengen nach Mandeln und Erdnüssen den dritten Platz. Die auch bei uns immer beliebteren Pekannüsse gehören zur gleichen Familie, stammen jedoch fast ausschließlich aus den USA oder Mexiko, von wo aus sie weite Transportwege bis nach Deutschland zurücklegen. Die geschmacklich etwas herberen Walnüsse hingegen werden zwar ebenfalls in großem Stil in den USA sowie in China angebaut, wachsen jedoch auch bei uns in Deutschland und in unseren Nachbarländern, vor allem in Frankreich. Europäische Walnüsse sind folglich in jedem Fall die bessere Wahl.
Fazit
- Wie bei allen Lebensmitteln solltest du auch bei Nüssen möglichst auf Regionalität und Bio-Qualität achten. Im Bio-Anbau wird nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch bei der Verarbeitung auf den Einsatz giftiger Chemikalien verzichtet. Was saisonal und regional verfügbar ist, kannst du auch im Utopia-Saisonkalender nachlesen.
- Haselnüsse und Walnüsse wachsen auch bei uns in Deutschland, wenn auch die europäischen Mengen auf dem Weltmarkt keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Erkundige dich doch mal bei Familie und Bekannten oder schau auf Webseiten wie mundraub.org, ob und wo in deiner Nähe Nüsse wachsen, die womöglich sonst niemand erntet.
- Wenn du nicht auf exotischere Nüsse verzichten möchtest, achte – sofern erkennbar – auf die Produktherkunft sowie Bio- und Fair-Trade-Siegel und investiere insbesondere bei Nüssen aus Schwellen- und Entwicklungsländern etwas mehr für faire Anbau- und Handelsbedingungen.
- Mandeln solltest du aufgrund ihres sehr hohen Wasserbedarfs weitgehend von deinem Speiseplan streichen, Cashews solltest du nur von Firmen kaufen, die den Schutz der Arbeiter:innen in der Verarbeitung gewährleisten.
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