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Die erstaunlichen Lösungen des „Steve Jobs“ der Nachhaltigkeit

Foto: © Giampaolo Rico

Die Natur hat perfekte Kreisläufe entwickelt. Die Wirtschaft sollte sich zum Ziel setzen, diese Abläufe zu imitieren, sagt Gunter Pauli. Der Schöpfer der Blue Economy hat überraschende Ansätze parat.

Wie wäre es, wenn jede Familie kostenlos so viele Windeln verbrauchen dürfte, wie sie benötigt? Sie müsste die Windeln dafür nur wöchentlich an einer Ausgabestelle abholen, wo sie gleichzeitig die gebrauchten Windeln und den im Haushalt angefallenen Bioabfall abgibt. Daraus würde dort dann terra preta hergestellt, äußerst fruchtbare Komposterde, die zum Anpflanzen von Obstbäumen verwendet wird. So stellt sich Gunter Pauli ein geschlossenes Wirtschaftssystem vor, das viel ressourcenschonender wäre als unser aktuelles.

Es ist nicht einfach, die Welt zu verbessern

Das terra-preta-Projekt ist kein Traum, sondern ist bereits in der Pilotphase. Es ist eine von vielen Initiativen, die von Zero Emissions Research and Initiatives (ZERI), dem von Gunter Pauli gegründeten globalen Forschernetz, gefördert werden. „Ich gehöre der ersten Generation nach den Hippies an. Sie waren gegen das System. Wir hingegen konzentrieren uns eher darauf, etwas zu tun“, sagt er.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler scheut sich auch nicht zuzugeben, dass es nicht einfach ist, die Welt zu verbessern. Wie schwer es sein kann, hat er am eigenen Leib erfahren: Als Chef eines Unternehmens für biologisch abbaubare Hygieneprodukte wollte er den ganzen Sektor umkrempeln und nachhaltiger machen, was ihm aber nicht gelang. Er gab jedoch nicht auf. 1994 gründete er mit der Unterstützung der Universität der Vereinten Nationen in Tokio ZERI. Damit hat er sich zum Ziel gesetzt, die Produktion und den Konsum am Vorbild der Natur neu auszurichten. Dies beschreibt er auch in seinem Buch The Blue Economy.

Gunter Pauli: Die Dinge nicht weniger schlecht, sondern gut machen

Pauli bringt es auf den Punkt: „Mich interessiert keine Wirtschaft, die weniger schlecht ist, in der wir ein bisschen weniger konsumieren. Wir müssen verändern, wie wir Handel treiben. Zurzeit ist alles, was gut für den Menschen und die Umwelt ist, teuer. Was für eine Wirtschaft soll das sein! Wir müssen versuchen, die Dinge nicht weniger schlecht, sondern gut zu machen.“

Die Kritik am Wirtschaftsmodell entfacht sich an Tatsachen wie der, dass “die Energiekosten für die Verpackung höher sind als der Wert des Materials”. “Butter, Zucker, Eier und Palmöl werden weltweit gehandelt, um daraus dann Kekse herzustellen. Und danach handeln wir auf der ganzen Welt mit diesen Keksen. Das ist absurd, aber das geschieht. Und das Ganze wird durch den Internethandel noch verstärkt. Wir werden sehen, dass wir dadurch in eine tiefe Krise geraten werden”, prophezeit er.

Blue Economy: Upcycling als weiterer Schwerpunkt

Der Schlüssel zur Veränderung in eine sinnvollere Wirtschaft ist “eine Partnerschaft zwischen dem Konsumenten und dem Hersteller”, meint Pauli. Sie müsse gekoppelt sein mit technischen Veränderungen. Er veranschaulicht dies anhand einer Innovation im Kaffeeanbau: “Der Bauer aus Costa Rica, Nicaragua oder Honduras verkauft die grüne Kaffeebohne. Die meisten Menschen kaufen Röstkaffee und der Röstprozess wird von einigen wenigen großen Unternehmen kontrolliert. Deshalb haben wir von ZERI uns dafür entschieden, eine Gruppe deutscher Unternehmer zu unterstützen, die eine Maschine entwickelt haben, die röstet, mahlt und Espresso macht, alles in einem. Dank dieser Maschine ist es möglich, die grünen Kaffeebohnen direkt vom Bauern zu kaufen, und der Bauer verdient problemlos das Vierfache.”

Aber wenn das so ist, warum vollziehen sich die Veränderungen nicht schneller? Für Pauli liegt es ganz einfach daran, “dass es Interessen gibt”. Wer auf einem Markt die Führungsposition inne habe, wolle sein Geschäftsmodell nicht ändern.

Gunter Pauli Blue Economy
Gunter Pauli 2009 bei der Lift Conference in Frankreich. (Foto: "Gunter Pauli" liftconferencephotos/photo.naepflin.com unter CC BY 2.0)

Jedoch sieht er auch klare Fortschritte bei einem Aspekt, auf den er einen weiteren Schwerpunkt gelegt hat: Upcycling. Dabei werden aus wiederverwertbaren Materialen Produkte hergestellt, deren Wert höher ist als der des ursprünglichen Materials. Am Beispiel des Kaffees sieht das folgendermaßen aus: Zur Herstellung von Kaffee werden nur 0,2 % der vom Landwirt geernteten Biomasse verwendet. Der Rest der Frucht wird weggeschmissen. Dabei eignen sich Kaffeefrüchte beispielsweise extrem gut für die Zucht von Pilzen. Ein weiteres Beispiel sei Schaumglas, das beim Recycling von Flaschen entsteht und sich sehr gut als Dämm-Material eignet.

Moral komme zu kurz

Pauli vertritt die These, dass wir, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nachhaltige Innovationen einführen müssen. “Wir werden aber nicht weiterkommen, wenn wir die jungen Menschen von heute nicht inspirieren”, sagt er. Das Problem heute sei, dass viele Jugendliche in einer “Welt aus Likes und Tweets” gefangen seien.

Doch genauso wichtig wie technische Innovationen, Kreativität und Inspiration sei die Moral. “Bei all der modernen Mobilität, die wir erfunden haben, was haben eigentlich wir für Blinde getan? Ein Blinder, der mit der Pariser Metro fahren möchte … dem wünsche ich viel Glück. Wir kümmern uns nicht darum, dass alle Mitglieder der Gesellschaft eine Chance bekommen, ihr Leben zu entwickeln. Deshalb denke ich darüber nach, welche Technologien wir aus moralischer Sicht und mit einem Sinn für das Gemeinwohl brauchen.”

“Wir müssen nicht nur die Produktion und den Konsum verändern, sondern auch die Finanzierung. Es muss Geld für Initiativen zur Verfügung stehen, die nicht nur einen Businessplan haben, sondern sich zudem der Veränderung im Dienste des Planeten verschrieben haben.”

Text: Xavier Hervás Vigueras

Der Beitrag erschien ursprünglich im Triodos-Bank-Blog diefarbedesgeldes.de

Das englischsprachige Buch „The Blue Economy 3.0“ von Gunter Pauli kostet ca. 20 Euro, du kannst es beim lokalen Buchhändler oder **online kaufen, zum Beispiel bei Amazon, Buch7, bücher.de.

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