Veganer und Wirt attackieren sich im Netz: Der Eklat zeigt, was bei Ernährungsthemen schiefläuft

Hotel Schweiz Eklat Wirt und Veganer
Fotos: CC0 Public Domain / Pixabay - Pexels, rawpixel; Screenshot facebook Hotel-Restaurant Belfort

In einem Schweizer Hotel waren Gäste höchst unzufrieden mit dem Restaurant. Sie warfen dem Hotelier vor, zu wenig Rücksicht auf vegane Sonderwünsche zu nehmen – und traten damit einen heftigen Streit los.

„Immer stehen für uns Ihr kulinarischer Genuss und Ihr Wohlergehen an erster Stelle – unsere Gäste sollen sich bei uns rundum wohlfühlen und einfach genießen können!“, verspricht die Webseite des Hotels Belfort im idyllischen Schweizer Bergdorf Alvaneu. Doch zwei Gäste machten mit der Küche des Hotelrestaurants eine völlig andere Erfahrung.

Peter G. vergab nach seinem Besuch neben Dutzenden positiven Google-Rezensionen nur einen von 5 Sternen. Er begründete seine vernichtende Bewertung mit den Worten: „Wir wurden vom Gatten der Wirtin bedient. Als 1 von 4 Personen nach einem Gemüseteller gefragt hat, wurde er sehr unhöflich und hat gemeint, dass das „nicht Ihr Stil“ sei, ebenso wie: ‚Unsere Gerichte gibt es ganz oder garnicht‘. Sehr enttäuschend im Vergleich zum letzten Besuch. Von einem guten und auch genug teuren Restaurant kann man mehr erwarten.“

Ein beispielloses Wortgefecht zwischen Hotelier und Gästen

Was dann folgte, war ein beispielloses Wortgefecht zwischen dem Hotelier Paul Zünd und Peter G. bzw. seiner Begleitung Vio Lina. Das Hotel-Restaurant postete Screenshots des hitzigen Dialogs auf seiner offiziellen Facebookseite.

Hier kannst du den ersten Post des Hotels bei Facebook sehen:

Zünds erste Antwort auf die Beschwerde des Gasts liest sich wie folgt:

„Herzlichen Dank für Ihre Beurteilung. Ich möchte allerdings genauer darauf eingehen: Sie haben nicht einfach nur nach einem Gemüseteller gefragt, sondern haben gefragt, ob unsere Zucchettipiccata mit mediterranem Gemüse und Kräuterkartoffeln vegan erhältlich sei: Nein, denn in einer Piccata sind immer Ei und Käse drin und im mediterranen Gemüse eingelegte Artischocken, d.h. Essig. Wenn ich nun alles weg lasse, was nicht vegan ist, so erhalte ich ein unvollständiges, unausgewogenes Gericht, welches ich nicht bereit bin, zu servieren. Der Gemüseteller, wie man ihn an manchen Orten erhält, ist weder ausgewogen noch originell und auch nicht übermäßig gesund, weshalb ich ihn nicht anbiete.

Die veganen Gerichte, welche ich Ihrer Begleitung angeboten habe, wie die Edame-Nudeln mit Gemüse, den veganen Flammkuchen oder auch den Salatteller mit Melonen haben kein Gehör gefunden. Wenn man dann auf einem Gericht, das ich nicht anbiete, weiter herumreitet, dann werde ich zwar bestimmt, aber nicht unhöflich. Ich bitte Sie, bei Ihren Beurteilungen fair zu bleiben; fair wäre es auch dem Restaurant gegenüber, wenn man reservieren würde, damit sich ein Restaurant oder wie in unserem Fall der Alleinkoch dementsprechend vorbereiten kann. Vegan kochen bedeutet nämlich, neben allen Vorbereitungsarbeiten für das bestehende Angebot nochmals bei null anzufangen, um eine Kontamination zu verhindern. Und wenn man sich als Veganerin ausgibt, dann bitte ganz, auch ohne Bier …

Falls Sie nur aus einer Laune heraus vegan essen wollten, so versuchen Sie doch, zu Hause richtig vegan zu kochen oder besuchen Sie ein veganes Restaurant. Wir sind für unsere kreative Küche bekannt, mit Fleisch, aber nicht nur, und für Forelle aus dem Albulatal. Wenn man dann als Veganer die angebotenen veganen Gerichte verschmäht und deswegen aus einer Laune heraus einen von fünf Sternen verteilt, dann ist das schlicht und einfach nicht fair.

Bezüglich ‚genug teuer‘: Kann es sein, dass Sie von einem Restaurant, das auf dem Land liegt, erwarten, günstiger zu sein als anderswo? Warum? Es bestehen dieselben Lohnverpflichtungen, dieselben Mietbedingungen, dieselben Kosten für Energie, lediglich die Beschaffungskosten für Lebensmittel, Betriebsmaterial und Kosten für Anfahrtswege von Servicetechnikern etc. sind wesentlich höher als in Agglomerationen. Ich wünsche mir, dass Sie Ihre nächste Beurteilung, sei es hier oder in einem anderen Restaurant, überlegter angehen. Ich bitte Sie ganz grundsätzlich, sich mit einer Branche tiefer auseinanderzusetzen, bevor Sie diese kritisieren.

Herzliche Grüße aus dem Albulatal nach einem 16-Stunden-Arbeitstag bei 34° im Schatten

Paul Zünd

Dipl. Hotelier-Restaurateur/HF SHL, Gatte der Wirtin“

vegan salat zucchini melone
Die Begleitung des Gasts hätte unter anderem einen Salat mit Melone bekommen können (Symbolbild). (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - Einladung_zum_Essen)

„Das ist sehr überlegt und einstimmig ein Stern“

Daraufhin meldete sich erstmals Vio Lina, die Begleitung, zu Wort und schrieb:

„Herzlichen Dank für Ihre Antwort ich als Begleitung habe Sie ebenfalls als unflexibel und arrogant erlebt. Ich kann als Gast sehr gut selbst entscheiden, was ich für gesund halte, ob ich überhaupt gesund essen möchte und weiß selbst am Besten, was ich esse (n kann) und was nicht. Das hat nichts mit einer Laune zu tun, manchmal ist es nunmal einfacher, sich als vegan zu bezeichnen, ohne dabei genau erklären zu müssen, was man verträgt und was nicht. Ich wäre äußerst zufrieden gewesen mit dem mediterranen Gemüse (welches mein Freund dann bestellt hat), entgegen Ihrer Aussage enthielt dieses nämlich nicht nur Zucchini und Peperoni sondern weitere Gemüsesorten, und wenn sie schon so genau über eventuell unveganen Essig Bescheid wissen, sollten Sie auch wissen, dass normales, nicht aromatisiertes Bier immer vegan ist, so auch Calanda und Quöllfrisch. 

Fair ist es nicht, Gemüse als ungesund und unausgewogen zu bezeichnen, während nebenan Fleisch auf Speck mit Pommes serviert wird, meiner Meinung nach einfach eine Ausrede. Ob sie mir nun Pommes und Salat oder Pommes und Gemüse servieren, ist für Sie egal. Dies alles ist jedoch völlig irrelevant, wir haben uns nicht wohlgefühlt und waren enttäuscht, was sehr schade ist da wir seit Generationen seit 40 Jahren regelmäßig hier gegessen haben und der Gast immer König war. Das ist sehr überlegt und einstimmig ein Stern. So gewinnt man nun mal keine jungen Leute; auch meine Cousine isst keine tierischen Produkte, wenn jedoch von beiden Seiten Flexibilität und Verständnis da ist, hat es bisher immer funktioniert, auch auf dem Land.

Herzliche Grüsse aus Alvaneu, die Begleitung, Medizinstudentin cand. Med.“

„Es sind Leute wie Sie, welche Gastronomen dazu bewegen, dem ganzen Vegan-Zirkus aus dem Weg zu gehen“

Das letzte Wort hatte allerdings Zünd und konterte:

„Liebe Vio Lina

Sie bezeichnen mich als unflexibel und geben an, vegan zu essen, weil es für Sie einfacher sein soll? Wenn das nicht unflexibel ist! Und feige noch dazu: Ich habe Ihnen drei komplett unterschiedliche vegane Gerichte angeboten, welche alle nicht auf der Karte stehen, ich glaube, das darf man als flexibel bezeichnen. Sie könnten mir schlicht und einfach mitteilen, was Sie essen dürfen und was nicht und ich bin überzeugt, dass sich weitere Gerichte finden.

Übrigens weiß ich, dass in diesem Hause 40 Jahre lang niemand gewusst hat, was vegan überhaupt ist. Im übrigen ist es ganz allein meine Entscheidung als Gastronom, was ich anbieten will, ein Gemüseteller wird niemals dazu gehören. Wir bieten genügend vegetarische Gerichte an und wie schon erwähnt sogar vegane Alternativen. Ich finde es absolut in Ordnung, wenn man sich zwischendurch vegetarisch oder auch mal vegan ernährt. Wenn man aber diese Tageslaune einem Restaurant aufdrückt, das nicht auf vegane Küche spezialisiert ist und noch erwartet, dass einem sämtliche Extrawünsche zum Normalpreis erfüllt werden, so finde ich das absolut nicht in Ordnung.

Es gibt bereits Restaurants, die nur noch gegen Arztzeugnis auf Allergien und spezielle Kostformen eingehen, weil die Rechnung mit all den Tagesveganern und Tagesallergikern nicht mehr aufgeht. Es sind Leute wie Sie, welche Gastronomen dazu bewegen (werden), dem ganzen Vegan-Zirkus aus dem Weg zu gehen, weil es gar nicht um die vegane Ernährung geht – was ohnehin ein absoluter Irrsinn ist und nicht der Natur des Menschen entspricht – sondern nur das Lechzen nach Aufmerksamkeit.

Sie werden in Ihrer Medizin-Karriere schon bald auf Menschen stoßen, welche geschundene Körper vorweisen mit Muskelschwund und massiven Mangelerscheinungen und welche im Ernst glauben, dass Sie sich vegan gesund ernähren. In Ihrem Studium werden Sie sich bestimmt schon bald mit Ernährungslehre befassen; ich hoffe, dass Sie dadurch eine objektivere Meinung erlangen. Die erste Prüfung haben Sie ja nun hinter sich als cand. med., dazu gratuliere ich herzlich und wünsche Ihnen fürs zweite Studienjahr viel Erfolg.

Paul Zünd, Dipl. Hotelier-Restaurateur HF/SHL“

Manche haben durch die Kritik erst recht Lust bekommen, das Hotel zu besuchen

Die Reaktionen auf Google und Facebook sind gespalten. Manche Menschen stellen sich hinter die Gäste und schreiben Kommentare wie: „Wenn einer als Gastwirt heutzutage Panik und schlechte Laune bekommt, wenn manche Menschen ein Leichenteil eines fühlenden Lebewesens, das gerne noch weiter gelebt hätte, nicht mehr als das Höchste der Geschmackserlebnisse ansehen, und gleichzeitig auch noch meint, dass ein Gemüseteller ungesünder ist als ein Batzen verwesendes Aas, dann ist er auf dem falschen Weg.“

Viele sind aber auch auf der Seite des Hoteliers – und haben teils durch die Kritik erst recht Lust bekommen, das Hotel zu besuchen, wie dieser Kommentar zeigt: „Für mich ist der Umgang mit der Hobbyveganerin mehr als nur vorbildlich. Endlich traut sich mal jemand, diesem Hype die Stirn zu bieten.

Für einige ist vielleicht eine solche Diskussion mit Kunden abstossend, für mich sehr sympathisch und menschlich. Denn wer sich so in einem Restaurant aufführt, soll doch lieber einfach zu Hause bleiben …  Sie können der Veganerin sogar danken! Dank ihres Theaters kenne ich ihr Hotel nun und bin schon vor meiner Anreise mehr als nur überzeugt davon. Weiter so und alles Gute!“

Der Wirt hat es eindeutig geschafft, dass sich seine Gäste in dieser Situation nicht wohlfühlten

Utopia meint: Tatsächlich haben bei diesem Vorfall beide Seiten Fehler gemacht. Die Gäste sind offenbar nicht darauf eingegangen, dass es mehrere vegane Optionen gegeben hätte – und haben den Hinweis ignoriert, man hätte vorab Bescheid geben können, um der Küche die Gelegenheit zu geben, sich auf die Bestellung einzustellen. Außerdem ist die Vergabe von nur einem anstatt 5 Sternen eine recht extreme Reaktion.

Der Wirt wiederum hat es eindeutig geschafft, dass sich seine Gäste in dieser Situation nicht wohlfühlten – was im krassen Gegensatz zur eigenen Hotelphilosophie steht. Er argumentierte teilweise schlecht informiert: So schien er nicht zu wissen, dass Bier nur im Ausnahmefall nicht vegan ist, bezeichnete einen Gemüseteller als unausgewogen (was im Vergleich zu einem Fleischgericht mit Pommes frites nicht sehr überzeugend ist), wies auf Muskelschwund und Mangelerscheinungen hin und leugnete damit gewissermaßen, dass es möglich ist, sich vegan gesund zu ernähren.

Vor allem aber wurde der Hotelier im Gesprächsverlauf anmaßend und beleidigend, indem er Vorwürfe austeilte wie „Tagesveganer“, die „nach Aufmerksamkeit lechzen“ – und das, obwohl er mit dem öffentlichen Posten der Screenshots letztlich ebenfalls Aufmerksamkeit suchte.

Der nachträgliche Schlagabtausch im Netz zeugt von Unreife

Es ist bedauerlich, wenn sich bei Situationen wie dieser die Fronten zwischen Veganern und Gastronomen verhärten und beide Seiten so wenig Verständnis und Respekt füreinander aufbringen. Der nachträgliche Schlagabtausch im Netz zeugt von Unreife und der Unfähigkeit beider Streitparteien, einen solchen Konflikt mit direkter Kommunikation zu lösen, ohne dabei ausfällig zu werden.

Es wäre wünschenswert, wenn beim Thema Ernährung die Emotionen nicht gar so schnell hochkochen würden – und wenn Restaurants standardmäßig mehrere vegane Gerichte auf der Karte hätten, die solche „Extrawünsche“ und Diskussionen von vornherein überflüssig machen.

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