Liebe zur Natur: Die Öko-Sex-Bewegung hat ein kurioses Verständnis von Umweltschutz

Screenshot: © Arte

Viele Menschen sagen, sie lieben Berge, Bäume oder Wasserfälle. Eine Gruppe von Aktivisten nimmt die Liebe zur Natur wörtlich: Die Anhänger der „Ecosex“-Bewegung machen nach eigenen Angaben „Liebe mit der Erde“.

„Wir sind die Ökosexuellen. Die Erde ist unsere Geliebte. Wir sind wahnsinnig und leidenschaftlich verliebt und wir sind jeden Tag dankbar für diese Beziehung.“ So beginnt das „Ecosex Manifesto“. Die „Ecosex“-Bewegung besteht seit etwa fünf Jahren, gegründet wurde sie von den beiden Künstlerinnen und Sex-Aktivistinnen Annie Sprinkle und Elizabeth M. Stephens in Kalifornien. Ihre Anhänger sind nach eigenen Angaben verliebt in die Natur und nehmen mit und an dieser sexuelle Handlungen vor.

„Ecosex, dem Planeten zuliebe“

Eine 10-minütige Kurz-Doku über die Bewegung („Ecosex, dem Planeten zuliebe“) gibt es derzeit in der Arte-Mediathek. Darin sieht man vor allem Neo-Hippies, die im Wald herumtanzen und Bäume, Pflanzen und sich gegenseitig berühren. Menschen erzählen von als sexuell empfundenen Begegnungen mit Mücken, Bäumen und Wind und es gibt Filmsequenzen von einer „Hochzeit“ mit der Erde.

Auch im „Manifest“ auf der Website sexecology.org gibt es viele, nun ja, eher bizarr klingende Formulierungen, die sich auf sexuelle Handlungen mit der Erde beziehen, etwa „Wir machen Liebe mit der Erde“ oder „Wir streicheln Felsen, lassen uns von Wasserfällen beglücken und bewundern oft die Kurven der Erde“.

Hier das ganze Manifest (leider nur auf Englisch):

Ecosex Manifesto
Das „Ecosex Manifesto“ (Screenshot: sexecology.org)

Aus „Mutter Erde“ wird die „Geliebte“

Spinnen die alle? Schon möglich, aber der Hintergrund der Bewegung ist gar nicht so verrückt. Im Manifest – und in manchen der Aussagen im Arte-Film – kann man, wenn man ein bisschen zwischen den Zeilen liest, vor allem den Wunsch erkennen, der Natur wieder näher zu kommen, sie zu bewahren und vor Zerstörung zu schützen.

Ein ziemlich kluger Satz findet sich etwas versteckt auf der Website der Bewegung in der Kurz-Bio der Gründerin Elizabeth M. Stephens: Ihre Arbeit solle „in anderen den Wunsch wecken, die Erde zu lieben, zu schätzen und zu ehren als wäre sie ihre Geliebte anstatt von der Erde zu erwarten, dass sie sie versorgt wie eine Mutter“. Aus der häufig bemühten „Mutter Erde“ wird hier also die „Geliebte Erde“ – die Liebe und Schutz verdient.

Die Ecosex-Anhänger setzen sich für Umweltschutz ein

Auch im „Manifest“ heißt es zum Beispiel „Wir behandeln die Erde mit Freundlichkeit, Respekt und Zuneigung“ und ganz konkret: „Als Konsumenten wollen wir weniger kaufen. Wenn wir müssen, kaufen wir grün, biologisch und regional.“ Das sind im Prinzip keine schlechten Anliegen. Zwar sind die „Ecosex“-Anhänger nicht explizit „Klimaschutz-Aktivisten„, wie andere Medien schreiben (vom Klima ist nirgendwo auf der Website die Rede). Aber auf ihre ganz eigene Art setzen sie sich aktiv für Umwelt- und Naturschutz ein.

Dafür muss man zwar sicherlich keinen Sex mit Pflanzen oder Wasserfällen haben. Da es aber vermutlich niemandem schadet, ist das doch eine eher harmlose Variante von Interaktion mit der Natur – und vielleicht weckt die Idee, die Erde als „Geliebte“ wahrzunehmen ja tatsächlich bei manchen Menschen den Wunsch, sie zu beschützen.

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(3) Kommentare

  1. Bevor jetzt wieder empört augeschrien wird und munter Klischees verreitet werden (Etwa der typische Satz „Das ist ja pervers!“) folgendes:

    Die Vorstellung über Sex mit der Natur mag zunächst etws exotisch klingen. Nicht aber, wenn man sich vergewissert, dass die Natur zu allen Zeiten auf Menschen eine große Anziehungskraft hatte: Epikur sprach im Zusammenhang mit seinem Garten explizit von Lust, zahlreiche Minnelieder nutzen Natur-Metaphern als Umschreibung für Sex und Liebe (Stichwort: Defloration!), in der Romantik ist die Naturbeschreibung immer auch sexuell aufgeladen, Sex im Freien ist noch heute für viele eine inspirierende Vorstellung etc.

    Ökosexualität, auch wenn sie nicht so genannt wurde, hat die Menschen offenbar schon seit Jahrhunderten begleitet. Dass nun unter einem eigenständigen Begriff vielfältige Konzepte der „Natur-Liebe“ verdichtet werden, ist begrüßenswert, da es unser Verständnis und unsere Praxis von Sexualität und Liebe bereichert.

    Wie bei allen Spielarten der Liebe müssen aber auch hier zwei moralische Grundsätze unbedingt befolgt werden:

    1. Die Volljährigkeit der Beteiligten: Das mag nur schwierig auf eine Pflanze, einen Stein oder einen Wasserfall übertragbar sein. Für alle weiteren Individuen gilt das aber definitiv.
    2. Die Einvernehmlichkeit. Vergewaltigungen sind schrecklich und nicht rechtens, auch solche der Natur nicht. Kein sexuelle Praktik darf die Würde des Lebens der beteiligten Individuen aus der Natur beeinträchtigen, kein Körper darf im Namen der Sexualität mutwillig zerstört werden! Dass Ökosexualität auch einschließen kann, gegen die Vergewaltigung der Natur zu kämpfen, inspiriert besonders, weil Sexualität immer auch mit Verantwortung zu tun hat.

    Der größte Zugewinn liegt sicherlich in der Neudefinition der Rollen der beteiligten Akteure: Die hierarchische Position der „Mutter Erde“ wird abgelöst durch die egalitäre Konstellation zweier (oder mehrerer) Partner*innen.

    Diesen Aspekt hat der Artikel gut herausgearbeitet: Geliebte verdienen Schutz und Würde!

    Was also spricht gegen „Blümchensex“?

  2. Die Liebe zur Natur und sich wieder als ein Teil dieser zu verstehen würde ich jetzt trotzdem nicht mit einer sexuellen Beziehung gleichsetzen. Das ist wohl eher ein Resultat unserer sexualisierten, unnatürlichen Lebensweise und dem Bedürfniss dafür irgendwie wieder einen Ausgleich zu schaffen.

  3. Vielleicht ist sexuell missverständlich. Vielleicht wären die Begriffe Sinnlichkeit und Leidenschaft unmissverständlicher im Zusammenhang mit der Natur zu verwenden.