Indien: Nestlé-Studie empfiehlt Muttermilchersatz – obwohl es ein Gesetz verbietet

Foto: © Utopia, CC0 Pixabay

Wieder einmal steht Nestlé in der Kritik: Der Konzern soll in Indien klinische Studien zur Ernährung von Säuglingen in Auftrag gegeben haben. Das ist Herstellern von Muttermilch-Ersatzprodukten in Indien gesetzlich verboten.

Bereits Anfang August wurde der Fall in Indien bekannt: Wie die indische Tageszeitung The National Herald India berichtet, soll Nestlé klinische Studien mit Muttermilch-Ersatzprodukten an Frühgeborenen finanziert haben. Damit habe der Konzern gegen indische Gesetze verstoßen, schreibt die Zeitung. Nestlé ist einer der größten Hersteller von Babynahrung und Muttermilch-Ersatzprodukten.

Laut dem National Herald wurden die Studien an 75 frühgeborenen Säuglingen im Alter von 28 bis 34 Wochen durchgeführt. Ziel der Studie sei es gewesen, Wachstum und Lebensmittelunverträglichkeiten bei Frühgeborenen zu beurteilen. Dabei empfahl die Studie, dass den Säuglingen ab dem dritten Tag nach der Geburt Muttermilch-Ersatzprodukte verabreicht werden könnten – anstelle von Muttermilch.

Andere Studien kommen zu einem ganz anderen Ergebnis: Im Jahr 2016 warnten Wissenschaftler in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“, dass der Wechsel vom Stillen zur Säuglingsmilch „katastrophale Folgen für die Gesundheit folgender Generationen“ bedeute. Würde weltweit nahezu überall gestillt, könnten mehr als 820.000 Kinderleben pro Jahr gerettet werden, schreiben die Wissenschaftler.

Scharfe Kritik Nestlé

Mit der Finanzierung einer solchen Studie soll Nestlé gegen das „IMS“-Gesetz verstoßen haben. Zu diesem Schluss kommt der indische medizinische Forschungsrat ICMR (Council for Medical Research). Das Gesetz verbietet die Förderung und Vermarktung von Muttermilch-Ersatzprodukten für Kinder bis zum zweiten Lebensjahr – aus einem naheliegenden Grund: Muttermilch ist die beste Nahrung für Babys. Säuglinge sind extrem empfindlich und sollten mit äußerster Sorgfalt versorgt werden. Das Gesetz dient dem Schutz der Neugeborenen.

Die Überprüfung der Studie erfolgte auf eine Beschwerde, welche die Organisation BPNI (Breastfeeding Promotion Network of India, dt. indisches Netzwerk zur Förderung des Stillens) beim ICMR eingereicht hat. Das BPNI übt scharfe Kritik an Nestlé. In einer Pressemitteilung der NGO heißt es, der Lebensmittelkonzern sei schon immer wegen seiner extrem aggressiven Vermarktung von Muttermilch-Ersatzprodukten aufgefallen.

„Wenn solche Studien durchgeführt werden, erhalten Ärzte finanzielle Vorteile.“

Die Studien seien an Frühgeborenen in fünf privaten Krankenhäusern in Indien durchgeführt worden. Dabei befolge Nestlé keine Protokolle, sagt Dr. Sylvia Karpagam dem National Herald. Sie ist Ärztin und Forscherin für öffentliche Gesundheit in Indien. „Diese Studie wurde noch nicht einmal von einer unabhängigen Ethikkommission genehmigt.“

Weiter erklärt Karpagam: „Wenn solche Studien durchgeführt werden, erhalten Ärzte finanzielle Vorteile. Sie bewerben dann Pulvernahrung für Babys, auch wenn diese gar nicht notwendig ist. Den Müttern erklären sie immer wieder, dass ihr Baby nicht ausreichend gefüttert wird.“

Nestlé verstößt gegen „Milch-Kodex“ der WHO

Nestlé soll mit der Studie zudem gegen einen internationalen Kodex verstoßen haben, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1981 verabschiedet hat. Das schreibt die Luzerner Zeitung. Der Kodex verbietet die Vermarktung von Muttermilchersatz-Produkten, um Mütter nicht vom Stillen abzubringen.

Er sieht unter anderem vor, dass Schwangeren oder jungen Müttern keine kostenlosen Proben gegeben werden dürfen, die Produkte nicht öffentlich beworben werden sollen und dass Hersteller Gesundheitspersonal keine Anreize geben dürfen, die Produkte zu bewerben. An die Vorgaben hält sich bis heute aber kaum ein Unternehmen – auch Nestlé nicht.

Das Absurde daran: Der Kodex wurde unter anderem erarbeitet, weil Nestlé in den 70er- und 80er-Jahren verstärkt in Entwicklungsländern Werbung für seinen Muttermilch-Ersatz gemacht hat. Laut einem Bericht internationaler Hilfsorganisationen („The Baby Killer“), führte Nestlés aggressive Werbung damals dazu, dass Mütter in den betroffenen Ländern vermehrt Baby-Milchpulver statt Muttermilch verwendeten. Nestlé habe allerdings nicht über Risiken bei mangelnder Hygiene und verschmutztem Wasser informiert – als Folge seien tausende Babys an den Folgen von Durchfall und anderen Krankheiten gestorben.

Nestlé weist die Vorwürfe zurück

Nestlé unterdessen weist die Vorwürfe von sich. Ein Sprecher des Konzerns sagt gegenüber dem Schweizer Medienunternehmen CH Media, dass die Unterstützung klinischer Studien mit wissenschaftlichen Zielen nicht verboten sei – und darum sei es in diesen Fällen gegangen.

Das Sponsoring sei zudem von der zuständigen Ethikkommission abgesegnet worden. Nestlé habe in den beteiligten Krankenhäusern keine eigenen Produkte beworben. „Wir halten uns an alle Gesetze und Regulierungen“, sagt der Sprecher. Dazu gehöre auch der WHO-Kodex.

Utopia meint: Der Marktführer für Muttermilch-Ersatzpunkte hat eine wissenschaftliche Studie finanziert, die empfiehlt, dass Babys solche Produkte anstelle von Muttermilch verabreicht werden können. Ob Nestlé damit gegen geltendes Recht verstoßen hat, ist unklar. Aber zu behaupten, man verfolge mit solchen Studien rein wissenschaftliche Ziele, wirkt wenig glaubwürdig. Schon in der Vergangenheit hat der Konzern gezeigt, dass er Interesse daran hat, dass Mütter ihre Babys mit Ersatzmilch füttern statt sie zu stillen – schließlich verdient Nestlé damit.

Wer die fragwürdigen Geschäftspraktiken von Nestlé nicht unterstützen will, sollte das Unternehmen meiden: Nestlé-Marken: Diese Produkte gehören zum Unternehmen

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