Ist Demeter nicht empfehlenswert? Mai Thi Nguyen-Kim kritisiert Bio-Siegel

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim hat das Bio-Siegel Demeter genauer unter die Lupe genommen.
Screenshot: ZDF

Die aktuelle Folge von MAITHINK X dreht sich um den Anbauverband Demeter, der Dr. Mai Thi Nguyen-Kim zufolge mit fragwürdigen Praktiken arbeitet. Ihre Kritik an Kackhörnchen und Co. ist berechtigt – doch einige der Praktiken von Demeter ergeben durchaus Sinn.

Demeter gilt als der „Mercedes“ der Bio-Siegel. Strengere Kriterien, ein großer Fokus auf Tierwohl und „Made in Germany“ – der Verband wurde bereits in den 1920ern hierzulande gegründet. Doch immer wieder gerät Demeter auch in Kritik – zuletzt durch Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim. Sie warf dem Verband in ihrer Sendung MAITHINK X unwissenschaftliche Praktiken vor und klärte über die aktuelle Studienlage auf.

Kritik an Demeter: schwächere Erträge und Kackhörnchen

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim befasste sich in der Sendung zunächst mit Biolandwirtschaft allgemein und ging dann speziell auf Demeter ein. Unter anderem nannte sie folgende Kritikpunkte:

  • Bio ist weniger effizient. Vergleicht man den Ertrag mit dem konventioneller Landwirtschaft, braucht man für die gleiche Menge eine größere Fläche. Daraus schlussfolgert Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: „Je mehr Bio, desto mehr Wald- oder Wiesenflächen müssen wir plattmachen, um genug Ackerfläche zu haben.“ Da die konventionelle Landwirtschaft in ihrer derzeitigen Form auch keine Lösung sei, fordert Nguyen-Kim: „Wir brauchen also ein besseres Bio.“ Außerdem erkennt sie an, dass der hohe Fleischkonsum ein zentrales Problem darstellt: „Wenn wir alle Vegetarierinnen oder Veganer wären, würde weniger Ackerland für Tierfutter benötigt werden und damit würde Fläche für Öko-Ackerbau frei werden.“
  • Biodynamische Präparate sind wirkungslos: Demeter-Höfe praktizieren biodynamische Landwirtschaft. Das Konzept hängt eng mit der Anthroposophie Rudolf Steiners zusammen und schreibt bestimmte Praktiken vor, die auf anderen Bio-Höfen nicht zum Einsatz kommen – zum Beispiel biodynamische Präparate. Zu diesen zählen zum Beispiel mit Kuhmist gefüllte Kuhhörner (umgangssprachlich auch „Kackhörnchen“ genannt), die im Boden vergraben und anschließend als Dünger aufbereitet werden. Studien wie der Frick-Studie kamen zu dem Schluss, dass biodynamische Präparate keine echte Wirkung auf die Bodenqualität haben. Nguyen-Kim erwähnt auch Studien, die das Gegenteil zu beweisen scheinen, bei diesen deckte die Forscherin aber methodische Schwächen auf.

Einige Demeter-Methoden machen Sinn

Kompostbeschleuniger unterstützt Tiere wie Regenwürmer dabei, Gartenabfälle zu zersetzen.
Demeter setzt weniger Kupfer ein und legt mehr Fokus auf Kompostierung. (Foto: CC0 / Pixabay / PortalJardin)

Trotz all der Kritik kam Dr. Mai Thi Nguyen-Kim im Laufe der Sendung auch immer wieder auf die Vorteile von Biolandwirtschaft nach Demeter-Regeln zu sprechen:

  • Weniger kupferhaltige Mittel: Demeter regelt den Umgang mit Kupfer besonders streng. Das natürliche Fungizid ist zwar im Biolandbau zugelassen, kann sich aber im Boden anreichern und dort Regenwürmern und anderen Mikroorganismen schaden.
  • Kompostierungsvorgänge: Demeter-Höfe kompostieren nicht nur tierischen Mist, sondern auch Pflanzenreste, um damit die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen. Nguyen-Kim führt in ihrer Sendung eine DOK-Studie an, die Anbaumethoden über einen Zeitraum von 30 Jahren vergleicht. Sie weist mehr Humus auf Demeterfeldern nach als auf „normalen“ Bio-Feldern. Das muss aber nicht an biodynamischen Präparaten liegen – Nguyen-Kim und ihr Team haben eher Kompostierungsvorgänge im Verdacht.
  • Tierhaltung: Auf Demeterhöfen gelten strengere Richtlinien als auf EU-Bio-Höfen. Es dürfen zum Beispiel weniger Geflügel und Schweine pro Hektar Fläche gehalten werden, die Enthornung von Rindern ist verboten. Mehr Infos findest du hier: Das Demeter-Siegel

Die ganze Folge MAITHINK X kannst du hier in der Mediathek ansehen.

Ist Demeter nur gut oder schlecht?

Demeter-Landwirt:innen achten strenger aufs Tierwohl, eventuell hat die Kompostierung auch Vorteile für die Bodenqualität – aber biodynamische Präparate dienen keinem ersichtlichen Zweck. Es gibt also Gründe dafür, sich für Produkte mit Demeter-Siegel zu entscheiden, aber auch Gründe dagegen. Welche überwiegen?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim würde wohl zu den Nachteilen tendieren. „Unwissenschaftliche Methoden im Öko-Landbau verhindern einen Ausstieg aus der konventionellen Landwirtschaft“, erklärt sie. Denn so „wird Bio nie mit konventioneller Landwirtschaft mithalten können“. Und sie legt über Twitter nach: „Wer schon mal Geld für #Demeter-Produkte ausgegeben hat, sollte heute lieber (nicht) #maithinkX gucken.“

Ihre Zuschauer:innen mögen dieser Sicht teils zustimmen, doch einige sehen das auch anders. Ein Twitter-User kommentierte zum Beispiel: „Bin da extrem zwiegespalten. Auf der einen Seite sieht man ja wohin Geschwurbel führen kann […]. Auf der anderen Seite ist mir das 1,5° Ziel echt wichtig und würde gerne was dafür tun.“

Ein anderer: „Wenn Demeter den höchsten Standard hat was Tierhaltung und Pflanzenschutzmittel etc. anbelangt, können sie von mir aus gern bei Mondlicht im Kreis tanzen. Sehe da kein Problem und werde weiterhin deren Produkte kaufen.“

Utopia meint: Jede:r musst selbst Prioritäten setzen

Demeter ist nicht perfekt, das ist auch das weniger strenge EU-Bio-Siegel nicht und erst recht nicht die konventionelle Landwirtschaft. Aber das heißt nicht, dass Leute, die schon mal Demeter-Produkte gekauft haben, sich scheuen müssen, diese Ausgabe von MAITHINK X anzusehen. Die Show informiert über die Nachteile eines Produktsiegels, wie es das Format auch tun sollte. Aber das Urteil müssen immer noch die Zuschauer:innen selbst fällen. Wie bei jeder Kaufentscheidung geht es darum, Vor- und Nachteile abzuwägen und festzustellen, wo man die eigenen Prioritäten setzt.

Wir bei Utopia versuchen immer, die nachhaltigsten Optionen zu empfehlen, die derzeit verfügbar sind. Wenn dies ein Produkt mit Demeter-Siegel ist, werden wir es auch weiterhin empfehlen.

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