„Wo bei anderen Leuten ein Gewissen einsetzt“: Böhmermann prangert Tönnies an

„Da, wo bei anderen Leuten ein Gewissen einsetzt, fängt bei Tönnies der Geschäftssinn erst an“, sagt Jan Böhmermann.
Foto: Screenshot ZDF-Magazin Royale

13.000 Tonnen Überreste getöteter Nutztiere wurden ohne Genehmigung auf Feldern verteilt – als Dünger. Hauptlieferant war Fleischproduzent Tönnies, dessen Praktiken Jan Böhmermann im ZDF-Magazin Royale anprangert.

„Da, wo bei anderen Leuten ein Gewissen einsetzt, fängt bei Tönnies der Geschäftssinn erst an“ – so beschreibt TV-Moderator und Journalist Jan Böhmermann den jüngsten Skandal um den Fleischproduzenten Tönnies.

Im ZDF-Magazin Royale prangert Böhmermann unter anderem Tönnies‘ Umgang mit den Nutztieren an und sprach dabei sogar von „Massenmord“ – wohl in Anlehnung an die knapp 20 Millionen Schweine, die Tönnies jedes Jahr tötet.

Immer wieder landen Fleischbetriebe wie Tönnies mit Negativschlagzeilen in den Medien. Meist geht es dabei vor allem um katastrophale Bedingungen in Vieh- und Schlachthöfen, mitunter Tierquälerei. Doch auch von sozialen Missständen sowie ausbeuterischen Arbeitsbedingungen ist in der Branche die Rede. Laut Böhmermann sind die Mitarbeiter:innen, die in Tönnies‘ Fleischfabriken arbeiten, oft nicht angestellt, sondern arbeiten unter widrigen Umständen und hoher Arbeitsbelastung auf Werkvertragsbasis für Subunternehmen. So könne sich Tönnies der Verantwortung entziehen. Bei den Mitarbeiter:innen handelt es sich oft um Menschen aus Osteuropa, die auf das Einkommen angewiesen sind.

Jüngster Tönnies-Skandal

Über den jüngsten Tönnies-Skandal, auf den auch das ZDF-Magazin Royale eingeht, hatte zuerst die Tagesschau berichtet: Demnach wurden rund 13.000 Tonnen Schlachtüberreste in Bayern offenbar unkontrolliert auf Ackerflächen entsorgt. Die Überreste getöteter Nutztiere landeten in einer Biogasanlage, wo die Gärreste anschließend als Dünger auf Feldern verteilt wurden.

Konkret geht es dem Bericht zufolge um Blut, Magen-Darm-Inhalte und andere Schlachtabfälle. Von 2017 bis 2020 sollen die in einer Biogasanlage in Paulushofen verarbeitet worden sein, obwohl die Anlage dafür keine Genehmigung gehabt haben soll. Der Tagesschau liegen hierzu interne Unterlagen vor.

Fleischhersteller sieht sich getäuscht

Besonders brisant: Der größte Anteil der Lieferungen kam von Fleischproduzent Tönnies. Dort wird laut Tagesschau erklärt, man habe lange nicht gewusst, dass die Anlage keine entsprechende Genehmigung hatte. Martin Bocklage, Justiziar bei Tönnies, sieht Deutschlands größten Fleischhersteller als „Opfer“ einer „kriminellen Handlung, eines Betruges, einer Urkundenfälschung oder kumulativ mehrerer Delikte“. Man habe sich, so Tönnies‘ Stellungnahme, auf externe Berater für Biogasanlagen verlassen.

Einer dieser Berater widerspricht der Darstellung des Fleischproduzenten laut Bericht. Er lässt über seinen Anwalt darauf verweisen, dass Tönnies selbst mit den Biogasanlagenbetreibern hätte klären müssen, „was und in welchen Mengen tatsächlich angenommen werden kann“.

Potenziell gefährlich für die menschliche Gesundheit

Das vermutlich illegale Vorgehen ist für den Menschen nicht ungefährlich: „Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung können sogenannte tierische Nebenprodukte aus Schlachthöfen Krankheitserreger und antibiotikaresistente Bakterien enthalten.  Diese übertragen sich möglicherweise auf Pflanzen und Lebensmittel, wenn Gärreste aus Schlachtabfällen als Dünger ausgebracht werden“, heißt es in dem Bericht.

Studie: Nitrat im Grundwasser
Die Biogasanlage Paulushofen habe lediglich eine Genehmigung, Gülle aus der Landwirtschaft und Speisereste (aus der Gastronomie) zu verwerten. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay.com)

Die Biogasanlage im bayerischen Paulushofen hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Sie habe lediglich eine Genehmigung, unter anderem Speisereste aus der Gastronomie und Gülle aus dem landwirtschaftlichen Betrieb zu verwerten.

Lückenhaftes Kontrollsystem

Grundsätzlich können Biogasanlagen bestimmte tierische Überreste annehmen, um daraus Gas zu produzieren. Dabei müssen jedoch hohe Temperaturen entstehen, damit die Gärreste keine Gesundheitsgefahr darstellen. Das regelt eine EU-Verordnung.

Zuständig für die Kontrolle der Entsorgung von Schlachtabfällen sind die Veterinärämter der Landkreise. Im aktuellen Fall erwies sich das Kontrollsystem laut Tagesschau-Recherchen allerdings als lückenhaft, da die zuständigen Behörden offenbar versäumten, miteinander vorschriftsmäßig zu kommunizieren.

Utopia meint: Neben Berichten über misshandelte Tiere brachten zuletzt die vielen Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben, so auch bei Tönnies, die sozialen Missstände ans Licht. Dadurch stellt sich – wie auch beim aktuellen Skandal – die Frage, wie ehrlich solche Unternehmen tatsächlich sind. Und wie ernst sie es mit ihrer Verantwortung gegenüber Menschen und Tieren meinen.

Alleine der Schlachthof am Tönnies-Hauptsitz in Rheda-Wiedenbrück hat eine Schlachtzulassung von bis zu 30.000 Tieren pro Tag. Dabei betreibt das Unternehmen selbst keine Mastanlagen, sondern arbeitet nach eigenen Angaben mit über 10.000 landwirtschaftlichen Betrieben zusammen. „Die bei Tönnies geschlachteten Schweine stammen überwiegend aus der Massentierhaltung, wo sie auf Spaltenböden gehalten werden und keinerlei Auslauf haben“, sagt Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender vom Deutschen Tierschutzbüro.

Auch, um Massentierhaltung zu vermeiden, empfiehlt es sich, den Konsum von Fleisch entweder vollständig oder zumindest teilweise zu reduzieren. Wie du das schaffst, zeigt dir der Beitrag „Weniger Fleisch essen – so gelingt es dir“. Weitere Tipps hat Utopia hier für dich zusammengefasst.

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