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Psychologin: Warum Alleinsein uns im Leben weiterbringen kann

Foto: CC0 Public Domain / Pexels / Alena Darmel

Allein sein zu können ist wichtig – im richtigen Maß. Die Psychologin Ursula Wagner erklärt, warum Menschen nicht gern allein sind und was es zu gewinnen gibt, wenn man es trotzdem versucht.

In einem kürzlich erschienen ze.tt-Interview erklärt die promovierte Psychologin Ursula Wagner, dass Phasen des Alleinseins der eigenen Persönlichkeitsbildung dienlich sind und darüber hinaus die Gelegenheit bieten, über sich und sein Leben zu reflektieren.

Das kann nicht nur Klarheit darüber bringen, wie man eigentlich leben möchte, sondern auch den notwendigen Aufschwung bringen, das Erreichen eigener Ziele aktiv anzugehen. 

Psychologische Vorteile des Alleinseins

Wie genau kann uns Alleinsein dabei helfen, unsere persönlichen Ziele zu erreichen? Wagner erklärt, dass mit dem Wegfallen von äußeren Reizen wichtige Reflexionen bezüglich der eigenen Lebenssituation erst möglich werden. Dazu gehören beispielsweise Fragen wie „Habe ich meine Ziele erreicht?“ und „Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“.

Wenn man beim Nachdenken über derartige Fragen eine Diskrepanz zwischen den eigenen Vorstellungen und der Realität feststellt, erzeugt das eine sogenannte „kognitive Dissonanz“. Wagner beschreibt diesen psychologischen Begriff als „unangenehmen Gefühlszustand, der durch unvereinbare Wahrnehmungen und Wünsche entsteht“. Er kann die Motivation wecken, die Diskrepanz aufzulösen und aktive Schritte zu unternehmen, um die eigenen Ziele doch noch zu verwirklichen

Wagner empfiehlt daher, sich regelmäßig Zeit fürs Alleinsein und Reflektieren zu nehmen – ohne Erwartungen und Meinungen von anderen. Hilfreich kann dabei schriftliche Reflexion sein, zum Beispiel durch Tagebuchschreiben oder rituelle Jahresrückblicke. 

Warum sind viele Menschen nicht gern allein?

Die Psychologin nennt die „soziale Bewertung“ als einen weiteren Grund, warum viele Menschen nicht gerne allein sind – vor allem öffentlich. Es gebe soziale Situationen, in denen eher die Erwartung besteht, dass man zu zweit oder in Gruppen in sie eintritt. Der Restaurantbesuch ist ein klassisches Beispiel: Wie Wagner beschreibt, könnten andere Anwesende sich fragen: „Warum sitzt die da alleine? Hat die niemanden?“ Man müsse also lernen, sich dieser sozialen Norm weniger zu beugen, wenn man das Alleinsein auch in der Öffentlichkeit genießen können will.

Wer sich noch nicht alleine zum Abendessen ins Restaurant traut, kann auch anders anfangen: Der Kaffeebesuch sei bei dieser sozialen Norm eine Ausnahme, sagt die Expertin. „Es ist sozial akzeptiert, im Kaffeehaus zu lesen, zu schreiben, ja sogar zu arbeiten.“

Der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit

Die durchs Alleinsein ausgelösten Reflexionen können natürlich auch unbequeme Erkenntnisse ans Licht bringen. Doch nicht nur aus diesem Grund meiden manche Menschen das Alleinsein: Laut Wagner ist Alleinsein in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert und mit negativen Assoziationen besetzt. Wer viele Kontakte pflegt und dementsprechend wenig Zeit allein verbringt, gilt als beliebt und von hohem sozialen Status. Alleinsein wird dagegen häufig mit Einsamkeit und Ausschluss aus der Gruppe gleichgesetzt.

Wagner differenziert jedoch zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Allein zu sein und Dinge allein zu tun ist ihr zufolge ein menschliches Grundbedürfnis, das in jedem Lebensalter dazu beiträgt, dass ein Mensch sein Gefühl von Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit entwickelt und ausprägt. Zeiten des Alleinseins sind zudem wichtig, um äußere Eindrücke zu verarbeiten.

Gleichzeitig brauchen Menschen das Gefühl von sozialer Zugehörigkeit. Einsam ist man laut Wagner deshalb nur, wenn man sich abgeschnitten und „ohne Resonanz“ fühlt. 

Wie viel Alleinsein ist zu viel?

Wie viel Alleinsein einem Menschen guttut und ab wann man sich einsam fühlt, so Wagner, ist subjektiv und hängt ganz von der individuellen Persönlichkeitsstruktur ab. 

Problematisch wird Alleinsein ihr zufolge dann, wenn es die eigenen sozialen Fähigkeiten und Kapazitäten beeinträchtigt. Anzeichen dafür können sein, dass es einem schwerfällt, sich in Gruppenkontexten anzupassen und wenn man merkt, dass einem jegliche Kontaktversuche durch andere zu viel sind.

Diese Alarmsignale können der Beginn von Einsamkeit sein oder sogar auf eine Depression hinweisen. Wer „nicht mehr mit anderen klarkommt und sich abkapselt, ist auf dem Weg in die Einsamkeit“, so die Psychologin.

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