Klimaneutrales Auto nicht mehr utopisch? Hersteller macht großes Versprechen – und kündigt Umwälzung an

Foto © Polestar

Elektroautos fahren weitaus weniger klimaschädlich als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Der ehemalige Volvo-Tuner Polestar will nun auch die klimaneutrale Produktion von Autos angehen. Das steckt dahinter.

Die Autobranche steckt in einer Zeitenwende: Konventionelle Verbrennungsmotoren wandern aufs Abstellgleis, denn wachsende Anforderungen bezüglich Umweltschutz zwingen Hersteller, auf innovativere Antriebstechnologien umzusatteln.

Doch auch wenn Autos mit Elektromotoren lokal keine klimaschädlichen Gase ausstoßen: Zu einer nachhaltigen Mobilität gehört nicht nur das Fahren, sondern auch die Produktion.

Nun meldet sich die Marke Polestar mit einem ambitionierten Unterfangen: Das von Volvo und Geely (China) gegründete Joint Venture hat das “Polestar 0 Project” vorgestellt und plant demnach mit Hochdruck ein komplett klimaneutrales Auto.

Polestar und Nachhaltigkeit: CO2-Kompensation nicht das Nonplusultra

Umweltforscher warnen schon länger, dass Kompensationsmaßnahmen wie Bäume pflanzen nicht die optimale Stufe der Nachhaltigkeit darstellen. Reduktion und Vermeidung wären noch besser.

So bezeichnet Polestar-Chef Thomas Ingenlath das „Offsetting” (ein Fachbegriff für nachträgliche Klimakompensationsmaßnahmen) als eine Art “Ausflucht” und verspricht vollmundig, sein Unternehmen werde sich der Herausforderung stellen, ein gänzlich klimaneutrales Auto auf die Räder zu stellen: “Wir müssen alles in Frage stellen, innovativ sein und auf exponentielle Technologien setzen”, so der 57-Jährige.

Links Polestar-Autos, rechts am Plakat der Versuch einer Nachhaltigkeitsdeklaration.
Links Polestar-Autos, rechts am Plakat der Versuch einer Nachhaltigkeitsdeklaration. (Foto © Polestar)

„Klimaneutrales Auto“ von Polestar: mehr als nur Marketing?

Gibt es schon Vorstellungen über konkrete Ansatzpunkte? Die Volvo-Tochter erklärt, bereits die Entwicklung und Wertschöpfungskette der Autoproduktion ins Ziel zu nehmen. Das würde zwangsläufig bedeuten, dass auch Lieferanten und Einzelhändler mit ins Boot geholt werden – und entsprechende Auflagen einhalten müssen.

„Unsere Fahrzeuge sind elektrisch, also müssen wir uns keine Sorgen über Verbrennungsmotoren machen, die giftige Emissionen produzieren – aber das bedeutet nicht, dass unsere Arbeit getan ist”, führt Fredrika Klarén aus. „Wir arbeiten jetzt daran, alle Emissionen zu beseitigen, die bei der Produktion entstehen.“

Die Schwedin leitet bei Polestar die Nachhaltigkeit und frohlockt über die “historische und aufregende Zeit für Autohersteller”. Demnach hegt das Unternehmen den Traum, komplett klimaneutral “zirkuläre und schöne Autos” zu entwickeln. „Zirkulär“ meint hier, dass auch der Punkt Recycling und Kreislaufwirtschaft, also die Wiederverwertung von Materialien, bei der 2017 ausgegliederten, einstigen Volvo-Tuningtochter eine große Rolle spielen soll.

Das Auto der Zukunft: Klimaneutral und bestückt mit Recycling-Komponenten?

Dass sich Polestar vermehrt dem Thema Wiederverwertung widmet, zeigte sich 2020 bei einer Studie: Im Polestar Precept wurden Materialien vom Recycling-Hof verbaut, nachwachsende Rohstoffe sowie Kunststoff, der Recycling-Prozessen entstammt: Sitzflächen sind aus PET-Flaschen (mit-)gefertigt, in Fußraum-Teppichen befinden sich Überreste alter Fischernetze. Dazu wurde versprochen, dass nachhaltige Stoffe zunehmend auch in Serienfahrzeugen verbaut werden sollen.

Bis wir das “komplett klimaneutrale Auto” zu Gesicht bekommen, wird es noch eine Weile dauern: Die Fertigstellung ist für das Jahr 2030 anberaumt und trägt die Bezeichnung “Polestar 0 Project”. “Heute verlässt ein Polestar 2 die Werkstatt noch mit einem CO2-Fußabdruck. 2030 wollen wir ein Auto präsentieren, bei dem dies nicht mehr der Fall ist“, verspricht CEO Ingenlath eine Neuausrichtung der Produktionskette.

Utopia meint: Ja, klingt gut, aber der Impact wird sich erst mal in Grenzen halten. Zum einen ist 2030 fern. Zum anderen ist Polestar ein Premiumhersteller mit gehobener Preispolitik, dessen Neuwagen für Normalverbraucher eher nicht in Frage kommen. Doch genug genörgelt: Der globale Wettbewerb im Automobilsektor wird weitere Konzerne zu entsprechenden Absichtserklärungen zwingen, und zwangsläufig dann auch zu Maßnahmen führen. Auch wenn sich die meisten von uns auch in zehn Jahren noch nicht in ein klimaneutral produziertes Auto werden setzen können: Das Ziel ist sinnvoll, alle Hersteller sollten es anstreben, nicht nur solche von Autos.

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