Sind Bioplastiktüten wirklich besser für die Umwelt?

Bioplastik-Tüten besser für die Umwelt? Delfin mit Plastiktüte
Foto: "dolphin plastic bag at fernando de noronha." Jedimentat44 unter CC BY 2.0

Immer öfter halten wir eine Bioplastiktüte in der Hand. Doch sind diese Plastiktüten wirklich so umweltfreundlich wie die Hersteller behaupten?

Kartoffel- und Möhrenschalen, Essensreste oder gammliges Gemüse: In einer Bioplastiktüte sollen sie umweltfreundlich und sicher im Biomüll landen. Doch wie „bio“ ist die Bio-Plastiktüte wirklich?

Nicht so bio wie viele denken

„Es gibt zwei Arten von Bioplastik“, sagt Abfallexperte Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Zum einen Bioplastik auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen, also Pflanzen wie Mais, Zuckerrüben oder Maniok. Zum anderen gibt es sogenanntes „kompostierbares“ Bioplastik, das auch Erdöl enthalten kann. „Kompostierbar“ darf sich Bioplastik nennen, wenn es die Norm EN 13432 erfüllt, also innerhalb von 90 Tagen zu 90 Prozent in Teile kleiner als zwei Millimeter zerfällt. Dies gelte allerdings für die besonderen Umgebungsbedingungen in Kompostieranlagen, in der Natur baue sich „kompostierbares“ Bioplastik genauso langsam ab, wie herkömmliches Plastik, erklärt Sommer.

Doch in einem Großteil der Kompostieranlagen wird Biomüll deutlich schneller kompostiert, daher werden Bioplastiktüten häufig vorab aussortiert und verbrannt – auch, weil die Bioplastiktüte nur schlecht als solche erkannt werden. Ob also kompostierbar oder nicht – in der Kompostieranlage sieht beides gleich aus und wird meist aussortiert. Hinzu kommt, dass Bioplastiktüten dem Kompost praktisch keine Nährstoffe liefern würden, ein Mehrwert bleibt also aus.

Die Bioplastiktüte mischt Bio-Stoffe mit Plastik

Hersteller werben für ihre Tüten mit Versprechen wie „kompostierbar“, „umweltfreundlich“ und „biologisch abbaubar“, doch stärkebasierte Plastiktüten funktionieren oft nur als Materialmix aus verschiedenen Kunststoffen.

„Stärke nimmt schnell Wasser auf, daher werden stärkebasierte Kunststoffe in der Produktion mit anderen Kunststoffen vermischt, damit sie sich nicht beim ersten Kontakt mit Wasser auflösen“, erklärt Sommer. In beiden Arten von Bioplastik würden Additive wie Druckfarben und Weichmacher vorkommen, die unter Umständen nicht abbaubar seien. Auch das Umweltbundesamt sieht den problemlosen Abbau der „biologisch abbaubaren Kunststoffen“ in der Natur kritisch.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass das Zauberwort „bio“ Verbraucher (bewusst oder unbewusst) dazu verleitet, tatsächlich mehr Plastiktüten zu kaufen und (in der Natur) zu entsorgen. Schließlich „zersetzt“ sich die Bioplastiktüte laut Hersteller ja. Mehr dazu im Beitrag „Wie Bio ist Bioplastik?„.

Leere Bioplastiktüte statt voller Teller?

Pflanzenbasiertes Bioplastik kann – je nach Ausgangsmaterial – in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Sollten Nahrungsmittel nicht besser in hungrigen Mägen landen, statt als Bioplastiktüte verarbeitet zu werden?

„Potenziell besteht die Gefahr, dass eine stark gesteigerte Nachfrage [solcher Produkte] eine Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion bedeuten könnte“, sagt das Umweltbundesamt. Und auch Sommer von der DUH meint: „Anbauflächen sollten in erster Linie für Lebensmittel da sein und für die Produktion von Plastik oder Treibstoff sollten lediglich landwirtschaftliche Abfälle genutzt werden.“

Die Bio-Plastiktüte gehört nicht in den Biomüll.
Die Bio-Plastiktüte gehört nicht in den Biomüll. (Foto: © Patryssia - Fotolia.com)

Wir müssen unseren Gebrauch und Konsum von Plastik stark überdenken – aber wäre Bioplastik denn eine Lösung? „Fossile Rohstoffe sind endlich“, räumt Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ein, „doch man muss kritisch hinterfragen, wenn ein Rohstoff durch einen anderen ersetzt wird und sich genau anschauen, wie dieses neue Modell aufgebaut ist.“

Sinnvoller als herkömmliche Tüten mit Bioplastiktüten zu ersetzen, sei es, vorhandene Kreisläufe zu schließen und Abfall irgendwann ganz abzuschaffen – ganz im Sinne der Cradle-to-Cradle Denkschule.

Bitte, bitte keine Plastiktüten

Halten wir fest: Bioplastiktüten sind keine Lösung für das Plastiktüten-Problem, sie bleiben ein Einwegprodukt. Ein Einwegprodukt, das sich nicht so einfach in der Umwelt auflöst, Plastikreste hinterlässt und hinter dem ein riesiger Herstellungsaufwand steckt. Letztlich kann die Bioplastiktüte sogar in Konkurrenz zu Ernährungsbedürfnissen stehen.

Bei uns wird ein Plastiktütenverbot so schnell nicht kommen, daher sind die Verbraucher in der Verantwortung. Erstens müsse man die Konsumenten aufklären, dass Plastiktüten eine schlechte Wahl seien, denn „dieses Bewusstsein kommt nicht von selbst“, so Buschmann. Zweitens: Man muss bessere Alternativen aufzeigen – Mehrwegtaschen. Drittens müssen Verbraucher und Politik dazu übergehen, die Produzenten von Plastiktüten, Becher und Verpackungen anzusprechen: Bitte hört auf, solche umweltschädlichen Produkte herzustellen und helft, neue Lösungen zu entwickeln!

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(9) Kommentare

  1. ihr nehmt immer dieselben „umweltverbände“ die ohnehin schon schlecht über bioplastik reden. wie wärs mal, wenn man neuen produkten eine chance gibt und nicht sofort ins schlechte licht rückt…ist aber eben typisch deutsch(land). es gäbe auch firmen, die bioplastikprodukte verkaufen, eventuell mal deren meinung einholen?

  2. Mein Mehrwert dieser Tüten ist, dass ich sauber meinen Bioabfall sammel und vor allem sicher zur Bio-Tonne befördern kann.
    Ich finde sie viel besser als Papier oder ohne etwas zu sammeln.

  3. Eine seriöse journalistische Ausgewogenheit ist leider nicht zu erkennen. Die Aussagen des „Experten“ Sommer von der „DUH“ sind mehrheitlich und nachweislich falsch oder irreführend, er weiß das. Hier werden Emotionen bedient und Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. Es ist unredlich, die zertifiziert kompostierbaren Bioabfallbeutel als „sogenanntes kompostierbares Bio-Plastik“ zu disqualifizieren. Sie wissen genau, daß sie in allen gängigen Kompostieranlagen – dafür wurden sie entwickelt – funktionieren und eben nicht 90 Tage brauchen. Sie wissen auch, daß die Aussagen zu Weichmachern und Druckfarben so nicht stimmen. Wie beurteilen Sie denn die Druckerschwärze des hochgelobten Zeitungspapiers? – Empfehle dringend, wirkliche Experten zu fragen, die zu einer sachlichen Diskussion substantielle Fakten beitragen können. Wer? Das Witzenhausen-Institut oder die HS Hannover, Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe, sowie die eigentlichen Fachverbände, z.B. BDE (Entsorgung) und EUBP (Biokunststoffe).

  4. Das ist aber ein unnötiger Mehrwert, ich kriege meinen Müll sicher in die Tonne indem ich einen Bogen alte Zeitung in einen Keramikbehälter stecke. Auskippen, evl. Kurz mit einem schluck Wasser ausschwenken und ab und an mal mit die Spülmaschine. Klappt super, ich habe keine Kosten um Tüten zu kaufen und der Behälter sieht auch hübsch aus auf der Arbeitsplatte.

  5. Schön. Freut mich. Schon mal gehört, daß immer noch 5.000.000 to Bioabfall über den Restmüll verbrannt werden? Übrigens aus ca. 70%, also 3,5 Mio to, Wasser bestehend… Wenn wir die recycle-Quoten von Bioabfall aus dem Tief von ca. 20% in die Bereichs von 50-60% oder mehr bekommen wollen, muß man sich mit der gesamten Gesellschaft beschäftigen und nicht nur vom „Gutmenschentum“ träumen…

  6. auch witzig: wenn für das auswaschen wasser verwendet wird, dann ist es egal. aber ansonsten ist alles gleich verschwendung. über die druckerschwärze in zeitungen denkt natürlich auch keiner nach. aber hauptsache immer alles schön nachplappern was auf utopia und smarticular geschrieben wird.

  7. Die DUH bezieht sich immer auf Aussagen des UBA doch die Argumentationen des Umweltbundesamtes sind Großteils falsch, da der Wissensstand schon zwanzig Jahre alt sind.
    Wissen Sie das die Biokunststoff Industrie in Deutschland schon mehrere tausend Jobs geschaffen hat?

  8. noch dazu kommt, dass duh und uba behaupten, dass sie aktuelle daten und informationen vorliegen haben, sollte dies der fall sein, dann würden die ganzen artikel in die umgekehrte richtung verlaufen.

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