Wie Bio ist Bioplastik?

Bioplastik, Biokunststoff : Wie Bio ist das wirklich?
Foto: © Patryssia - Fotolia.com

Mülltüten aus Maisstärke, Becher aus Milchsäure, biologisch abbaubares Geschirr: Die Alternativen zu herkömmlichem Plastik klingen vielversprechend. Aber sind sie auch wirklich umweltfreundlicher? Utopia erklärt, wie nachhaltig Bioplastik ist.

Herkömmliche Kunststoffe werden in der Regel auf Basis von Erdöl hergestellt. Dass dessen Förderung für die Umwelt extrem riskant ist, haben diverse Ölkatastrophen in der Vergangenheit zur Genüge gezeigt. Aber nicht nur die Kunststoffherstellung, auch die Entsorgung ist problematisch. Denn trotz der Recyclingsysteme gelangen weltweit riesige Mengen Plastik in die Umwelt, wo sie Generationen überdauern und das Leben von Tieren und ganzen Ökosystemen gefährden. Für die menschliche Gesundheit kann der ständige Kontakt mit Plastik ebenfalls gefährlich sein. Alternativen zu finden, ist daher dringend notwendig. Ob der bisher entwickelte Biokunststoff aber die Lösung sein kann, ist zweifelhaft.

Bioplastik: Biologisch abbaubar oder Plastik aus Bio?

Müllbeutel, Wegwerfgeschirr, Verpackungen: Eine ganze Reihe von Alltagsgegenständen gibt es inzwischen aus Biokunststoff. Oft sind die Produkte mit Hinweisen wie „biologisch abbaubar“ oder „kompostierbar“ versehen. Doch hinter den Begriffen Biokunststoff oder Bioplastik kann sich Verschiedenes verbergen; eine klare Definition gibt es nicht.

Zum einen kann Kunststoff gemeint sein, der auf Basis von nachwachsenden organischen Rohstoffen wie etwa Zucker oder Maisstärke hergestellt wurde. Zum anderen werden biologisch abbaubare Kunststoffe als Bioplastik bezeichnet. Oft, aber nicht immer, ist beides der Fall. Biobasierter Kunststoff ist nicht automatisch biologisch abbaubar, während erdölbasierter es sein kann. Zudem gibt es zahlreiche Plastikprodukte, die aus Mischungen von konventionellem mit Bioplastik bestehen.

– Anzeige –Fressnapf

Zumindest bisher konnten sich Verpackungen aus Bioplastik nicht großflächig durchsetzen: Der Marktanteil von Biokunststoff liegt derzeit bei gerade mal etwa 1,5 Prozent; eine Marktanalyse aus dem Jahr 2013 prognostiziert einen Anstieg auf höchstens drei Prozent bis zum Jahr 2020. Industrie und Wissenschaft allerdings forschen eifrig an neuen Zusammensetzungen, Herstellungsweisen und Anwendungsgebieten von Alternativen zu Plastik.

Dilemma: Biokunststoff aus Lebensmitteln

Aus ökologischer Sicht hat Bioplastik aus Maisstärke, Bambus & Co. gegenüber herkömmlichen Kunststoffen einige wichtige Vorteile. Biobasierte Kunststoffe brauchen zur Herstellung keine fossilen Rohstoffe, sondern nutzen nachwachsende Ressourcen. Mittels verschiedener Verfahren können aus Rohmaterialien wie Mais, Weizen, Kartoffeln, Zuckerrohr, Bambus oder Holz unterschiedliche Kunststoffarten produziert werden (Stärke-, PLA- oder Zellulosebasierte Biokunststoffe).

Bioplastik aus Maisstärke: Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau
Die Produktion von Biokunststoff – z.B. aus Maisstärke – konkurriert mit dem Anbau von Nahrungsmitteln. (Foto: CC0 Public Domain)

Aber: Wie beim Biosprit konkurrieren bei der Herstellung von Biokunststoff aus Pflanzenmaterial verschiedene Bedürfnisse: Die Verwendung von essbaren Pflanzen als Rohmaterial steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Wertvolle Anbauflächen gehen für den Anbau von Lebensmitteln verloren. Anders ausgedrückt: Während in vielen Teilen der Welt Menschen hungern, werden Nahrungsmittel als Verpackungsmaterial ver(sch)wendet. Für den Anbau dieser Pflanzen kommen zudem große Mengen an Düngemittel zum Einsatz, die Böden und Gewässer belasten – „und zwar in einem in stärkerem Umfang als bei der Herstellung herkömmlicher Kunststoffe“, wie das Umweltbundesamt (UBA) schreibt.

Wird aussortiert: Biokunststoff im Kompost

Biologisch abbaubarer Kunststoff darf sich kompostierbar nennen und das „Keimling“-Logo tragen, wenn er innerhalb von 90 Tagen zu 90 Prozent in kleinste Teilchen zerfällt. Vollständig kompostierbare Plastikprodukte – zum Beispiel Einweggeschirr aus Maisstärke – haben das Potenzial, Abfall zu vermeiden und so die Umwelt zu schonen. Gelangen sie in die Natur, verrotten sie im Vergleich zu herkömmlichem Plastik relativ schnell – anstatt die Umwelt mehrere Jahrhunderte lang zu belasten. In Landwirtschaft und Gartenbau erleichtern natürlich verrottende Folien aus Bioplastik die Arbeit, da sie nicht aufgesammelt und aufwendig entsorgt werden müssen.

Bioplastik & Biokunststoff: biologisch abbaubar oder nicht?
Einweggeschirr aus Bioplastik: biologisch abbaubar, aber deshalb noch lange nicht sinnvoll. (Foto: "Biodegradable" von John Kratz unter CC-BY-SA-2.0)

Ähnliche Versprechungen macht die Industrie beispielweise für Biomüllbeutel aus Biokunststoff. Doch auch wenn die Tüten allen Kriterien der biologischen Abbaubarkeit entsprechen, werden sie in der Realität meistens verbrannt. Denn in der Praxis brauchen die meisten Bioplastik-Mülltüten in industriellen Kompostieranlagen mindestens 12 Wochen um zu zerfallen. In vielen Kompostieranlagen aber lagert der Biomüll nur für 6 bis 10 Wochen. Der Großteil der Kompostierbetriebe sortiert die Biokunststofftüten daher aus und führt sie der Restmüllverwertung, sprich den Müllverbrennungsanlagen, zu. Immerhin: Bei der sogenannten „energetischen Verwertung“, der Verbrennung, ist Biokunststoff dann etwas klimafreundlicher als herkömmliches Plastik. Denn es wird dabei nur soviel CO2 freigesetzt, wie das pflanzliche Ausgangsmaterial gespeichert hatte – deutlich weniger, als bei erdölbasierten Materialien.

Der BUND schreibt daher in einer Stellungnahme zu biologisch abbaubarem Kunststoff, der Restmüll sei „der geeignete Platz für den sogenannten Biokunststoff“. Der Umweltverband sieht in Bioplastik eine Energie- und Ressourcenverschwendung: „Biologisch abbaubare Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, sind ein Irrweg.“

Ohne Plastik ist besser

Derzeit scheinen sich die Vor- und Nachteile von Biokunststoff zumindest gegenseitig aufzuheben. In einer ausführlichen Studie zum Thema aus dem Jahr 2012 kommt das Bundesumweltamt zu dem Schluss, dass Bioplastik in der Gesamtökobilanz nicht besser ist als herkömmlicher Kunststoff.  Die Klimabilanz ist durch die CO2-Einsparungen zwar etwas besser, die Umweltbelastungen aufgrund des Rohstoffanbaus aber mindestens genauso hoch. Auch der BUND empfiehlt, weiterhin so weit wie möglich auf Plastik zu verzichten, egal ob Bio oder nicht. Dort, wo sich Plastik schwer vermeiden lässt, ist die aktuell sinnvollste Variante Recycling-Kunststoff. Der „Blaue Engel“ zertifiziert beispielsweise Plastiktüten mit mindestens 80 Prozent Recyclinganteil.

Weiterlesen auf Utopia.de:

Schlagwörter: , ,

(7) Kommentare


  1. Es geht doch nicht immer nur um die Ökobilanz!
    Wenn ich die Plastikreste in der Natur sehe, die das Leben dort gefährden und auch die Meere, dann bin ich für eine Intervention, solche Stoffe nicht mehr zuzulassen.
    Verpackungsmittel sollten generell kompostierbar gestaltet werden. Auch wenn das nicht hundertprozent nachhaltig wäre, wäre das schon ein gigantischer Fortschritt für die Natur. Hier sehe ich die Politik gefragt, dass hier international was bewegt werden kann. Denen, die damit (mit der Umweltvermüllung durch das unkaputbare Plastik) Geld verdienen, darf man das nicht allein überlassen.
    Dieser Aspekt fehlt mir immer wieder in dieser Bioplastik-Diskussion!

  2. Es gibt PVC, PE, PP und andere Kunststoffe, denen Oxidate (Metalle) zugesetzt werden, die dann für einen schnellen Zerfall des Kunststoffs durch UV-Licht sorgen. Es gibt eine sehr umstrittene Untersuchung dieser Kunststoffe in England. Dort wurde nachgewiesen, dass sich OXO-Kunststoffe zu 100% abbauen. Diese Untersuchung hat aber einige Standards nicht eingehalten, weil sie ein Ziel hatte. Unter http://www.european-bioplastics.org gibt es eine Stellungnahme dazu.
    Diese falsche Untersuchung wird als Beweis genutzt, um diese Kunststoffe gleich mit Kunststoffen auch Mais, Reis, Holz etc. zu setzen.
    Aus Naturstoffen hergestellt Kunststoffe sind in der Regel nicht schnell abbaubar. Sie verhalten sich in der Natur wie Kunststoffe aus Erdöl, Erdgas oder Kohle. Bei den OXO-Kunststoffen kommt noch der Zusatz hinzu, der die Umwelt schädigt.
    Baut sich der Kunststoff nicht zu 100% ab, wovon ausgegangen wird, bleiben kleine Partikel in der Umwelt
    Der Kunststoff wird in Gärten und auf Feldern eingesetzt. Die Folie wird ausgelegt und dann werden Löcher hinein gemacht, wo die Pflanze hin kommt. Ist die Pflanze größer, geht der Kunststoff kaputt und ist irgendwann nicht mehr da, meint man. Dabei ist er im Essen, in der Luft, im Wasser, einfach überall.
    Es ist schade das Utopia auch schreibt PVC sei biologisch abbaubar. Offiziell ist das nicht bewiesen. Es gibt keine neutrale Untersuchung.

    • Danke für Dein Wissen.
      Also staatlich geförderte/ finanzierte Grundlagenforschung müsste her und entsprechende neutrale Forschung an unseren Universitäten und Hochschulen. Und das schnell.

  3. Leider hat jeder Hersteller von Kunststoff und auch die Verarbeiter kein Interesse an einer Untersuchung, die die Kunden verunsichert.
    Ich hatte 5 Ideen bei der Gründer Garage in Berlin. Eine beschäftigt sich damit den Mähfaden (Motorsense) nicht mehr aus Kunststoff (Nylon) herzustellen.
    https://www.gruender-garage.de/ideenwettbewerb/2/974/
    Es ist sehr schwer, den Standard, den man mit Kunststoff erreicht hat, gleichwertig zu ersetzen.

  4. Ich sehe auf dem Bild unter dem Titel zwei Tomaten und ein Apfel die der Haushalt einfach vergammeln liess anstatt sie zu essen.

    Da ist dann Bioplastik auch nur ein Vorwand um „grün“ zu wirken.

  5. Echter Bioplastik wird aus Nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. OXO-Bioplastik wird aus Erdöl, Kohle und Gas hergestellt.
    In den nächsten Jahre wird OXO-Bioplastik teurer, weil die Rohstoffe teuerer werden. Echter Bioplastik ist schon jetzt teurer. Die Brottüte aus echten Bioplatik würde 1-2 Cent mehr kosten. Die Einkauftüte 3-4 Cent. Natürlich ist echter Bioplastik dem Erdöl Produkte vorzuziehen.
    Besser ist aber allemal die Papiertüte, Stofftasche oder der Karton.

  6. Und wenn ich nun ein Produkt habe, das laut Aufdruck biologisch abbaubar und kompostierbar ist, wie entsorge ich es dann am besten? Ist es sinnvoll, einen kompostierbaren Eisbecher in den Biomüll zu werfen? Hilft es, den Becher klein zu schneiden und/oder in wasser einzuweichen? Sprich, was kann ich als Verbraucher tun, damit das Zeug tatsächlich zersetzt wird?

Kommentar schreiben

0/2500

* Pflichtfelder