Cradle to Cradle – die Vision von der Kreislaufwirtschaft ohne Abfall

Cradle to Cradle: Kreislaufwirtschaft ohne Abfall
Illustration: Miro Poferl

„Cradle to Cradle“ – „Von der Wiege zur Wiege“ – ist ein radikaler Gegenentwurf zu unserer Wegwerfgesellschaft: ein Wirtschaftssystem ohne Abfall. Das „ökoeffektive“ Konzept von Chemiker Michael Braungart und Architekt William McDonough gibt es seit rund 15 Jahren, der große Durchbruch blieb jedoch bislang aus.

Seit 2012 gibt es in Deutschland den Cradle to Cradle (C2C)-Verein. Am 31. Oktober 2015 lädt er zu seinem zweiten Kongress, dort soll „über eine zukunftsgewandte Welt diskutiert werden.“ Das ist sehr vage formuliert, dabei ist Cradle to Cradle ein recht konkretes Konzept für eine bessere Welt.

Worum geht es bei Cradle to Cradle?

Man könnte den Ansatz mit dem Begriff „perfekte Kreislaufwirtschaft“ zusammenfassen. In der idealen C2C-Welt werden alle Güter so produziert, dass die eingesetzten Rohstoffe nach Gebrauch entweder biologisch abgebaut und als „Nährstoffe“ wieder in den natürlichen Stoffkreislauf zurückgeführt werden oder aber ohne Verluste zu neuen Gütern verarbeitet werden können. Giftige oder umweltgefährdende Stoffe und Verbundstoffe, die sich nicht sortenrein recyceln lassen, sind für das Produktdesign ausgeschlossen. Die Energie für Produktion und Re-Design liefern erneuerbare Energien.

Mit anderen Worten: Es gibt keinen Abfall.

Die Idee von Michael Braungart und William McDonough orientiert sich an der Natur: Überproduktion und Verschwendung ist möglich und führt auch nicht zu Umweltproblemen, solange dabei die stofflichen Kreisläufe berücksichtigt werden.

Was bedeutet Cradle to Cradle für Unternehmen?

Den Weg zu geschlossenen Stoffkreisläufen sieht das C2C-Konzept in der Hand von Vorreiterunternehmen. Diese bringen Produkte auf den Markt, die sie nach dem Gebrauch wieder zurücknehmen und vollständig zu neuen Produkten umarbeiten. Dazu nutzen sie erneuerbare Energien, die eingesetzten Rohstoffe orientieren sich an C2C-„Präferenzlisten“.

Es liegt dann im Interesse der Hersteller, ein Design zu wählen, das ihnen die spätere Wiederverwertung erleichtert. Diese Wirtschaftsweise soll den Unternehmen mittel- bis langfristig Wettbewerbsvorteile und Profit verschaffen. Derzeit sind Cradle to Cradle-Produkte aber in Herstellung und Kauf noch deutlich teurer als herkömmliche.

Die Cradle to Cradle-Zertifizierung

Cradle to Cradle ist eine eingetragene Marke des „Cradle to Cradle Products Innovation Institute“ mit Sitz in San Francisco sowie in Amsterdam und Venlo in den Niederlanden. Das Institut führt die Produktzertifizierungen durch und teilt eine der fünf Kategorien (Basic, Bronze, Silber, Gold, Platin) zu.

Der Kriterienkatalog ist umfangreich und komplex, mit zum Teil ungenauen Forderungen, wie zum Beispiel möglichst viel regenerativ erzeugte Energie zu verwenden. Die meisten bisher zertifizierten Produkte erreichten die Auszeichnung Silber, bisher gibt es noch kein Produkt mit Platin-Label.

Eine Erstzertifizierung kostet stolze 2.000 Euro pro Produkt, es folgt die jährliche Überprüfung mit 500 Euro. Wissenschaftliche Expertise, etwa die Materialbewertung, liefert dem C2C-Institut unter anderem Michael Braungarts „EPEA“ (Environmental Protection Encouragement Agency) in Hamburg.

Cradle to Cradle-Produkte: Verbreitung und Nachfrage

In den Niederlanden, Dänemark, sogar in den USA und China ist Cradle to Cradle schon viel bekannter und gefragter als in Deutschland. Das C2C-Logo finden deutsche Verbraucher bisher nur auf wenigen Produkten, aber man kann es finden: Auf einem kompostierbaren Trigema-T-Shirt, auf einigen Reinigungsmitteln von Frosch und Ecove, auch bei der Holz-Biodämmung von Baufritz. Auch die Sporthersteller Nike und Puma haben einige Schuhe und Kleidungsstücke nach C2C-Kriterien entworfen – die sind allerdings kaum noch zu bekommen und von neuen Kollektionen ist nicht die Rede.

Es gibt bereits einige Produkte, die der jeweilige Hersteller nach Gebrauch zurücknimmt – und  deren Materialien er dann wieder nutzt, um etwas Neues daraus zu machen. Vorbildlich ist hier beispielsweise der niederländische Teppichhersteller Desso. Derzeit geht es bei C2C-Produkten in erster Linie um die Sortenreinheit (für das zumindest theoretisch rohstoffneutrale Recycling) oder die Schadstofffreiheit und Kompostierbarkeit von Produkten. Die tatsächliche Kreislaufwirtschaft ist derzeit mehr Ideal als Realität.

Kaufen kann man einige C2C-Produkte dennoch heute schon:
Cradle to Cradle: Diese Shops bieten endlos nachhaltige Produkte

Umfangreiche Kritik am Cradle to Cradle-Konzept

So attraktiv das C2C-Konzept auch sein mag: makellos ist die Idee von umweltfreundlichen, geschlossenen Kreisläufen nicht. Kritiker bemängeln an Cradle to Cradle vor allem den Aufruf zur Verschwendung, aber auch die fehlende Umsetzbarkeit im großen Maßstab. Um insgesamt vollständig abfall- und schadstofffrei nach C2C-Prinzipien zu wirtschaften, wäre ein komplett neues Wirtschaftssystem nötig, womöglich eine Art Planwirtschaft – danach sieht es selbst im C2C-begeisterten China überhaupt nicht aus.

Den herkömmlichen Umweltschutz weiterzudenken und an die Stelle von Verzicht und Beschränkung einen ökologisch tragfähigen Ressourcenverbrauch zu setzen, der den Menschen als Teil und nicht als Schädling der Natur sieht, hat durchaus Charme. Gäbe es bereits so viele Solar- und Windkraftanlagen, dass der Weltenergiebedarf vollständig aus regenerativen Quellen gedeckt würde, bräuchte man vielleicht tatsächlich nicht über Verzicht nachzudenken. Solange aber steht Energiesparen an erster Stelle, und das bedeutet auch, jede unnötige Produktion zu vermeiden.

Was das C2C-Konzept ebenfalls nicht berücksichtigt: Biologisch abbaubare Rohstoffe einzusetzen ist aus Umweltschutzgründen sinnvoll – allerdings gilt auch das nur in Maßen und mit Einschränkungen. Denn auch natürliche Rohstoffe zu nutzen ruft Umwelteffekte hervor, beispielsweise Ressourcenkonflikte, wenn die Maisstärke für das C2C-Computergehäuse auf dem Nahrungsmittelmarkt fehlt.

Auch wenn einige Markenhersteller einzelne Cradle to Cradle-Produkte im Programm haben: von einer Umstellung des gesamten Sortiments sind die Unternehmen weit entfernt. Cradle to Cradle ist damit oft nur ein günstiger Weg, öffentlichkeitswirksam Nachhaltigkeitsbemühungen zu demonstrieren. Kompostierbare Kleidung zum Beispiel kommt beim Kunden gut an – doch derzeit sind Industrieländer wie Deutschland gar nicht auf kompostierbare T-Shirts oder Turnschuhe eingestellt, die Kompostieranlagen sind damit überfordert.

Und schließlich stecken hinter dem C2C-Logo und den verschiedenen Kategorien so viele Kriterien, dass der Verbraucher schlicht überfordert wird: Wer beim C2C-zertifizierten Shampoo zum Beispiel Biokosmetik erwartet, wird enttäuscht: Es geht dort in erster Linie um die Flasche aus Polyethylen (PET), und der Hersteller nimmt diese nicht selbst zurück, um daraus neue zu formen.

In unserer Bilderstrecke zeigen wir, welche Cradle to Cradle-Produkte man heute schon kaufen kann:

Fazit: Cradle to Cradle als Impuls für Unternehmen

Cradle to Cradle klingt einerseits nach Utopie. Andererseits gibt es bereits konkrete Beispiele, die zeigen, dass das Konzept funktioniert. Doch am Ende spielt es ja keine Rolle, ob ein Hersteller aufgrund von C2C-Prinzipien, durch andere Zertifizierungssysteme oder durch strengere Umweltgesetze motiviert wird, erneuerbare Energien einzusetzen, Schadstoffe aus Produkten zu verbannen und diese für das Recycling zu optimieren.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist zukunftsweisend. Von einer weltweit tragfähigen und gerechten Verteilung von Rohstoffen sind wir aber noch weit entfernt. Und solange – das blendet C2C völlig aus – bleibt der wohlüberlegte und eingeschränkte Konsum unverzichtbarer Baustein einer nachhaltigen Entwicklung.

Derzeit findet Cradle to Cradle seinen Nachhaltigkeitsnutzen in erster Linie darin, Unternehmen anzustoßen, sich mit nachhaltigerem Produktdesign und Stoffkreisläufen auseinanderzusetzen. Insofern ist das Konzept vielversprechend und unterstützenswert – schließlich zählt jeder Schritt.

Autor: Volker Eidems / Annika Rieger

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(2) Kommentare

  1. C2C ist älter als 15 Jahre alt, das machen die Produzenten von Lebe Gesund Produkten (vegetarisch-vegan) seit über 20 Jahren.
    Würde man sich ihre Produktionsabläufe und weniger das Drumherum genauer anschauen, würde man feststellen, dass alles was uns Mutter Edre gibt auch zu Mutter Erde zurück kehrt.
    Ich war erst kürzlich auf einem sehr interessanten Seminar darüber und bin eigentlich verwundert, dass man das Rad immer neu erfinden muss um zu kapieren, dass es nach wie vor die Erde ist, die uns ernährt und nicht die Lebensmittelindustrie mit ihren manipulierten Lebensmitteln.
    Bio und regional soll es sein, aber ganzfährig verfügbar. Ein unmögliches unterfangen…..

    C2C ist genau das, was unsere Ur- und Großeltern schon immer gemacht haben…aufbrauchen, neu verwerten, aufwerten.

  2. Zunächst einmal ist Cradle to Cradle keine Denkschuöle, sondern ein Designkonzept mit fundiertem wissenschaftlichem Hintergrund. C2C geht u.a. auf die Materialgesundheit ein, wobei eine möglichst vollständige Definition des Produkts (auf Chemikalienebene) das Ziel ist. Die Erfahrung zeigt, dass nicht die Grundmaterialien Probleme verursachen, sondern die Inhaltsstoffe (Bisphenol A, Druckfarbenbestandteile in Lebensmitteln, etc.).

    Was unsere Großeltern gemacht haben ist eine Weiterverwendung von Produkten/Materialien. Dies geschieht auch heute vermehrt und wird fälschlichrweise oft als Upcycling bezeichnet.

    C2C geht hier viel weiter: Materialgesundheit, hochwertige Kreilauffähigkeit, Wasser management, Soziales und Energie.

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