Hygge: So funktioniert Glücklichsein auf dänisch

Hygge
CC0 Public Domain / Unsplash - Alexander Hermansen, Brooke Bark

Hygge – das ist keine Ikea-Kommode, sondern das dänische Rezept für mehr Glück im Alltag. Wir zeigen, was es mit dem Trend auf sich hat, wie Hygge funktioniert, die besten Hygge-Buchtipps und was das dänische Lebensgefühl ganz sicher nicht ist.

Dass nördlich von Deutschland alles besser ist, scheint allgemeiner Konsens zu sein: In den Ländern Skandinaviens gibt es bessere Sozialsysteme, mehr Platz und leckerere Zimtschnecken. Auch das Ergebnis des „World Happiness Report“ der vereinten Nationen deutet darauf hin: In Skandinavien lebt es sich angenehmer. Schon vier Mal wurde Dänemark zum glücklichsten Land der Welt gekürt, dicht gefolgt von Norwegen, Schweden, Finnland und Island.

Kein Wunder also, dass jeder es den Skandinaviern nachmachen will. Und tatsächlich kann man das skandinavische und explizit das dänische Lebensgefühl lernen, denn die richtigen Voraussetzungen für Hygge hat eigentlich jeder.

Was bedeutet eigentlich „Hygge“?

Eine eindeutige Übersetzung des dänischen Begriffs „Hygge“ (gesprochen: hügge) gibt nicht. Langenscheidt versucht es mit „Gemütlichkeit“.

Hygge
Gemütlich mit einer Tasse Kaffee. (Foto: Samantha Gades auf Unsplash unter CC0)

Etwas ist „hyggelig“ wenn das Gefühl von Vertrautheit, Sicherheit, Behaglichkeit, Geborgenheit und Wärme entsteht. „Hygge“ ist also ein geselliger Abend mit Freunden, warmes Kerzenlicht, gutes Essen, angenehme Gespräche – eben die dänische Art mit den dunklen und kalten Winterabenden umzugehen.

Wie funktioniert „Hygge“?

Ganz einfach eigentlich, denn alles was du für Hygge brauchst, bist im Grunde du selbst. Es geht darum, den Moment zu genießen und Negatives hinter sich zu lassen; sich und anderen etwas Gutes zu tun, das Leben so angenehm und schön wie möglich zu gestalten. Eben um die kleinen Glücksmomente des Alltags.

Das kann im Sommer ein Fahrradausflug, ein Picknick, ein Tag am See, ein Lagerfeuer oder selbst gemachte Limonade sein. Noch hyggeliger kann man es sich im Winter machen, als Antwort auf die (in Dänemark besonders) kalte und dunkle Jahreszeit.

Hygge, Lagerfeuer
Hygge ist auch draußen am Lagerfeuer. (Foto: Mike Erskine / Unsplash unter CC0)

So machst du es dir „hyggelig“

Weil du jetzt wahrscheinlich immer noch nicht genau weißt, was genau Hygge nun tatsächlich ist, zeigen wir dir anhand konkreter Beispiele, wie du es dir so richtig schön hyggelig machen kannst.

1. Lichtquellen schaffen: Kerzen, Leuchten, ein Kamin

Glaubt man der einschlägigen Hygge-Literatur scheint Licht ein besonders wichtiger Aspekt von Hygge zu sein. Kerzen (gibt es auch ökologisch) und kleine Lichtquellen im Zimmer verteilt lassen den Raum gemütlicher wirken. Auch LED-Lampen liefern mittlerweile eine gemütliche Lichtfarbe. Einen besonders hohen Hyggefaktor hat ein Kaminfeuer. Alternativ kann man sich den handgefertigten „Kerzenrestefresser“ in die Wohnung stellen (Zu kaufen** bei Manufactum, Dawanda). Der ist fast so schön wie ein Kaminfeuer und verwertet zudem noch alte Wachsreste.

Hygge, Licht, Windlicht
Verschiedene kleine Lichtquellen machen es hyggelig. (Foto: Rhand McCoy / Unsplash unter CC0)

2.Das zuhause heimelig machen

Dein Zuhause ist dein Rückzugsort, hier sollst du dich wohl und geborgen fühlen. Für Licht hast du schon gesorgt. Zusätzlich helfen Decken, Kissen, ein flauschiger Teppich ein schönes Bild an der Wand, Zimmerpflanzen, ein Bücherregal, eine Couch damit es so richtig gemütlich wird.

3. Achtsamkeit praktizieren: zusammen oder alleine

Bei Hygge geht es weniger um materielle Dinge. Es geht darum, sich auf den Moment zu konzentrieren und dankbar zu sein für die schönen Dinge im Leben. Hygge ist ein Ort des Friedens und der Sicherheit, ein Ort, an dem man sich wohlfühlen soll, allein oder gemeinsam mit Freunden und Familie.

4. Richtig lecker essen

Zu Hygge gehört auch gutes Essen. Hygge ist ein Kochabend mit Freunden, an dem später bei Wein und Kerzenlicht gegessen wird; gemeinsam mit Kindern Zimtschnecken backen oder vor dem Kamin sitzen und einen heißen Tee oder eine große Tasse Cappuccino trinken. Und eben einmal nicht an Kalorien, Zucker und Fett denken.

Hygge, Essen, Kuchen
Gemeinsam backen und gemeinsam genießen: Das ist Hygge. (Foto: Taylor Kiser / Unsplash unter CC0)

5. Entspannen

Hygge ist, was entspannt. Das geht alleine, eingekuschelt in eine Decke mit der Lieblingssendung im Fernseher oder mit einer Tasse Tee in der Hand am Fenster sitzend und die Welt draußen beobachtend.

Besonders hyggelig wird es aber gemeinsam mit Freunden und der Familie beim gemeinsamen Essen, Trinken, Reden und Spazieren gehen. Ganz wichtig: Über Politik oder andere ernste Themen wird in hyggeligen Stunden nicht gesprochen, das ist viel zu aufregend.

Noch mehr Hygge: Die besten Hygge-Bücher

Die passende Literatur gibt’s natürlich auch, wir haben ein paar Buchtipps für euch herausgesucht.

„Hygge – Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“ von Meik Wiking

An diesem Klassiker der Hygge-Literatur kommt wohl kaum jemand vorbei, der sich mit dem Trend beschäftigt. „Hygge – ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“ von Meik Wiking zeigt, wie Wohlfühlen geht. Und der Autor muss es wissen: Er leitet das Kopenhagener Institut für Glücksforschung und hat schon einige Bücher und Forschungsberichte über Glück, Wohlbefinden und Lebensqualität geschrieben. In seinem Buch verrät er allen Nicht-Dänen, wie man es sich so richtig schön hyggelig macht.

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„Hygge – Die dänische Art, glücklich zu leben“ von Louisa Thomsen Brits

Als Halb-Dänin weiß Autorin Louisa Thomson Brits wohl genug über Hygge, um der Welt das dänische Lebensgefühl näher bringen zu können. In ihrem Buch „Hygge – Die dänische Art, glücklich zu leben“ erfährt man, wie die Dänen seit Jahrhunderten das alltägliche Glück in ihren Alltag integrieren und wie wir das auch schaffen können.

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Hygge Buchtipps
Hygge-Lesestoff (Foto: Utopia / sj)

„Hygge – Das große Glück liegt in den kleinen Dingen“ von Marie Tourell Sodeberg

Die gebürtige Dänin Marie Tourell Sodeberg schreibt in ihrem Buch nicht nur über Hygge, sie zeigt auch konkret, wie es geht. In „Hygge – Das große Glück liegt in den kleinen Dingen“ hat sie zahlreiche Tipps ihrer Landsleute gesammelt. Hier findet man Hygge-Playlists, Einrichtungs-Inspiration und leckere Rezepte für Stockbrot, Kakao oder klassische dänische Nachspeisen wie Rodgrod med flode (ein Fruchtkompott mit Erdbeeren und Johannisbeeren).

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„mach´s dir hygge“ von Nicole Zweig

In „mach’s dir hygge“ liefert Nicole Zweig viele Bastelanleitungen für Dekorationen wie selbstbeklebte Blumenvasen oder Weihnachtssterne, Rezepte für Apfel-Walnussbrot oder Kürbis-Graupen-Risotto, Tipps für Achtsamkeit und Anleitungen für selbstgemachten Badezusatz und Körperbutter. Ein Buch, mit dem du Hygge sofort praktisch umsetzen kannst.

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„Hygg Hygg Hurra! Glücklich wie die Dänen“ von Helen Russell

In dem Buch „Hygg Hygg Hurra– Glücklich wie die Dänen“ erzählt die britische Autorin und Journalistin Helen Russell von ihren persönlichen Erfahrung mit dem Hygge-Lifestyle. Als sie mit ihrem Mann von London nach Jütland zieht, macht es sich Russell zur Aufgabe sich voll und ganz auf die dänische Lebensweise einzulassen. Dazu befragt sie alle möglichen Experten nach den Geheimnissen der viel gerühmten dänischen Zufriedenheit – und weiht uns darin ein.

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Hygge, Einrichtung
Auch die Einrichtung kann hyggelig sein. (CC0 Public Domain / Unsplash - Daiga Ellaby)

Hygge: Magazine, Cafés, Shops oder Möbel

Hygge ist den Dänen so wichtig, dass es letztes Jahr sogar in den offiziellen Kulturkanon des Landes aufgenommen wurde – gemeinsam mit Werten wie Gleichheit und Freiheit. Der amerikanische „New Yorker“ erklärte das Jahr 2016 sogar zum „Year of Hygge“.

Kein Wunder also, dass inzwischen jeder etwas hyggeliges fabrizieren will: Es gibt mittlerweile zahlreiche Cafés, Shops und Möbel die den Begriff Hygge im Namen tragen, sogar Deko-Gegenstände wie Kerzen und Kissen. Und auch ein Hygge-Magazin findet man seit Juni am Zeitschriftenkiosk.

Dabei geht es bei Hygge nicht um Materielles, sondern vielmehr darum, das kleine Glück im Alltag zu beachten, die kleinen Dinge wertzuschätzen, sich auf Beziehungen zu konzentrieren und das Beste aus dem zu machen, was man hat. Wir sollte daher aufpassen, Hygge nicht mit dem Kauf von dänischen Designerlampen und Kerzen zu verwechseln.

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(5) Kommentare

  1. Mittlerweile sprechen sich auch die Schattenseiten des „hygge“-Lebens herum: bitte nicht allzusehr anderer Meinung sein als ich, bitte nicht zu anders sein als ich, bitte nichts tun, was mich beunruhigen könnte und mich aus meinem Trott und meiner Entspannung bringt. Das führt dann auch schon mal zu Wirklichkeitsflucht, Ausgrenzung, Konfliktscheu. „Hygge“ ist nicht bloß ein Lifestyle mit leckerem Essen, Kerzen und Landhaus-Design, sondern auch eine politische Einstellung, siehe dänische Flüchtlingspolitik. Die Rechtspopulisten sind in den skandinavischen Ländern seit Jahren etablierte Parteien, man will sein „hygge“ vor Fremden schützen. Eine kritische Webseite wie Utopia kann eigentlich kein Interesse daran haben, vor diesem Hintergrund für ein rosarotes „hygge“ Werbung zu machen, denn Umweltfragen stören auch die Bequemlichkeit.

  2. Mich beschlich beim Lesen die gleiche Befürchtung, die Nicola beschreibt. Es ist eine Flucht aus der Realität. Weg mit den furchtbaren Zeitungsartikeln und Nachrichten, die von einer Welt berichten, die aus den Fugen gerät. In den westlichen Gesellschaften nistet sich ein unangenehmes Gefühl ein, eine diffuse Angst vor der Zukunft. Dahinter steht das latente Wissen, dass nicht weniger als die Weltordnung in dieser ausbeuterischen Weise, in der wir sie kennen, nicht mehr lange Bestand haben kann. Davor die Augen zu schließen funktioniert irgendwie besser, als sich mit Problemen zu beschäftigen, gegen die man ja angeblich doch nichts machen kann. Doch genau aus dieser Gemütslage entsteht Ausgrenzung und Rechtspopulismus. Wir hier drinnen, ihr da draußen. Und bitte nicht reinkommen. Nichts gegen hyggelig an sich – es fühlt sich wunderbar an und ist eine Kraftquelle. Wahrscheinlich könnte man das Leben(generell und in solchen Zeiten besonders) gar nicht aushalten ohne sich nicht ab und zu in eine Welt voll blumiger Tischdecken, rosiger Cupcakes und weicher Lammfellteppiche zu flüchten. Und das ist auch völlig in Ordnung, wenn man danach aus der Vogel-Strauß-Haltung wieder hervorkommt und versucht, die reale Welt ein Stück besser zu machen.

  3. Mein Gott Nicola, roofy, macht Euch doch mal locker. 😉
    Warum kann man nicht gewisse Bestandteile eines Hygge Lebens übernehmen und dennoch voll in der Realität stehen und Konflikte konstruktiv lösen?

    Einerseits kritisieren wir, daß Essen keinen hohen Stellenwert mehr hat, daß die Welt immer schnelllebiger und vom Smartphone bestimmt werden muß.
    Andererseits werden Programme für Entschleunigung dann mit solchen Unterstellungen (Realitätsfremdheit, Konfliktscheu ect.) kritisiert.

    Wer sich einen ruhigen Rückzugsort schafft, wo man entspannen, abhängen, lesen, gut Essen und ruhige Gespräche mit dem Partner führen kann, der / die kann auch wieder mit Kraft betankt raus gehen und die Welt ändern.

    Allerdings finde ich auch, man muß schon sehr genau drauf achten, was gut tut und was aufgesetzter Kitsch ist.
    „blumiger Tischdecken, rosiger Cupcakes und weicher Lammfellteppiche“ würden mich sicher eher hibbelig als hyggelig machen. 😉

    „Zeit für Achtsamkeit“ ist die Kurzformel für ein rundum erfülltes Leben – und das nicht nur in Dänemark.

  4. Nee, Leute, nun ist aber auch mal gut. Schon wieder ein neuer Trend, der nur eines zum Ziel hat: Möglichst viele Bücher verkaufen, möglichst viel mit dem Schlagwort „hyggelig“ ausstatten, von Möbeln über Essen und Trinken bis hin zur Kleidung, „Mach es dir hyggelig!“ verkauft sich wohl gerade mehr als gut. Es geht also nur um eines: Möglichst viel Kasse mit dem permanent unzufriedenen und verunsicherten Deutschen zu machen, der immer nur zu hören bekommt, dass andere es besser machen als er. Nun werden also die Skandinavier bemüht, um den Deutschen ein besseres Leben zu erklären. Vorher waren es die asiatischen Länder mit Yoga und Meditation, die das Tor zur Glückseligkeit boten, „lasst mal Fünfe gerade sein“ schallte es lange aus Südeuropa, die Ernährung in beiden Regionen war sowieso viel gesünder und besser als das, was wir hier zu Tisch bringen…der Deutsche ist mit seiner Lebensweise ein einziges Mangelwesen, so scheint es. Dabei werden bei diesen Trends nur die Rosinen heraus gepickt und die „Nebenwirkungen“ dezent unterschlagen, Nicola hat das wunderbar erklärt. Nebenbei bemerkt: Diese ständige Selbstoptimiererei macht nur noch mehr Stress. Wer ständig dem Glück hinter läuft und nur noch damit beschäftigt ist derartige Tipps umzusetzen, der verpasst womöglich das kleine Glück im Alltag. Anstatt sich damit abzumühen es sich „hyggelig“ zu machen, könnte man doch einfach einen netten Waldspaziergang unternehmen und sich am Leben erfreuen. Um unsere ausgedehnten alten Wälder beneiden uns übrigens die Dänen. 😉

  5. Ich kann Nicole nur recht geben, da ich seit 10 Jahren in DK lebe und ziemlich genau weiss, was „hygge“ ist. Und Nicola hat den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Es gilt in DK als unschick, „negativ“ zu sein, kritische Gedanken zu äussern und offen zu sagen, was einem stinkt. Aber natürlich stinkt einem trotzdem was, das ist ja ganz normal. Und statt darüber zu reden, wird es dann weggehyggt.
    Ich kenne die Statistiken über das glücklichste Land etc. und es ist hier sicher in vielen Bereichen besser geregelt (z.B. Kinderbetreuung). Aber man darf auch nicht vergessen, dass DK eines der Länder mit dem höchsten Verbrauch an Psychopharmaka, sprich Glückspillen, und Alkohol ist.
    Also, soooo hyggelig ist die Welt dann doch nicht. Auch hier nicht.
    Die Deutschen haben wirklich immer die rosarote Brille an, wenn es um DK geht, vermutlich, weil sie es nur aus dem Urlaub kennen.
    Stimmt, runterfahren und entspannen ist wichtig und völlig ok. Aber bitte nicht mit den Dänen als Beispiel, das kann ich leider niemandem abkaufen.

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