Nachhaltiger Thunfisch – geht das überhaupt?

Foto: Tatty / stock.adobe.com; MSC, Naturland, SAFE, Friend of the sea

Thunfisch zählt zu den weltweit am meisten gehandelten Lebensmitteln. Hohe Nachfrage und industrielle Fangmethoden haben seine Bestände in den letzten Jahren jedoch drastisch reduziert. Darf man Thunfisch also überhaupt noch essen – und was bringen Siegel wie MSC und Dolphin Safe?

Thunfische, die grau-silbern schimmernden „Könige der Meere“, können bis zu 40 Jahre alt, 5 Meter lang und eine halbe Tonne schwer werden. Um Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern zu erreichen, haben sie ein besonders gut durchblutetes Muskelfleisch, das geschmacklich kaum fischelt und daher auch unter Fischskeptikern viele begeisterte Anhänger findet.

Das ist gut für die industrielle Fischerei, aber schlecht für den Thunfisch und auch für alle anderen Meeresbewohner, die als Beifang in seinen Netzen landen. Laut WWF sind heute bereits 6 von 8 Thunfischarten gefährdet. Bei der Frage, ob der Genuss von nachhaltigem Thunfisch überhaupt möglich ist, spielen Herkunft und Fangmethode eine entscheidende Rolle.

Thunfisch: Bestandsminimierung für kurzfristigen Profit

Die finstere Seite des Kapitalismus und seiner Ertragsoptimierung zeigt sich beim Thema Thunfisch besonders deutlich – in Form von zu hohen Fangquoten, illegaler Fischerei, immer größeren Schiffen und immer leistungsfähigeren Fangmethoden.

Mithilfe von Lockbojen und Ringwadennetzen können ganze Thunfischschwärme – und alles was dazwischen herumschwimmt, z.B. auch Delfine und Schildkröten – aus dem Meer gezogen werden.

Thunfisch ist begehrt, 60% der Bestände sind jedoch bereits überfischt, erste Arten bedroht.
Thunfisch ist begehrt, 60% der Bestände sind jedoch bereits überfischt, erste Arten bedroht. (Foto: CC0 / PD / Pixabay Kevin Phillips)

Junge Thunfische werden anschließend beim Sortieren in der Regel nicht wieder freigelassen. Sie landen entweder zunächst in Mastbetrieben, in denen sie sich allerdings aufgrund der nicht-artgerechten Bedingungen nicht fortpflanzen, oder trotz Untergewicht gleich auf dem Teller.

Ebenso problematisch, da keinesfalls selektiv, ist die Langleinenfischerei, bei der an Hunderten mit Makrelen oder Tintenfischen bestückten Köderhaken oft auch Rochen, Haie oder Seevögel zugrunde gehen. Unsere Gier nach Thunfisch gefährdet also ganze Ökosysteme.

MSC und nachhaltigere Fischerei

Der Marine Stewardship Council (MSC) hat sich die Sicherung unserer Fischbestände für die Zukunft zum Ziel gesetzt. Thunfischprodukte, die das Siegel tragen, versprechen:

  • keine Überfischung bzw. nachweisliche Erholungsphasen für bereits überfischte Bestände,
  • Erhaltung der Ökosysteme durch Minimierung des Beifangs, sowie
  • strikte Einhaltung nationaler Gesetze und internationaler Standards.

Weltweit sind derzeit etwa 370 Fischereien nach dem Standard zertifiziert. Jährlich werden Audits von unabhängigen Inspektoren durchgeführt und alle drei bis fünf Jahre müssen sich Fischereien und verarbeitende Betriebe erneut zertifizieren lassen.

In deutschen Supermärkten tummeln sich Gelbflossenthun, Echter Bonito (der auch zu den Thunfischen zählt) und Weißer Thun mit dem MSC Siegel, teils auch von Eigenmarken.

So schätzen Umweltverbände die Nachhaltigkeit von MSC-Thunfisch ein

Die Ziele und Leitlinien des MSC für mehr Nachhaltigkeit in der Fischerei stoßen international auf breite Anerkennung. Über die Frage, ob eine Fangmethode nachhaltig eingesetzt wird oder nicht, wird allerdings im Einzelfall entschieden. Umweltorganisationen ist dies ein Dorn im Auge.

  • So kam es zum Beispiel 2018 zu einem Streitfall mit dem ursprünglichen MSC-Mitgründer WWF: der MSC vergab sein Siegel erstmals an eine Thunfisch-Fischerei, die Lockbojen einsetzt – für den WWF ein No-Go und Anstoß, umfangreiche Reformen zu fordern.
  • Auch beim Thema Bestandsbewertung gab es kürzlich Unstimmigkeiten: der MSC zertifizierte eine Fischerei für atlantischen Roten Thun, dessen Bestände sich erst seit einigen Jahren wieder langsam erholen. Der WWF hat deshalb gegen die Zertifizierung Einspruch eingereicht.
  • Auch der NABU und Greenpeace haben dem MSC gegenüber Vorbehalte, nicht nur was Nachhaltigkeitsaspekte, sondern auch was Transparenz und Qualität der Zertifizierungen angeht.

Dolphin SAFE: kein Nachhaltigkeitsversprechen

Das Dolphin-SAFE-Zeichen auf Thunfischdosen verspricht, dass beim Thunfischfang keine delfintödlichen Fangmethoden eingesetzt wurden. Die Konzentration auf Delfine kommt daher, dass Thunfisch-Schwärme häufig unterhalb von Delfin-Schulen schwimmen. Letztere zeigen den Fischern an der Meeresoberfläche an, wo sie ihre Beute finden können – und landen dadurch zu Tausenden selbst in den Netzen.

Bei Thunfischprodukten, die das Dolphin-SAFE Siegel tragen, wurden keine Treibnetze eingesetzt und Delfin-Schulen nicht zum Zweck des Thunfischfanges gejagt. Große Fangschiffe müssen zudem einen unabhängigen Beobachter an Board haben, der die Einhaltung der SAFE-Kriterien überprüft.

Beispiel für einen Dosen-Thunfisch mit MSC- und Dolphin-Safe-Zeichen
Beispiel für einen Dosen-Thunfisch mit MSC- und Dolphin-Safe-Zeichen. (Foto: Hawesta)

Achtung: Das Siegel ist kein Nachhaltigkeitssiegel, welches die Erhaltung von Thunfischbeständen oder die Erhaltung von Biodiversität zum Ziel hat.

Produkte, die mit dem SAFE-Siegel gekennzeichnet sind, können also durchaus aus überfischten Thunfischbeständen stammen oder Beifang jenseits von Delfinen generiert haben. Außerdem wurde das Phänomen der Schwarmgemeinschaften zwischen Delfinen und Thunfischen bisher ausschließlich im Ostpazifik bei Gelbflossenthunfischen beobachtet – weshalb das Siegel bei anderen Arten derselben Regionen bzw. bei Gelbflossenthun anderer Herkunft deutlich weniger aussagekräftig ist.

WWF und Greenpeace räumen jedoch ein, dass unter anderem Initiativen wie SAFE zu einer deutlichen Reduzierung des sinnlosen Delfintötens beigetragen haben.

Nur 8% Beifang bei Friend of the Sea (FOS)

Wie beim MSC darf Thunfisch mit dem FOS Siegel nicht aus überfischten Beständen stammen. Durch Anwendung selektiver Fangmethoden, z.B. Angelrutenfischerei, muss außerdem die Beifangrate unter 8% der Gesamtmenge liegen, wobei der Beifang von Meereslebewesen, die auf der roten Liste der gefährdeten Arten stehen, ganz zu vermeiden ist.

Greenpeace lobt zwar die klaren Beifang-Regeln, sieht jedoch, ebenso wie der WWF, einige Mängel im Bereich Management, Datenerhebung und Monitoring der Organisation. Laut NABU stammen 50% der zertifizierten Produkte von Kleinerzeugern und traditionell betriebenen Fischereien, was in puncto Nachhaltigkeit durchaus positiv zu bewerten ist.

Followfish kombiniert Rückverfolgbarkeit, MSC und Soziales

Die Marke Followfish der Firma Followfood steht seit 2007 vor allem für eine Produktkennzeichnung, die es den Verbrauchern per Trackingcode ermöglicht, nachzuvollziehen, wo der Fisch herkommt. Alle Followfish-Produkte erfüllen die Auflagen des WWF, die meisten sind MSC-zertifiziert, einige auch Bio. 2017 wurde unter der Marke der erste Fair-Trade-zertifizierte Thunfisch in Deutschland auf den Markt gebracht.

Dosen-Thunfisch mit MSC, Dolphin Safe, Fair von Hand geangelt, klimaneutralisiert
Dosen-Thunfisch mit MSC, Dolphin Safe, Fair von Hand geangelt, klimaneutralisiert. (Foto: Followfish)

Die Fische werden auf den Malediven mit Angeln einzeln gefangen – laut Greenpeace eine der umweltverträglichsten Methoden für den Thunfisch-Fang. Die zusätzliche Fair-Trade-Zertifizierung verspricht Arbeitssicherheit, faire Löhne, Mitbestimmung und Gleichberechtigung. Dolphin Safe ist das ganze auch noch.

Followfood bemüht sich zudem sehr um Reduktion bzw. Ausgleich seiner CO2-Emissionen und will ab 2021 komplett klimaneutral arbeiten. Damit ist der Thunfisch von Followfood derzeit der wohl nachhaltigste Thunfisch im deutschen Einzelhandel.

Erster Naturland-zertifizierter Thunfisch ab Herbst im Handel

Von den Bio-Verbänden wagt sich Naturland als erster an das Thema Thunfisch heran: ab Herbst sollen die ersten Konserven im Handel erhältlich sein, die das Naturland Wildfisch Logo tragen.

Der Fisch wird auf den Azoren ausschließlich mit Angelruten gefangen (ähnlich wie bei der Marke Followfish), vor Ort in einer Manufaktur verarbeitet und ausschließlich mit ökologisch erzeugten Zusätzen (Ölen, Gewürzen) konserviert. Schutz und Erhalt des Ökosystems haben dabei höchste Priorität. Anders als zum Beispiel bei MSC müssen zum Zeitpunkt der Zertifizierung alle Naturland Wildfisch Kriterien erfüllt sein, darunter auch soziale Standards.

Fazit

Es gibt gute Argumente gegen Fisch im Allgemeinen. Wer trotzdem nicht komplett auf speziell Thunfisch verzichten möchte, sollte in jedem Fall zu MSC-, FOS-, Dolphin-SAFE- oder Naturland-zertifizierten Produkten greifen. Ideal ist, wenn die Verpackung wie etwa bei Followfish auch Aufschluss zu Herkunft, Fangmethode und sozialen Aspekten des Thunfischfangs gibt.

Darüber hinaus lohnt sich vor dem Kauf auch ein Blick in die Fischratgeber von WWF (auch als App erhältlich) oder Greenpeace. Diese werden regelmäßig aktualisiert und zeigen auf fundierter Grundlage, welchen Fisch du mit einigermaßen gutem Gewissen kaufen kannst – und welchen du besser nicht kaufen solltest.

[1] Anmerkung: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, die Thunfischbestände seien bereits um 90% dezimiert. Tatsächlich betrifft dies so nur den Blauflossen-Thun. Wir haben die Aussage entsprechend korrigiert.

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