Selbstoptimierungswahn: Hört auf, euch selbst zu optimieren!

Selbstoptimierungswahn stoppen
Foto: Ali Marel, Glenn Carstens Peters / Unsplash unter CC0

Schöner sein, fitter werden, produktiver arbeiten – dank Selbstoptimierung sollen wir ein besseres Leben führen. Und erreichen dabei vor allem eins: das Gegenteil.

Der vegane Kochbuchautor Attila Hildemann verheißt mit seiner 30-Tage-Challenge „ein völlig neues Körpergefühl“, die Fitness-App Freeletics garantiert „die beste Form deines Lebens“ und Bestseller wie „Jeder ist beziehungsfähig“ von Psychologin Stefanie Stahl versprechen, dass jeder den richtigen Partner finden kann, wenn er nur das richtige Buch liest.

Von allen Seiten erzählt man uns, dass wir in allen Lebensbereichen immer besser werden können. Die Frage ist, müssen wir das überhaupt?

Warum wir mit dem Selbstoptimierungswahn aufhören sollten

Sich Tipps und Hilfe in verschiedenen Lebensbereichen zu holen, daran ist grundsätzlich nichts Falsches. Wenn die Optimierung allerdings zum Zwang wird, wird es problematisch. Deswegen kommen hier fünf Gründe, warum wir mit dem Selbstoptimierungswahn aufhören sollten.

Grund 1: Die Selbstoptimierung setzt uns unter Druck

Der Selbstoptimierungswahn macht uns vor, dass jeder alles schaffen kann. Und so gibt es keine Ausrede mehr für denjenigen, der nicht das Maximum aus seinem Leben herausholt.

Wer es nicht tut, ist selbst schuld und Versagen darum keine Option. Das setzt uns natürlich unter Druck, führt zu Stress und macht uns am Ende erst recht nicht glücklich.

Grund 2: Es ist in Ordnung nicht „perfekt“ zu sein

Statt in Zugzwang zu geraten sollten wir kritisieren, dass alle Welt genau zu wissen scheint, was uns glücklich macht. Was uns nämlich kaum jemand sagt: Es ist in Ordnung, mit dem zufrieden zu sein, was und wer man ist.

Dabei geht es nicht darum, sich mit allem Möglichen kritiklos abzufinden. Eher: Man darf auch mit sich im Reinen sein, wenn man kein Sixpack und hat und manche Sonntage mit Serien schauen verbringt, anstatt eine Spinning-Runde im Fitnessstudio einzulegen.

Grund 3: Selbstoptimierung: Wann ist Schluss?

Wenn wir uns nur ausreichend selbst optimieren, dann sind wir irgendwann erfolgreich, schön und glücklich. Oder? Das Problem ist: Es geht immer noch mehr. Den Referenzrahmen geben nämlich nicht wir selbst, sondern andere vor. Und unter denen gibt es wahrscheinlich immer jemanden, der besser ist – sei es auf dem Partnermarkt, bei der Arbeit oder im Freundeskreis.

So setzen wir uns freiwillig dem Leistungs- und Konkurrenzgedanken einer Gesellschaft aus, die uns nicht Ruhen lässt. Und sind ständig damit beschäftigt uns weiterzuentwickeln – statt zu genießen, wer wir sind.

Selbstoptimierungswahn stoppen
Der Selbstoptimierungswahn macht uns am Ende erst recht nicht glücklich. (Foto: Victoria Palacios / Unsplash unter CC0)

Grund 4: Der Selbstoptimierungswahn zwingt uns dazu, zu konsumieren

Ob Ratgeberliteratur, Tracking-Gadgets, Kosmetik oder Sportgeräte – der Markt ist groß und für jede Baustelle gibt es das richtige Werkzeug. Wir versuchen, unser vermeintliches Problem mit Konsum zu behandeln. Dabei könnte das Gegenteil genauso gut helfen: Minimalismus.

Grund 5: Selber denken statt Selbstoptimierung

Der Schweizer Entwicklungsforscher und Kinderarzt Remo H. Largo war langjähriger Leiter der Zürcher Longitudinalstudie, die seit 1954 die Entwicklung von mehr als 700 Kindern bis ins Erwachsenenalter untersucht hat. Er warnt schon bei Kindern vor der Idee, mit ausreichender Förderung könne jeder alles erreichen.

Eines der Ergebnisse seiner Studie war, dass Menschen nicht zwangsläufig glücklich würden, wenn sie es gesellschaftlich nach ganz oben geschafft hätten. Sondern dann, wenn es ihnen gelinge, in Übereinstimmung mit ihrem Potential zu leben. Wenn sie also etwas täten, was sie fordere – aber nicht überfordere. Etwas, das zu ihnen passt.

Weiterentwicklung: Ja, Selbstoptimierung: Jein

Natürlich ist es in Ordnung, nach körperlicher und geistiger Weiterentwicklung zu streben. Wir sollten allerdings im Auge behalten, worum es uns dabei geht. Wollen wir mitmachen beim kapitalistischen Rattenrennen in einer Gesellschaft, die nur Leistung honoriert? Oder uns lieber überlegen, was wir wirklich brauchen, um glücklich und zufrieden sein zu können? Und vielleicht sollten wir dabei auch nicht nur an uns selbst denken.

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(6) Kommentare

  1. Super Artikel!!! Danke … endlich mal jemand, der die Sache auf den Punkt bringt.
    Ich denke unsere Bestimmung ist weit mehr (im wahren spirituellen Sinne), um als Konsument und Sklave dem Kapitalismus, der Wirtschaft und im Job etc. zur Verfügung zu stehen. Die wirklich wesentlichen Dinge sind schlicht und einfach.

  2. Sehr guter Artikel.
    Mein Kind ist gesund, ich bin gesund, ich habe ein gemütliches Dach über dem Kopf, ich werde jeden Tag satt und habe einen Beruf der mir Spaß macht was muss daran noch optimiert werden.

  3. Danke
    Wichtiger Anstoß – es lohnt sich wirklich, immer mal wieder innezuhalten und sich selbst zu überprüfen: was mach ich hier eigentlich und muss das sein.
    Oft ist man im Alltag so unter Druck und tappt per Autopilot genau in solche Fallen, wie du musst besser, effektiver etc. sein. Die Werbung haut es einem ja auch ständig genau so um die Ohren.

  4. Meiner Meinung nach geht es bei Selbstoptimierung nicht darum, der beste zu sein und zu werden.
    Es geht darum, sich selbst im Leben Ziele zu setzen und ja, ich bin durchaus davon überzeugt dass, man mit Kraft seiner Gedanken alles schaffen kann.

    Hierzu gibt es diverse Studien und Belege.

    Grüße.

  5. Ich möchte etwas zu den letzten Sätzen des Artikels hinzufügen, die da lauten:
    „Weiterentwicklung: Ja, Selbstoptimierung: Jein
    Natürlich ist es in Ordnung, nach körperlicher und geistiger Weiterentwicklung zu streben. Wir sollten allerdings im Auge behalten, worum es uns dabei geht. Wollen wir mitmachen beim kapitalistischen Rattenrennen in einer Gesellschaft, die nur Leistung honoriert? Oder uns lieber überlegen, was wir wirklich brauchen, um glücklich und zufrieden sein zu können? Und vielleicht sollten wir dabei auch nicht nur an uns selbst denken.“
    Stimmt. „Selbst-Optimierung im kapitalistischen Rattenrennen“ ist nicht gut…
    Aber was und wieviel an ANDERER WEITER-ENTWICKLUNG brauchen wir denn? – Da ist es nicht mit ‚ein bisschen mal in so einer Richtung denken‘ oder ‚ein bisschen auch nicht nur an sich bzw. auch an andere denken‘ getan aus meiner Sicht, und auch nicht mit ‚wir kaufen mal ein bisschen anders ein‘ oder ‚wir schrauben mal (den Konsum) runter‘, sondern wir müssten uns da auch an grundlegende Tabus rantrauen und uns z.B. fragen: Wie kann es sein, dass man zum Autofahren einen Führerschein braucht, aber für Mündigkeit, Wahl- oder auch Regierungs-Reife nur ein formales Alter angesetzt wird, ohne inhaltliche Reife-Kriterien oder -Prüfung? (Obwohl es dafür echte Kriterien gibt: siehe Entwicklungs-Psychologie, das ‚postconventional level‘ gemäß Lawrence Kohlberg…) — Und: Darf ein wirklich mündiger bzw. souveräner Mensch sich von Menschen regieren lassen, die ihn vorher nicht gefragt haben und ihn nicht mit globalen Verantwortungs-Gründen überzeugt haben?…
    Wir brauchen eine richtige systemische Revolution!
    Namaste.
    Öff Öff (siehe Wikipedia etc.)

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