Wegen Regenwald-Zerstörung: Aldi, Lidl & Co. drohen, Brasilien zu boykottieren

Fotos: © Utopia (L), CC0 Public Domain / Pixabay - Picography (R)

In Brasilien könnte bald ein neues Gesetz verabschiedet werden, das die Zerstörung des Regenwaldes weiter vorantreibt. Eine Reihe europäischer Supermarktketten droht deshalb nun, Produkte aus Brasilien zu boykottieren – darunter auch Aldi Süd, Lidl und Metro.

In einem offenen Brief, den 41 Unternehmen unterzeichnet haben, äußern sich führende europäische Supermarktketten und Lebensmittelproduzenten „extrem besorgt“ über einen brasilianischen Gesetzentwurf. Dieser könnte die Landnahme von Regenwaldgebieten durch Farmer nachträglich legalisieren.

Es ist bereits der zweite offene Brief, in dem die Unternehmen die Mitglieder des brasilianischen Kongresses bitten, den Gesetzentwurf abzulehnen. Dieser würde, so hieß es im ersten Brief vor einem Jahr, in ihren Augen „weiteren Landraub und weitverbreitete Abholzung“ befördern. Die neueste Version des Gesetzes bedeute „potenziell noch größere Bedrohungen für den Amazonas“ steht im neuen Brief.

Gesetz könnte das Amazonasgebiet gefährden

Unterzeichnet haben den Brief unter anderem die bekannten britischen Supermarktketten Tesco, Marks & Spencer und Sainsbury, aber auch Aldi Süd, Lidl, Metro sowie Migros und Co-op aus der Schweiz.

Sie schreiben:

„Wir möchten noch einmal betonen, dass wir den Amazonas als einen lebenswichtigen Teil des Erdsystems betrachten, der
der für die Sicherheit unseres Planeten essentiell ist.“

Der geplante Erlass könnte dieses Ökosystem und damit auch das Erreichen der Ziele der Pariser Klimaabkommen gefährden und die Rechte indigener Gemeinden aushebeln.

Die unterzeichnenden Unternehmen seien weiterhin bereit mit brasilianischen Produzenten zusammenzuarbeiten, „auf eine Weise, die die
wirtschaftliche Entwicklung unterstützt und gleichzeitig die Rechte der indigenen Völker und traditionellen Gemeinschaften achtet.“ Dabei müsse der Schutz der Ökosysteme gesichert sein.

Es folgt eine offene Drohung: „Wenn jedoch diese oder andere Maßnahmen, die diese bestehenden Schutzmaßnahmen untergraben, Gesetz werden, werden wir keine andere Wahl haben, als unsere Unterstützung und Nutzung der brasilianischen landwirtschaftlichen
Lieferkette zu überdenken.“

Legalisierung von Landraub und Abholzung

Der Erlass liegt dem brasilianischen Kongress zur Abstimmung vor. Er könnte die illegale Abholzung und Aneignung von öffentlichem Land vor 2018 nachträglich legalisieren – also genau jede Praktiken, die immer wieder verheerende Zerstörung in den Regenwäldern des Amazonasgebiets anrichten.

Amazonas Regenwald
Der Amazonas-Regenwald ist die „grüne Lunge“ der Erde – seine Zerstörung trifft uns alle. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay – Rosa Maria)

In Brasilien ist das Gesetz höchst umstritten. Befürworter:innen führen an, dass die Legalisierung der Landnutzung wichtig sei, um die Besitzer:innen zur Einhaltung von Umweltgesetzen zu zwingen. Umweltschützer:innen dagegen kritisieren, das Gesetz belohne Landspekulation und illegale Abholzung und lade quasi dazu ein, noch mehr Wald abzuholzen und öffentliches Land zu besiedeln.

Laut der Nachrichtenagentur Reuters schätzt die brasilianische NGO Imazon, dass der Erlass die Abholzung von 11.000 bis 16.000 Quadratkilometern beschleunigen würde. Das würde grob der Fläche Thüringens entsprechen.

Im Schatten der Corona-Krise hat sich die (größtenteils illegale) Abholzung im Amazonasgebiet bereits drastisch verschlimmert. So wurde im Jahr 2020 rund 10 Prozent mehr Wald abgeholzt als 2019 und so viel wie seit 2008 nicht mehr. Insgesamt seien 2020 schätzungsweise rund 11.000 Quadratkilometer Amazonasregenwald verloren gegangen, berechnete eine Studie.

Brasilien-Boykott: Reicht das?

Utopia meint: Bereits während der verheerenden Amazons-Brände 2019 boykottierten einige bekannte Mode-Marken Leder aus Brasilien. Dass Handelsketten auf so massive Umweltbedrohungen reagieren und ihre Macht nutzen, um Verbesserungen zu fordern, ist grundsätzlich begrüßenswert.

Allerdings würde es den großen Supermarktketten gut stehen, wenn sie auch sonst ihre Produktauswahl und Bezugsquellen nachhaltiger gestalten würden. Erst, wenn die großen Konzerne insgesamt umwelt- und sozialverträglicher wirtschaften, kann sich auch langfristig etwas ändern.

Zudem ist fraglich, ob ein genereller Boykott von Waren aus Brasilien der Bevölkerung dort wirklich hilft oder besser auf diejenigen Unternehmen gerichtet sein sollte, die tatsächlich mit Landraub und Abholzung in Verbindung stehen.

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(5) Kommentare

  1. Der letzte Absatz irritiert mich ein wenig:
    1. Zudem ist fraglich, ob ein genereller Boykott von Waren aus Brasilien der Bevölkerung dort wirklich hilft…
    — Es geht doch bei dem Boykott nicht um die Bevölkerung, sondern um den Schutz des Regenwaldes.

    2. …oder besser auf diejenigen Unternehmen gerichtet sein sollte, die tatsächlich mit Landraub und Abholzung in Verbindung stehen.
    — Diese Unternehmen werden doch von der Regierung „motiviert“, Labdraub und Abholzung zu betreiben. Deswegen ist ein genereller Boykott genau die richtige Wahl, um den Staat als solches und somit die Regierung zum Umdenken zu bewegen.

  2. Warum schaut man immer nur nach Brasilien?
    Das gleiche Ausmaß mit Abholzung findet in Zentralafrika auch schon seit Jahrzehnten statt, genauso wie in Südostasien. und das auch mit freundlicher Unterstützung großer deutscher und europäischer Konzerne.
    Boykotte treffen die Falschen, von daher für mich nur wieder Imagepflege der fetten Konzerne, wie toll sie sich für die Umwelt einsetzen.
    Wenn Sie das tun würden, müssten die Produkte nicht erst um die halbe Erdkugel transportiert werden und sie würden nachhaltige Landwirtschaft unterstützen bzw.ausbauen.

  3. Ja, der Boykott wird helfen. Unsere Konzerne kaufen nicht bei brasilianischen Bauern-Kooperativen, sondern ebenso bei Konzernen.
    Hier geht es darum eben diesen Konzernen endlich mal zu zeigen das es reicht, es reicht mit der Natur- und Umweltzerstörung, es reicht mit dem Landraub, der Enteignung und der Vertreibung der Bevölkerung.

    Und bei aller Kritik an unseren Konzernen, sich dafür zu positionieren ist definitiv mehr als nur ein Marketing-Stunt.
    Was nicht heißt, dass damit alles schön und gut ist. Aber es ist ein Schritt, es ist besser als nichts zu unternehmen.

    Produktion, Handel und Kundschaft sind keine „Inseln“; was wir kaufen wird produziert und wir kaufen was produziert wird und der Handel tut sein übriges dazu.
    Dazu fällt mir die Aktion der „Masthuhn-Scham“ aus den Niederlanden ein: Information der Kundschaft führte dazu, dass billige Qual-Masthühner nicht mehr gekauft wurden, der Handel hat reagiert, der Umgang mit den Hühnern hat sich in der Produktion verändert.

    Irgendwer muss den Anfang machen.

  4. Ich sehe das genauso. Irgend jemand muss irgendwo anfangen. Auch wenn ich die Politik unserer Lebensmittelkonzerne kritisch sehe, ist das ein guter und sinnvoller Zug. Und betroffen wären ganz sicher nicht die kleinen Bauern. Und wenn das Soja künftig aus Südfrankreich oder Spanien kommt und der Kaffee aus Afrika wäre das sicherlich keine Verschlechterung.

    Die Marktmacht hier zu nutzen ist sicherlich sinnvoller als