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Darf eine Umweltschützerin in den Urlaub fliegen? Ein Kommentar

Foto: Pixabay/ CC0/ free photos

Unglaublich: Du hast deine vegane Kollegin neulich mit einer Plastikflasche ertappt? Oder fliegt ein Vegetarier, den du kennst, mit dem Flugzeug? So viel In­kon­se­quenz … ist menschlich. Ein persönlicher Kommentar zu Rückschlägen im Umweltschutz – und wieso man trotzdem nicht aufgeben sollte.

Noch nie stand das Thema Umwelt so sehr im Mittelpunkt wie heute: Greta Thunberg marschiert mit Schülern durch Metropolen, in immer mehr Städten werden Dieselfahrverbote erlassen, und 2021 wird Einwegplastik EU-weit verboten.

Gleichzeitig achten wir vermehrt auf unseren ökologischen Fußabdruck. Viele Menschen kaufen in Unverpackt-Läden ein, andere ernähren sich vegetarisch oder sogar vegan. Auch ich bin Vegetarierin und nutze öffentliche Verkehrsmittel oder fahre Rad. Im Supermarkt versuche ich, möglichst zu biologischen, regionalen oder zumindest unverpackten Lebensmitteln zu greifen. Ich weiß Bescheid über Plastik in den Weltmeeren und den Klimawandel. Trotzdem werde ich im Sommer verreisen – mit dem Flugzeug.

Da steht es: das böse F-Wort. Flugzeuge sind natürlich Klimakiller. Stählerne CO2-Schleudern, die absurderweise auch noch subventioniert werden. Ich weiß, dass ein einziger Flug mein mühsam angespartes Klimakonto auf einen Schlag wieder in die Miesen treibt. 201 Gramm Treibhausgase strömen laut Umweltbundesamt pro Personenkilometer aus den Turbinen in die Atmosphäre, wobei der Wert je nach Flugzeugmodell und Fluggesellschaft deutlich schwankt. Fliege ich von München nach Athen, bin ich beispielsweise für den Ausstoß von 250 bis 650 (!) Kilogramm CO2 verantwortlich (Quelle).

Obwohl ich das weiß, werde ich im Juni in ein Flugzeug steigen – und damit den Klimawandel mutwillig vorantreiben. Doch wieso? Ein mentaler Aussetzer? Hat mich die Pilotenlobby bestochen? Oder ist mir das Klima am Ende doch nicht so wichtig, wie ich immer behaupte?

Auch billige Flugreisen haben ihren Preis

Ich verreise zum ersten mal seit Jahren wieder mit meiner Familie; zusammen besuchen wir Verwandte in Griechenland. In den letzten Jahren habe ich versucht, möglichst oft mit Bus oder Bahn in den Urlaub zu fahren – oder Wandertrips in Deutschland zu unternehmen. Doch meine nicht ganz so „grüne“ Familie von einer mehrstündigen Busreise zu überzeugen, ist mir leider nicht gelungen. Tatsächlich hat es sich schon nach einem Sieg angefühlt, sie davon zu überzeugen, wenigstens ihren CO2-Ausstoß auszugleichen.

Natürlich hätte auch ich die Möglichkeit, alleine den Fernbus zu nehmen oder ganz auf die Reise zu verzichten. Mit dem Reisebus würde ich, was den CO2-Ausstoß betrifft, sieben bis acht Mal so weit kommen wie mit dem Flieger. Doch ich bin der Versuchung eines unkomplizierten Flugs mit der Familie erlegen. Gemeinsam einsteigen – aussteigen – fertig. Bei Skyscanner & Co. gab es schließlich auch keinen Warnhinweis, dass mich mehrere Hundert Kilo Treibhausgase auf meiner Reise begleiten werden.

Nicht jeder ist wie Greta Thunberg

Kann man vom grünen Gewissen einfach mal Urlaub nehmen? Das glaube ich auf keinen Fall.

Aber macht mich mein Flug bereits zu einer Heuchlerin? Darf ich nicht mehr in den Biomarkt, soll ich jetzt die Hafermilch im Kaffee wieder mit Milch ersetzen?

Auch nein. Denn meine nachhaltigen Bemühungen werden nicht schlechter, nur weil ich bei einer davon versage, eben diesem Flug.

Es ist eben nicht leicht, immer ökokorrekt zu handeln. Und im Urlaub denken wohl nur wenige an Nachhaltigkeit.

Greta Thunberg hätte sich natürlich nie ins Flugzeug gesetzt, sondern wäre mit dem Bus gefahren – oder auf Engelsschwingen nach Griechenland gereist. Für so viel Konsequenz verdient sie natürlich Respekt und erhielt vor wenigen Wochen verdientermaßen eine Nobelpreisnominierung. Doch von einem Vorbild inspiriert zu sein und es ihm gleich zu tun: das ist ein großer Unterschied. Nicht jeder ist eine Greta Thunberg – und das ist ok so.

Aber wieso handeln wir überhaupt entgegen unserer Prinzipien, obwohl wir es doch besser wissen?

Umweltschutz ist mehr als Kaffee ohne Plastikdeckel

Ein umwelt- und klimafreundliches Leben zu führen, ist eine Herausforderung. Wer auf den Coffee to go und das Schnitzel am Mittag verzichtet, legt einen guten Start hin – und darf darauf durchaus stolz sein.

Den eigenen CO2-Fußabdruck konsequent zu reduzieren, schließt aber den kompletten Lebenswandel mit ein. Plötzlich wiegt der Einkaufskorb schwer, weil er mit Verantwortung gefüllt ist, der Weg in die Stadt wird zur sportlichen Herausforderung, und „mal eben schnell im Internet bestellen“ steht nicht mehr zur Debatte.

Deshalb fällt es vielen Menschen leichter, kleine Schritte in Richtung Nachhaltigkeit zu machen: Ein Bio-Einkauf zum Beispiel oder regelmäßig mit den öffentlichen Transportmitteln fahren. Wer sich aber höhere Ziele steckt – und zum Beispiel plant, von nun an auf Fleisch oder Plastik zu verzichten – muss mit Rückschlägen rechnen. Es ist noch kein Öko vom Himmel gefallen.

Mein Fazit: Auch wer sich bemüht, macht Fehler

Mein Fehltritt ist schwerwiegender als ein Wurstbrot in der Fastenzeit oder ein Coffee-to-Go, weil man den Thermosbecher vergessen hat. Ja: Es ist schlecht, dass ich fliege. Aber ich kann diesmal einfach nicht anders. Will ich hier einen Ablass dafür? Nein.

Worum geht es mir dann? Darum: Wer einen Rückschlag erlebt, wer sich dabei ertappt, nicht perfekt gehandelt zu haben – der sollte, der darf nicht den Mut verlieren. Und vor allem: Nicht zu alten Mustern zurückzukehren. Denn das hilft der Umwelt am allerwenigsten.

Wichtig ist: Es nicht dabei zu belassen. Daraus zu lernen. Zu versuchen, es das nächsten Mal besser zu machen. Fürs nächste Jahr habe ich mir daher schon Pläne für eine Zugreise zurechtgelegt.

Habt auch ihr im Alltag mit Rückschlägen zu kämpfen? Wenn ja, woran liegt das eurer Meinung nach, und wie geht ihr damit um? Verratet es uns gerne in den Kommentaren.

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(11) Kommentare

  1. Ich denke, die Menge der Inanspruchnahmen und die Gewohnheiten sind entscheidend. Ein Ausnahmeflug nach Athen ist nicht dasselbe wie Billigflüge im Abonnement zum Ballermann.
    Die Klimaleugner glauben einem sowieso erst, wenn man als Nonne, Mönch, Einsiedler, Gandhi u. dergl. lebt.
    Die heuteshow hat das so inszeniert: Leeres Zimmer, Barfußmobilität, grober Jutesack als einziges Kleidungsstück, dann glauben wir auch Greta.

  2. Habe den rubikon-Artikel mir angesehen. Ehrenwertes Ziel, sektiererisch-fanatischer Habitus, wie man ihn auch beim IS findet, wenn man das Leitfoto von brennenden Hochhäusern sieht und Formulierungen liest vom Rausch im Kampf gegen die Platzhalter des Bösen.
    Gab von Erich Fried (linker Schriftsteller) mal ein Gedicht, mit der Zeile: Alle Bösen werden geschlachtet, und die Welt wird gut?

    Über die angekündigten Blockaden wissen wir Montag mehr, z.B. ob sie eskalieren und enden wie die Gelbwesten-Proteste. Der Unterton hört sich anders an als die Friday-for-Future-Demos.

  3. Nicht jeder beruhigt so sein Gewissen. Ich habe so das Gefühl daß sich die meisten Leute eher weniger Gedanken darum machen. Ich kenne wenig Leute in meiner Umgebung die aus Umweltgründen auf ihren Flug in den Urlaub verzichten. Die schauen wie UFO’s wenn man erklärt dass man selber nicht in den Urlaub fliegt. Ein Umweltgewissen zu haben, dass ist wichtig und ein Verständnis für Nachhaltigkeit, und daran arbeitet. Schwingliesel verzichtest Du auf Alles und lebst CO2 neutral ? Ich ertappe mich immer wieder bei Dingen die ich besser machen kann/sollte. Im stressigen Alltag versage ich oft aber ich arbeite daran. Wir sollten lieber Leute sensibilisieren denen ihre Umwelt scheissegal ist anstatt über Gleichgesinnte zu schimpfen.

  4. Eine wichtige Frage sollte doch auch sein : Tun die Fluggesellschaften möglichst alles ,
    kooperieren sie genug , damit die Flugzeuge wenigstens gut besetzt / ausgelastet sind ?
    Ähnliches gilt auch für den LKW-Verkehr ( gute Logistik ? ) , dessen Ausmaß ja stark
    ansteigen soll . Warum eigentlich ? Denn das BIP verdoppelt sich ja NICHT im prognos-
    tizierten Zeitraum ? Weiß jemand was dazu ?

  5. Das Grundproblem ist, dass konkurrierende Unternehmen ein möglichst großes Stück vom Kuchen Marktplatz haben wollen und von daher eher auf Verdrängung denn auf Kooperation gepolt sind.
    Die Frage nach BIP und Verkehrsaufkommen ist schwer zu beantworten. Nicht zuletzt deshalb, weil Messgrößen wie BIP, BNE, BSP und dergleichen die konkrete Wirklichkeit nicht abbilden, sondern alles auf einen rechnerisch richtigen, aber im Grunde von der Realität abgekoppelten Wert glattbügeln. (Setze einen Millionär und einen Obdachlosen an einen Tisch, dann ist nach der Statistik jeder der beiden ein halber Millionär.) Also wenn ich einen Unfall baue mit Totalschäden und Verletzten, steigert das auch das BIP, weil Geld umgesetzt wird für Krankenwagen, Krankenhaus, Ärzte, Polizei, Feuerwehr, Autohändler, Autoverwerter usw.
    Jede LKW-Leerfahrt braucht Diesel und Arbeitszeit, das setzt auch Geld um und steigert das BIP, BNE usw.
    Der Kapitalismus macht somit im Grunde und von sich aus das Gleiche, was die sozialistische Planwirtschaft schon immer konnte: Durch absurde Verbräuche und Fehlplanungen das Soll (sozialistisches Pendant zum heiligen Wirtschaftswachstum) übererfüllen. Damit in der damaligen CSSR der wirtschaftliche Fortschritt dokumentiert werden konnte, ließ man auch nachts die Fließbänder leer laufen, denn der Braunkohlestromverbrauch dokumentierte den Arbeitsfleiß der Kombinate.

  6. Was nun? Will man den Planeten nun retten oder nur ein bisschen? Genau deshalb haben wir ja die Probleme, weil jeder für sich den Luxus und die Annehmlichkeiten haben will, die die moderne Gesellschaft ihm bietet. Weniger Fleisch essen – oder gar keins – ist für den Vegetarier bzw. Veganer nicht DER Verzicht. Vermutlich schmeckt es ihm noch nicht mal. Eine Mehrwegflasche zu kaufen und einen eigenen Kaffeebecher dabeizuhaben, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder mit dem Rad zu fahren finde ich, ist das geringste, das man für den Planeten tun kann. Wirklichen Verzicht zu leben – wie z.B. nicht in den Urlaub zu fliegen sondern Ziele anzusteuern, die man mit weniger CO2 Ausstoß erreichen kann, das nenn ich Umweltschutz. Mit einem einzigen Flug seine ganzen Bemühungen, die man im Alltag so einbringt zunichte zu machen, finde ich schon ziemlich abgefahren, wenn man „Umweltschützer“ sein und angeblich den Planeten retten will.
    Das was wir tun können, sollten wir im Kleinen tun ehe wir die Regierung und die Gesellschaft im Allgemeinen verantwortlich machen. Wenn keiner mehr fliegt, bzw. die haarsträubenden Billigflieger nutzt, dann kann man was verändern. Genau das ist unser Problem. Dass jeder doch wieder nur das für die Umwelt macht, was ihm eh nicht schwerfällt, über die Konzerne herzieht und von denen Dinge verlangt, die man selber nicht leisten will … Lachhaft – mit dieser Einstellung retten wir unseren Planeten sicherlich nicht. Es muss schon auch ein bisschen wehtun, wirklichen Verzicht bedeuten. Wenn wir bei uns im Kleinen nicht anfangen wird sich im Große nie was ändern. Solange das nicht in die Köpfe reingeht, sag ich nur „Gute Nacht“.

  7. 1. Es ist immer richtig, nicht mehr zu rauchen. Aber sei kein Illusionär, der Vulkan, neben dem du deine letzte Zigarette ausdrückst, raucht weiter und ignoriert dich. Trotzdem rauch nicht mehr weiter.
    2. Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Blöd nur, wenn er auf Gleichgesinnte trifft.
    3. Ökoflagellanten verderben Gleichgesinnten jede Lebensfreude und munitionieren die Feindbilder der Klimawandelleugner. Zum Verderb der Lebensfreude meine eigene Erfahrung:
    Als Student linker Grünwähler, wurde ich von meinen Gesinnungsfreunden als Defätist und Faschist und Verräter an der Dritten Welt und politisch wie ethisch völlig unglaubwürdig undundund beschimpft, wenn ich nicht jeden Morgen den bis zur Verkohlung verrösteten magenmordenden Nicaragua-Kaffee trank. Seitdem wähle ich nicht mehr Grün.

  8. Und so entspannt geht es ohne „DASDAAFSTENIIECH!!!!“-Bußpredigt zur Sache:

    zdf.de/gesellschaft/plan-b-verkehr-ohne-chaos-100.html

    Eine Sequenz darin beantwortet auch Siebelzahns Frage nach einer gescheiten Logistik.

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