Was eint Biobauern und konventionelle Landwirte?

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Nicht erst anlässlich der Internationalen Grünen Woche haben Bäuerinnen und Bauern, aber auch Verbraucherinnen und Verbraucher in Berlin demonstriert: Die einen wollen mehr, die anderen weniger Umweltschutz. Trotzdem sind sich beide Seiten in vielen Punkten einig.

Gleich an zwei Tagen zu Beginn der Landwirtschaftsmesse rollten wieder Traktoren durch Berlin. Etwa 400 Bauern protestierten am 17. Januar – wie schon in den Monaten zuvor – gegen die aus ihrer Sicht zu strengen Vorschriften der Politik zu Umwelt-, Klimaschutz und Tierwohl.

Tags darauf dann das Kontrastprogramm. Bei der „Wir haben es satt“-Demo blockierten zwar nur halb so viele Traktoren, dafür insgesamt ca. 27.000 Menschen die Straßen, um das genaue Gegenteil zu fordern: mehr Umweltschutz, mehr Klimaschutz, weniger Massentierhaltung.

Über die Vorzüge ökologischer Landwirtschaft gegenüber konventioneller Landwirtschaft für Klima und Umwelt wurde auch bei Utopia schon viel berichtet. Doch stehen sich hier wirklich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber? Unsere Autorin suchte nach Verbindung statt nach Spaltung – und wurde fündig.

Landwirte kämpfen für ihre Zukunft – und für Anerkennung

Landwirte, ganz egal ob konventionell oder bio, ob Naturland-, Bioland– oder Demeter-zertifiziert, wollen gute Lebensmittel für ihre Verbraucher produzieren – und davon auch leben können.

Heute ernährt ein Landwirt durchschnittlich etwa 148 Menschen, 1950 waren es gerade einmal 10. Und trotzdem kämpfen viele Bauern um mehr Anerkennung, sowohl gesellschaftlich als auch finanziell. Kurzfristige Gewinnmaximierung und das schnelle Geld macht kaum jemand in der Landwirtschaft; stattdessen bergen langfristige Investitionen in Land, Maschinen und Ställe hohe Risiken und bilden oft die Erwerbsgrundlage für viele Generationen.

Doch davon leben können viele nicht mehr, weshalb Landwirtschaft immer häufiger zum Nebenerwerb wird. Und Jahr für Jahr wird eine Vielzahl an Betrieben ganz aufgegeben (Statistik).

Bauern brauchen faire Preise

Besonders jetzt, wo die gesellschaftlichen und politischen Forderungen nach mehr Klima-, Umwelt- und Tierschutz immer lauter werden, stellt sich die Frage, wer das bezahlen soll. Da liegt es nahe, erst einmal den Verbraucher in die Pflicht zu nehmen.

Bio-Lebensmittel sind zwar 30 bis 70 Prozent teurer als konventionelle, trotzdem kommen viele Betriebe nur gerade so über die Runden. Sie haben insgesamt höhere Betriebskosten; hinzu kommen Kosten und Aufwand für Zertifizierungen.

Zwar ist die Nachfrage nach Bio-Produkten vor allem im letzten Jahrzehnt stark gestiegen, doch insgesamt betrachtet scheinen uns unsere Lebensmittel immer weniger Wert zu sein: 1950 gaben die Deutschen noch 44% ihres Einkommens für Lebensmittel aus, 2020 sind es nur noch 14%.

Für Steffen Reese, Geschäftsführer von Naturland, ist diese Entwicklung weder Zufall noch böse Verbraucherabsicht, sondern Symptom unseres Systems: „Essen müssen die Menschen sowieso, das ist wirtschaftlich gesehen wenig interessant. Damit möglichst viel Geld für andere, weniger lebensnotwendige Wirtschaftszweige übrig bleibt, wurden Natur, Mensch und Tier jahrzehntelang systematisch ausgebeutet, sodass Lebensmittel immer günstiger werden konnten. Und nun haben wir die Situation, dass Gesellschaft und Politik die Bauern anklagen, während die Bauern wiederum die Politik und die Verbraucher anklagen. Was aber grundlegend angeklagt werden muss ist unser krankes System.“

Verantwortung der Landwirtschaft für Klima, Umwelt und Tiere

Der Klimawandel mit seinen Wetterextremen, das Insektensterben und die zunehmenden Umweltbelastungen bedroht die Existenzen aller Landwirte. Sie alle leben von dem, was sie ernten, oder von den Tieren, die sie füttern und gesund erhalten müssen.

Wenn beispielsweise die Sommer immer trockener und unsere Grundwasserqualität zugleich immer schlechter wird, werden die Ernteerträge unweigerlich geringer ausfallen. Und laut NABU würde das Aussterben aller bestäubenden Insekten weltweit zu Ernteeinbrüchen um bis zu 90% führen.

Viele Lösungsansätze, zum Beispiel für fruchtbarere Böden, die neben Feuchtigkeit auch CO2 speichern, für mehr Artenvielfalt und für eine geringere Belastung unseres Grundwassers finden sich schon heute in der biologischen Landwirtschaft. Denn diese ist durch den Verzicht auf Gentechnik und chemische Spritz- und Düngemittel per se darauf angewiesen, mehr mit statt gegen die Natur zu arbeiten – und sich ihr stetig anzupassen.

„Dass konventionelle Bauern sich nachhaltigeren Ansätzen komplett verschließen kann man jedoch nicht pauschal sagen. Ich erlebe mit meinen konventionellen Kolleginnen und Kollegen zunehmend konstruktiven Austausch. Alle Landwirte sollten bereit sein, voneinander zu lernen“, so der 25-jährige Biolandwirt Markus Reisle vom Gerbachhof in Rheinland-Pfalz. „Was beispielsweise Effizienz und Digitalisierung angeht, sind uns die Konventionellen meilenweit voraus“

Bereitschaft für Veränderung findet sich auch in einer Stellungnahme der Initiative „Land schafft Verbindung“, welche die Bauernproteste der letzten Monate ins Leben gerufen hat. „Wir sind bereit, weitere Maßnahmen umzusetzen, wenn diese mit uns Praktikern besprochen werden, einen Nutzen für Insekten, Grundwasser, Tiere und unsere Böden stiften und unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stattfinden.“

Forderungen an die Politik: mehr Geld für Klima-, Umwelt-, und Tierschutz

Einig ist man sich auch darin, dass die Politik mehr finanzielle Unterstützung bieten muss, damit Betriebe den Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit und mehr Tierwohl nachkommen können; und damit Biobauern endlich für ihr bislang freiwilliges ökologisches Handeln belohnt werden.

Zielführend wäre dabei sicherlich, wenn sich die Höhe der Agrarsubventionen künftig auch daran orientieren würde, wie nachhaltig ein Betrieb bewirtschaftet wird, und nicht nur daran, wie groß er ist. Denn oft sind es eben eher kleine Betriebe, die sich um eine Ökologisierung der Landwirtschaft bemühen – und denen ist mit der Regel „wer viel hat, kriegt viel“ nicht geholfen.

„Unsere Böden bekommen regelmäßig Urlaub und eine Kur aus Gründüngung. Böden sind eben nicht nur Pflanzen-Standort, sie sind Lebensraum und CO2-Speicher“, so Biogärtnerin Sabine Kabath, die sich in ihrer 21 Hektar großen Bioland-Gärtnerei in Mecklenburg-Vorpommern besonders für gesunde Kulturen und vitale Böden einsetzt.

Mercosur bedroht Existenzen

Die meisten Landwirte in Deutschland und Europa lehnen das geplante Mercosur-Abkommens zwischen der EU und den südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ab. Sie fürchten, dass sich durch den Wegfall von Handelsbarrieren für südamerikanische landwirtschaftliche Produkte der Preisdruck für heimische Produkte noch mehr verschärft, weil dann billigere Ware eingeführt wird, die zu deutlich schlechteren ökologischen und sozialen Bedingungen produziert wird.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft und der Deutsche Bauernverband erklärten zu Mercosur erst letztes Jahr gemeinsam ihre Bedenken, und warnen vor unfairen Importstandards zulasten von Mensch, Umwelt und Natur.

Die Politik spaltet die Gesellschaft, doch Dialog ist vorhanden

„Dass die Fronten zwischen bio und konventionell verhärtet sind, wird vor allem von der Politik ständig behauptet. Es wird auf Landes- und Bundesebene jedoch sehr viel miteinander gesprochen“, so Dr. Wolfgang Dienel vom Deutschen Bauernverband.

Sein Verband wird häufig nur mit konventioneller Landwirtschaft in Verbindung gebracht, er macht sich jedoch auch für Humusaufbau stark. Und es finden sich zahlreiche Biolandwirte unter seinen Mitgliedern.

Wir müssen im Dialog erarbeiten, was wir anders machen können, denn für eine echte Transformation der Landwirtschaft braucht es die Breite aller Bäuerinnen und Bauern.“

„Mit der Betonung der angeblichen „Kluft“ zwischen Ökobauern und konventionellen Landwirten werden Differenzen von der Politik eher herbeigeredet als aus der Welt geschafft“, betont auch Steffen Reese von Naturland. „Es geht nicht um schwarz oder weiß, gut oder böse oder darum, den einen zu sagen, was sie alles falsch machen. Wir müssen im Dialog erarbeiten, was wir anders machen können, denn für eine echte Transformation der Landwirtschaft braucht es die Breite aller Bäuerinnen und Bauern. Die Ausgangslage für Veränderungen ist optimal, denn wir alle wollen, dass so viele Landwirte wie möglich in ihrem Beruf bleiben und auch davon leben können. Und dass sie von Gesellschaft und Politik den Respekt erhalten, der ihnen gebührt.“

Für eine nachhaltigere Landwirtschaft braucht es Veränderung auf allen Ebenen

Der Klimawandel, der Verlust der Artenvielfalt, die Belastung der Umwelt, der Umgang mit Tier und Natur gehen uns alle an. Die Politik muss umgehend die Weichen stellen, damit Landwirte Effizienz, Umwelt- und Klimaschutz verantwortungsvoll unter einen Hut bringen und auch davon leben können.

Zugleich müssen viel mehr Verbraucher bereit sein, nachhaltige Produkte zu kaufen. Alles utopische Forderungen? Nein. Denn was schlecht für unsere Umwelt ist darf über kurz oder lang nicht billiger sein als das, was sie erhält; und auf dieses Ziel müssen Landwirtschaft, Gesellschaft und Politik gemeinsam hinarbeiten.

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