Schlachthöfe sind Hotspots für Corona-Infektionen – das zeigt, wie krank sie sind

Foto: xy / stock.adobe.com

In Schlachthöfen haben sich bundesweit mehrere hundert Angestellte mit dem Coronavirus infiziert. Das liegt vor allem an fragwürdigen Zuständen in Schlachthof-Unterkünften. Eines wird dadurch noch deutlicher: Die Fleischwirtschaft beutet auch Menschen radikal aus.

Die Firma „Müller Fleisch“ in Birkenfeld bei Pforzheim verzeichnet rund 400 infizierte Mitarbeiter*innen, bei einem Schlachthof in Bad Bramstedt sind es mehr als 100. Bei der Firma „Westfleisch“ in Coesfeld haben sich mehr als 200 Angestellte mit dem Coronavirus angesteckt (Stand 12.5.). Das sind nur drei Beispiele von Schlachtbetrieben, bei denen sich die Corona-Infektionen häufen – und die Zahlen steigen weiter. Die meisten Betroffenen sind Leiharbeiter, oft aus Osteuropa.

Aber wieso verbreitet sich das Virus ausgerechnet in Schlachthöfen so stark? „Das ist das traurige Resultat eines kranken Systems“, sagt die „Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten“ (NGG). Die Organisation kritisiert schon länger, wie die die Fleischindustrie mit ihren Angestellten umgeht.

Neun Personen in einer Dreizimmerwohnung

Um Kosten zu sparen, stellen Schlachtbetriebe einen Teil ihrer Arbeiter*innen nicht fest an. Stattdessen beauftragen sie Subunternehmen, die ihnen Arbeitskräfte aus dem Ausland vermitteln. In der Regel sind es Arbeitsmigrant*innen aus Osteuropa, allen voran Rumänien und Bulgarien. Das Ganze funktioniert über Werk- oder Leihverträge.

Während die Arbeiter*innen bei den Schlachthöfen beschäftigt sind, wohnen sie in Sammelunterkünften. Zeit online berichtet von bis zu neun Personen in einer Dreizimmerwohnung – ideale Bedingungen für ein hochansteckendes Virus.

Der Preisdruck bei Fleisch ist hoch

Kein Wunder also, dass sich so viele Beschäftigte in Schlachtbetrieben mit dem Coronavirus infiziert haben. Sie sind wegen der harten körperlichen Arbeit ausgelaugt und damit ohnehin besonders anfällig. Ist erst einmal jemand infiziert, kann sich die Krankheit in den beengten Verhältnissen schnell verbreiten.

„Die Corona-Fälle sind trauriges Resultat des extremen Preisdrucks beim Fleisch. Diese Krise macht deutlich, wie überfällig es ist, auf Stopp zu drücken und den ruinösen Preiskampf beim Fleisch zu beenden“, sagt die NGG. Sie fordert strengere Kontrollen und Regeln für Schlachthof-Unterkünfte – und dass die Arbeiter*innen besser vor Ausbeutung geschützt werden.

Fleisch
Billigfleisch hat seinen Preis. (Bild von Karamo auf Pixabay / CC0 Public Domain)

„Du bist kein Mensch für sie“

Nicht nur die Unterkünfte sind problematisch, der Status als Werk- oder Leiharbeiter*innen bringt noch mehr Nachteile mit sich: Der Arbeitsplatz ist nicht sicher, die Beschäftigen leben in ständiger Angst vor Kündigung. Außerdem erhalten sie oft nur den Mindestlohn – für körperlich und psychisch extrem belastende Arbeiten. Vielen wird außerdem Geld für Arbeitsmittel und die Unterkunft vom Lohn abgezogen.

„Du arbeitest dort wie ein Sklave auf der Plantage“, berichtete ein Arbeiter aus der Republik Moldau dem WDR. „Du bist kein Mensch für sie. Für sie ist das wichtigste, dass du arbeitest und ihnen Geld bringst […] Wenn du nicht so schnell arbeiten kannst, dann war es das, du bist gefeuert.“

Utopia meint: Über katastrophale Bedingungen in Viehbetrieben und Schlachthöfen wird immer wieder berichtet – meist geht es dabei um Tierquälerei. Die vielen Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben bringen ans Licht, wie auch Menschen in solchen Anlagen ausgebeutet werden. Damit die Supermärkte Hackfleisch für ein paar Cent anbieten können, werden menschenunwürdige und gesundheitsschädliche Zustände für die Beschäftigten in Kauf genommen. Ein Grund mehr, auf Fleisch zu verzichten, oder den Fleischkonsum zumindest zu reduzieren.

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(6) Kommentare

  1. Habe anderswo gelesen, dass der Fleischkonsum in Deutschland seit mehreren Jahren rückläufig ist, aber immer mehr Billigfleisch produziert wird. Ich beobachte schon seit drei Jahren in den Discountern meines Ortes, dass immer mehr Billigfleisch wegen nahen Mindesthaltbarkeits- oderVerzehrdatums mit bis zu 50% Nachlass verramscht werden müssen. Lidl hat Anfang des Jahres die 400g-Geflügelfleischwurstpackung für 1 E verkauft, und noch eine Woche nach Ablauf der Aktion war der große Karton im Kühlregal voll. Fazit: Das Fleisch ist nicht nur wegen des ruinösen Verdängungswettbewerbs der Anbieter billig, sondern auch wegen sinkender Nachfrage. Dass trotzdem mehr produziert wird, liegt an der Exportwirtschaft, vieles geht davon nach Ostasien, besonders China. Der deutsche Verbraucher spielt zwar auch noch eine Rolle, aber anteilsmäßig und in absoluten Zahlen geringer werdend.

  2. Das kann ich bestätigen. Manchmal besteht fast 50 % meines Einkaufs aus Lebensmitteln, die ich so vor der Tonne rette.
    Es ist schon ein Wahnsinn, wie die Regale überquellen…

  3. Mache ich ähnlich, aber das Billigfleisch (sowie alles mit langen Transporten und Fertigprodukte mit unerwünschten Zusatzstoffen) meide ich aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen auch dann noch. Daher ist der Anteil meiner Rettungskäufe auch geringer. Irgendwann muss der Handel es doch begreifen, dass an Überschüssen auf Dauer nichts zu verdienen ist, wegen des rausgeschmissenen Geldes beim Zuliefer-Einkauf und wegen der Entsorgungskosten. Aber so weit reicht dessen ökonomischer Sachverstand (vom ökologischen ganz zu schweigen) anscheinend nicht.

  4. Was uns nicht umhaut, macht uns stärker 🙂
    Nein, natürlich bin ich mir darüber bewusst, aber zu schade zum Wegschmeißen ist es nunmal auch.
    Von meiner Oma habe ich noch gelernt keine Lebensmittel wegzuschmeißen und daran halte ich mich bis heute 😉
    Ich frage mich allerdings auch, wie lange die Billig-Billig-Mentalität in sämtlichen Lebensbereichen noch so weiter geht…

  5. Seuchen wie Corona zeigen sehr schön wie entscheidend eigentlich die Lebensumstände der Menschen für die letztlichen Auswirkungen der Krankheit sind.

    Seit dem Wettstreit Robert Koch gegen Louis Pasteur, aus dem Koch als Gewinner hervorging, hat sich fast die gesamte Schulmedizin den Experimenten Kochs verschrieben, die auch immer wieder im Labor „nachprüfbar“ sind.
    Nur leider, oder Gott sei dank ist die Natur kein steriles Labor. Man kann nicht alles einzeln betrachten!
    Pasteur hingegen hatte schon damals den gesamtheitlichen Ansatz im Blick.
    Hierzu sehr zu empfehlen die Doku: Koch und Pasteur – Duell im Reich der Mikroben – natürlich auf ARTE 😉

  6. Neben der grauenhaft qualvollen Tierhaltung und Tötung ist es richtig, dass die Arbeitsbedingungen der dort arbeitenden Menschen oft als moderne Sklavenhaltung beschrieben wird.