Wegen „Fridays for Future“: Berliner Schülern droht Sitzenbleiben

Foto: "Fridays for Future - 25.01.2019 in Berlin " von FridaysForFuture Deutschland unter CC-BY-2.0 (Jörg Farys / WWF)

Weil sie freitags an den „Fridays-for-Future“-Klimaschutz-Demos teilnehmen anstatt in die Schule zu gehen, könnten einige Berliner Schüler nun sitzenbleiben. Ihr Schicksal wird sich in der Zeugniskonferenz nächste Woche entscheiden.

Tausende Schüler nehmen seit mehreren Monaten jeden Freitag an den „Fridays-for-Future“-Klimastreiks teil. Bis Ende des Schuljahres müssen einige Berliner Gymnasiasten, die deshalb regelmäßig freitags die Schule schwänzen, zittern: Noch ist unklar, wie die Schulen mit ihren Fehlzeiten umgehen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge könnten mehrere Berliner Schüler der neunten und zehnten Klasse aufgrund ihrer Fehlzeiten sitzenbleiben.

„Individuelle Prüfung der Fehlzeiten“

Laut welt.de habe in einer Gruppe des Messenger-Dienstes Telegram eine Berliner Schülerin des Lessing-Gymnasiums geschrieben, ihr und zwölf weiteren Schülern sei mit Nicht-Versetzung gedroht worden. Die Fridays-for-Future-Aktivisten nutzen Telegram zur Kommunikation. Laut der Schülerin werde die Nicht-Versetzung damit begründet, dass das Streiken als Schwänzen angesehen werde und die Schule sie aufgrund der Fehlzeiten nicht versetzen dürfe.

Der Schulleiter der betroffenen Schule äußerte sich auf der Schul-Webseite folgendermaßen:

„Im Rahmen der Zensurenkonferenzen werden am Ende des Schuljahres für alle Schülerinnen und jeden Schüler, die sich regelmäßig an Fridays for Future beteiligt haben, individuell nach Prüfung der Fehlzeiten Noten- und Versetzungsentscheidungen sehr ernsthaft getroffen.“

Er weist auch darauf hin, dass laut Schulgesetz „Leistungen, die […] nicht erbracht werden, […] immer mit der Note „ungenügend“ zu bewerten“ sind.  Es werde „Unterricht der Fächer, die nur freitags stattfinden, immer mit der Jahrgangsnote ungenügend bewertet, wenn eine Schülerin oder ein Schüler im 2. Schulhalbjahr weniger als sechs Wochen kontinuierlich oder weniger als insgesamt mindestens acht Wochen am Unterricht teilgenommen“ habe.

Eine Sechs im Zeugnis wegen Fridays for Future?

Einigen Schülern, die sich regelmäßig an den Klimastreiks beteiligen, könnte also theoretisch eine Sechs im Zeugnis drohen und sie zwingen, die Klasse zu wiederholen. Allerdings weist der Tagesspiegel darauf hin, dass die Schulen durchaus einigen Spielraum im Umgang mit Fehlzeiten ihrer Schüler haben. Und der Schulleiter der Lessing-Schule hält nach eignen Angaben „die Thematik der Demonstration für unterstützenswert“.

Es ist also möglich, dass die betroffenen Schüler versetzt werden; darüber wird in der Zeugniskonferenz kommende Woche entschieden. Bis die Schüler am Ende des Schuljahres (in Berlin ist das schon am 20. Juni) ihre Zeugnisse ausgehändigt bekommen, können sie sich aber nicht ganz sicher sein, ob sie in die nächste Klasse versetzt werden oder nicht.

Diesen Freitag zumindest können die Berliner Schüler unbesorgt demonstrieren – in Berlin ist Brückentag und schulfrei.

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(4) Kommentare

  1. 1. Aus NRW weiß ich, dass Lehrer nur bei 100% unentschuldigter Abwesenheit ab 25% aller Kursstunden eine 6 geben dürfen, war der Schüler oder die Schülerin einige Male anwesend, muss der Stoff abgeprüft werden. So wurden einige Lehrer letztlich bei der Negativbenotung von oben her ausgebremst, zu einer Zeit, als Friday-for-Future noch nicht im Wortschatz existierte.
    2. Schwänzen definiert sich als Regelverletzung allein aus persönlichem Motiv zur Pflichtverweigerung, ohne dass jemand anderes davon berührt ist. Bei einem Streik geht es um ein übergeordnetes, kollektives Anliegen mit Blick auf ein größeres Ganzes. Folgerungen:
    a) Von daher verbietet sich die Gleichsetzung von Schulstreik mit Schwänzen. Wer hier von Schwänzen redet, und das tun anscheinend herausragende pädagogische Funktionsträger und Entscheider, ist m.E. ein sprachverwahrloster Begriffspanscher und somit für den Bildungsberuf ungeeignet.
    b) Jeder Anwalt kann mit der substanziellen Unterscheidung von Schulstreik und Schwänzen den Vorwurf des Schwänzens widerlegen und juristisch gegen die Nichtversetzung vorgehen. Wenn er den Auftrag dazu von den Betroffenen bekommt.
    3. Schon merkwürdig, dass in NRW ein Lehrer sich rechtfertigen muss wie im oben genannten Fall, wo das Schwänzen aus reinem Eigennutz geschah, aber sobald es um Friday-for-future geht, ist man (hier in Berlin) ganz schnell mit der 6 bei der Hand und hat den Segen der Schulleitung und Schulaufsicht.
    4. Noch ein Beispiel für funktionstragende Schizophrenie im pädagogischen Betrieb:
    Stört ein Schüler ständig und schadet damit sich selbst und allen (auch eine Form der Verweigerung gegenüber der Mitarbeitspflicht), darf der Lehrer (in NRW) das nur im pädagogischen Gespräch regeln (lt. Weisung der Schulaufsicht und einiger Schulleiter), niemals über die Note: „Aber über deine Fünfen müssen wir nochmal reden,“ so ein Schulleiter an einen alten (und damit berufserfahrenen) Lehrer.
    5. Es wird mehr Unterricht aufgrund fehlender Einstellungen nötigen Personals gekürzt und fallen mehr Kursstunden durch pädagogische Events und Sonderveranstaltungen (z.B. durch ADAC, IHK, Berufsvertreter und andere Lobbies) aus als durch die ganze Friday-for-Future-Geschichte. Und kein pädagogischer Funktionsträger schreit, auch wenn dem Fachlehrer die Benotungsbasis schrumpft. Welch eine Heuchelei.

  2. Du meine Güte … die Schüler mit Nicht-Versetzung zu bedrohen … fällt denen nichts Kreativeres ein, wie man mit den Fehlzeiten umgehen kann?

    Und von solchen „schlauen“ Köpfen lernen die Kinder was noch mal genau?
    Wozu brauchen sie denn Schule, wenn sie ohnehin nur starres, unkreatives Buchwissen dort lernen können, wie diese Dienst-nach-Vorschrift-Vorgehensweise nahelegt?
    Wenn das alles ist, was die Pädagogen auf Lager haben, dann frage ich mich, wieso sowas auf Kinder losgelassen werden darf?

    „Sei so, dass ich dich in einer Schublade wiederfinde!“
    „Komm bloß nicht auf eigene Ideen, für die ich keine Tabelle habe!“
    ….
    Dieser „Machs-tot“ – Reflex ist bei Lehrern etc. einfach nicht auszurotten.

  3. Das hat seine Ursache in der totreformierten Lehrerausbildung (ich beziehe mich auf NRW). Der Sachbezug gilt als nicht kindgerecht, sondern nur der Kompetenzbezug unabhängig vom Gegenstand. Sachkenntnis ist inzwischen zweitrangig, und so lernen angehende Lehrer vielleicht noch in den (in der Schule marginalisierten) Geisteswissenschaften rudimentär dialektisches und diskursives Denken. Im Schulalltag zählt ohnehin nur das funktionalistisch-formalistische Routinedenken (Mathe und Fremdsprachen mit ihrem Autoritätsbonus der Schriftlichkeit, selbst wenn vorne nur ein monotoner Besenstiel steht), während die gesellschaftswissenschaftliche, geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche differenzierende Analyse „Nebenfach“ und damit Nebensache ist, nicht mehr wert als ein entbehrliches Hobby (Ach, ist ja nur Religion,nur Ethik, nur Geographie… Aussprüche von Korrekturfachlehrer/innen). So schafft man die Funktionsidioten, die die Wirtschaft und rückwärtsgewandte Politik braucht.

  4. Eigentlich habe ich hier genug abgelassen, aber eine Frage habe ich noch:
    Warum verdammt noch mal sind es rot-grün regierte Schulaufsichten, die das Bildungswesen autoritär handhaben (von den Schwarzen habe ich es nicht anders erwartet) und den Stil des preußischen Befehlshabertums pflegen? Weil in Berlin das Preußentum als geistiges Gen zuhause ist?
    In NRW waren es die Regime von Rau, Clement und Steinbrück, die im Schulwesen mit der Keingeldkeule geknüppelt haben. So wurden z.B. die Lehrer für den Unterrichtsausfall öffentlich gescholten, der durch die destruktive Einstellungspolitik verursacht wurde, und die Auflastungen wurden von den Schulleitern brav von oben nach unten wie in einer Befehlskette durchgereicht. Kasernenhof funktioniert ähnlich.
    Auch die grüne Ministerin Löhrmann glaubte, Inklusion könne den Schulen par Ordre de Mufti reingeprügelt werden. Los Lehrer mach! Ein Dreijähriges betete abends beim Einschlafen: Liebergott mach, dass… Infantilität ist ein Kennzeichen autoritären Regimes.
    Zum Funktionieren der destruktiven bildungspolitischen Befehlskette sagte der Parteienforscher Arnulf Bahring im Polittalk „Klaus Bresser“ (Pro7) im Jahre 2003:
    „98% aller Schulleiter in NRW haben das SPD-Parteibuch. Das ist DDR light.“

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