Rassismusdebatte: Knorr benennt Soße um

Foto: © Knorr

In den vergangenen Monaten haben mehrere Unternehmen in den USA Namen ihrer Produkte geändert – um rassistische Klischees zu verbannen. Auch in Deutschland steigt das Bewusstsein für rassistische Begriffe. Jetzt hat Lebensmittelhersteller Knorr eine Namensänderung angekündigt.

Bald wird es in den Supermärkten keine „Zigeunersauce“ mehr von Knorr geben – stattdessen heißt sie künftig „Paprikasauce Ungarische Art“. „Da der Begriff ‚Zigeunersauce‘ negativ interpretiert werden kann, haben wir entschieden, unserer Knorr Sauce einen neuen Namen zu geben“, teilte Mutterkonzern Unilever am Wochenende mit.

Kritik an dem Namen gab es schon lange: Wie Spiegel online berichtet, hatte beispielsweise das „Forum für Sinti und Roma“ bereits 2013 eine Namensänderung gefordert. Knorr hatte sich damals jedoch geweigert und auf die „100-jährige Tradition“ verwiesen. Das Forum konnte jedoch zumindest einen Teilerfolg erzielen: Die Stadt Hannover schaffte den Begriff „Zigeunerschnitzel“ in den Kantinen der Stadtverwaltung ab.

Der neue Name der Knorr-Sauce sorgt für Aufregung

Knorr, Zigeunersauce
Diese Sauce heißt demnächst anders. (Foto: © Knorr)

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma begrüßte, dass sich Knorr nun doch ebenfalls für einen neuen Namen entschieden hat: „Es ist gut, dass Knorr hier auf die Beschwerden offenbar vieler Menschen reagiert“, sagte der Vorsitzende Romani Rose der Bild am Sonntag.

In den sozialen Netzwerken sorgte die angekündigte Namensänderung für Aufregung und hunderte Kommentare. Auf Twitter trendete der Begriff „Zigeunersauce“. Viele Nutzer*innen beschwerten sich über den neuen Namen. „Ich kann an dem Wort Zigeunersauce absolut nichts rassistisches erkennen. Das ist die Kapitulation vor einer unsichtbaren Gesinnungspolizei“, kommentierte beispielsweise jemand auf Twitter.

Wieso ist „Zigeuner“ rassistisch?

Dabei ist der Rassismus in der Bezeichnung „Zigeuner“ ziemlich leicht identifizierbar. Der Begriff ist auf mehreren Ebenen problematisch:

  1. Mit „Zigeunern“ sind Sinti und Roma gemeint – sie selbst haben sich aber nie so genannt und lehnen diese Fremdbezeichnung ab. Hier hat also die Mehrheitsgesellschaft einer Minderheit einen Namen aufgezwängt.
  2. Hinzu kommt: Historisch gesehen ist die Bezeichnung mit zahlreichen rassistischen Klischees verbunden – etwa, dass „Zigeuner“ Kinder stehlen würden. Laut dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma habe eine bestimmte Duden-Auflage noch 1986 unter dem Stichwort „Zigeuner“ auf die Begriffe „Abschaum“ und „Vagabund“ verwiesen. Im Konzentrationslager Auschwitz wurden Sinti und Roma in einem eigenen Bereich namens „Zigeunerlager Auschwitz“ ermordet.
  3. Auch heute wird der Name als Schimpfwort verwendet.

Dass der Begriff neutral ist – wie oft behauptet – ist also schlicht falsch. Eine solch herabwürdigende Bezeichnung aus der Öffentlichkeit zu verbannen, ist längst überfällig. „Sprache ist Ausdruck von Machtverhältnissen. Rassismus wird durch Sprache fortgeschrieben“, kommentierte ein User auf Twitter.

Namensänderungen allein reichen nicht aus

Zugleich sagte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma als Reaktion auf die Namensänderung der Knorr-Sauce: „Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit.“ Wichtiger sei es, Begriffe wie „Zigeuner“ kontextabhängig zu bewerten, „wenn etwa in Fußballstadien ‚Zigeuner‘ oder ‚Jude‘ mit offen beleidigender Absicht skandiert wird“.

Utopia meint: Sinti und Roma werden in Europa seit Jahrhunderten rassistisch diskriminiert. Namensänderungen wie nun bei Knorr werden daran erst einmal wenig ändern. Aber sie haben wichtige positive Effekte: Zum einen verschwinden erniedrigende Begriffe aus der Öffentlichkeit – was für Betroffene eine Erleichterung sein kann. Zum anderen kommt Rassismus gegen Sinti und Roma durch solche Debatten ins Gespräch. Klischees und Vorurteile über sie sind weit verbreitet, der historische Kontext ist aber weniger bekannt. Zugleich darf es nicht bei symbolischen Gesten wie Namensänderungen bleiben. Gegen Diskriminierung von Minderheiten vorzugehen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

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(1) Kommentar

  1. Schon wieder ein kreiiertes vermeintliches „Rassismusskandälchen“.
    Wann kehrt denn endlich wieder Vernuft und Verstand ein, damit nicht weiterhin jegliches Produkt von allen Seiten begutachtet wird, ob sich nicht doch was anzügliches daran findet?!
    Ist das Bauernbrot auch bald eine Beleidigung, weil es nicht der Bauer, sondern meist der Bäcker bäckt?
    Inzwischen scheint zudem kaum einer mehr für sich selbst verantwortlich zu sein, da sämtliches ja nur noch geschieht, da man zu dunkel/zu hell, zu dick/zu dünn etc. ist und deshalb benachteiligt wird.
    Ist das wirklich die Priorität des Tages und die produktive Zukunft? Manchmal hilft einfach nur Joggen gehen, damit der Kopf wieder frei wird, von einer verbohrten Denkweise.