Elternzeit für Kühe: In diesem Betrieb dürfen Kälber bei ihren Müttern bleiben

Milchkühe in Elternzeit
Foto: © De Ökomelkburen

In Milchbetrieben werden neugeborene Kälber in der Regel sofort von der Mutterkuh getrennt, denn die Milch der Kuh soll verkauft und nicht an das Kalb verfüttert werden. Es gibt aber auch Milchbauern, die einen anderen Weg gehen – und ihren Milchkühen „Elternzeit“ geben.

In Hochleistungs-Milchbetrieben sind säugende Kühe nicht vorgesehen – sie würden die Abläufe stören und Milch trinken, die eigentlich verkauft werden soll. Deswegen werden Kälber in der Regel schon wenige Stunden nach der Geburt oder spätestens nach einigen Tagen von ihren Müttern getrennt. Für Kalb und Kuh ist das eine Qual.

Zu trinken bekommen die jungen Kälber in konventionellen Betrieben dann nicht Muttermilch, sondern Ersatzmilch aus speziellen Nuckeleimern. Die Milch wird aus Pulver und warmem Wasser angerührt. Auch viele Biobauern trennen der Süddeutschen Zeitung zufolge die Kälber von den Müttern – allerdings bekommen die Tiere in Bio-Betrieben noch richtige Kuhmilch in ihre Nuckeleimer.

„De Öko Melkburen“ machen es anders

Einige Betriebe überdenken diese Vorgehensweise, wie zum Beispiel die „De Öko Melkburen“, drei Bioland-Bauern aus Schleswig-Holstein. Die Bauern lassen die Kälber für mindestens drei Monate bei ihren Müttern. Ihre „Vier-Jahreszeiten-Milch“ ist laut der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ bundesweit die erste im Einzelhandel erhältliche Milch, die ausschließlich aus muttergebundener Kälberaufzucht stammt.

Die Kunden hätten den Ausschlag für den Umstieg zur „Elternzeit-Milch“ gegeben, erzählt uns Hans Möller. Er ist der Geschäftsführer des Bioland-Betriebs. „Die Leute haben uns immer die gleiche Frage gestellt, nämlich: Wie wachsen eure Kälber auf?“ Weil man mit der Antwort selbst nicht zufrieden gewesen sei und dem Verbraucher gerecht werden wollte, habe man dann vor drei Jahren einfach den Umstieg probiert. „Wir dachten, wir fangen jetzt einfach mal damit an, und haben dann gemerkt, dass es genau das richtige war.“ Möller erzählt Utopia, wie entspannt die Atmosphäre jetzt auf dem Hof sei.

Die Kühe leben mit den Kälbern im Herdenverband und können, wann immer sie wollen, Milch trinken und mit anderen Kälbern spielen. Zwar werden die Kühe während dieser Zeit auch gemolken, jedoch verzichtet der Hof auf einen großen Teil der Milch zugunsten einer ethischen Nutztierhaltung. „Wir gewähren unseren Kühen ihre verdiente ‚Elternzeit‘“, heißt es auf der Webseite der Melkburen.

Kälber entwickeln sich besser

Laut Möller entwickeln sich die Kälber auf dem Hof der Öko Melkburen besser, seitdem sie nicht mehr von den Müttern getrennt werden. Seit der Umstellung seien die Kälber wüchsiger, gesünder und vitaler, sagt Möller.

Durch die Nähe zu den Muttertieren trinken sie nun viel mehr, nehmen schneller zu und lernen früher, Gras und Heu zu fressen. So bringt die „muttergebundene Kälberaufzucht“ nicht nur für die Tiere selbst Vorteile mit sich: Seit der Umstellung habe der Betrieb deutlich niedrigere Tierarztkosten.

Wo kann man die Milch kaufen?

Zu kaufen gibt es die Vier-Jahreszeiten-Milch der Öko Melkburen in Geschäften in Schleswig-Holstein und Hamburg. Dort wird die Milch zum Teil auch von Supermarkt-Ketten verkauft, der Betrieb beliefert unter anderem Rewe und Edeka.

Der Betrieb verkauft in der Säugephase weniger Milch als sonst, macht also wirtschaftliche Einbußen. Das schlägt sich auch leicht im Preis nieder: „Vier Pfoten“ zufolge wurde die Vier-Jahreszeiten-Milch nach der Umstellung rund 30 Cent teurer. Ein Liter der Milch koste im Einzelhandel 1,79 bis 1,99 Euro.

Aber rechnet sich das auch finanziell für den Betrieb? „Das ist uns gar nicht so wichtig,“ sagt Möller. „Wir haben ein besseres Gefühl seit der Umstellung, ein tolles Hofklima und den Dank der Verbraucher.“

Er meint, wenn sich dieser Standard etablieren würde, hätten wir nicht so einen Überfluss an Milch. Die Milchpreise wären stabiler, die Tiere zufriedener und die Verbraucher würden es honorieren.

Wo es noch Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht kaufen gibt zeigt die Liste „Höfe mit mutter- oder ammengebundener Kälberaufzucht“ der Welttierschutzgesellschaft (PDF, Stand September 2018)

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