Post-Corona-Manifest: 174 Wissenschaftler*innen veröffentlichen 5-Punkte-Plan

Foto: CC0 Public Domain / Pixabay

Die Menschheit befindet sich wegen der Corona-Krise im Ausnahmezustand, aber irgendwann wird die Pandemie vorbei sein. Dann ist es an der Zeit, einige Dinge grundlegend zu verändern, sagen Wissenschaftler*innen aus den Niederlanden. Sie haben fünf Forderungen für die Welt nach Corona formuliert.

Es wird wahrscheinlich noch eine ganze Weile dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren werden. Wenn es soweit ist, sollten wir auf keinen Fall so weitermachen, wie vor der Corona-Pandemie – das fordert eine Gruppe von 174 Wissenschaftler*innen von acht niederländischen Universitäten.

Die Gruppe besteht hauptsächlich aus Soziolog*innen und Umweltwissenschaftler*innen. Sie hat einen Plan mit fünf Vorschlägen erstellt, die zu mehr Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung beitragen sollen. Das Ziel: Aus den Lehren der Epidemie lernen und bisherige Fehler in der Zukunft vermeiden. Das Coronavirus mache deutlich, welche Schwachstellen unsere Systeme haben.

Die Wissenschaftler*innen richten sich mit ihrem 5-Punkte-Plan an die niederländische Politik. Mit seiner Kritik an aktuellen Wirtschafts- und Produktionsmechanismen lässt er sich aber auf so gut wie jedes Land übertragen. Das sind die Forderungen:

1. Der Wachstumszwang des Bruttoinlandproduktes muss aufhören

Die Corona-Pandemie stürzt die Wirtschaft in eine schwere Krise. Zahlreiche Unternehmen sind in ihrer Existenz bedroht, Menschen weltweit haben kein Einkommen mehr. „Die Tatsache, dass Covid-19 schon jetzt so einen bedeutenden wirtschaftlichen Effekt hat, liegt unter anderem an dem wirtschaftlichen Modell, das in den vergangenen 30 Jahren global dominiert hat“, schreiben die Wissenschaftler*innen aus den Niederlanden. Das System fordere eine unendlich wachsende Zirkulation von Gütern und Menschen – und verursache dabei ökologische Probleme und Ungleichheiten.

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Das globale Wirtschaftssystem ist auf ständiges Wachstum ausgerichtet. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay.de – Pixource)

Die Lösung – nach Ansicht der 174 Wissenschaftler*innen: Wachstum und Investitionen soll es nur noch in bestimmten Bereichen geben, unter anderem den systemrelevanten öffentlichen Sektoren, bei erneuerbaren Energien sowie dem Bildungs- und Gesundheitswesen. In anderen Bereichen seien hingegen Reduktionen nötig, etwa bei fossilen Energien, im Rohstoffabbau oder in der Werbung.

2. Wirtschaftsmodell, das auf Umverteilung basiert

Pflegekräfte, Kassierer*innen oder Angestellte im öffentlichen Nahverkehr: Die Gesellschaft ist in der Corona-Pandemie mehr denn je auf ihre Leistungen angewiesen. Allerdings werden die Menschen in solchen Branchen schlecht bezahlt. Der 5-Punkte-Plan sieht daher eine Umverteilung des Wohlstandes vor – mit diesen Vorschlägen:

bedingungsloses grundeinkommen
Eine Forderung: bedingungsloses Grundeinkommen für alle. (Foto: CC0 / Pixabay / moerschy)
  • Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens
  • Eine stark gestaffelte Versteuerung des Einkommens, von Gewinnen und Wohlstand – die Reichen zahlen mehr
  • Reduzierte Arbeitszeiten und geteilte Arbeitsplätze

3. Veränderungen in der Landwirtschaft

Die Idee einer nachhaltigen Landwirtschaft wird zum Beispiel durch sogenannte "Solawis" umgesetzt.
Ökologische Landwirtschaft ist besser für die Umwelt. (Foto: CC0 / Pixabay / flockine)

Eine weitere Schwachstelle des aktuellen Systems ist der Effekt unserer Wirtschaftsweise auf Ökosysteme und die Biodiversität. Die Wissenschaftler*innen warnen in ihrem Schreiben: Zerstören wir die Umwelt weiter, sind mehr und schlimmere Pandemien möglich. (Mehr Infos dazu: Wie Umweltschutz und Seuchenschutz zusammenhängen)

Damit es nicht soweit kommt, muss sich unter anderem die Landwirtschaft ändern – sie ist unter anderem für die Zerstörung von großen Flächen Regenwald verantwortlich. Sie soll so ausgerichtet werden, dass sie die Artenvielfalt erhält, hauptsächlich vegane und vegetarische Lebensmittel produziert, lokal arbeitet und die involvierten Arbeiter*innen fair bezahlt.

4. Weniger Konsum und Reisen

Fliegen, Lufthansa, Flugzeug, München, Nürnberg
Flugreisen sind extrem klimaschädlich (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay)

Eine weitere Maßnahme, die der Umwelt zugutekommen soll: Menschen sollen weniger konsumieren. Die Wissenschaftler*innen sprechen von einer „drastischen Verlagerung von Luxus und Verschwendung“ zu einem Konsum, der nachhaltig ist und nur das Nötigste umfasst.

5. Schuldenerlass

Der letzte Punkt in dem Schreiben der Wissenschaftler*innen handelt von Schulden. Sowohl Finanzinstitute als auch reiche Staaten sollen Arbeiter*innen, Inhaber*innen kleiner Geschäfte und Ländern im globalen Süden ihre Schulden erlassen. Dieser Punkt steht in starkem Widerspruch zu aktuellen Strategien: Unternehmen und Selbstständige erhalten zurzeit Kredite und Staaten nehmen extrem hohe Schulden auf, um den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus entgegenzuwirken.

Die nächsten Krisen sollen weniger Leid verursachen

Mit dem 5-Punkte-Plan geht es den Wissenschaftler*innen darum, diejenigen Bevölkerungsgruppen anzuerkennen, die am stärksten von der Krise betroffen sind – also Menschen in Armut, schwierigen sozialen Verhältnissen oder im globalen Süden. „Wir können ihnen gerecht werden, indem wir sicherstellen, dass die kommenden Krisen deutlich weniger massiv werden, weniger Leid verursachen oder gar nicht erst entstehen.“ Die Frage sei nicht, ob die genannten Strategien wirklich umgesetzt werden müssen, sondern wie das möglich ist. Dazu liefert das Schreiben allerdings noch keine konkreten Empfehlungen.

Hier das Post-Corona-Manifest in voller Länge (englische Version).

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(4) Kommentare

  1. Toller Plan 👍 Jetzt ist die Chance, eine bessere Welt zu schaffen!
    Ansonsten kommen wohl schwere Zeiten auf uns zu, während die „Elite“ sich weiter an uns gesund stößt.

  2. Das mit dem „Schuldenerlass“ ist so eine Sache und kollidiert mit dem Punkt „Weniger Konsum und Reisen“.

    Hier muss man sich die Frage stellen, wo diese Schulden herkommen. Es gibt nicht wenige Menschen die einfach über ihre Verhältnisse leben. Da wird fast jeglicher Luxus auf Pump finanziert. Eine Bekannte sagte letztes Jahr zu mir, dass sie im kommenden Jahr ein neues Auto kaufen werde. Im Monat X des Folgezahres sei endlich die Küche (10.000 €) abbezahlt. Dass das neue Auto wieder finanziertt wird, versteht sich von selbst. Auch Urlaube werden nicht selten über Kredit finanziert und der Einzelhandel bietet so manches mit einer 0%-Finanzierung an.

    Mein Kreditkartenanbieter schreibt mich z. B. jeweils vor der bevorstehenden Urlaubssaison und vor Weihnachen an, ob ich nicht vielleicht 2.000 € auf mein Girokonto haben möchte. Dieses könne ich dann in „bequemen Raten“ zu schlanken 15 % Zins abbezahlen. Es handelt sich hierbei übrigens um eine Deutsche Landesbank.

  3. Konkreter Vorschlag für den Anfang: Lebensmittel und Wohnen von der Mehrwertsteuer befreien, dafür für nicht lebensnotwendige Dinge wie Autos, Kleidung, Reisen erhöhen (senkt automatisch die Konsumlust). Werbung ganz abschaffen, um keine künstlichen Bedürfnisse zu generieren. Einmalprodukte (außer evtl. Krankenhausbedarf) verbieten.

  4. Gute Ideen im Artikel und hier im Forum!
    Ich hoffe ganz ehrlich, die Menschheit nimmt irgendetwas Gutes mit aus dieser Kriese.
    So wie es die letzten 10 Jahre lief, darf es nicht weiter gehen:
    Immer nur Mehr Geld, mehr Arbeit, immer Mehr Umweltzerstörung, immer Mehr unzufriedene Menschen.
    Ich für meinen Teil werde Konsequenzen ziehen und bei dem Hamsterrad nicht mehr mitmachen.