Chinas Neue Seidenstraße: Was das für die Umwelt bedeutet

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Die Neue Seidenstraße hat das Potenzial, die Umwelt zu beeinflussen – unklar ist aber noch, in welche Richtung es dabei geht. Lies hier, welche Bedenken das Projekt aufwirft und welche möglichen Lösungen es gibt.

Die Neue Seidenstraße: Ein Megaprojekt des 21. Jahrhunderts

Die Neue Seidenstraße ist eine geplante Handelsverbindung zwischen Asien und Europa. Damit kann sie die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Regionen vorantreiben. Diesen ehrgeizigen Plan stellte der chinesische Präsident Xi Jinping 2013 der Öffentlichkeit vor.

Laut Projektinformationen ist die Neue Seidenstraße ein Entwicklungsprogramm. China möchte mit der Initiative den Austausch zwischen seinem Land und Europa stärken. Dabei geht es hauptsächlich um den Handel, aber auch um den kulturellen und sozialen Austausch. Das Projekt Neue Seidenstraße nennt Tourismus oder das Gesundheitswesen als Beispiele.

Nach eigenem Verständnis schließt China mit der Seidenstraße des 21. Jahrhunderts an die Tradition der antiken Seidenstraße an. Diese war ein Netz aus Karawanenstraßen, das über Jahrhunderte hinweg Bestand hatte. Über die Seidenstaße kamen beispielsweise Seide, Gewürze oder Porzellan aus China nach Europa.

Das Konzept der Neuen Seidenstraße baut auf zwei Komponenten auf:

  1. Dem wirtschaftlichen Gürtel, auf Englisch „Belt„. Von Asien bis Europa verläuft ein Gürtel von Wirtschaftszonen entlang der Handelswege.
  2. Den geographischen Handelsrouten der Neuen Seidenstraße, auf Englisch „Road„.

Daraus ergibt sich die englische Bezeichnung: „One Belt One Road“. Für das Projekt werden entsprechend auch die Abkürzungen OBOR (für „One Belt One Road“) oder BRI (für „Belt and Road Initiative“) verwendet.  Die OECD, ein Zusammenschluss der Industriestaaten, erklärt den geplanten Streckenverlauf. Geplant sind grundsätzlich zwei Verbindungsstränge:

  1. Landverbindungen – Sie führen hauptsächlich von China über Zentralasien bis nach Europa. Hier verlaufen die Wirtschaftszonen beziehungsweise der Gürtel entlang der Seidenstraße. Dazu gibt es kürzere Nebenrouten in Südostasien. Auch Iran und Türkei sollen angebunden werden.
  2. Wasserstraßen – Die Wasserwege führen ebenfalls von China um Indien herum und dann über Ostafrika bis ins Mittelmeer.

Wie China sein „One Belt One Road“-Projekt plant

Die Neue Seidenstraße fördert den Handel.
Die Neue Seidenstraße fördert den Handel.
(Foto: CC0/pixabay/distelAPPArath)

Die OBOR-Initiative ist auf das langfristige Ziel ausgerichtet, den Handel mit den europäischen Ländern zu stärken. Zu Beginn steht den Chines:innen jedoch viel an Aufbauarbeit bevor. In weiten Teilen der geplanten Routen fehlt es an der nötigen Infrastruktur. Um einmal den Plan mit den Wirtschaftszonen verwirklichen zu können, baut China dort nach eigenen Angaben zunächst Straßen, Eisenbahnlinien, Häfen und Flughäfen.

Der OECD zufolge benötigen die asiatischen Staaten bis 2030 Investitionen von rund 26 Billionen US-Dollar. Mit diesen Mitteln gelänge es ihnen, die Wirtschaft zu beleben, Armut zu bekämpfen und Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. Unter diesem Gesichtspunkt begrüßt die OECD Chinas Engagement in den asiatischen Regionen.

Interessierten Ländern bietet China eine Kooperation im Rahmen der „One Belt One Road“-Initative an. Von chinesischer Seite gibt es keine öffentliche Liste der teilnehmenden Staaten. Die OECD berichtet, dass zu Beginn 64 Staaten zu der Initiative zählten. Seitdem hat sich die Anzahl auf über 100 erweitert, die entweder schon zugesagt haben oder zumindest mit dem chinesischen Projekt in Verbindung stehen.

Um die Finanzierung der einzelnen Vorhaben kümmert sich die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB). Laut OBOR ist die Bank zwar unabhängig, aber sehr eng mit dem Aufbauprojekt der Neuen Seidenstraße verbunden. Die Bank finanziert zum Beispiel Bauvorhaben für den Transport oder die Energiebeschaffung. Das Mercator Institute for China Studies berichtet, dass China in fertiggestellte Projekte schon rund 100 Milliarden US-Dollar investiert hat. Zu diesen Projekten zählen unter anderem auch Erdöl- und Erdgas-Pipelines.

Die Neue Seidenstraße: Eine Bedrohung für die Umwelt?

Der Lebensraum der Pandas könnte auch von der Neuen Seidenstraße bedroht sein.
Der Lebensraum der Pandas könnte auch von der Neuen Seidenstraße bedroht sein.
(Foto: CC0/pixabay/StockSnap)

Die Neue Seidenstraße ist ein Projekt von enormen Ausmaßen. Aus dem Bericht des Fung Business Intelligence Centre geht hervor, das die teilnehmenden Staaten 38,5 Prozent der Landfläche der Erde ausmachen. Die geplanten Wirtschaftskorridore erstrecken sich von Nordeuropa über die weiten Steppen in Zentralasien bis hin zu den tropischen Regenwäldern in Südostasien. Damit haben die Vorhaben einen Einfluss auf die Umwelt. Die Frage ist nur, wie stark der Mensch mit dem Projekt der Neuen Seidenstraße in die Natur eingreift.

Der WWF schaute sich daher die geplante Streckenführung unter ökologischen Gesichtspunkten an und glich die Planungen mit einer Karte der bestehenden Schutzgebiete ab. Das Ergebnis: So, wie sie jetzt geplant ist, hätte die Neue Seidenstraße erhebliche Auswirkungen auf die Artenvielfalt und die Umwelt.

  • Bedrohte Arten – Die Neue Seidenstraße führt durch die Lebensräume rund 265 bedrohter Arten. Bei 39 dieser Arten ist der Bestand in einem kritischen Zustand. Die Organisation nennt Beispiele wie die Seiga-Antilopen, den Tiger oder den großen Panda.
  • Hotspots der Artenvielfalt – Die geplanten Trassen verlaufen durch 46 solcher schützenswerten Gebiete. Eine Studie von 2019 weist darauf hin, dass in den betroffenen Hotspots die Dichte an endemischen Arten sehr hoch ist. Darunter sind Arten zu verstehen, die besonders eng auf ihren Lebensraum spezialisiert sind. Verändert sich der Lebensraum, kann dies unter Umständen ihren Fortbestand bedrohen.
  • Vogelschutz – Über 1.700 Schlüsselgebiete für den Vogelschutz wären durch den Bau betroffen.

Weiter gibt der WWF zu bedenken, dass die Straßen teilweise Gebiete erschließen, die bislang unzugänglich waren. Dies könnte fatale Folgen für diese ungestörten Lebensräume haben.

  • Wilderei und illegaler Tierhandel – Diese Gefahr sieht die Studie von 2019 unter anderem in Südostasien. Die Neue Seidenstraße macht Gebiete für Menschen zugänglich, die als Rückzugsort für Tiger und Elefanten gelten.
  • Invasive Arten oder Neobiota: Mit dem Warentransport über Kontinente hinweg können fremde Arten in neue Gebiete einwandern. Eine andere Studie errechnete, dass über 800 Arten die Möglichkeit hätten, auf diese Weise neue Lebensräume zu erobern. Darunter wären Vögel und Säugetiere die häufigsten Arten. Die Einwanderer können vor allem in Südostasien das Gefüge in ihrer neuen Heimat durcheinanderbringen und dort heimische Arten vertreiben. Das Global Invasive Species Programme nennt daher auch invasive Arten als größte Bedrohung der Artenvielfalt – neben dem Klimawandel.

Bremst die neue Seidenstraße den Klimaschutz?

Die Neue Seidenstraße würde die Urwälder in Südostasien gefährden.
Die Neue Seidenstraße würde die Urwälder in Südostasien gefährden.
(Foto: CC0/pixabay/simschmidt)

Der wirtschaftliche Ausbau entlang der Neuen Seidenstraße birgt mit Straßen, Eisenbahntrassen, Pipelines und neuen Industriezentren ein Risiko für das Klima. Sein ökologischer Fußabdruck könnte die Folgen des Klimawandels verschärfen.

Das Stockholm Environment Institut bringt die ökologischen Bedenken auf den Punkt:

  • Ist die Neue Seidenstraße eine grüne Entwicklung mit wenig Treibhausgasen?
  • Oder bleibt es bei einer braunen Initiative, mit hohen CO2-Emissionen aus Kohle, Erdöl und Erdgas?

Beim Blick zurück auf die bisherigen BRI-Projekte wird ein bemerkbarer Anteil an umweltschädlichen Investments deutlich. Die unabhängige Organisation China Dialogue hält fest:

  • Fossile Energien – 91 Prozent aller energiebezogenen BRI-Kredite kamen fossilen Brennstoffen zugute. Die Berechnung bezieht sich auf Investitionen aus den Jahren 2014 bis 2017.
  • Kohlekraftwerke – Finanzierungen aus China ermöglichen rund ein Viertel der entstehenden Kohlekraftwerke im Ausland. China hat diese Geldmittel entweder schon zugesagt oder steht in Verhandlungen.
  • Treibhausgase – Staaten, die am BRI teilnehmen (ohne China selbst) sind schon jetzt für 26 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Die Organisation befürchtet, dass der Anteil der Emissionen bis 2050 auf 50 Prozent ansteigt.

Ähnlich sieht es das Stockholm Environment Institut: Kohlekraftwerke in Indonesien oder Vietnam und Pipelines für Erdöl und Erdgas wie beispielsweise in Myanmar könnten diese Staaten langfristig an fossile Energieträger binden. Ein notwendiger Umstieg auf erneuerbare Energien kann sich für diese oftmals finanzschwachen Länder als zu teuer erweisen.

Um die Erderwärmung und damit den Klimawandel zu verlangsamen, hat die Staatengemeinschaft ein gemeinsames Ziel: Treibhausgase vermeiden. Eine der Quellen für Treibhausgase sind Kraftwerke, die fossile Energieträger verbrennen.

Kann die Neue Seidenstraße auch nachhaltig sein?

Die Seidenstraße soll nun die Umwelt schützen.
Die Seidenstraße soll nun die Umwelt schützen.
(Foto: CC0/pixabay/hbieser)

Das Entwicklungsprojekt der Neuen Seidenstraße rief weltweit ökologische Bedenken hervor. So empfahl beispielsweise der WWF, jedes der Bauvorhaben auf seine Verträglichkeit für die Umwelt zu prüfen. Die Projekte sollten verstärkt erneuerbare Energien fördern und im Einklang mit den 17 nachhaltigen Zielen der Vereinten Nationen stehen.

Es hat den Anschein, dass die Bedenken gehört wurden. Es folgten Taten. Beim zweiten „One Belt One Road“-Forum 2019 in Peking startete die UN gemeinsam mit China die „Belt and Road Initiative Green Development Coalition“ – kurz BRICG. Die Koalition soll den Umweltschutz und nachhaltige Entwicklungen in die BRI-Projekte bringen. Die Themen sind unter anderem:

  • Schutz der Artenvielfalt und der Ökosysteme
  • erneuerbare Energien und Energieeffizienz
  • nachhaltige Transporte und Förderung grüner Technologien
  • Finanzierung nach Maßstäben des nachhaltigen Investments (darunter sind Finanzmittel zu verstehen, die ethisch, sozial und umweltschonend sind, zum Beispiel sind Kinderarbeit oder Korruption Kriterien für den Ausschluss aus dem Investment)
  • Einführung von Umweltstandards bei Gesetzen und Regulierungen

Aus Angaben der Organisation „Green Belt and Road Initiative Center“ geht hervor, dass nun auch internationale gemeinnütze Organisationen an der „grünen“ Seidenstraße beteiligt sind.

Ob damit das Projekt auch eine nachhaltige Entwicklung in den betroffenen Regionen anstoßen kann, bleibt abzuwarten. Ermutigend ist vielleicht, dass sich der chinesische Präsident laut OECD-Angaben zu den nachhaltigen Zielen der UN bekannt hat. Neuere BRI-Projekte auf der Liste der OECD weisen in diese Richtung: China finanziert nun auch Technologien wie Windkraft, Solarenergie oder Batteriespeicher entlang der Neuen Seidenstraße.

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