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Ich habe einen Monat lang jeden Tag ausgeschlafen – und will es nicht wieder tun

Foto: CC0 / Pixabay - obpia30 / Tessa Serrano

Unser Redakteur hat sich einem Selbstversuch unterzogen und 30 Tage in Folge ausgeschlafen. So ausgeruht war er sein ganzes Berufsleben noch nie – trotzdem ist er unzufrieden.

Seit November arbeite ich nun für Utopia und als ich meinen neuen Job angetreten bin, habe ich mir etwas vorgenommen: Anstatt mich jeden Morgen aus dem Bett zu quälen und fünf Minuten vor Arbeitsbeginn wie ein Zombie Richtung Schreibtisch zu schlurfen – im Home Office zum Glück kein weiter Weg – wollte ich von nun an früh ins Bett gehen und ausgeschlafen in den Tag starten.

Was heißt „ausgeschlafen“ überhaupt?

Um herauszufinden, wie viel Schlaf ich brauche, nutzte ich die Woche Resturlaub aus meinem vorherigen Job. Ohne irgendwelche Verpflichtungen bin ich in dieser Zeit immer so lange im Bett geblieben, bis ich mich wirklich ausgeschlafen fühlte. Ich notierte mir meine jeweilige Schlafdauer, nahm den Durchschnitt und voilà: Offenbar benötigt mein Körper fast neun Stunden Schlaf pro Tag, um optimal ausgeruht zu sein.

Diese Erkenntnis hat mich überrascht, hatte ich doch davor immer zwischen sieben und acht Stunden geschlafen und dabei nie das Gefühl gehabt, nicht ausgeruht zu sein. Zwar habe ich mich jeden Morgen aus dem Bett gequält, aber nach zehn Minuten war die Müdigkeit dahin und auch Kaffee oder Tee brauche ich schon seit Jahren nicht mehr.

Der Selbstversuch

Um mein Ziel zu erreichen, jeden Tag neun Stunden zu schlafen, musste ich von nun an eineinhalb Stunden früher ins Bett gehen – zumindest an Werktagen. An Wochenenden ging ich durchaus auch mal spät nachts schlafen und blieb dann eben länger liegen. Allerdings habe ich mich auch nicht stur auf die neun Stunden festgenagelt. Manchmal war ich schon nach sieben oder acht Stunden hellwach und weiterschlafen wäre unmöglich gewesen. In den meisten Fällen habe ich die neun Stunden aber genutzt.

Obwohl ich stolz auf mich bin, es wirklich einen ganzen Monat durchgezogen zu haben und ich mich körperlich und geistig seitdem richtig fit fühle, bin ich mir unsicher, ob ich damit weitermachen möchte. Denn meine Lebensqualität scheint dadurch mehr gelitten als profitiert zu haben.

Jeden Tag ausschlafen: Die Vorteile

Ohne Frage: Jeden Tag satte neun Stunden zu schlafen, hat mein Wohlbefinden in vielerlei Hinsicht verbessert. Es fühlt sich einfach gut an, früh morgens komplett ausgeruht aufzustehen und ohne Stress beim Frühstück und im Bad tiefenentspannt in den Tag zu starten. Im Vergleich mit den frühen Morgenstunden (bzw. -minuten) meines gesamten vorherigen Arbeitslebens ist das ein krasser Kontrast.

Wenn ich damals um 8 Uhr arbeiten musste, habe ich meinen Wecker auf 7.30 Uhr gestellt. Tatsächlich aufgestanden bin ich aber oft erst um 7.50 Uhr. Ich musste Vollgas geben, um mich in den verbleibenden zehn Minuten halbwegs frisch zu machen, mir ein gesundes Frühstück zuzubereiten und trotzdem rechtzeitig an meinem Arbeitsplatz zu sein.

Ich, wenn ich mal wieder viel zu spät aus dem Bett kam. (Foto: CC0 / Pixabay - Myriams-Fotos)

Es war wohl die Mischung aus zu wenig Schlaf und frühmorgendlichem Stress, die dazu führte, dass ich jeden Morgen mit leichtem Herzrasen aufgewacht bin. Möglicherweise war es der Adrenalinschock, der mich wachrüttelte und Koffein obsolet machte. Ich kann ohne Übertreibung sagen:

Die zehn Minuten zwischen Bett und Schreibtisch waren der Aspekt meines Alltags, den ich am meisten gehasst habe!

Dass ich diese Tortur nun durch längere Schlafenszeiten aus meinem Leben verbannt habe, ist sehr viel wert. Doch damit hören die positiven Effekte nicht auf:

  • Insgesamt habe ich mich im vergangenen Monat körperlich und geistig fast durchgehend frisch gefühlt.
  • Selbst wenn ich mal einen stressigen Tag hatte, haben die neun Stunden Schlaf dafür gesorgt, dass ich am nächsten Morgen wieder ausgeruht und emotional ausgeglichen war.
  • Außerdem hatte ich seltener mit trockenen Augen zu kämpfen, die mir bei der langen Bildschirmarbeit öfter mal zur Last werden.

Jeden Tag ausschlafen: Das Problem

Doch trotz dieser spürbar positiven Auswirkungen auf mein Wohlbefinden bringt das lange Ausschlafen auch ein entscheidendes Problem mit sich: Ich muss jeden Tag eineinhalb Stunden dafür opfern. Dabei sind es gerade diese eineinhalb Stunden, die das Leben für mich erst so richtig lebenswert machen!

Um das mal rechnerisch aufzudröseln: Von 24 Stunden brauche ich 8 für die Arbeit und 9 für den Schlaf. Eine weitere Stunde geht durch das ins Bett gehen und Aufstehen drauf. Dazu zähle ich die Morgen- und Abendhygiene, aber auch das im Bett liegen vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen.

1,5 Stunden entfallen auf Kochen, Essen und Abspülen (unsere Spülmaschine ist leider kaputt). Weitere 1,5 Stunden widme ich der Erhaltung meiner Gesundheit, zum Beispiel durch Spaziergänge an der frischen Luft, körperliches Training und Meditation. Eine weitere Stunde ist nötig, um andere Aufgaben abzuhandeln, die im Leben einfach so anfallen. Sei es meine Finanzen zu managen, Weihnachtsgeschenke zu besorgen oder meine Lampen in der Wohnung auszutauschen, weil ich erfahren habe, dass LED-Birnen nur ein Zehntel des Stromverbrauchs gegenüber herkömmlichen Glühlampen haben.

Es bleiben mir also nur zwei Stunden echte Freizeit pro Tag. Doch das reicht einfach nicht aus, um einerseits mit meiner Freundin so viel Zeit zu verbringen, wie es für eine gute Beziehung braucht, und andererseits meinen Hobbys im zufriedenstellenden Maße nachzugehen.

Hinzu kommen noch freundschaftliche und familiäre Kontakte. Zwar habe ich es geschafft, diese in den letzten 30 Tagen ausreichend zu pflegen. Dennoch fühle ich mich, seit ich mehr schlafe, einem konstanten Zeitdruck ausgesetzt, alle Aspekte meines Lebens irgendwie unter einen Hut zu bringen, während der Hut immer kleiner wird. Es ist ein wenig wie bei der Inflation: Die Tage sind gleich lang, aber sie sind plötzlich weniger wert.

Mein Dilemma: Selbstoptimierung vs. Lebensfreude

Was bringt es, so viel Zeit für Schlaf zu opfern? Wer sagt mir, dass ich die investierten Stunden am Ende meines Lebens wieder zurückbekomme? Durch das Ausschlafen fühle ich mich nun zwar unglaublich resilient, aber auch emotional leer, unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung, aber auch ebenso leblos.

Und so wie der Zahn der Zeit an jedem noch so mächtigen Fels nagt, die Fluten ihn immer weiter abtragen, bis nichts mehr von ihm übrig ist, so werde auch ich nicht ewig auf dieser Welt sein. Vielleicht sollte ich mich also wieder in die Wellen des Lebens stürzen, anstatt versuchen, ihnen zu widerstehen. Einfach mal wieder länger wach bleiben, die eineinhalb zusätzlichen Stunden in vollen Zügen genießen, bis mir am nächsten Morgen der Wecker wieder eine volle Breitseite verpasst.

So wie bei meinem letzten Strandurlaub, als ich mich mit breiter Brust den Wellen stellte, immer wieder von den mächtigen Wasserschüben überwältigt wurde und dabei den Spaß meines Lebens hatte.

Bitte lies unseren Hinweis zu Gesundheitsthemen.

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