Functional Food braucht kein Mensch

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Mit „Functional Food“ hat die Nahrungsmittelindustrie unsere Essgewohnheiten längst zur Kopfsache erklärt: Actimel soll den Darm gesund machen, Omega-3-Produkte das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken und Nimm2-Bonbons sollen uns mit Vitaminen versorgen. Utopia zeigt, auf welche Produkte mit angeblichem Mehrwert du lieber verzichten solltest.

„Functional Food“, zu deutsch, „funktionelle Lebensmittel“, bezeichnet Nahrungsmittel und Getränke, die einen angeblichen oder tatsächlichen gesundheitlichen Zusatznutzen haben. Eine klare „Functional Food“ Definition – welche Produkte dazu zählen und welche nicht – gibt es nicht. In der Regel aber handelt es sich um Produkte, die mit bestimmten Substanzen angereichert wurden, um eine spezielle Wirkung zu erreichen. Die Grenzen zwischen Nahrungsmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln und sogar Arzneimitteln verschwimmen bei diesen Produkten mitunter.

Längst nicht alle „Functional Food“-Produkte halten, was sie versprechen. Manche davon sind ganz einfach überflüssig – während andere uns sogar schaden könnten. Eine ausgewogene, gesunde Ernährung mit natürlichen und möglichst wenig verarbeiteten Lebensmitteln können sie in keinem Fall ersetzen. Auf die folgenden „Functional Foods“ kann man getrost verzichten.

Actimel & Co.: Probiotische Drinks und Joghurts

Actimel

Schon seit Jahren sind die kleinen Fläschchen das Umsatzwunder eines der größten Lebensmittelkonzerne. Sie versprechen eine gesundheitsfördernde Wirkung durch bestimmte Bakterienstämme, die das Immunsystem stärken. Foodwatch verlieh 2009 den „Goldenen Windbeutel“ an den bekannten Joghurtdrink von Danone: Actimel. Der wird inzwischen nicht mehr mit „Actimel aktiviert Abwehrkäfte“, sondern als das „kleine Frühstück fürs Immunsystem“ beworben.

Allerdings sind die angepriesenen Joghurtkulturen, wie der Name schon sagt, auch in ganz normalem Joghurt enthalten. Der hat praktisch dieselbe Wirkung aufs Immunsystem wie Actimel. Beides zeigt nur bei regelmäßigem Verzehr überhaupt einen Effekt. Für einfachen Naturjoghurt spricht neben dem deutlich günstigeren Preis, dass man ihn in Bio und in größeren Portionen kaufen kann – und nicht nach drei Schlucken das leere Plastikfläschchen wegwerfen muss.

Fazit: Den Aufpreis für das probiotische Markenprodukt kann man sich sparen!

Becel pro.activ: Cholesterinsenkende Margarine

Becel pro.activ

Mit diesem „Functional Food“ hat sich vor allem die Unilever-Marke Becel einen Namen gemacht. Die Margarine Becel pro.activ stellt cholesterinsenkende Wirkung durch Zusatz von Pflanzensterinen in Aussicht. Kindern, Stillenden und Schwangeren wird schon auf der Verpackung vom Verzehr abgeraten. Das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) veröffentlichte 2007 die Ergebnisse einer Studie zum Konsum cholesterinsenkender Lebensmittel.

Demnach hat fast die Hälfte der Konsumenten gar keinen nachgewiesen erhöhten Cholesterinspiegel, während Verbraucher mit erhöhtem Cholesterinspiegel die funktionellen Lebensmittel meist ohne ärztliche Rücksprache zu sich nehmen. Für beide Konsumentengruppen kann dies zu unerwünschten gesundheitlichen Wirkungen führen. „Die Produkte sollten nicht vorbeugend verzehrt werden, sondern nur, wenn der Cholesterinspiegel tatsächlich erhöht ist,“ sagt BfR-Präsident Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel.

Unklar ist, ob der langfristige Konsum von Pflanzensterinen sogar ein ernstes Gesundheitsrisiko in sich trägt. Becel ist also im Grunde genommen eher wie ein Medikament als wie ein Nahrungsmittel zu behandeln.

Fazit: Wenn nicht vom Arzt ausdrücklich empfohlen, lieber verzichten und ganz normale Bio-Butter oder (palmölfreie) Margarine verwenden.

Omega-3-Produkte

Omega-3-Produkte

Omega-3-Fettsäuren werden heute vielen Produkten zugesetzt, darunter Speiseöl, Brot, Eier, Margarine, Fischstäbchen und Babynahrung. Sie gelten als „Zauberfett“ unter den ungesättigten Fettsäuren, die positive Auswirkungen auf viele Risikofaktoren des Herz-Kreislauf-Systems haben.

Doch laut BfR wurde in verschiedenen Studien bei hohen Omega-3-Aufnahmemengen ein erhöhter Cholesterinspiegel, eine Beeinträchtigung der natürlichen Immunabwehr insbesondere bei älteren Menschen, sowie eine erhöhte Blutungsneigung beobachtet. Langfristige Auswirkungen erhöhter Omega-3-Aufnahme sind noch nicht geklärt. Das BfR empfielt, Höchstgrenzen für die Anreicherung von „Functional Food“ mit Omega-3-Fettsäuren festzusetzen.

Omega-3-Fettsäuren sind natürlicherweise nicht nur in Fisch, sondern auch in einigen pflanzlichen Lebensmitteln und Ölen enthalten, beispielsweise in Leinöl, Hanföl, Rapsöl, Weizenkeimöl, Soja und in Walnüssen.

Fazit: Sicherheitshalber auf „Functional Food“ mit zugesetzten Omega-3-Fettsäuren verzichten und bei Bedarf lieber Lebensmittel mit natürlichem Omega-3-Gehalt essen.

In unserer Bildergalerie findest du noch mehr Supermarkt-Produkte, die die Welt nicht braucht:

Vitaminzusätze in Getränken

Vitamin Water

ACE-Saft, Vitamin-Wasser, Frühstücksdrinks – Getränke, die mit diversen Vitaminen und anderen Wirkstoffen angereichert sind, sind ein weit verbreitetes „Functional Food“. Dabei ist der gesundheitliche Nutzen bestenfalls zweifelhaft – meist handelt es sich vor allem um clevere Werbemaschen, die im Endeffekt vor allem Profite für die Konzerne und Berge an Verpackungsmüll erzeugen. Viele der Getränke enthalten neben den zugesetzten Vitaminen vor allem Farbstoffe, Zucker, Süßstoffe und Aromen.

2003 nahmen die Verbraucherzentralen Deutschlands funktionelle Getränke unter die Lupe, die mit verschiedenen Zusatznutzen (Gesundheit, Wellness, Leistung) warben. Die Studie stellte fest, „dass die verwendeten Wirksubstanzen in den funktionellen Getränken […] Verbrauchern keinen echten Nutzen bringen. Entweder sind die Zusätze unnötig oder in einer wenig sinnvollen Zusammensetzung vorhanden. In einigen Fällen könnten von ihnen sogar Gesundheitsgefahren für Verbraucher ausgehen.“

Fazit: Sei misstrauisch bei angeblichen Wundergetränken! Eine gesunde Ernährung plus hin und wieder ein Glas normaler Saft oder einfach Wasser sind die bessere Wahl – am besten Leitungswasser.

Nimm2: „Gesunde“ Süßigkeiten

Nimm2

„Vitamine und Naschen“ ist der Werbeslogan von Nimm2-Bonbons. Die künstlich zugesetzten Vitamine ändern nichts an der Tatsache, dass das Produkt hauptsächlich aus Zucker besteht. Die Botschaft, man würde damit auch etwas „Gutes“, Gesundes zu sich nehmen, ist laut Foodwatch irreführend und könnte zudem Kindern den falschen Eindruck vermitteln, dass Süßigkeiten gleichwertig mit Obst und Gemüse seien.

Die hohen Vitamin- und Mineralstoffmengen vieler angereicherter Süßigkeiten können unter Umständen sogar gesundheitsschädlich wirken – vom Zucker ganz abgesehen.

Fazit: Ab und zu naschen ist in Ordnung – das geht aber auch ohne Gesundheitsrisiko!

Angereicherte Müslis und Cerealien

Angereicherte Cerealien

Häufig werben die Hersteller von Müslis oder Cornflakes mit zugesetztem Eisen, Calcium und Vitaminen. Dabei sind in unseren Breiten die meisten Menschen damit ausreichend versorgt. Viele dieser angereicherten Produkte werden gezielt an Kinder vermarktet, obwohl deren Bedarf an den zugesetzten Nährstoffen noch geringer ist als jener der meisten Erwachsenen.

Eine Studie kam 2007 zu dem Schluss, es könne so zu Überdosierung kommen und müsse mit gesundheitlichen Nebenwirkungen gerechnet werden.
Laut der Verbraucherzentrale Hessen steigert eine dauerhaft erhöhte Eisenaufnahme das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs und Diabetes. Ein mindestens ebenso wichtiger Grund, auf derartige Produkte zu verzichten: Viele der Cerealien enthalten jede Menge Zucker und sind schon allein deshalb alles andere als ein gesundes Frühstück.

Fazit: Besser ist es, sich allgemein ausgewogen zu ernähren und auf zuckerarme Bio-Müslis umzusteigen – oder gleich das Müsli selbst zu mischen und auf Zusatzstoffe zu verzichten!

„Kinderprodukte“

Kinderprodukte - Fruchtzwerge

Viele Hersteller werben mit speziell für Kinder konzipierten Lebensmitteln. Nahrungsmittel für Kinder ab drei Jahren fallen unter die Verordnungen für herkömmliche Erzeugnisse, d.h. es gibt keine besonderen Vorschriften. Da Kinder aber einen geringeren Nährstoffbedarf sowie eine geringere Toleranz für Schadstoffe haben als Erwachsene, sind Zusatzstoffe faktisch oft in mehrfacher Höhe der empfohlenen Tagesdosis enthalten.

Unter diese „Kinderlebensmittel“ fallen zum Beispiel bestimmte Joghurts, Getränke, Käse, Wurst, Brotaufstriche und Süßwaren. Da sie an die (vermeintlichen) Geschmacksvorlieben von Kindern angepasst sind, handelt es sich oft um Produkte mit hohem Fett- und/oder Zuckergehalt. Oft sind sie mit Stoffen angereichert, die gemeinhin mit einem gesunden Wachstum assoziiert werden, wie zum Beispiel Calcium oder Magnesium. Diese Stoffe sind jedoch bereits natürlicherweise in vielen alltäglichen Lebensmitteln enthalten.

Spezielle „Kinderprodukte“ mit angeblichem Zusatznutzen bieten daher in der Regel keinen gesundheitlichen Vorteil gegenüber einer normalen, ausgewogenen Ernährung, sondern verstärken durch ihren hohen Fett- und Zuckergehalt sogar eher Ernährungsprobleme. Zudem sind weniger verarbeitete Lebensmittel meistens die günstigere Alternative.

Fazit: Dieses „Functional Food“ ist vollkommen überflüssig!

Fazit: Functional Food braucht kein Mensch

Für unsere Gesundheit ist es am besten, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten und so sicherzustellen, dass wir mit allen wichtigen Nährstoffen ausreichend versorgt sind. Wer keinen vom Arzt diagnostizierten Nährstoffmangel hat, sich vernünftig ernährt und genügend bewegt, braucht keine Nahrungergänzungsmittel, keine Superfoods und kein „Functional Food“ wie Actimel, Omega-3-Produkte oder Nimm2-Bonbons.

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(2) Kommentare

  1. Schade ist, dass der Begriff „functional food“ hier (zurecht) schlecht davon kommt, denn eigentlich gibt es genug natürliches „functional food“, welches ich zu meinen Bedürfnissen bzw Einsatzzweck gezielt essen kann, wie z.B. ein paar Walnüsse vorm Schlafen gehen um den Melatoninspiegel zu erhöhen oder eben Maca um mich nach’m Sport schneller zu regenerieren (was für mich als Sportler z.B. besonders wichtig ist – schlafen und Erholung).
    Das sind nur zwei Beispiele aus meinen alltäglichen „functional foods“ und sie sind immer bio, immer vegan. Ob man sie braucht? Ich denke schon…aber sie sind auch weit von dem Kram entfernt, der im Artikel beschrieben ist.

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