Interview #klimaretten: „Wenn keiner protestiert, bleibt alles beim Alten“

Fotos: Lambertus Verlag; privat

Heute sind wir alle voll öko, die vor uns waren es nicht? Ganz so einfach ist es nicht, sagt Prof. Dr. Rainer Grießhammer im Interview und erklärt, warum die kommende Systemveränderung besonders schwer wird.

Der langjährige Geschäftsführer des Öko-Instituts, Professor Rainer Grießhammer, warnte früh vor dem Klimawandel und forderte in mehreren Büchern eine engagiertere Klimaschutzpolitik und nachhaltigeren Konsum. Mit seinem Buch #klimaretten macht er erneut konkrete Vorschläge, was zu tun ist.

Utopia: Ihr neues Buch trägt den Titel „#klimaretten“, spricht also ausdrücklich die Generation Hashtag an. Warum nur die?

Prof. Dr. Rainer Grießhammer: Mit den Streiks von „Fridays for Future“ hat die Klimaschutzdiskussion neuen Schub bekommen. Aber nach dem allgemeinen Schultertätscheln kommen die harten Diskussionen mit Politikern, Lobbyisten, Eltern und Nachbarn. Da braucht man gute Argumente, politische Initiativen und Verhaltensänderungen. Das ist im Buch in den 70 Hashtag-Kästen gut aufbereitet.

Aber natürlich ist das Buch „#klimaretten“ für alle, die ernsthaft Politik und Leben ändern wollen. Das sind natürlich auch die Eltern und die berühmte Oma.

„Ein gigantischer Selbstbetrug“

Die etwas missglückte „Umweltsau-Satire“ zeigte mit dem Finger auf Eltern- und Großeltern-Generation. Sind die wirklich für die hohe Umweltbelastung verantwortlich?

Auf jeden Fall – sehr hoher Konsum, zu große Wohnungen, zu große Autos, zu hoher Stromverbrauch, zu hoher Fleischkonsum, zu viele Ferienflüge.

Aber vor Greta Thunberg haben die meisten Jugendlichen das ja alles gerne mitgenossen. Und sie haben vor lauter Chillen nicht gemerkt, dass sie langsam gegrillt werden.

Aber die Deutschen sind doch besonders umweltbewusst?

Daran zweifle ich inzwischen. Die Pro-Kopf-Wohnfläche liegt jetzt schon bei 47 Quadratmetern, 30 Prozent der Neuwagen sind SUVs, die PS-Zahl hat sich seit den 60er-Jahren verfünffacht und und und.

Die meisten halten sich für Umweltschützer, weil sie ein paar Energiesparlampen oder LED eingedreht haben, gelegentlich im Bioladen einkaufen, weniger Plastiktüten verwenden. Ein gigantischer Selbstbetrug.

Ein Infovideo, das auf den Inhalten von #klimaretten basiert.

Wie findet man heraus, ob man sich selbst in die Klima-Tasche lügt?

Im Buch finden sich vier Klima-Checker-Tabellen zu Wohnen, Mobilität, Ernährung und Stromverbrauch. Da kann man – ob als Jugendlicher oder Erwachsener – den eigenen Haushalt schnell einordnen.

Die Skala geht von A bis G. Die meisten werden bei D oder E liegen. Aber wenn man sich wirklich darum kümmert, kann man selbst bei den heutigen ungünstigen Rahmenbedingungen auf A oder B kommen.

#klimaretten – vor allem mit „big points“

Unserer Erfahrung nach fühlen sich viele einfach auch überfordert. 70 Info-Kästen allein in Ihrem Buch! Wo sollte man Ihrer Meinung nach anfangen?

Die Vorschläge richten sich natürlich an unterschiedliche Zielgruppen (z.B. Jugendliche oder Erwachsene, Mieter oder Eigentümer) und berücksichtigen unterschiedliche Rahmenbedingungen: Wer auf dem Land wohnt, sollte nicht gerade mit Carsharing anfangen.

Besonders empfehle ich die “big points” mit großer CO2-Reduktion und die Einmaloptionen, bei denen man mit einer einzigen Entscheidung über viele Jahre CO2 spart, zum Beispiel die einmalige Stromsparaktion mit Direktinstallation von LED-Lampen, Zeitschaltuhren, Heizungsthermostatventile etc. Oder beim Neukauf eines Autos das kleinere benzinsparende Auto statt dem SUV kaufen.

Aber natürlich sind auch die kleinen Maßnahmen attraktiv, mit denen man sofort Wirkung erzielt: beim Kühlschrank die beim Kauf voreingestellte Kühltemperatur von 5 auf 7 Grad hochstellen (spart 15% Strom). Oder einfach moderat Autofahren – da bekommt man über die Verbrauchsanzeige sofort die belohnende Antwort.

Prof. Dr. Rainer Grießhammer leitete jahrelang das Öko-Institut
Prof. Dr. Rainer Grießhammer leitete jahrelang das Öko-Institut (Foto: privat)

Und womit sollten wir uns am besten gar nicht mehr beschäftigen?

Auf Vorträgen bekomme ich manchmal so knifflige Fragen wie: Soll ich die Hafermilch im Tetrapack oder die Kuhmilch in der Glasflasche kaufen? Das weiß ich ohne aufwendige Studie auch nicht.

Ich weiß nur, dass die Unterschiede vermutlich nicht groß sind, und die Umweltbelastung bei beiden Optionen im Vergleich zu Autofahren, jährlich 60 Kilo Fleisch essen oder Fliegen sehr klein ist.

Manche Airlines schaffen jetzt – durchaus sinnvoll – die Trinkhalme aus Plastik oder Plastiktüten ab, aber der Ferienflug nach Australien hat den Klimaeffekt wie die Verbrennung von 500.000 (in Worten: fünfhunderttausend) Plastiktüten.

„Massive Widerstände aus dem alten System“

Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass vor allem wir Älteren in unserer Jugend in den 80er und 90er-Jahren all diese Diskussionen schon geführt, all diese Forderungen schon mal gestellt haben. War unsere Generation beim Kampf gegen die hohe Umweltbelastung erfolglos? 

Keineswegs. Die Umweltbewegung war damals richtig erfolgreich in der Bekämpfung der akuten Umweltbelastung. In den 1970er Jahren gab es zehntausende wilder Müllkippen, die Luftbelastung war hoch, Wasser und Lebensmittel waren stark mit Chemikalien belastet.

Das war wirklich eine Umweltsauerei, die durch die Proteste und entsprechende Reaktionen der Politik beseitigt wurde: Verbot der hochgefährlichen Chemikalien, Vorschrift von Katalysatoren bei Pkw, hohe Energieeffizienzsteigerungen bei vielen Produkten.

Wir haben die Energiewende eingeleitet, den Atomausstieg durchgesetzt und ab Mitte der 90er Jahre Photovoltaik und Windkraft vorangetrieben. Ohne die massive Förderung der Erneuerbaren Energien wäre der Kohleausstieg gar nicht denkbar.

Aber warum geht es mit Energiewende und Klimaschutz scheinbar langsamer voran als früher?

Die damaligen Maßnahmen waren zwar hart umstritten, aber ohne tiefere Eingriffe oder Strukturwandel möglich. Problematische Chemikalien wie die FCKW wurden ‚einfach‘ durch andere Chemikalien ersetzt – die Kühlschränke mussten nicht verändert werden.

Die Schadstoffemissionen von Pkw wurden durch die Katalysatoren und bleifreies Benzin deutlich reduziert, aber die Zahl der Autos und der Autoverkehr haben sogar noch zugenommen. Das beginnende Waldsterben konnte durch Entschwefelungsanlagen bei den Kohlekraftwerken gerade noch gestoppt werden, aber die Kohlekraftwerke blieben.

#klimaretten-Infovideo zum Thema Veränderung

Was macht Veränderungen heute schwieriger?

Gegen die Klimaerhitzung und die hohen CO2-Emissionen sind Strukturwandel und grundlegende Transformationen erforderlich: Neuausrichtung der Wirtschaft durch CO2-Bepreisung, kompletter Umbau der Stromproduktion, völlig neue Mobilität, andere Autos, Elektroladestationsnetze statt klassischer Tankstellen, drastische Reduktion und Änderung der Tierhaltung.

Das geht ans Eingemachte, da gibt es massive Widerstände aus dem alten System.

Also ist eine ganz andere Politik erforderlich? 

Ja – aber wie es im Untertitel des Buchs heißt: man muss Politik UND Leben ändern, Verhalten und Verhältnisse ändern – das eine geht nicht ohne das Andere.

Wer mit 55 km/h durch die Stadt brettert, wird wohl kaum für einen besseren Radverkehr und Tempo 30 in der Stadt eintreten. Oder wenn die Politik den Flugverkehr durch Verzicht auf Mehrwertsteuer und Kerosin drastisch verbilligt und im Bundesreisekostengesetz vorschreibt, dass das billigste Verkehrsmittel genutzt werden muss, wird eben auch innerdeutsch geflogen.

Aber wenn alle mitfliegen und wenn keiner dagegen protestiert, bleibt alles beim Alten. Außer das Klima. Das wird versaut.

Jetzt haben wir viel rumgemosert. Wie aber kriegen wir es hin, dass die Menschen trotz des vielfach beklagten politischen Stillstands mal wieder Lust auf große Systemveränderungen und eine andere Politik kriegen? 

Fridays for Future hat ja erfreulicherweise schon zu einer neuen Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft geführt. Selbst die meisten Unternehmen fordern mittlerweile deutliche Klimaschutzmaßnahmen und höhere CO2-Bepreisung, schon um weiterhin innovative Produkte für den Weltmarkt produzieren zu können. Der ADAC hat seinen Widerstand gegen Tempolimits aufgegeben.

Mit so viel gesellschaftlicher Unterstützung wird die Politik bald umsteuern. Und das noch vor den Wahlen. Und dann wird es sein wie wenige Monate nach dem Rauchverbot – man wird sich gar nicht mehr vorstellen können, welchen Unsinn man früher gemacht hat.

Rainer Grießhammer: #klimaretten
Rainer Grießhammer: #klimaretten (Foto: Lambertus Verlag)

Professor Rainer Grießhammer war langjähriger Geschäftsführer des Öko-Instituts. Er ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg und Bestsellerautor. Der promovierte Chemiker ist Träger des Deutschen Umweltpreises und wurde unlängst mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Bereits früh warnte Grießhammer vor dem Klimawandel und forderte in Büchern eine engagierte Klimaschutzpolitik und nachhaltigen Konsum: mit den Bestsellern „Der Öko-Knigge“ und „Der Ökokoch“, „Ozonloch und Treibhauseffekt“ (1989), „Der Klimaknigge“ (2007).

Kaufen**: Das Buch „#klimaretten“ findest du beim lokalen Buchhändler, aber auch online bei Thalia, buecher.de, Amazon oder Buch7. Infos zum Buch auf klimaretten.org.

Welchen Effekt wird ein Tempolimit haben?

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(1) Kommentar

  1. Ich kann sehr gut zustimmen, dass die Gesellschaft sich wesentlich verändern muss, um die Klimaziele zu erreichen. Was mich dabei irritiert ist, dass bei einer EU-Befragung im vergangenen Jahr über 90% der Befragten die Klimaänderung kritisch sehen und über 70% sehr kritisch. Persönliche Konsequenzen in meßbarem Umfang habe ich bisher nicht erkennen können. Die Schlußfolgerung daraus ist, dass Änderungen der persönlichen Einstellung nur sehr langsam erfolgen. Ergo muss die Politik die wesentlichen Weichen stellen. Apropos „die PS-Zahl hat sich seit den 60er-Jahren verfünffacht“. Mein VW-Käfer hat mit seinen 34 PS und max. 130km/h in den 70er Jahren über 10 Liter Benzin verbraucht. Bei unserem Golf Diesel mit über 3 mal soviel PS werden von verschiedenen Familienmitgliedern immer wieder deutlich unter 5 Ltr. erreicht. Was ich auch als Augenwischerei erlebe ist, dass zwar mit dem Fahrrad ins Geschäft geradelt wird, dort danach aber täglich ordentlich geduscht wird. Das ist vielleicht nötig, aber nicht zwingend umweltfreundlicher als z.B. ÖPNV.