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Mikroplastikfrei? Naturkosmetik? Diesen Begriffen solltest du misstrauen

Foto: cc0 Public Domain/ Pixabay - silviarita, cc0 Public Domain Unsplash/ Dollar Gill

Mit Versprechen wie „mikroplastikfrei“ und „Naturkosmetik“ locken Hersteller umweltbewusste Kund:innen an. Doch manchmal steckt wenig Natur und Umweltschutz in der Kosmetik. Wie du Greenwashing erkennst.

In Deutschland gibt es zahlreiche Siegel für Kosmetik. Einige sind vertrauenswürdig, andere weniger. Wie gut sich die Verbraucher:innen in Deutschland in diesem Siegeldschungel auskennen, überprüft UTOPIA: values regelmäßig in Studien. Die Utopia-Siegelstudie 2022 zeigte unter anderem, dass viele Befragte beim Einkauf auf Bezeichnungen wie „mikroplastikfrei“ oder „Naturkosmetik“ achten.

Mit solchen Begriffen werben Hersteller oft auf ihren Produkten – mit seriösen Siegeln lassen sie sich aber nicht vergleichen. Zertifizierungen werden meist nach strengen Kriterien vergeben, Marketingbegriffe wie „Naturkosmetik“ oder „natürliche Inhaltsstoffe“ darf dagegen jeder Hersteller verwenden – sie sind rechtlich nicht geschützt. Und auch aus anderen Gründen muss man bei vielen Begriffen genauer hinsehen. Wir erklären, bei welchen Werbeversprechen du aufpassen solltest und welchen Siegeln du vertrauen kannst.

„Mikroplastikfreie Kosmetik“. Wirklich frei von Mikroplastik?

Auf zahlreichen Verpackungen prangt das Versprechen, das Produkt sei frei von Mikroplastik. Teils haben Hersteller sogar Mikroplastikfrei“- Siegel designt und auf ihren Produkten abgedruckt. Auf einigen Eigenmarken von Rossmann ist zum Beispiel ein Ozeansymbol mit Aufschrift „Rezeptur ohne Mikroplastik“ zu sehen. Konkurrent dm zeichnet Eigenmarken mit einem ähnlichen Siegel aus. Beide Hersteller suggerieren mit dem Siegel, dass ein Produkt besonders umweltfreundlich ist. Denn Mikroplastik in Kosmetik kann über das Abwasser in die Umwelt gelangen und dort Schaden anrichten. Zum Beispiel bindet es Schadstoffe, die von Wasserlebewesen aufgenommen werden. Auch Menschen nehmen die kleinen Plastikpartikel über verschiedene Wege auf – wie schädlich sie sind, ist noch nicht geklärt.

Viele Kund:innen sind sich des Problems bewusst und greifen deshalb zu mikroplastikfreier Kosmetik. Aber Vorsicht: Für den Begriff „Mikroplastik“ gibt es verschiedene Definitionen. Das Umweltbundesamt versteht darunter feste Plastikstücke, die kleiner als 5 Millimeter sind. Diese Definition schließt aber weiche und flüssige Kunststoffe aus, die in Kosmetika häufig verwendet werden – zum Beispiel als Verdickungsmittel und Filmbildner. Wie sie sich auf Ökosysteme oder den Menschen auswirken, ist kaum erforscht.

Wir bei Utopia raten deshalb dazu, Kosmetik zu kaufen, die frei von Kunststoffen jeglicher Art ist – auch flüssiges, gel- und wachsförmiges Plastik beziehen wir in unsere Definition von Mikroplastik mit ein. Das Siegel von dm schließt festes Mikroplastik und wasserlösliche, rein synthetische Polymere aus. Halbsynthetische Biokunststoffe werden allerdings nicht erwähnt. Ähnlich sieht es bei Rossmann aus. Das Unternehmen führt eine komplexe Liste mit synthetischen Kunststoffen auf, die das Siegel verbietet – fest, halbfest und löslich. Beide Siegel können eine erste Orientierung bieten, aber im Zweifel lohnt sich ein zweiter kritischer Blick auf die Inhaltsstoffe, auch auf andere als Plastik.

Vorsicht bei Begriffen wie „Naturkosmetik“, „bio“, „natürlicher Ursprung“

Auf der Verpackung prangen Früchte oder eine Aloe Vera, daneben steht der Begriff „Naturkosmetik“. Das Produkt muss ja nachhaltig sein? Leider trifft das nicht immer zu.

Wir bei Utopia empfehlen zwar Naturkosmetik – aber nur solche, die seriöse Siegel trägt. Als empfehlenswert gelten zum Beispiel Nature, Cosmos, Ecocert oder BDIH. Sie stellen unter anderem sicher, dass das Produkt frei von bestimmten bedenklichen Inhaltsstoffen ist – zum Beispiel erdölbasierte Stoffe, Silikone und PEG – und setzen strengere Tierschutzrichtlinien voraus.

Allein auf den Begriff „Naturkosmetik“ kann man sich leider nicht verlassen, weil er nicht geschützt ist. Das gilt auch für „Öko-Kosmetik“. Selbst der Begriff „bio“ sagt bei Kosmetik nicht viel aus – nur bei Lebensmitteln garantiert er ökologische Standards. Und auch wenn der Hersteller „natürliche Inhaltsstoffe“ verspricht, heißt das nicht, dass das Produkt ausschließlich – oder auch nur überwiegend – Zutaten enthält, die nicht synthetisch gewonnen wurden. Selbst konkretere Aussagen wie „95 Prozent Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs“ können irreführend sein, wenn der Wasseranteil des Produkts miteinberechnet wird. Dieser kann bei Kosmetik bis zu 90 Prozent betragen.

Zertifizierte Naturkosmetik ist meist die bessere Wahl, aber hat auch ihre Schwächen. Obwohl die Aufmachung teils anderes suggeriert, stammen nicht alle Inhaltsstoffe aus ökologischem Anbau. Und auch strenge Siegel erlauben natürliche Duftstoffe, die teils Allergien auslösen können. Allergiker:innen orientieren sich deshalb am besten am Siegel des Deutschen Allergie und Asthma Bundes (DAAB).

„Kompostierbare“ Verpackung bei Kosmetik: Bloß Marketing?

Bei Schokoriegeln ist die kompostierbare Verpackung längst nichts neues mehr. Im Kosmetikbereich ist sie noch nicht ganz so verbreitet – aber auch hier suggerieren immer mehr Hersteller, dass Pulvertütchen und Bioplastikbehälter einfach auf den Gartenkompost können.

Aber Vorsicht: Viele kompostierbare Verpackungen sind nicht zur Kompostierung im Garten zugelassen, sondern zur industriellen Kompostierung. Das bedeutet: Sie zersetzen sich nur dann schnell, wenn es warm und feucht genug ist. Die Bedingungen können aber viele Kompostierwerke nicht liefern. Für Verbraucher:innen heißt das: Die Verpackung gehört nicht auf den Kompost oder in den Biomüll, sondern in den Restmüll, von wo aus sie wie gewohnt verbrannt oder entsorgt wird.

„100 Prozent recyceltes Material“ – aber nicht aus dem gelben Sack

Kunststoff zersetzt sich sehr langsam und belastet die Umwelt. Wenn wir das Material recyclen, müssen wir weniger neues Plastik produzieren – das schont Ressourcen und unsere Ökosysteme. Kein Wunder, dass viele Firmen damit werben, dass ihre Verpackungen oder Produkte teilweise oder ganz aus recyceltem Material (auch „Rezyklat“ genannt) bestehen.

Das Problem: Kund:innen sehen der Ware nicht an, wie viel Rezyklat wirklich enthalten ist. Oft steht auf der Verpackung auch nicht, wie groß der Anteil an Recyclingmaterial ist. Die Versprechen der Hersteller lassen sich nicht prüfen.

Alte Plastikflaschen werden häufig zu neuen Produkten recycelt. (Foto: CC0/pixabay/Hans)

Konzerne nutzen das aus. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) warf dem Konzern Henkel 2019 zum Beispiel „irreführenden Tricksereien“ vor. Das Unternehmen stellt unter anderem Toilettenreiniger her und warb damit, dass ein Toilettensteinkörbchen zu 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff bestehe. Tatsächlich basierte das Material nicht auf alten Plastikverpackungen, sondern auf neuem Plastik, das bei der Produktion übergeblieben war.

Henkel versprach, der WC-Reiniger sei ein Einzelfall, Reinigungsmittelflaschen von Pril, Bref, Sidolin und Co. bestünden zu fast 100 Prozent aus Post-Consumer-Rezyklat, also weggeworfenem Material. Dieses Rezyklat wird fast gänzlich aus recycelten Getränkeflaschen gewonnen, die sich nicht mehr befüllen lassen. Plastik aus dem gelben Sack wird kaum verwendet – es aufzubereiten wäre für viele Konzerne zu aufwendig und teuer.

Kosmetik ohne Parabene, Konservierungsstoffe & Mineralöle?

Wer nicht Chemie studiert hat, wird die Inhaltsstoffliste vieler Kosmetikprodukte kaum verstehen. Einige Stoffe sind uns trotzdem ein Begriff, Medien haben jahrelang vor ihnen gewarnt: Parabene können den Hormonhaushalt durcheinander bringen, bestimmte Konservierungsstoffe sollen Allergien auslösen und Mineralöle reichern sich im Fettgewebe und der Leber an – die Auswirkungen sind noch nicht geklärt.

Hersteller sind deshalb dazu übergegangen, auf Verpackungen hervorzuheben, das Produkte frei von bestimmten Stoffen sind. Formulierungen wie „ohne Parabene“ schaffen Vertrauen und suggerieren, dass auch die übrigen Inhaltsstoffe natürlich sind.

Das muss aber nicht so sein. Viele Hersteller nutzen stattdessen einfach weniger bekannte Inhaltsstoffe, die die gleiche Wirkung haben. Statt gewöhnlichen Konservierungsstoffen kommen zum Beispiel häufig Caprylyl Glycol und Ethylhexylglycerin zum Einsatz. Sie wirken konservierend, müssen aber nicht als Konservierungsstoff deklariert werden.

Utopia meint: Greenwashing bei Kosmetik erkennen wird immer schwerer

Wir begrüßen es, wenn Hersteller ihr Produkt nachhaltiger gestalten, und zum Beispiel Mikroplastik aus ihren Produkten verbannen. Darüber wollen sie ihre Kund:innen natürlich informieren. Auch 20 Prozent Rezyklatanteil in der Verpackung sind eine Verbesserung gegenüber 0 Prozent. Aber 100 Prozent wären besser – und über das Produkt in der Verpackung sagt die Information gar nichts aus.

Vage und kleinteilige Werbeversprechen machen es Verbraucher:innen schwerer, echte Innovationen von Greenwashing zu unterscheiden. Um das zu vermeiden, müssten Begriffe wie „Mikroplastik“, „Naturkosmetik“ oder „recycelte Inhaltsstoffe“ einheitlich definiert und rechtlich geschützt werden. Bis es so weit ist, bleibt Kund:innen nur, genau hinzusehen. Nachhaltige Kosmetik erkennt man an seriösen Siegeln und mittels Apps wie Cosmile-App und ToxFox.

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