Verzweifelt gesucht: ein Recht auf Reparatur …

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Alltagsprodukte gehen heutzutage oft schnell kaputt. Vielen Konsumenten gefällt das nicht mehr – sie wollen Dinge reparieren können. Doch das wird auf vielen Ebenen verhindert. Brauchen wir ein „Recht auf Reparatur“?

„Wenn du es nicht reparieren kannst, dann gehört es nicht dir“, sagen die Aktivisten von iFixit, einer weltweiten Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig helfen, Dinge zu reparieren. Die Community hat im Web ein kostenloses Reparaturhandbuch zusammengestellt und in viele verschiedene Sprachen übersetzt. Außerdem bewertet sie Produkte in Bezug auf ihre Reparierbarkeit.

Die Aktivisten gehen damit ein Problem an, das etliche Menschen ärgert: Viele Produkte gehen sehr schnell kaputt – und sie lassen sich dann nicht oder nur unter sehr hohem Kostenaufwand reparieren.

Uns fehlt ein Recht auf Reparatur

Wer kennt es nicht: Das Handy ist zwar erst knapp zwei Jahre alt, doch schon macht der Akku schlapp. Ärgerlich! Andererseits gibt es inzwischen viele neue Geräte auf dem Markt, die auch sehr schick sind – also her mit einem neuen Telefon!

Umweltfreundlich ist das natürlich nicht. Denn die Produktion von neuen Produkten verbraucht wertvolle, nur begrenzt verfügbare Rohstoffe. Gerade Handys gelten hier als problematisch. Statt kaputte und etwas ältere Gegenstände zu entsorgen und durch neue zu ersetzen, wäre es besser, sie so lange wie möglich zu nutzen und im Fall eines Defekts zu reparieren oder reparieren zu lassen. Denn aus ökologischer Sicht ist die Reparatur fast immer die bessere Lösung – selbst wenn das neue Gerät energieeffizienter sein sollte als das alte. Das sagt unter anderem das Öko-Institut.

Ähnliches wie beim Handy gilt für viele andere Produkte. Doch was für die Umwelt gut wäre, belastet allzu oft den Geldbeutel: Die Reparatur ist meist genauso teuer wie ein Neukauf. Hat das Produkt noch in der Gewährleistung einen Mangel, tauschen die Hersteller es oft direkt gegen ein Neues aus, einfach weil das billiger für sie ist – egal, ob man das als Konsument will oder nicht.

Neukauf – oft billiger als Reparieren

Schuld ist auch die Logik eines wachstumsfixierten Wirtschaftskreislaufs, der davon lebt, in immer schnelleren Zyklen neue Produkte zu entwickeln und zu verkaufen.

Viele Verbraucher haben dies so sehr verinnerlicht, dass sie überhaupt nicht mehr auf die Idee kommen, Dinge reparieren zu lassen. Eine Studie von Greenpeace kam zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Deutschen noch nie Kleidung zum Schneider gebracht hat. Über die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen war noch nie beim Schuster.

Doch selbst wenn Konsumenten reparieren wollten: Oft kann man das Gerät nicht aufschrauben, was eine Grundvoraussetzung für jede Reparatur wäre. Und nur in den seltensten Fällen gibt es Ersatzteile zu kaufen. Bei elektronischen Geräten, auf denen eine Software installiert ist, wird zudem früh der Support eingestellt, und in vielen Fällen lässt sich darauf auch keine eigene Software installieren, um das aufzufangen.

Die Aktivisten von iFixit, aber auch Verbraucher- und Umweltorganisationen, fordern schon länger ein „Recht auf Reparatur“. Dazu gehört nicht nur, dass sich Produkte überhaupt reparieren lassen, sondern auch eine rechtliche Gleichstellung der Reparateure – also autorisierte und unabhängige Reparaturwerkstätten, Reparatur-Initiativen wie Repair Cafés und Eigenreparatur. Nur so kann der Verbraucher tatsächlich entscheiden, welchen Dienstleister er nutzen möchte. Dies sei auch eine Chance, lokale Arbeitsplätze zu bewahren, betont Germanwatch.

EU verbessert Möglichkeiten zur Reparatur

Politisch wäre also dringend ein Umdenken notwendig. Und tatsächlich tut sich etwas: In den USA haben bereits 18 Staaten ein „Recht auf Reparatur“-Gesetz verabschiedet – zuletzt Kalifornien. In Deutschland hingegen wurde im vergangenen Jahr eine entsprechende Petition an den Bundestag im verantwortlichen Ausschuss abgelehnt.

Wenigstens die EU hat im Rahmen der Öko-Designrichtlinie einiges getan, um die Bedingungen für die Reparierbarkeit von Produkten zu verbessern. Für die Produktgruppen Kühlschränke, Beleuchtung, Displays/TV, Geschirrspüler, Waschmaschinen, Motoren, Netztransformatoren, externe Netzgeräte, Schweißgeräte und gewerbliche Kühlgeräte wurden die „Ressourceneffizienz-Anforderungen“ verschärft. Dabei wurden Ersatzteillisten für bestimmte Produktgruppen formuliert – Hersteller und Importeure müssen sieben bis zehn Jahre lang Ersatzteile vorrätig halten, die auf diesen Listen stehen. Es gibt auch verschiedene Anforderungen an Soft- und Firmware, die in einem ähnlichen Zeitfenster verfügbar sein müssen.

Für eine neue Fassung der Öko-Designrichtlinie ist darüber hinaus Folgendes vorgesehen:

  • Hersteller müssen das Produkt künftig so gestalten, dass ein Austausch mit „herkömmlichen Werkzeugen“ ohne Schäden am Gerät möglich ist.
  • Die Teile müssen innerhalb von 15 Werktagen lieferbar sein.
  • Die Hersteller müssen künftig die Reparaturanleitungen im Netz frei zur Verfügung stellen.
  • Nicht nur Reparaturdienstleister, sondern auch der Verbraucher selbst soll Ersatzteile kaufen dürfen – allerdings nur „nicht-sicherheitsrelevante Einzelteile“. Dies hieße beim Kühlschrank zum Beispiel: Türgriffe, Türscharniere oder Einlegeböden.
  • Ersatzteile, die für den Verbraucher zugänglich sind, sollen als Liste auf der öffentlich einsehbaren Website des Herstellers aufgeführt werden.
  • Hersteller müssen Produkte, die sich nicht reparieren lassen, entsprechend kennzeichnen.

Warnhinweise, wenn sich Geräte nicht reparieren lassen

Heute sind zum Beispiel LED in Leuchten oft fest verbaut, so dass sie sich im Falle eines Defekts nicht austauschen lassen. Künftig müssen sie entweder mit üblichen Werkzeugen so auseinandergebaut werden können, dass man das Leuchtmittel selbst wechseln kann. Oder die Hersteller sollen im Internet oder auf der Verpackung darauf hinweisen müssen, wenn das nicht möglich ist. Auf diese Weise kann der Konsument endlich informiert entscheiden, ob er ein solches Gerät trotzdem kaufen möchte.

Johanna Sydow, Rohstoffexpertin von Germanwatch und Koordinatorin des Runden Tischs Reparatur, sagt zu den Neuerungen der Richtlinie: „Erstmals wurde das Anrecht auf bestimmte Ersatzteile gesetzlich festgeschrieben. Das ist ein wichtiger Bestandteil eines ‚Rechts auf Reparatur'“.

Allerdings fehlen nach Ansicht des BUND noch wichtige Ersatzteile, und die maximal zulässige Lieferungsfrist sei mit 15 Tagen zu lang bemessen. „Es ist höchst problematisch, dass Repaircafés und Endverbraucher nicht beliefert werden müssen und unabhängige Reparaturbetriebe weiter diskriminiert werden können“, so Johanna Sydow weiter.

Die neuen EU-Regeln gelten größtenteils erst ab 20121

Trotz der Kritik wird es durch die neue Ökodesign-Richtlinie der EU für den Verbraucher künftig einfacher, Produkte zu reparieren. Allerdings gelten die neuen EU-Regeln im europäischen Markt größtenteils erst ab März 2021. Fraglich bleibt auch, ob sie wirklich dazu führen werden, dass Verbraucher ihre Geräte lieber behalten, statt neue zu kaufen. Am Ende werden wahrscheinlich finanzielle Reize darüber entscheiden.

Eine zusätzliche politische Stellschraube könnte sein, die Reparatur gegenüber dem Neukauf steuerlich zu begünstigen. Diesen Weg hat zum Beispiel Schweden 2016 beschritten. Die schwedische Regierung hat die Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Schuhen, Kleidung, Haushaltsgeräten und Fahrrädern von 25 auf 12 Prozent mehr als halbiert. Auch dürfen reparierende Handwerker dort Reparaturdienstleistungen für beispielsweise Haushaltsgroßgeräte um bis zu 50 Prozent günstiger anbieten – die Differenz zum ursprünglichen Preis bekommen sie auf Antrag vom Finanzamt erstattet. Außerdem versucht Schweden, Umweltbelastungen im Preis von neuen Produkten abzubilden: Mit der Einführung einer Steuer auf gefährliche Chemikalien erhöhte das Land die Preise von vielen Neugeräten.

Recht auf Reparatur umsetzen

Kann der Einzelne ein Recht auf Reparatur besser wahrnehmen? Ja, denn zum Glück gibt es gerade in diesem Bereich viele Möglichkeiten.

Selbst reparieren

In ganz Deutschland organisieren sich Bürger, um einander zu helfen, kaputte Geräte, wie etwa Kaffeemaschinen, Staubsauger oder Handys, vor einem allzu frühen Schicksal auf der Müllhalde zu bewahren. Auf www.reparatur-initiativen.de gibt es einen Überblick, wo und wann solche sogenannten Repair-Cafés veranstaltet werden, bei denen defekte Alltagsgegenstände in angenehmer Atmosphäre gemeinschaftlich repariert werden.

Auf Webseiten wie ifixit.com, www.iDoc.eu oder bei Youtube finden Verbraucher zahlreiche kostenlose Anleitungen, wie sich Elektrogeräte, Smartphones und Tablets reparieren lassen.

Wer zu Nadel und Faden greift, statt Kleidung wegzuwerfen, setzt dem schädlichen Fast-Fashion-Trend etwas entgegen. Selbst wenn man noch nie eine Naht genäht hat, findet man im Netz unzählige, hilfreiche Tutorials.

Recht auf Reparatur: Selber reparieren kann auch Spaß machen!
Recht auf Reparatur: Selber reparieren kann auch Spaß machen! (Foto: Colourbox.de)

Reparieren lassen

Vorschlag: Unterstütze unabhängige Werkstätten, Schneider und Schuster vor Ort. Tipp: Vor der Beauftragung komplizierter Reparaturen unbedingt schriftlich festhalten, was die Reparatur kostet und wie lange sie dauert. Auf der Plattform kaputt.de findest du zahlreiche Anbieter und kannst deren Bewertungen durch andere Nutzer zu Rate ziehen. Auch auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de tauscht man sich rege über fähige Anbieter aus.

Sich engagieren

In Deutschland macht sich seit Ende 2015 der Runde Tisch Reparatur für das Recht auf Reparatur stark. Umweltverbände, Reparaturwerkstätten, Verbraucherschützer und Wissenschaftler sind dort engagiert und informieren über neue Petitionen und Fortschritte in der Politik. Die Initiative „Murks – Nein, danke!“ sammelt Verbraucherbeschwerden über Produkte, die zu schnell kaputt gehen. Auf diese Weise lässt sich Druck auf Hersteller ausüben.

Engagierte Hersteller unterstützen

Wenn du etwas kaufst, kannst du dich bewusst für Produkte entscheiden, für die der Hersteller Reparaturservices und Ersatzteile anbietet. Einige Beispiele:

  • Im Smartphone-Bereich bemühen sich die Unternehmen Fairphone und Shift (Shiftphone), ihre Telefone so herzustellen, dass man sie selbst reparieren kann. Beide halten dazu Ersatzteile und Anleitungen bereit. Viele Komponenten, wie die Kamera, lassen sich austauschen und zu einem späteren Zeitpunkt mit eventuell weiterentwickelten Teilen ersetzen.
  • Der Textilhersteller Patagonia bietet eine „kompromisslose Garantie“, was bedeutet, dass Verbraucher ihre Kleidung selbst bei Abnutzung und Verschleiß reparieren lassen können. Auch das Jeanslabel Nudie repariert seine Jeans, desgleichen der Schuhhersteller Think!. Details im Beitrag Langlebige Kleidung: Diese Labels produzieren nicht für die Tonne.
  • Das wegweisende Elektroauto Sion fällt nicht nur durch seine Solarzellen auf, sondern auch durch ein reSono genanntes Reparaturkonzept. Die Fahrer sollen selbstgemachte (und lizenzfrei herstellbare) Ersatzteile nachkaufen und unproblematisch einbauen können. Werkstätten müssen keine teure Lizenz erwerben und es wird ihnen ein Werkstatthandbuch öffentlich zugänglich gemacht.

Gewiss gibt es noch viele weitere Anbieter. Frage beim Kauf ganz konkret nach Garantien, Reparatur- und Ersatzteilservices, die das Unternehmen anbietet.

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