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Seaqual: High-Tech-Garn aus (Meeres-)Müll

Foto: CC0 / Pixabay / Carola68

Die „Seaqual Initiative“ will dem Müll im Meer den Kampf ansagen – indem sie maritimes Plastik zu einem Hightech-Garn upcycelt. Viele Labels stellen daraus bereits Kleidung her. Doch ist das ökologisch überhaupt sinnvoll?

Die Massen an ozeanischem Plastikmüll wachsen jedes Jahr um weitere 4,8 bis 12,7 Tonnen an. Kunststoffabfall im Meer kostet Meerestieren das Leben, gefährdet das Ökosystem Meer und kann in Form von Mikroplastik unvorhersehbare Folgen für den Menschen haben. Außerdem handelt es sich dabei auch um eine enorme Verschwendung des Rohstoffs Plastik.

Die globale Gemeinschaft „Seaqual Initiative“ versucht, mithilfe einer technischen Innovation Meerplastik nicht nur einzusammeln, sondern auch zu verwerten: Seaqual hat ein Hightech-Garn aus ozeanischem Kunststoff entwickelt. 

Was macht die Seaqual Initiative?

Im und am Meer gibt es immer mehr Müll. Die Seaqual Initiative will dagegen etwas unternehmen.
(Foto: CC0 / Pixabay / flockine)

Die in Spanien ansässige Seaqual Initiative arbeitet sowohl mit Fischer:innen, Forschenden und Aktivist:innen als auch mit großen Organisationen und Behörden aus aller Welt zusammen, die sich gegen die Plastikverschmutzung der Meere einsetzen. Seaqual hat es sich dabei zur Aufgabe gemacht, dem bei Meeresreinigungsaktionen gesammelten Kunststoffmüll ein zweites Leben zu geben. Viel zu oft nämlich landet ein Großteil dieser Abfälle laut Seaqual auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen, statt als wertvolle Ressource aufbereitet zu werden. 

Nachdem der Meeresmüll bei Aktionen in Europa, im Mittelmeer und an der Westküste Afrikas geborgen wurde, wird er in verschiedene Materialtypen sortiert. Aus dem scheinbar nutzlosen Kunststoffanteil lässt Seaqual anschließend einen neuen Rohstoff produzieren: SEAQUAL® MARINE PLASTIC. Bisher soll die Initiative 200 Tonnen Meeresmüll in dieses recycelte Plastik umgewandelt haben. 

Seaqual-Garn: Hightech-Faser aus dem Meer

Das Seaqual-Garn hat fast dieselben Eigenschaften wie Polyester.
(Foto: CC0 / Pixabay / MAKY_OREL)

Aus dem SEAQUAL® MARINE PLASTIC fertigt Seaqual dann unter anderem ein Hightech-Garn, das SEAQUAL® Yarn, welches

  • nahezu dieselben physikalischen Eigenschaften wie reines Polyester hat (hohe Dehnbarkeit, lange Haltbarkeit, Weichheit),
  • in einer Vielzahl von Größen und Ausrüstungen erhältlich ist (damit sind verschiedene Garntypen gemeint)
  • und sich somit auch für eine Vielzahl von Anwendungen eignet. 

    Die Initiative schätzt, dass sie für jedes produzierte Kilo Seaqual-Fasern ein halbes Kilo Meeresmüll aus den Ozeanen fischt. Dabei besteht das Garn selbst zu etwa zehn Prozent aus dem SEAQUAL® MARINE PLASTIC. Bei den restlichen 90 Prozent handelt es sich um Post-Consumer-PET aus Landquellen. Der Anteil an Meeresmüll, der sich nicht zur Garnherstellung eignet, wie Elektroschrott, Glas oder alte Kleidung, wird entweder recycelt oder entsorgt. 

    (Nicht immer) nachhaltigere Kleidung mit Seaqual-Garn

    Aus Seaqual-Garn lassen sich auch Schuhe herstellen.
    (Foto: (c) Fairticken)

    Seaqual-Garn kommt sowohl in der Bekleidungsbranche als auch in der Automobilpolsterung, für Heimtextilien und technische Textilien zum Einsatz. Einige ökologische beziehungsweise faire Bekleidungsmarken haben bereits Kleidung aus Seaqual-Garn im Angebot:

    • Twothirds: Das spanische Label bietet eine Auswahl** von Strandtüchern über Badeshorts bis Hemden mit Seaqual an. 
    • Fairticken: Seaqual-Garn eignet sich auch zur Herstellung veganer Sneaker (zum Beispiel erhältlich über den Avocadostore**).
    • Bleed: Hier findest du Badeshorts aus dem Meeresplastikgarn (auch erhältlich über den Avocadostore**).
    • Brava Fabrics: Brava hat Jacken mit Seaqual-Garn im Angebot. 
    • Rita Row: Das in Spanien ansässige und produzierende Label bietet Jacken und Westen an. 
    • Jack Wolfskin: Hier ist Oberbekleidung** mit Seaqual-Yarn erhältlich.

    Doch nicht nur nachhaltigere Label nutzen Seaqual-Garn. Unter den Lizenz-Partner:innen der Initiative befinden sich auch Fast-Fashion-Riesen wie NA-KD. Das Unternehmen bietet eine ganze Kollektion an Schwimmkleidung aus Seaqual-Garn an. Ein recyceltes Garn zu verwenden, macht alleine also noch kein nachhaltigeres Produkt oder gar Label aus.

    Das bestätigt die Bewertung von NA-KD auf der Nachhaltigkeitsplattform Good On You: Zwar nutze NA-KD teilweise umweltfreundliche Materialien, beispielsweise aus Recycling. Darüber hinaus konnten aber bei dem Label keine weiteren Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit und eine faire Produktion festgestellt werden. 

    Wie nachhaltig ist Seaqual-Garn?

    Für Seaqual muss kein neues Erdöl gefördert und verarbeitet werden.
    (Foto: CC0 / Pixabay / SatyaPrem)

    Da Seaqual-Garn zu 100 Prozent aus recyceltem Material besteht, kann die Initiative auf den Einsatz neuer Ressourcen verzichten – insbesondere Erdöl, das die Basis vieler synthetischer Garne wie Polyester bildet und dessen Förderung und Nutzung mit fatalen Folgen für die Umwelt, das Klima und den Menschen einhergeht. So trägt die Erdöl-Verarbeitung beispielsweise maßgeblich zur globalen Erderwärmung bei. 

    Bei der Herstellung des Seaqual-Garns soll es hingegen zu einem im Vergleich um 60 Prozent verringerten CO2-Ausstoß kommen. Zudem spart sie auch bis zu 40 Prozent Wasser und 50 Prozent Energie. Außerdem verläuft der Recycling-Prozess für das Garn werkstofflich, also durch die mechanische Trennung von verschiedenen Plastikarten, und nicht chemisch. Letzteres Verfahren ist mit einem hohen Energieverbrauch und der potentiellen Entstehung chemischer Schadstoffe verbunden. 

    Darüber hinaus trägt Seaqual-Garn zwei Siegel: 

    • Zertifizierung durch den Global Recyled Standard (GRS): Diese Zertifizierung garantiert recycelte Textilien mit zusätzlichen ökologischen und sozialen Kriterien. Dazu zählen eine verantwortungsvolle Produktion hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sowie Rückverfolgbarkeit. 
    • Zertifizierung durch Oeko-Tex Standard 100: Dieses Label garantiert Schadstofffreiheit. 

    Seaqual bemüht sich zudem um noch mehr Nachhaltigkeit bei der Garnproduktion. Zurzeit findet die Verarbeitung des Meeresplastiks zwar noch vollständig in Spanien statt, doch Ziel der Initiative ist es, das Recycling in Zukunft lokaler zu gestalten. Das Plastik soll idealerweise dort, wo es gesammelt wurde, auch verantwortungsvoll recycelt und weiterverarbeitet werden.

    Das würde lange und damit emissionsintensive Transportwege vermeiden sowie Menschen und Regierungen vor Ort vermitteln, dass marines Plastik eine wertvolle Ressource ist. Seaqual unterstützt daher die Verbesserung lokaler Abfallbewirtschaftungs- und Recycling-Infrastrukturen. 

      Kleidung aus (Meeres-)Plastik hat Probleme

      Wie jedes andere plastikbasierte Garn oder Textil hat aber auch Seaqual-Yarn ein großes Problem: Mikroplastik. Bei jedem Waschgang lösen sich winzige Plastikteilchen aus den Fasern. Dieses Mikroplastik ist so klein, dass weder Waschmaschinen noch herkömmliche Kläranlagen es filtern können. So gelangt es über das Abwasser zurück in unsere Gewässer. Tatsächlich stammt mehr als ein Drittel des weltweiten Mikroplastik-Aufkommens aus synthetischen Textilien. 

      Wie ökologisch sinnvoll ist es also, Meeresplastik zu Kleidung zu verarbeiten, wenn diese ein Grund für noch mehr marinen Kunststoffmüll ist?

      Auch Kai Nebel, Textil-Nachhaltigkeitsforscher an der Hochschule Reutlingen, steht Kleidung aus Meeresplastik kritisch gegenüber: „Natürlich ist jedes Kilo weniger Plastik im Meer gut. Aber dieses Plastik wieder zu neuen Klamotten zu verarbeiten, halte ich für Unsinn.“ Denn für das Recycling müsse ein unverhältnismäßiger Aufwand betrieben werden, der sich nur selten in einer Ökobilanz niederschlägt, „die wirklich transparent belegt, dass das nachhaltig ist.“

      Mehr zur Problematik von Kleidung aus recyceltem Meeresmüll findest du hier: 

      Fazit: Auch recyceltes Plastik am besten vermeiden

      Die Seaqual Initiative macht einiges richtig. Zum einen legt sie viel Wert auf Transparenz und Rückverfolgbarkeit: Das Garn enthält einen Tracker, sodass der Rohstoff entlang der gesamten Produktionskette und im fertigen Textil nachverfolgbar bleibt. Zum anderen arbeitet sie eng mit lokalen Gemeinden zusammen, die tagtäglich mit Meeresplastik in Berührung kommen, um den Umgang damit vor Ort nachhaltig zu verbessern. 

      Doch aus ökologischer Sicht ist das Verarbeiten von recyceltem Meeresplastik (noch) nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Das Bergen und das Recycling von Meeresplastik sind extrem aufwendig und produzieren derzeit nur minderwertige Fasern, die mit zusätzlichem Kunststoff aus anderen Quellen gemischt werden müssen. Ein Garn oder Textil aus 100 Prozent Meeresplastik gibt es daher bisher nicht. Es stellt sich also die Frage, ob sich der enorme Aufwand angesichts der geringen Menge an Meeresplastik, die tatsächlich recycelt wird, lohnt. 

      Hinzu kommt, dass die Kleidung aus maritimem Kunststoff selbst zum Problem der Plastikverschmutzung der Meere beiträgt. Mehr noch: Viele Unternehmen schreiben sich gerne auf die Fahne, nun umweltfreundlichere Materialien zu verwenden, da dies ein gutes Verkaufsargument in Zeiten wachsenden Nachhaltigkeitsbewusstseins ist. Doch die steigende Nachfrage nach solch vermeintlich nachhaltigeren Produkten kann zu einem ökologischen Paradox werden. „Wenn ich Plastikflaschen zur Textilproduktion nehme, um dann Kleidung daraus herzustellen, dann hat das die Konsequenz, dass ich viel mehr Plastikflaschen produzieren muss, damit die Textilindustrie einen umweltfreundlichen Rohstoff hat“, sagt Gilian Gerke, Professorin für Ressourcenwirtschaft, Recycling und Nachhaltigkeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

      Es gilt also: Wenn möglich, solltest du Textilien aus Kunststoff vermeiden – auch wenn es sich dabei um recyceltes Material handelt. Einige Kleidungsstücke wie Funktions- oder Sportkleidung kommen jedoch kaum ohne Plastik aus. Dann ist es sinnvoll, auf Textilien mit recyceltem Kunststoff und von empfehlenswerten Marken zurückzugreifen.

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