Versteckte Zusatzstoffe: die Tricks der Lebensmittelindustrie

Versteckte Zusatzstoffe in Lebensmitteln
Fotos: © Aaron Amat, dule964 - Fotolia.com, Colourbox.de

Zusatzstoffe und E-Nummern sind beim Verbraucher unbeliebt. Der greift im Supermarkt deshalb zu Lebensmitteln, die ohne auskommen. Doch „frei von xy“ ist zuweilen Augenwischerei: Zunehmend verstecken sich Zusatzstoffe hinter freundlicheren Bezeichnungen.

Clean Labeling nennt sich das Bestreben der Lebensmittelindustrie, die Etiketten möglichst „sauber“ zu halten: Die Produkte sollen zumindest auf dem Papier der Zutatenliste „frei von“ sein, denn das kauft der Kunde lieber: Frei von zum Beispiel Farbstoffen, Konservierungsstoffen, Aromen, Geschmacksverstärkern, E-Nummern, Zucker und Fett.

Dem Verbraucher wird suggeriert, das Produkt sei gesund, natürlich und frei von ungewünschten Zusatzstoffen. Doch die Hersteller tricksen: Unbeliebte Zusatzstoffe werden einfach durch Alternativen ersetzt, die eine ähnliche Wirkung haben, jedoch nicht als Zusatzstoff gekennzeichnet werden müssen. Wir zeigen, worauf du achten musst.

„Frei von Geschmacksverstärkern“ – dank Würze, Tomaten oder Soja

Der Geschmacksverstärker Glutamat wird für viele Beschwerden, Krankheiten und Symptome verantwortlich gemacht. Die Lösung der Lebensmittelindustrie war zunächst: „Hefeextrakt“. Das klingt unschuldig, ist aber eben auch ein Geschmacksverstärker – lies dazu auch Ist Hefeextrakt das neue Glutamat?

Vom Trick mit Hefeextrakt haben inzwischen viele Verbraucher gehört, deshalb wird vermehrt auf andere Zutaten gesetzt: Sojaprotein, Tomatenpulver oder Würze müssen – trotz ihrer geschmacksverstärkenden Wirkung – auf der Zutatenliste nicht als Geschmacksverstärker angegeben werden. So enthält die Maggi „Spaghetti Bolognese“ anstelle von Geschmacksverstärkern die Zutat „Würze (aus Weizen)“.

Aber was genau ist das eigentlich? „Würze“ muss zwar nicht als Zusatzstoff angegeben werden, ist aber dennoch alles andere als natürlich: Sie wird durch die chemische oder enzymatische Spaltung von Protein aus pflanzlichen Rohstoffen wie Raps, Mais, Weizen oder Soja hergestellt. Die flüssige, pulvrige oder feste Würze enthält große Mengen an proteingebundener Glutaminsäure und wirkt daher im Lebensmittel geschmacksverstärkend. Und so ist das oft auch gewollt.

Frei von künstlichen Farbstoffen: dank Rote-Bete, Johannisbeeren und Algenpulver

Viele Lebensmittelhersteller verzichten inzwischen auf bedenkliche künstliche Farbstoffe wie beispielsweise die E-Nummer E110 – Gelborange S. Farbenfrohe Bonbons, Gummibärchen oder Getränke sind aber oft nur dank zugesetzter Farbstoffe so leuchtend bunt, wie Kinder das lieben.

„Frei von künstlichen Farbstoffen“ bedeutet also nicht unbedingt, dass das Produkt keinerlei Farbstoffe enthält. Die Industrie ersetzt einfach die synthetischen Stoffe durch farbige Konzentrate oder Pulver aus Obst und Gemüse.

Rote-Bete-Saft im Kirschjoghurt oder Algenpulver bei Wasabi Erdnüssen gelten nicht als Farbstoffe und müssen deshalb auch nicht als solche gekennzeichnet werden.

Versteckte Zusatzstoffe im bunten Joghurt
Versteckte Zusatzstoffe im bunten Joghurt (Foto: Colourbox.de)

Ja: Natürliche Farbstoffe sind besser als künstliche E-Nummern. Trotzdem ist es Augenwischerei, denn uns Kunden wird durch das optische Aufpeppen oft nur eine höhere Qualität vorgetäuscht. So verleitet der leuchtend rote Zott „Sahne Joghurt mild Amarena-Kirsch“ dank „färbendem Rote Beetesaftkonzentrat“ zur Annahme, dass er besonders viele Kirschen enthält.

Die „Götterspeise Himbeergeschmack“ von Dr. Oetker enthält neben dem als Farbstoff ausgezeichneten Carotin drei weitere färbende Zutaten: Karottenkonzentrat, schwarzes Johannisbeerkonzentrat sowie Hibiskuskonzentrat. Zu Gute halten muss man diesem Hersteller jedoch, dass in der Zutatenliste auf die färbenden Eigenschaften hingewiesen wird.

„Frei von künstlichen Aromen“

Der Hinweis „Frei von künstlichen Aromen“ klingt erst mal gut, ist aber auf den zweiten Blick irreführend. Denn Aroma ist nicht gleich Aroma, und der Blick in die Angaben der Zutatenliste lohnt sich:

  • „Aroma“ wird im Labor chemisch hergestellt.
  • „Natürliches Aroma“ oder „natürlicher Aromastoff“ stammt zwar aus einem natürlichen Rohstoff, jedoch nicht zwangsläufig aus einem Lebensmittel. Es kann auch aus pflanzlichen und tierischen Ausgangsstoffen oder Mikroorganismen wie Schimmelpilzen gewonnen werden. Selbst die Herstellung mit Hilfe gentechnischer Verfahren ist möglich. Natürliche Aromen sind beispielsweise Vanillin, das aus dem Holzabfallprodukt gewonnen wird, oder Pfirsicharoma aus Schimmelpilzen.
  • „Natürliches Chiliaroma“ – das die „Ungarischen Gurken“ von Kühne enthalten, muss mindestens zu 95 Prozent aus echten Chilis stammen. Analog gilt dies natürlich auch bei anderen Gewürzen, Gemüsesorten oder Früchten.

Konservierende Zutaten statt Konservierungsstoffe

Ein Lebensmittel „ohne Konservierungsstoffe“ enthält häufig trotz des Versprechens auf der Verpackung Stoffe mit konservierender Wirkung. Es gibt andere Zutaten, die ebenfalls die Haltbarkeit verlängern: Antioxidationsmittel, Säuerungsmittel wie Essigsäure, aber auch Senfsaaten, Zucker, Salz, Essig, Gewürz- und Fruchtextrakte wirken konservierend.

Auch im Karottensalat können sich Zusatzstoffe verstecken
Auch im Karottensalat können sich Zusatzstoffe verstecken (Foto: © Schwoab - Fotolia.com)

Bei unserer Recherche im Supermarkt sind wir auf den „Karottensalat“ von Kühne gestoßen. Karottensalat – das klingt lecker und gesund. Der Blick auf die Zutatenliste zeigt: Trotz des Hinweises „ohne den Zusatz von Geschmacksverstärkern und Konservierungsstoffen“ enthält der Karottensalat eine Vielzahl an konservierenden Zutaten: Branntweinessig, Zucker, Apfelessig, Salz, Zitronensaftkonzentrat. Außerdem die Antioxidationsmittel Citronensäure und Ascorbinsäure, die zwar lebensmittelrechtlich als Antioxidationsmittel nicht zu den Konservierungsstoffen zählen, dem Karottensalat vermutlich aber zu genau diesem Zweck hinzugefügt werden.

Die Säuren schützen vor dem Verderb durch Reaktionen mit Sauerstoff: Solch ein Oxidationsprozess ist beispielsweise das Braunwerden von aufgeschnittenen Äpfeln. Skurril ist zudem, dass dieser „geschmacksverstärkerfreie“ Karottensalat natürliches Karottenaroma enthält.

Maltodextrin, Maltose und Fruktose statt Zucker

Dass Zucker ungesund ist und dick macht, weiß jedes kleine Kind. Deshalb tricksen die Lebensmittelhersteller und ersetzen den Zucker auf der Zutatenliste durch andere süßende Zutaten.

Hinter Begriffen wie Glukosesirup, Maltodextrin, Maltose, Glukose, Saccharose, Fruktose, Dextrose, „versteckt“ sich der Dickmacher Zucker.

Zusatzstoffe verstecken sich auch in Müsli-Riegeln
Zusatzstoffe verstecken sich auch in Müsli-Riegeln (Foto: Colourbox.de)

Und wenn Produkte wirklich zuckerfrei sind, dann werden häufig Zuckerersatzstoffe verwendet: Die „Corny free Schoko“- Riegel „ohne Zuckerzusatz“ enthalten an erster Stelle das Süßungsmittel Maltit – das beim Verzehr größerer Mengen zu Durchfällen, Bauchschmerzen und Blähungen führen kann. Ein guter Tausch?

Verarbeitungshilfsstoffe: Wein und Saft mit versteckten Tieren

Welche Verbindung zwischen Wein und Gelatine besteht und warum Saft oft nicht vegan ist, ist ein weiteres Geheimnis der Lebensmittelindustrie. Wir sind an klaren Saft und Wein gewöhnt. Doch die Getränke sind ursprünglich trüb, nur dank Klärungsmitteln werden die Schwebstoffe herausgefiltert.

Zur Klärung wird in vielen Fällen aus Knochen und Haut von Tieren gewonnene Gelatine verwendet. Auf der Zutatenliste gibt es keinen Hinweis auf die Gelatine. Sie gilt als Verarbeitungshilfsstoff und nicht als Zutat.

Eine Foodwatch-Untersuchung zeigte: Mehr als jeder dritte Apfelsaft enthält „versteckte Tiere“. Nur, wenn das Produkt die Veganblume trägt, kann man sich sicher sein, dass keine Gelatine eingesetzt wurde.

Neben Gelatine gibt es weitere Stoffe, die nicht auf der Zutatenliste aufgeführt werden müssen – die sogenannten Verarbeitungshilfsstoffe erleichtern oder beschleunigen die industrielle Herstellung von Lebensmitteln.

So sorgt Magnesiumstearat für die Rieselfähigkeit im Kakaopulver, Lösungsmittel entfernen Bitterstoffe aus Kaffee oder Tee und dank Antischaummittel läuft die Getränkeproduktion reibungslos ab. Weil die Stoffe im fertigen Produkt keine Wirkung mehr ausüben, müssen sie nicht auf der Verpackung stehen. Im Lebensmittel sind häufig trotzdem Rückstände der Hilfsstoffe zu finden.

Was kannst du tun?

Wenn du dich nicht von der Lebensmittelindustrie täuschen lassen willst und Wert auf natürliche und gesunde Lebensmittel legst, solltest du in Zukunft öfter mal einen Blick auf die Zutatenliste der Produkte werfen. Lies dazu auch unsere Anleitung: Lebensmittel-Zutatenliste richtig lesen.

Letztendlich sind jedoch viele Lebensmittel – auch Bio-Produkte – im großen Maßstab industriell hergestellte Produkte, die oft nicht ohne Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe, Zucker oder deren Alternativen auskommen. Wobei Bio weitaus weniger Zusatzstoffe enthalten darf.

Wenn du gänzlich auf all die versteckten Zusatzstoffe verzichten willst, führt kein Weg daran vorbei, so wenig verarbeitete Lebensmittel wie möglich zu kaufen und möglichst vieles selbst zu kochen.

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