Waldkindergarten: Natur erleben von Klein auf

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Keine Wände, kein Dach, kein Spielzeug: Die Wartelisten für Waldkindergärten werden immer länger. Was ist dran am Trend? Für welche Kinder ist ein Waldkindergarten eine gute Idee? Und für welche eher nicht?

Ein Kindergarten, der im mitten in der Natur ist – das klingt im Jahr 2018 fast anachronistisch. In einer Zeit, in der sich viele Eltern um die Bildung und bestmögliche Förderung des Nachwuchses sorgen und ihn am liebsten schon vor dem Schulalter zum Englisch-Unterricht und zur Geigenstunde schicken, favorisieren auf der anderen Seite immer mehr Eltern den Gegenentwurf und interessieren sich für die begehrten Plätze im Waldkindergarten.

Der Waldkindergarten: ein gefragtes Konzept

Die Zeiten, in denen das Spielen im Wald ohne Industrie-Spielsachen als verrückte Idee alternativ angehauchter Eltern galt, sind vorbei. Die mitunter ewig langen Wartelisten sind der beste Beweis: Das Konzept Waldkindergarten liegt voll im Trend.

Das hat Gründe. Etwa, dass es immer mehr Stadtkinder gibt, die ohne Platz zum draußen Spielen aufwachsen. Und immer mehr Eltern, denen es wichtig ist, dass ihre Kinder nicht mit digitalen Spielgeräten aufwachsen, sondern im engen Kontakt zur Natur.

Was ist ein Waldkindergarten überhaupt?

Kurz gesagt: Ein Kindergarten ist eigentlich ein ganz normaler Kindergarten – nur eben einer, bei dem die Kinder den ganzen Tag an der frischen Luft verbringen. Hier gibt es keine Türen, keine Wände, keinen Lärm – und keine Überdosis Spielzeug.

Die Idee des Waldkindergartens stammt aus Skandinavien: Mitte der fünfziger Jahre gründete die Dänin Ella Flatau den ersten Waldkindergarten. Von dort hat er sich in den 90er-Jahren schnell ausgebreitet. Inzwischen gibt es in Deutschland ca. 2.000 Waldkindergärten und Waldgruppen.

Spielen ohne Dach und Wände
Spielen ohne Dach und Wände (Foto: Waldkindergarten Klein Hundorf)

Waldkindergärten sind meist staatlich anerkannte Kindergärten – hier arbeiten ausschließlich ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen. Die Gruppen tragen Namen wie Waldgeister, Laubfrösche oder Marienkäfer.

Kita unter freiem Himmel: Spielen mit Nichts und Allem

Jedes der drei bis sechsjährigen Kinder kommt morgens mit der perfekten Outdoor-Ausrüstung in den Waldkindergarten: Im Rucksack sind ein Thermokissen, eine Trinkflasche und die Brotzeit für die Pause draußen im Wald.

Gespielt wird das, was alle Kinder gerne spielen: Ritter, Kaufladen oder Mama und Kind. Der einzige Unterschied: An Spielzeug gibt es nur das, was die Natur im Angebot hat. Wenn man die Kinder beobachtet, sieht man schnell: Mehr braucht es gar nicht, die Natur bietet genug Materialien für die Ideen der Kinder.

Im Kaufladen sind selbst gebackene (Matsch-)Semmeln und Sandkuchen im Angebot, gezahlt wird mit Geld in Form von Blütenblättern. Die kleinen Ritter üben sich im Pferde bändigen und im Schnitzen neuer Schwerter. Und die Mädchen kochen eine Zaubersuppe aus Sand, Blüten und Holzstückchen. Alles miteinander tolle Übungen in Sachen Kreativität und Phantasie!

Wie in jedem Kindergarten gibt es Möglichkeiten zum Rollenspiel und zum Freispiel, manche Aktionen sind für die gesamte Gruppe konzipiert, andere wiederum nur für eine Kleingruppe.

Und nebenbei und ganz spielerisch lernen die Kleinen beim Spielen die Vielfalt der Natur kennen. Sie wissen, wie nasses Laub riecht und wie es sich anfühlt, barfuß durch den Bach zu waten. Sie balancieren, klettern auf Bäume – und bauen sich ihr Spielzeug aus ganz elementaren Dingen selbst.

Bei dieser Art des Kindergartens gibt es keine vorgeschriebenen Konzeptionsinhalte. Wichtig sind der Wechsel der Jahreszeiten, ganzheitliches Lernen – und dass die Kinder echte Erfahrungen (sogenannte Primärerfahrungen) machen.

„Es geht nicht darum, dass die Kinder möglichst viele Pflanzen- und Tiernamen lernen, vielmehr sollen im direkten Erleben der Natur ihre Fragen durch Beobachten und Experimentieren selbst beantworten können“, sagt Silvana Del Rosso in ihrem Ratgeber „Waldkindergarten – ein pädagogisches Konzept mit Zukunft?“.

Eine Art Bauwagen dient den Kindern als Schutz vor Regen und Kälte
Eine Art Bauwagen dient den Kindern als Schutz vor Regen und Kälte (Foto: Waldkindergarten Klein Hundorf)

Schlechtes Wetter? Kein Thema!

Eine Besonderheit, die für viele Eltern abwegig klingt: Die Kinder sind nicht nur bei strahlendem Sonnenschein draußen, sondern auch, wenn es regnet oder schneit. Das Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter – nur schlechte Kleidung“ mag abgedroschen klingen, der Naturkindergarten ist aber der Beweis: Es liegt viel Wahres darin. Denn die Kinder haben nach einer kurzen Eingewöhnung kaum Probleme mit Regen, Matsch und Kälte. Sie lernen ganz schnell, dass Weinen bei kalten Füßen nichts hilft. Fleißiges Hüpfen in der Gruppe aber schon, Spaß inklusive!

Eine geschützte Unterkunft muss vorhanden sein, oft ist das ein Bauwagen oder eine kleine Hütte, in die sich die Gruppe bei ganz schlechtem Wetter zurückziehen kann.

Vorteile des Waldkindergartens im Überblick

  • Geringe Gruppengröße im Vergleich zum Regelkindergarten (15 bis 20 Kinder je Gruppe)
  • Hoher Personalschlüssel – das bedeutet, das Verhältnis Kinder pro Erzieherin ist kleiner als sonst üblich.
  • Alle Sinne werden angesprochen.
  • Dadurch dass die Kinder mehr aufeinander angewiesen sind, agieren sie sozialer.
  • Kinder können ihren Bewegungsdrang ausleben.
  • Es gibt kein monofunktionales Spielzeug.

Waldkindergarten: Gut für Seele, Körper & Intelligenz

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Waldkindergarten sind rar. Aber Eltern, Erzieher und Wissenschaftler sind sich einig: Waldkinder sind gesünder, sie sind motorisch fitter, haben mehr Fantasie und können sich besser konzentrieren als Kinder im normalen Kindergarten.

„Im gemeinsamen Spiel mit natürlichen Materialien entwickeln die Kinder in herausragender Weise Kommunikationsfähigkeiten, Hilfsbereitschaft, Ausdauer, Geduld, Phantasie und Kreativität. So tragen Wald- und Naturkindergärten in erheblichem Maße dazu bei, dass Kinder gänzlich Kind sein und gerade dadurch zu verantwortungsbewussten, gemeinschaftsfähigen, selbstbewussten und selbständigen Mitgliedern der Gesellschaft heranwachsen können“, fasst Anke Wolfram, Fachvorstand für Pädagogik im Landesverband für Wald- und Naturkindergärten in Bayern e.V., die Vorteile zusammen.

Davon profitieren die Kinder:

  • Waldkinder haben ein besseres Immunsystem und sind weniger anfällig für Allergien.
  • Die Kinder im Waldkindergarten wachsen mit weniger Stress und Lärm auf.
  • Sie machen schnellere Fortschritte bei der Sprachentwicklung. Denn wer aus einem Stock einen Zauberstab macht, muss mehr reden als wenn er den Harry Potter-Zauberstab zur Hand nimmt.
  • Kreativität, Resilienz, Selbstbewusstsein und die Grobmotorik werden hier besonders gefördert.
  • Eigenständiges Handeln und Denken werden besonders geschult.
  • Waldkinder sind häufig besonders soziale Kinder.
  • Spielen im Wald fördert die Freude an der Natur auch für spätere Jahre.
  • Hier wird der Grundstein für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur gelegt. Kinder im Kindergartenalter neigen dazu, Dingen und Pflanzen zu vermenschlichen und ihnen Gefühle zuzuordnen. Das Kindergartenalter ist ein gutes Alter, um zu lernen, dass man der Natur mit Respekt begegnet.
Aus Naturmaterialien lässt sich viel werkeln und basteln: Stockbrot, Kastanienmännchen, Waldgeister, Rasseln und vieles mehr.
Aus Naturmaterialien lässt sich viel werkeln und basteln: Stockbrot, Kastanienmännchen, Waldgeister, Rasseln und vieles mehr. (Foto: Waldkindergarten Klein Hundorf)

Lernt mein Kind hier genug? Und ist es im Herbst nicht dauernd erkältet?

Eine Sorge hält sich hartnäckig: Viele Eltern können sich nicht vorstellen, ihr Kind im Waldkindergarten anzumelden – und zwar aus Sorge, dass es nicht genug lernt und dass die Vorbereitung auf die Schule nicht intensiv genug erfolgt. Einen Stift auf Papier führen und mit der Schere schneiden wird hier definitiv weniger praktiziert und geübt als im gewöhnlichen Kindergarten.

Die Befürchtungen haben sich aber als nicht haltlos erwiesen, wie Studien zeigen: Die Waldkindergarten-Kinder waren in ihrer Entwicklung sogar eher weiter als die Kinder, die einen Regelkindergarten besucht haben. Anke Wolfram kann das nur bestätigen: „Der Naturraum bietet alles, was in den Bildungsplänen der Bundesländer und den Konzeptionen der Kindergärten vorgeschrieben ist“. Wichtig in der Kindergartenzeit ist nicht unbedingt, die Kinder auf die Schule vorzubereiten. Vielmehr sollten Kinder in diesem Alter lernen, sich soziale Kompetenzen anzueignen, zu forschen und zu experimentieren. Eigenschaften, die das Konzept des Waldkindergartens ideal fördert.

Und was ist, wenn die Natur zum Schuleintritt gegen ein Klassenzimmer getauscht werden muss? „Klar, hier ist der Unterschied erstmal größer als beim Wechsel von einem normalen Kindergarten in die Schule. Aber die Praxis zeigt: Kinder kommen damit sehr gut klar. Für sie ist der Unterschied vielleicht sogar noch spannender und damit motivierender“, beruhigt Anke Wolfram.

Ein weiterer Punkt, der Eltern beschäftigt: Sind Waldkinder im Herbst und Winter nicht permanent krank? Auch hier gibt es Entwarnung: Das Immunsystem von Kindern, die permanent draußen sind, ist super! Aber: Aller Anfang ist schwer: Anfangs bringen Waldkindergartenkinder jede Menge Erkältungskrankheiten mit nach Hause. Und dann heißt es erstmal: Auskurieren.

Für wen ist der Waldkindergarten nicht geeignet?

Prinzipiell ist der Waldkindergarten für alle Kinder geeignet. Lebhafte Rabauken haben hier genug Möglichkeiten, ihren Bewegungsdrang auszuleben, schüchterne Kinder profitieren von der kleinen Gruppengröße. Eines sollten Kinder aber in jedem Fall mitbringen: Sie sollten gerne draußen sein.

Als Mutter oder Vater musst du bedenken: Da die Kinder bei jedem Wetter draußen sind, brauchst du jede Menge strapazierfähige und wetterfeste Kleidung. Dein Kind wird häufig schmutzig nach Hause kommen – und die Waschmaschinen wird Sonderschichten einlegen müssen. Auch die Tatsache, dass dein Kind nicht mit vorgefertigtem Spielzeug spielen wird, muss dir bewusst sein. Die Kinder im Waldkindergarten üben sich nicht im Straßenverkehr und machen nur selten Ausflüge ins Museum und zur Feuerwehr.

Die Idee des Waldkindergartens: heute wertvoller denn je

Früher war das Aufwachsen in der Natur der Standard. Heute hat es Seltenheitswert. Immer mehr Kinder wachsen in der Stadt auf, haben keinen Platz zum draußen Spielen.

Eine Begleiterscheinung der digitalen Welt, in der wir heute leben: Kinder nehmen die Welt um sie herum oft nur aus zweiter Hand wahr. Die Zeiten, in denen eine Horde von Nachbarschaftskindern stundenlang und ohne Erwachsene in greifbarer Nähe auf Wiesen, im Wald oder in ruhigen Straßen spielten und tobten, sind vorbei. Stattdessen sind die Nachmittage gefüllt mit Sport- und Musikunterricht und Playdates. Freie Zeit findet häufig vor dem Fernseher oder Computer statt.

Alternative zum Waldkindergarten

Wer keinen Waldkindergarten in der Nähe hat oder sich mit dem Konzept doch nicht so ganz anfreunden kann: Inzwischen gibt es auch in gewöhnlichen Kindergärten und in den Betreuungseinrichtungen an Grundschulen immer öfter Wald-Projekte in Form von Waldwochen und Waldtagen.

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(1) Kommentar

  1. Eine wunderbare Sache so ein Waldkindergarten – doch leider wird in keinem mir Bekannten WaldKiGa eine Nachmittagsbetreuung angeboten, leider noch nicht mal irgendeine Betreuung. Somit können all jede beiden berufstätigen Eltern davon nur träumen ihrem Kind solche ein tolles Angebot zu ermöglichen.

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