Rassismus-Vorwurf: Rossmann erntet Shitstorm für „Wucherfrisur“-Post

Foto: © Rossmann

Die Drogeriekette Rossmann wollte am Freitag Werbung für Haarpflege machen – und hat mit einem Instagram-Post einen Shitstorm ausgelöst. Der Vorwurf: Rassismus. Rossmann hat den Post inzwischen wieder gelöscht.

„Nach #stayhome kommt #badhair“, so begann der Instagram-Post von Rossmann. Die Botschaft: Wir verbringen viel Zeit zu Hause, außerdem haben Friseurgeschäfte geschlossen – darunter leiden die Haare. „Wie wir kämpfen sicher viele von euch momentan mit rausgewachsenen Ansätzen und einer Wucherfrisur“, hieß es in dem Post.

Auf dem dazugehörigen Bild ist eine Schwarze Frau zu sehen, die unzufrieden auf eine ihrer Haarsträhnen schaut. Sie hat aber keine „Wucherfrisur“, sondern trägt einen Afro. Viele User*innen auf Instagram ärgerten sich über diese Bildauswahl. In kurzer Zeit sammelten sich unter dem Post mehrere hundert Kommentare – woraufhin Rossmann ihn löschte.  

„Einfach nur rassistisch und respektlos“

Auch auf Twitter beschwerten sich Nutzer*innen: „Hallo Rossmann, wieso ist ein Afro gleichbedeutend mit „Bad Hair“? Das ist rassistischer Bullshit“, lautet beispielsweise ein Tweet. „Wir haben das Jahr 2020 und Rossmann bebildert „Wucherfrisur“ und „bad hair“ mit Afrohaaren. Das ist einfach nur rassistisch und respektlos“, schrieb ein weiterer Nutzer.

Instagram-Post von Rossmann: Warum geht es um Rassismus?

Aber wieso wird Rossmann hier Rassismus vorgeworfen – und nicht bloß eine unpassende Wortwahl kritisiert? Weil Schwarze Menschen aufgrund ihrer Haare regelmäßig Diskriminierung erfahren, meist schon von Kindesalter an.

„Da wird in die Haare gegriffen und einfach mal angefasst […], da werden wilde Vermutungen darüber angestellt, dass sie seltener gewaschen würden […] und abwertende Sprüche von Pudeln und Steckdosen gemacht“, schreibt etwa Noah Sow in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“. „So gut wie jede afrodeutsche Frau kann von vollkommen unterschiedlichen Reaktionen der weißen Gesellschaft auf sie berichten, je nachdem, ob sie ihre Haare geglättet oder natürlich trägt.“

Rassismus, Alltagsrassismus, Diskriminierung
Schwarze Menschen erleben wegen ihrer Haare Diskriminierung. (© Paolese - Fotolia.com)

Das ungebändigte Afrohaar

Dass das Haar Schwarzer Menschen die Grundlage für vielfältige Diskriminierungen bildet, ist kein Zufall. Die negative Konnotation von Afrohaar hat sich während der Kolonialzeit entwickelt: „Im Kontext des Kolonialismus und Sklavenhandels stand Afrohaar für Unvollkommenheit, für Primitivität, für Unterlegenheit“, schreibt die taz. „Zuschreibungen, die taten, was sie sollten: das Selbstwertgefühl nachhaltig schädigen, um Menschen zu unterdrücken. Afrohaar wird bis heute als wild und ungebändigt angesehen.“

Auch Rossmann vermittelt indirekt, dass Afrohaar ungebändigt ist – indem die Drogeriekette das natürliche, gepflegte Haar einer Schwarzen Frau als Symbolbild für eine „Wucherfrisur“ verwendet.

Rossmann entschuldigt sich

Rossmann hat auf Instagram eine Entschuldigung veröffentlicht: „Auf euren ausdrücklichen Wunsch entfernen wir den Post zum Thema Bad Hair und entschuldigen uns nochmal von ganzem Herzen, wenn sich jemand von dem Beitrag diskriminiert gefühlt hat, dies war in keinster Weise unsere Absicht.“ Außerdem machte die Drogeriekette auf den besonderen Stilleschutz am Karfreitag aufmerksam, den sie auch auf Instagram wahren wolle:

Utopia meint: „Es war nicht so gemeint“: Diesen Satz hören Betroffene immer wieder, wenn sie Rassismus ansprechen. Eine Aussage oder Handlung ist aber nicht erst dann rassistisch, wenn sie rassistisch gemeint war – sondern wenn sie verletzende und menschenverachtende Klischees reproduziert. Ob der Absender dies gewollt oder ungewollt tut, spielt keine Rolle.

Das Bewusstsein für Rassismus ist noch zu niedrig – dadurch können Fehler wie der Instagram-Post von Rossmann passieren. Und sie passieren immer wieder, Kampagnen von H&M, der Frauenzeitschrift Elle oder des Keksherstellers Bahlsen sind nur einige Beispiele. Entscheidend ist, wie die Unternehmen mit Rassismus-Vorwürfen umgehen: Nehmen sie die Kritik ernst und vermeiden solche Fehler in der Zukunft? Oder schieben sie die Verantwortung von sich, indem sie sagen: „Es war nicht so gemeint“?

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(3) Kommentare

  1. Also manchmal muss man echt den Eindruck gewinnen, dass die Leute nur noch darauf warten, dass jemand einen Fehler macht, um mit dem Finger auf jemanden zeigen zu können.. Oft ist halt doch der der Schelm, der Böses dabei denkt, was dieser Beitrag und die Kommentare á la ‚rassistischer bullshit‘ zeigen. Ich persönlich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Rossmann hier irgendeinen Rassismus an den Tag legt aber die Gedanken können manchmal wohl auch nur so schlecht sein wie der Mensch, der sie denkt. Ich hab schwarze Freunde und auch die sind Diskriminierungen ausgesetzt. Aber ob da jetzt eine weiße oder schwarze Frau abgebildet wird, die ihre sowieso in einer Werbung niemals schlecht aussehenden Haare kritisch beäugt, ist sowas von egal. Der eigentliche Rassismus besteht meiner Meinung nach darin, hier überhaupt Rassismus zu sehen! Was ist daran verkehrt, dass eine schwarze Frau ihren Afro gerade als unansehnlich empfinden könnte? Alsnob es hier darum gegangen wäre, einen Afro als badhair zu bezeichnen, das ist nie geschehen sondern wurde frech und rassistisch in das Bild hineininterpretiert. Tja, ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

  2. Bei Bahlsens „Afrika“-Schokoröllchen war ich auch der Meinung, dass die Benennung nach einem Kontinent mit Abwertung von Menschen gleichzusetzen überzogen ist. Hier jedoch ist es schon ärgerlich, wenn eine Frisur, die in anderen Kulturen als normal und ästhetisch akzeptiert ist, hier zu einem Misstand umdefiniert wird. Ich kenne das aus meiner Kindheit, wenn ich nicht alle vier Wochen zum Frisör ging, hieß es: Willste aussehen wie ’n Gammler?
    Wie ich überhaupt jedes zum Maßstab erhobene Schönheitsideal für geistigen Terror halte.
    Als witzig ausgegebene Diskreditierungen wegen Verstoßes gegen den befohlenen Schönheitsmaßstab erinnern mich an Rassismen wie folgendem:
    Ich erzählte einmal am Kaffetisch meiner Eltern von meiner Projektarbeit, in der auch die Vertreibung von Mitbürgern jüdischen Glaubens aus ihrer Arbeit dokumentiert wurde, und mein Vater fand es witzig, zu fragen: Wie, seit wann arbeiten denn Juden?
    Natürlich wollte er niemals als Rassist und Antisemit gesehen werden, denn er hatte nichts gegen Juden, wollte aber im Nachsatz auch nichts mit ihnen zu tun haben.

    Also: der konstruierte Gegensatz zwischen Juden und Arbeit ist denkerisch das gleiche wie der unterschwellige Gegensatz zwischen Afrikaner und angeblich unansehnlicher Frisur. Und jeder, der mit offenen Augen durch unsere politische Landschaft geht, kennt unliebsame Zeitgenossen, die aus solcher Werbung ihre Xenophobie zu munitionieren wissen.

    Kurz und klein: Es geht um die gesellschafttspsychologische Nebenwirkung auch ohne offenen Rassismus.

  3. …Wortfehler. Sollte heißen: …Gegensatz zwischen Juden und Arbeit ist denkerisch der gleiche wie der unterschwellige Gegensatz zwischen Afrikaner und „richtiger“ Frisur.

    Ergänzung: Man stelle sich die Reaktionen vor, wenn ein Hersteller von Rasierern und Bartschneidern ein Konterfei eines ultraorthodoxen Juden mit Schläfenlocken und unbeschnittenem Bart nutzt, mit dem Spruch: Auch Männer können sich schön machen. Oder ein Modeproduzent orthodoxe Juden in ihrer traditionellen schwarzen Bekleidung (Hut, Mantel, Hose, Schuhe, Krawatte: Alles in schwarz) abbildet mit dem Slogan: Etwas mehr Farbe tut allen gut. Bin mir sicher: Das ist Rassismus.