Schulfach Glück in Deutschland: So hilft Achtsamkeitsunterricht Kindern beim Lernen

Foto: Utopia, C00/ Pixabay

An immer mehr deutschen Schulen wird das Pilotprojekt „Schulfach Glück“ angeboten. In dieser Unterrichtsstunde liegt der Fokus nicht auf guten Noten, sondern auf Selbstbetrachtung: Kinder lernen, die eigenen Gefühle besser zu verstehen und so ein zufriedeneres Leben zu führen.

Als Stephan Ittner das Klassenzimmer der 7a betritt, spürt er sofort neugierige Blicke auf sich. Er begrüßt die fünfzehn Schüler, während er einen großen Holzwürfel auf den Boden legt und ein rundes Holzbrett darauf ausbalanciert. Dann ruft er den Kindern zu: „Stellt euch bitte alle auf das Brett. Verteilt euch aber so, dass es den Boden nicht berührt.“

Die Schüler kichern und beginnen, sich auf der Scheibe zu verteilen: Einige rufen Kommandos durch den Raum, andere versuchen auf eigene Faust, eine geeignete Position zu finden. Sie merken schnell, dass sie zusammenarbeiten müssen, um die Aufgabe zu lösen.

Bald tummelt sich die ganze Klasse auf dem Holzbrett, das unter ihren aufgeregten Rufen leicht hin- und herschwankt. Nur ein leicht übergewichtiger Junge will nicht mitmachen. Er meint, er würde die Übung ruinieren. Einige Klassenkameraden versuchen, ihn zu überreden, aber er hört nicht auf sie. Ittner drängt den Jungen nicht – Zwang gehört nicht zu seinen Unterrichtsmethoden.

„Schulfach Glück“ gehört an immer mehr Schulen zum Stundenplan

Stephan Ittner ist Lehrer für Schulfach Glück – eine alternative Unterrichtsstunde, die an immer mehr Schulen angeboten wird. Ernst Fritz-Schubert, der Erfinder des Konzepts, unterrichtete 2007 die erste Glück-Klasse. Inzwischen wird das Fach bereits an 43 deutschen und 129 österreichischen Schulen angeboten. Auch in Italien und der Schweiz haben einige Klassen das Konzept übernommen.

Anders als in vielen anderen Fächern müssen Schüler in „Glück“ nicht nur zuhören, Fragen beantworten und von der Tafel abschreiben. Stattdessen lassen Ittner und seine Kollegen die Kinder Unterrichtsthemen selbst erarbeiten – durch spielerische Übungen und anschließende Diskussion. Im Laufe des Schuljahres sollen die Schüler vor allem vier Fragen für sich selbst beantworten: Wer bin ich? Was brauche ich? Was kann ich? Was will ich?

Eine Schulfach-Glück-Stunde beginnt meist mit einer gemeinsamen Übung. Dann spricht der Lehrer mit seinen Schülern darüber, wie sie die Aufgabe gelöst haben – oder woran sie gescheitert sind. Kam es zu Streit? Haben die Kinder zu früh aufgegeben? Woran lag das und wie kann man es beim nächsten Mal besser machen?

Tests gibt es keine – stattdessen führen die Kinder ein „Glückstagebuch“, in das sie ihre Gedanken über sich selbst und ihre Ziele eintragen. Je nach Schule kann das Heft auch benotet werden.

Glück-Schüler sind besser in die Klasse integriert

Ob der Unterricht die Schüler wirklich „glücklicher“ macht, ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Alex Bertrams, Professor für pädagogische Psychologie, hat 2012 untersucht, ob Schüler durch den Unterricht eine Veränderung in sich ausmachen können. Dazu befragte er 106 Berufsschüler; nur die Hälfte hatte das neue Fach besucht.

Das Ergebnis: Die Schüler mit Schulfach Glück bezeichneten sich selbst als „glücklicher“ oder besser in die Klasse integriert. Einige gaben auch an, öfter positiv zu denken, als früher.

Das soll natürlich nicht heißen, dass die Hälfte der Berufsschüler seitdem in einem Zustand dauerhafter Euphorie lebt. Das Schulfach vermittelt eine andere Form von Glück – das weiß auch Inkeri Lüchem, die ebenfalls als Glück-Lehrerin arbeitet. „Früher dachte ich immer, wer glücklich ist, muss immer positiv denken und darf nur Liebe und Freude empfinden.“

In Wahrheit gehe es aber darum, mit dem eigenen Leben auf lange Sicht zufriedener zu sein. Um das zu erreichen, braucht man das richtige Werkzeug. Dies will Lüchem ihren zukünftigen Schülern vermitteln.

Um auf lange Sicht zufriedener zu werden, beschäftigen sich Schüler auch intensiv mit ihren eigenen Gefühlen. Wenn sie sich schlecht fühlen, lernen sie innezuhalten und den Grund für das negative Gefühl zu suchen, anstatt ihre schlechte Laune an jemand anderem auszulassen.

Das stärkt auch die Dynamik innerhalb einer Klasse. Laut Ittner bilden sich im Laufe des Schuljahres immer weniger „Cliquen“ innerhalb seiner Glück-Klassen. Durch die Übungen lernen die Kinder einander besser kennen, es kommt zu weniger Streitereien untereinander.

„Meist machen nicht alle sofort mit“,  erklärt Ittner. „Im Laufe des Schuljahres lassen sich aber immer mehr Schüler auf die Übungen ein.“ Bei einzelnen merke man am Ende des Jahres deutlich, dass sie selbstbewusster wirken oder sich nicht mehr ausgegrenzt fühlen. Nur wenige würden sich das ganze Schuljahr über weigern, ernsthaft am Unterricht teilzunehmen. Das Klassenklima verbessere sich aber in fast jeder seiner Klassen deutlich.

Bessere schulische Leistungen: Schulfach Glück hilft Kindern beim Lernen

„Durch Glück-Unterricht können sich auch schulische Leistungen verbessern“, meint  Glücksforscher Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel. Wer zufrieden ist, arbeite besser und effizienter. „In der Arbeitswelt ist das längst bekannt. Deshalb achten viele Firmen zunehmend darauf, dass sich Mitarbeiter im Job wohlfühlen.“

Durch die von Pädagogen und Psychologen konzipierten Übungen können Schüler die Lerninhalte zudem besser behalten. Laut Ferdinand Kosak, Experte für pädagogische Psychologie, sei dieses „Lernen durch Erleben“ die natürlichste Art des Lernens. Beim Glück-Unterricht würden mehrere Sinne der Schüler angesprochen – sie nähmen die Inhalte zum Beispiel bildlich, verbal und haptisch wahr. Dadurch könne das Hirn die Inhalte besser abspeichern und sie können Glück-Techniken leicht in ihren Alltag integrieren.

schulfach glück
Auch angehende Glück-Lehrer müssen bei den spielerischen Übungen mitmachen. (Utopia/ Katharina Schmidt)

Ein paar Monate später fragt Ittner seine siebte Klasse, welche Übung aus den bisherigen Unterrichtsstunden sie gerne wiederholen würden. Der leicht übergewichtige Junge meldet sich. Er wünscht sich die Balanceübung auf dem Brett. Ein paar Tage später steht die ganze Klasse also erneut auf der wankenden Vollholzplatte – auch der Junge selbst. Viele Kinder kichern, einige koordinieren. Und schließlich stehen sie, halten die Luft an. Das Brett zittert auf dem Würfel, schwankt leicht von links nach rechts – aber es berührt den Boden nicht.

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(12) Kommentare

  1. Brauchen wir sowas wirklich oder ist das ein neuer Auswuchs der Dekadenz unserer Gesellschaft?
    Früher haben uns das die Lehrer in den anderen Fächern nebenbei beigebracht.
    Das waren eben noch ausgebildete und geschulte Pädagogen …

  2. Ich verfolge deine Kommentare und verbalen Auseinandersetzungen mit anderen Usern schon seit einigen Monaten und versuche nun deine Frage zu beantworten: Vielleicht liegt es daran, dass du häufig offenbar etwas zu kritisieren hast und es so wirkt, als wärst du gerne in der Rolle des oppositionellen notorischen Stänkerers. Es scheint als würdest du gerne provozieren und das lässt den Schluss auf eine Unzufriedenheit deinerseits zu. 🤔

  3. „Ich verfolge deine Kommentare und verbalen Auseinandersetzungen mit anderen Usern schon seit einigen Monaten und versuche nun deine Frage zu beantworten: Vielleicht liegt es daran, dass du häufig offenbar etwas zu kritisieren hast und es so wirkt, als wärst du gerne in der Rolle des oppositionellen notorischen Stänkerers. Es scheint als würdest du gerne provozieren und das lässt den Schluss auf eine Unzufriedenheit deinerseits zu.“

    Mit anderen Worten: schöne Weihnachten @denkenderbuerger.
    Denn wahre Worte sind nicht schön.
    Aber schöne Worte sind häufig auch nicht wahr.
    Wenn den Leuten hier nicht an Dir läge, würden sie Dich ignorieren.
    Sieh es vllt. als Bitte an.

  4. @ ela333, @ tire

    Wer nichts ansößt, bingt nichts in Bewegung. Das ist ja auch der eigentliche Zweck von Foren wie Utopia. Deswegen war meine Frage auch keine Klage, sondern diente nur der Sachverhalts-Klärung.
    Allerdings habe ich hier leider oft den Eindruck, daß sich die Nutzer in kollektiven Selbstmitleid ersäufen, was ja letztlich dem Sinn des Forums widerspricht und schon gar keines der aufgeworfenen Probleme löst. Wie könnte man dem besser entgegen wirken als mit (verbaler) Provokation? Da wird die allgemeine Letharie am wirksamsten durchbrochen, weil die Betreffenden anfangen, über sich und die Sache nachzudenken.
    Und nein, es muß sich keiner bei mir entschuldigen, wenn er anderer Ansicht ist und/oder mir widerspricht – wie soll sich ohne Sache Widerspruch weiter entwickeln? Es ist daher vielmehr ein Gewinn, wenn mir jemand widerspricht, weil auch ich dann gezwungen bin, über mich oder die Sache nachzudenken. Schließlich bin ich nicht allwissend wie Anton Hofreiter und auch nicht unantastbar wie Angela Merkel.
    Ja, ich „stänkere“ aus genannten Gründen sehr gern mal.
    Aber daraus den Schluß einer persönlichen Unzufriedenheit zu ziehen geht klar zu weit und liegt völlig neben der Sache. Denn die Suche nach dem besseren Weg oder der besseren Lösung schließt die Zufriedenheit nicht aus.

    Euch beiden ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest !!!

  5. zum Thema selbst:
    ich hatte so gehofft, es wäre der gute alte Philosophieunterricht,
    der versucht, erklärbare Dinge und Menschen bewusster „zu machen“.
    Nun befürchte ich, das ist ein auf eine Klassenstufe begrenztes Projekt.

  6. Brandenburg hatte (zumindest zeitweilig) sowohl den Ehtik- als auch den Religionsunterricht abgeschafft und durch ein Fach „Lebenskundlichen Unterricht“ ersetzt, was eine Mischung aus beidem und für alle Schüler Pflichtfach war.
    Nun kenne ich die Lehrpläne dazu nicht im Detail, sehe in so einem Fach aber eine gute Gelegenheit, darin Philosohien und damit Bewußtsein zu vermittel und zu fördern.

  7. Würden den Kindern wieder regelmäßig Fächer wie Musik-und Kunstunterricht angeboten werden, Werkunterricht und auch der schon angesprochene Ethikunterricht, bräuchte man keine künstlichen, neuen Fächer die da „Glück“ heißen.

    Vor allem sollten wohl die Lehrer darin unterrichtet werden, wie man Kindern den Stoff zum Leben beibringt. Viele Lehrer scheinen nur noch Selbstdarsteller zu sein, die so gar nicht wissen, was sie mit ihren Ego-Trips anrichten, die sich noch nicht mal entblöden, selbst mit den Eltern so zu reden, als seien es 10jährige, denen man auf gar keinen Fall auf Augenhöhe begegnen sollte. Diese in Selbstherrlichkeit gefangenen Lehrer sind einfach eine Zumutung für Schüler und Eltern.
    Es gibt nur ganz wenige Perlen unter den Lehrern und davon nicht mal an jeder Schule wenigstens eine.

  8. Viele Lehrer dürfen leider auch nicht so, wie sie gern wollen.
    Ich habe mal wegen der Praxisnähe ein paar Stunden eine Art „praktische Rechtskunde“ als Co-Referent meiner ehemaligen Gemeinschaftskunde-Lehrerin gegeben.
    Bei dem, was sie zum Thema Staatsgefüge, Rechtsordung und deren Anwendung den Schülern erzählt hat, habe ich sie in der Pause unter 4 Augen gefragt, ob sie das den Schülern so erzählt, weil sie es selbst nicht anders weiß oder ob sie es so erzählt, weil sie muß.
    Ihre Antwort war eindeutig-zweideutig, aber im Grunde eineindeutig:
    „Du kennst mich doch – warum sage ich das wohl so?“

  9. In 10 Jahren Elternmitarbeit an 6 Schulen in West- und Ostdeutschland bis 2018
    habe ich beobachtet, wie flächendeckend nur noch das unterrichtet wird,
    was sich schnell und leicht abprüfen läßt.

    Herleiten von Antworten ist pro forma zwar gewünscht und toll, wird aber
    aus Zeitgründen und Gründen einer gleichbehandelnden Benotung
    nicht sonderlich praktiziert.

    Hipp sind Modethemen, die aufhorchen lassen im Wettbewerb der Schulen
    untereinander … aber leider keinen Tiefgang oder Festigung durch Lehrmaterial haben.

    Pädagogen erfüllen Funktionen und müssen seit Pisa vergleichbare Ergebnisse
    für die Schulstatistik liefern, die mit der Landesstatistik kompatibel sein muß.
    Darauf werden sie intensiv geschult und durch hotlines in der Schulbehörde auch
    unterstützt. Erschreckend war, wie pro Schüler/in bis zu den Herbstferien schon
    25 – 30 Teilnoten in sechs Schulwochen in einem Fach zusammengeschrieben
    waren, für: Verhalten / Mißverhalten, mündliche Mitarbeit, Teamarbeit, schriftlich …

    Über die Anmerkung, daß „der pädagogische Anteil“ für uns Eltern Tabu sei
    konnte ich mich immer erfolgreich hinwegsetzen. Dann formuliert man halt um.

    Im Fall „Glück“ würde ich zB fragen, an welchem Punkt das Fach mit Philosophie
    und Psychologie korrespondiert, um einen Überblick über die Stoffvermittlung
    und Inhalte zu erhalten.

    Bei all den hippen Themen blebt unter dem Strich für mich die Erkenntnis,
    es braucht ganz offensichtlich einen Freiraum und Zeit für Themen, die
    sich mit dem Erwachsenwerden und der Rolle als Schüler/in beschäftigen.
    Das läßt sich halt nicht im üblichen Fächerkanon integrieren.

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