Wo Vintage zum guten Stil gehört: Was wir von Australien lernen können

C. Wahnbaeck

Ein schwarzes Kleid, ein paar Teller mit Goldrand, ein alte Frisierkommode oder ein Staubsauger? In Brunswick, einem Vorort von Melbourne, gibt es das alles – gebraucht. Denn jeder Kunde ist gleichzeitig Lieferant. Über einen Stadtteil, in dem Vintage zum guten Stil gehört. Und der Kreislauf zur Wirtschaft.

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
Ein Schnäppchen gemacht – und etwas für Tiere getan. (C. Wahnbaeck)

„Eigentlich suche ich immer nach gebrauchter Wäsche. Aber dieses Kleid ist auch sexy“, sagt Kalani Katsoulis und hält ein schwarzes Kleid aus transparenter Spitze hoch. Es passt perfekt zu ihren schwarzen Haaren. Kurzentschlossen läuft sie zur Kasse – und für umgerechnet acht Euro gehört ihr das Kleid.

Der „Pet Rescue Superstore“ auf der Sydney Road in Brunswick ist voll von günstigen Vintage-Klamotten, Schuhen und Haushaltsartikeln. Teller ab 50 Cent, bunte Handtücher ab 1 Euro, Bettwäsche mit Blumenprints, schillernde Sofakissen und charmant vergilbte Lampenschirme für je ein paar Euro. Eine Fundgrube für Vintage-Dinge mit Geschichte.

Mit den Erlösen der Vintage-Shops werden Tiere gerettet

Managerin Mary Shilling rettet diese Dinge damit vor der Müllkippe – und herrenlose Haustiere vor dem Tod. Denn mit den Profiten aus ihrem Vintage-Store sollen Hunde oder Katzen aus Tierheimen an alte Menschen vermittelt werden. „250.000 Haustiere werden jedes Jahr in Australien eingeschläfert. Das möchte ich ändern“, sagt Shilling – und nimmt zwei ihrer adoptierten Hunde auf den Arm. Ein dritter, blinder Hund liegt zu ihren Füßen.

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
Hundefreundin Mary Shilling in ihrem Op-Shop. (C. Wahnbaeck)

Die Sydney Road ist die Lebensader von Brunswick, dem grünsten Stadtteil Melbournes – und Australiens. Anders als der mehrheitlich konservative Kontinent mit seinen Kohleminen, Rinderfarmen und seiner Gleichgültigkeit dem Klimawandel gegenüber wählt Brunswick mehrheitlich grün: 40,06 Prozent bei der letzten Wahl.

Dass die meisten Brunswicker versuchen, nachhaltig zu leben, zu essen und zu konsumieren, zeigt sich schon an den unzähligen Bio-Cafés, Charity-Shops, Antik-Läden, Vintage-Hallen und Secondhand-Boutiquen. „Op-shopping“, wie die Australier das Secondhand-Shoppen nennen, gehört hier zur Alltagskultur – weil die Fundstücke aus den „opportunity shops“ den eigenen Stil prägen, weil es günstig ist und man nebenbei Umwelt und Benachteiligten helfen kann.

Eine Kreiswirtschaft im Kleinen, die funktioniert

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
In Brunswick funktioniert  Kreislaufwirtschaft. (C. Wahnbaeck)

Entsprechend dünn ist in Brunswick die Auswahl an Läden mit Neuware. Und es funktioniert auch umgekehrt: Wer seine Stehlampe nicht mehr sehen kann oder die Wolljacke lang genug getragen hat, kann beides bei den Op-Shops wieder loswerden. Die Läden hier sind Drehscheiben für ein lokales Kreislaufsystem, das seinen Namen auch wirklich verdient.

Wem das Angebot an Haushaltswaren beim „Pet Rescue Superstore“ zu gewöhnlich erscheint, der kann sein Glück in der Vintage-Halle „Hope Street“ suchen. Besitzer Sandy Carr durchkämmt einen Tag pro Woche Flohmärkte und Op-Shops nach Vintage-Waren — von braunem Achtziger-Jahre-Geschirr über türkisfarbene Tabletts aus den Neunzigern bis zu alten Gläsern, Tassen, Spiegeln.

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
Es grünt so grün – farblich sortierte Ware im Vintage-Paradies. (C. Wahnbaeck)

Auch „pre-loved“ Bücher sowie Spiel- und Sportgerät gibt es hier. Carr präsentiert seine durchaus stilvollen Fundstücke dankenswerterweise nach Farbe – was das Stöbern verschönert und die Auswahl erleichtert. Seine Preise dafür: etwa doppelt so hoch wie anderswo.

100.000 Secondhand-Kleider in einem Laden

Wer Kleidung sucht, hat mit Abstand die größte Auswahl bei „Savers – The Recycle Superstore“. In der alten, schmucklosen Lagerhalle mit angegilbten Wänden und scheppernder Musik hängen rund 100.000 Kleidungsstücke. Jeden Tag kommen etwa 5.000 neue dazu, viele davon werden verkauft, der Rest aussortiert. Die Lieferanten: Privatleute, die an die NGO Diabetes Australia spenden – von der Savers wiederum seine Ware kauft.

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Eine Kundin wühlt sich bei Savers durch Tausende von Kleidungsstücken. (C. Wahnbaeck)

Das Geschäft scheint aufzugehen: Überall arbeiten sich Kunden durch die Dutzende Meter langen Kleiderständer, ziehen T-Shirts für umgerechnet zwei Euro, Kleider für acht, Strickjacken für zehn Euro heraus. Roxanne Steers und Maddy Aylett aus Tasmanien sind auf der Suche nach punkigen T-Shirts. „Hier gibt es eine Riesenauswahl an Sachen, die sonst keiner hat. In Baumwolle, die Qualität ist echt gut. Und die Preise stimmen“, sagt Maddi.

Eher ein Boutique-Konzept verfolgt dagegen „Mutual Muse“. Jeder ist hier Lieferant, Händler und Kunde zugleich: „Buy – Trade – Sell“ lautet das Konzept. Für eigene Kleidung erhält man entweder 30 Prozent des Verkaufspreises in bar oder 50 Prozent als Gutschein, den man gleich im Laden einlösen kann.

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
Bei „Mutual Muse“ legt man Wert auf Qualität. (C. Wahnbaeck)

“Wir haben vor allem australische und neuseeländische Designer. Und statt Polyester wollen wir Baumwolle oder holzbasierte Fasern, wegen der Umwelt und des Tragekomforts“, sagt Emma Barton, die hinter der Kasse steht. Entsprechend höher sind die Preise – Hosen kosten umgerechnet mindestens 20 Euro, Kleider eher doppelt so viel.

Wohnungseinrichtung für eine Handvoll (australische) Dollar

Wer Möbel sucht, sollte am besten zur nahegelegenen Halle der „Brotherhood of St Laurence“ gehen. Von antiken Frisiertischen mit Marmorplatte über alte Kommoden, Stühle aus Holz, Korb oder Plastik bis hin zu mächtigen Sofas – die Möbelauswahl bei diesem Op-Shop ist riesig. Und wer heute nichts findet, hat vielleicht morgen Glück: Am Ende der Halle entladen die Mitarbeiter gerade einen Lkw mit Kommoden, Lampen und Regalen.

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
Auch gebrauchte Möbel lassen sich in Brunswick günstig finden. (C. Wahnbaeck)

Auch Haushaltswaren und Kleidung findet man hier – und große Marken-Koffer, für umgerechnet vier Euro. „Das ist so unglaublich billig“, sagt Kundin Sarah Wattie, die mit einem Samsonite-Rollkoffer an der Kasse steht. „Zum Glück hab ich erst beim Op-Shop geguckt, bevor ich zu Aldi gegangen bin!“ Die „Brotherhood of St Laurence“ ist eine ehemals kirchliche Organisation, arbeitet zur Hälfte mit Freiwilligen und kämpft mit ihren Einnahmen für ein Australien „free of poverty“.

Sogar Nahrung gibt es hier im Kreislaufsystem

Sogar beim Essen hat Brunswick ein Kreislaufsystem entwickelt. Im Zentrum davon steht CERES, das „Centre for Education and Research in Environmental Strategies“ – oder kurz: eine Nachbarschafts-Farm mitten in der Stadt. Jeder kann hier selber in der Erde wühlen, zusammen mit Anderen Obst und Gemüse biologisch anbauen.

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
CERES: Nachbarschafts-Farm mitten in der Stadt. (C. Wahnbaeck)

Man kann sich in der Hühner-, Bienen- oder Greentech-Gruppe engagieren — oder Kurse in „urban farming“ belegen. Wer Hunger hat, kann im „Merri Café“ Bio-Kürbissuppe mit gebuttertem Sauerteigbrot oder nepalesischen Bratreis mit Erbsen, Pak Choy und Spiegelei essen. Oder einfach im Bioladen lokales Obst, Gemüse und andere Lebensmittel einkaufen. Und, damit sich der Kreislauf schließt, seine Küchenabfälle auf den CERES-Komposthaufen zurückbringen.

Teilen gehört zum Konzept

„Wann immer ich zehn Minute habe, komme ich hierher“, sagt Rosa Greco. Die italienischstämmige Rentnerin mietet einen der kleinen CERES-Gärten und baut Gemüse wie Kürbis, Kräuter, Paprika an. Und zieht einen Radicchio-Salat aus der Erde: „Hier, nehmen Sie das mit – einfach in feine Streifen schneiden, mit Olivenöl, etwas Zitrone und Öl beträufeln!“

Vintage-Paradies Brunswick in Australien
Rentnerin Rosa Greco zieht eigenes Obst und Gemüse. (C. Wahnbaeck)

Teilen gehört zu CERES. Die Farm ist das grüne Gehirn, der Pulsgeber dieses Stadtteils, eine Art grüne Utopie – errichtet auf einer ehemaligen Müllhalde: Das 22 Meter tiefe Loch eines alten Steinbruchs wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts bis an den Rand mit giftigen Industrie-Abfällen gefüllt und sich dann selbst überlassen. Bis sich umweltbewegte Australier Anfang der achtziger Jahre den Ort vornahmen, um zu beweisen: „Der Schaden, den wir unserer Welt zugefügt haben, kann repariert werden – wenn wir uns entschließen zu handeln.“ So steht es auf einem Schild am Eingang.

Das ist ihnen gelungen. Wie zum Beweis zwitschern, schnattern und zilpen die Vögel hier lauter als sonst in Brunswick.

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