Dopamin-Fasten: Verzicht auf Glückshormone soll glücklicher machen

Foto: Screenshot Youtube, Allinsstrong

Ein neuer Trend aus dem Silicon Valley verspricht, dafür zu sorgen, dass wir im Alltag wieder glücklicher sind – indem wir auf alles verzichten, was Spaß macht.

Kein Essen, kein Smartphone, keine Musik, kein Sport – nicht einmal Augenkontakt ist beim Dopamin-Fasten erlaubt. Die Liste des Verbotenen ist potenziell endlos, denn es geht darum, auf möglichst alles zu verzichten, was uns im Alltag Glücksmomente beschert. Das Ziel: diese später wieder deutlicher wahrnehmen zu können.

Verantwortlich für den kleinen Glücks-Kick zwischendurch, ist das Glückshormon Dopamin, erklärt Florian Lienau, Chefarzt der neurologischen Klinik am Marienkrankenhaus in Hamburg, dem Deutschlandfunk. Es ist Teil unseres Belohnungssystems und wird in unserem Gehirn bei kleinen Erfolgen im Alltag ausgeschüttet: Wenn wir ein Herzchen für unser Foto auf Instagram bekommen, ein nettes Lächeln von der Kassiererin im Supermarkt, oder wenn der Lieblingssong im Radio läuft.

Dopamin-Fasten gegen die Reizüberflutung

Dem Dopamin-Fasten liegt die Annahme zu Grunde, dass wir solchen Reizen in unserer digitalen Welt verstärkt ausgesetzt sind. Dank unserer Smartphones haben wir Musik, Online-Games, Instagram und Co. immer in der Hosentasche – und können immer dann für einen Dopamin-Kick sorgen, wenn uns langweilig ist.

An der Bushaltestelle zählen wir, wer unseren Post auf Instagram geliked hat. Auf dem Weg zur Arbeit hören wir Musik und während wir an der Supermarktkasse anstehen, spielen wir ein Smartphone-Game. So sorgen wir dafür, dass unser Belohnungssystem aktiviert und Dopamin in unserem Gehirn ausschütten wird.

„Wir sind süchtig nach Dopamin“

Es gibt kaum Momente im Alltag, in denen wir uns nicht auf diese Weise ablenken. „Wir sind süchtig nach Dopamin“, erklärt der 24-jährige James Sinka der New York Times. „Und weil wir die ganze Zeit so viel davon bekommen, wollen wir immer mehr davon haben. Aktivitäten, die uns einst Vergnügen bereitet haben, tun das jetzt nicht mehr. Durch die permanente Stimulation wird unser Gehirn toleranter gegenüber Dopamin.“

Gemeinsam mit zwei Studienkollegen hat er im kalifornischen Silicon Valley ein Start-up gegründet, das sich mit Schlafproblemen beschäftigt. Dabei hatte er das Dopamin-Fasten für sich entdeckt. „Ich hatte nie darüber nachgedacht, Arbeit zu fasten. Aber als arbeiten auf einmal mit Druck verbunden war und weniger Spaß gemacht hat, dachte ich, wir sollten das mal versuchen.“ Und das habe ihn schließlich dazu gebracht, auch auf alles andere zu verzichten.

Sinkas Idee: Wer ein paar Stunden oder einen ganzen Tag auf die Glücksmomente im Alltag verzichtet, nimmt sie später deutlicher war – und kann dann wieder produktiver sein.

Youtuber versucht den Trend aus dem Silicon Valley

Auf seinem Kanal „Allinstrong“ hat ein deutscher Youtuber ein Video davon hochgeladen, wie er den Trend aus dem Silicon Valley ausprobiert hat. Einen Tag lang versuchte er, sich allen möglichen Reizen zu entziehen, nicht zu lesen, kein Internet zu benutzen und mit niemandem zu sprechen.

Sein Fazit am nächsten Tag: „Es hat sich einiges bei mir verändert […], aber die wichtigste Veränderung: Meine Gedanken sind geordneter. Ich denke nicht mehr zehn Sachen auf einmal, sondern ich habe einen Gedanken nach dem anderen […] und laufe nicht von Impuls zu Impuls.“

Hier kannst du den Selbstversuch auf Youtube ansehen: 

Es gibt kein Entkommen

Doch kann das wirklich funktionieren? „Sich vom Leben zurückzuziehen macht es wahrscheinlich interessanter, wenn man sich wieder ins Leben begibt“, sagte David Nutt dem britischen Guardian. Der Neuropsychopharmakologe am Imperial College London hat zur Dopamin-Produktion bei Mönchen geforscht. Diese wendeten das Prinzip des Dopamin-Fastens schon seit tausenden von Jahren an – nämlich in der Meditation. Aber selbst dabei hatte Nutt bei ihnen euphorische Momente festgestellt, die im Gehirn Dopamin freigesetzt hatten. Es scheine, so schreibt der Guardian, als sei man nirgends sicher vor dem Glückshormon.

Utopia meint: Nichtstun als einen neuen Trend zu verkaufen klingt absurd. Das Prinzip dahinter ist es tatsächlich nicht: Mit der Meditation praktizieren verschiedenste Glaubensrichtungen diese Methode schon seit Jahrtausenden. Und auch in der modernen westlichen Welt liegen Achtsamkeit und Meditation im Trend, weil sie uns im hektischen Alltag Ruhe verschaffen und nachweislich gegen Stress helfen. Wem es dabei hilft, das Ganze mit dem Begriff des Dopamin-Fastens zu labeln – bitte. Schaden kann es ja erstmal nicht.

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(2) Kommentare

  1. Je mehr der Mensch nach Glück jagt, um so mehr verjagt er es auch schon. Um dies zu verstehen, brauchen wir nur das Vorurteil zu überwinden, dass der Mensch im Grund darauf aus sei, glücklich zu sein; was er in Wirklichkeit will, ist nämlich, einen Grund dazu zu haben. Und hat er einmal einen Grund dazu, dann stellt sich das Glücksgefühl von selbst ein. In dem Maße hingegen, in dem er das Glücksgefühl direkt anpeilt, verliert er den Grund, den er dazu haben mag, aus den Augen, und das Glücksgefühl selbst sackt in sich zusammen. Mit anderen Wort, Glück muss erfolgen und kann nicht erzielt werden.

    Viktor Frankl

    .

    Er hat auch sinngemäß gesagt – ich finde das Zitat grad nicht –
    er halt das Streben nach Glück für pathologisch.
    Streben nach SINN erzeugt – als Nebeneffekt – das Glück.

    Er hat recht.