Wie geht es nach Corona weiter? Hitzige Talkrunde streitet bei Lanz um die Zukunft

Foto: Screenshot ZDF-Mediathek

Markus Lanz geht im Juli in die Sommerpause – in seiner Sendung am Dienstag wollte er deswegen „nochmal grundsätzlicher werden“. Mit seinen Gästen hat er darüber diskutiert, wie sich Politik und Wirtschaft nach der Corona-Krise verändern sollen. Einig wurden sich die Diskutant*innen aber nicht.

Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Rezession: Die Folgen der Corona-Krise stellen Politik und Wirtschaft vor große Herausforderungen. Wie soll unsere Gesellschaft diese lösen? Und wie sieht die Zukunft nach der Krise aus? Darüber diskutierten am Dienstag unter anderem die Politökonomin Maja Göpel und Investor Frank Thelen (bekannt aus „Die Höhle der Löwen“) bei Markus Lanz.

Sie vertraten dabei sehr unterschiedliche Positionen. Göpel warnte davor, so weiter zu machen wie bisher. Die Corona-Krise habe deutlich gezeigt, was bei uns schief läuft: „Wir haben ja […] beobachten können, auf was für einer auch sozialen Ausbeutung unsere Form von Wohlstand und Shopping zu günstigen Preisen basiert.“ Göpel bezog sich dabei zum Beispiel auf die Ausbeutung von Erntehelfer*innen oder Angestellten in Fleischfabriken. Das Modell von „immer mehr, höher, schneller, weiter“ lasse sich nicht weiter praktizieren.

Markus Lanz, Frank Thelen, Maja Göpel
Polit-Ökonomin Maja Göpel. (Foto: Screenshot ZDF-Mediathek)

Frank Thelen: „Kein Raubbau mehr, aber trotzdem ein fliegendes Auto“

Frank Thelen sieht das anders. Die Menschheit komme in das Zeitalter des „exponentiellen Fortschritts“. Mithilfe von Technologien wie Quantencomputer, künstlicher Intelligenz, 3-D-Druck und Blockchain werde in den nächsten zehn Jahren mehr Entwicklung stattfinden als in den vergangenen hundert. „Wachstum – nein Danke“, sei die falsche Einstellung, denn Deutschland dürfe die Entwicklungen nicht verpassen.

Allerdings stimmte Thelen zu, dass sich etwas ändern muss. Ein schlimmer Fehler der Vergangenheit sei gewesen, dass die Menschheit die Ressourcen des Planeten als kostenfrei behandelt habe. „Wir dürfen an diesem Planeten keinen Raubbau mehr betreiben. Aber trotzdem hätte ich gerne ein fliegendes Auto, ich würde gerne mit 1.000 km/h in einem Hyperloop [fahren], ich hätte gerne das perfekte Steak, aber eben aus dem Labor, weil es ansonsten ein Problem gibt mit unserem Planeten.“ Der Investor plädierte für „klimaneutrales“ und „umweltneutrales“ Wachstum. Microsoft und Google würden komplett klimaneutral arbeiten.

„Ach so ein Quatsch“, kommentierte Göpel Thelens Begeisterung für Microsoft und Google. Für alle technischen Erfindungen brauche man Materialien, Hardware und vieles mehr. „Das fällt ja nicht vom Himmel, auch so ein Highspeed-Zug.“ Außerdem ist die Ökonomin überzeugt: „Wir müssen das nicht alles technisch lösen. Viel wichtiger ist es auch für den Wasserkreislauf, für Nahrungssicherheit und so weiter, das wieder aufzubauen, was ursprünglich mal in sich angelegt hatte, biologisches Wachstum zu haben.“

Komplizierte Diskussionen und genervte Gäste bei Markus Lanz

Markus Lanz, Frank Thelen, Maja Göpel
Die Talk-Runde bei Markus Lanz am Dienstag. (Foto: Screenshot ZDF-Mediathek)

Zeitweise war es in der Sendung nicht einfach, der Debatte zu folgen – die Gäste nutzten teils abstrakte Konzepte und Fachwörter. Es ging unter anderem um Mobilität, Arbeitsplätze, Investitionen und Unternehmenspolitik. Thelen und Göpel waren im Verlauf der Show mehrmals sichtbar genervt voneinander.

Dabei waren sie sich auch in einigen Punkten einig: Beide sprachen sich etwa dafür aus, die Kreislaufwirtschaft weiter zu entwickeln. In der Kreislaufwirtschaft werden Waren so hergestellt, dass kein Abfall entsteht. Alle eingesetzten Ressourcen werden ständig weiterverwertet, sodass idealerweise keine oder kaum neue Stoffe verarbeitet werden müssen.

Göpel: Wo ist das Geld?

Eines wurde in der Sendung deutlich: Es gibt unterschiedliche Lösungsansätze für die aktuellen wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen. Allerdings haben nicht alle Ansätze die gleiche Chance, sagte Göpel. Die „Techno-Fixe“ werden ihrer Ansicht nach bevorzugt. „Die Menschen, die sich wirklich drum kümmern wollen, einen Regenwald zu erhalten und so zu kultivieren, dass die Biodiversität floriert usw., die kriegen keinen Cent. Wo ist das Geld? Und deswegen sage ich, wir kommen mit einer reinen Wachstumsorientierung nicht da hin, was wir eigentlich erreichen wollen.“

Utopia meint: Klimaneutral, umweltfreundlich, grünes Wachstum: Wenn man Konzernen und Unternehmer*innen wie Frank Thelen zuhört, klingt es so, als wäre es ganz einfach, die Klimakrise und andere Umweltprobleme zu bewältigen. Doch „das Gleiche in grün“ wird vermutlich auf Dauer nicht funktionieren: Ein Planet mit endlichen Ressourcen ist nicht für unendliches Wachstum ausgelegt – auch wenn dieses Wachstum mit vermeintlich nachhaltigen Technologien vorangetrieben wird. Die industrielle Ausbeutung von Ökosystemen, Tieren und Menschen lässt sich nur durch einen grundlegenden Wandel auf verschiedenen Ebenen bewältigen.

Die ganze Sendung vom Dienstag (7.7.) gibt es in der ZDF-Mediathek.

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(3) Kommentare

  1. Tolle Sendung! Ich freue mich schon auf die Fortsetzung im Herbst 🙂
    Hoffentlich passiert jetzt auch endlich mal was Nachhaltiges!
    Maja Göpel hat die aktuelle Situation ja schließlich unmissverständlich beschrieben und die Grenzen des Wachstums klar aufgezeigt. Ganz toll! Weiter so! 👍

    Frank Thelen mit seinem „Wachstum mal 10“ hingegen zeichnete ein völlig übertriebenes technik-fixiertes Bild aus dem Silicon Valley, welches niemals mit den knappen Ressourcen realisierbar ist, ohne auch noch das letzte bisschen Natur dafür zu opfern, damit wir mit 1000 km/h durch die Gegend düsen können, wenn wir mal keine Lust auf das Flugauto haben.
    Hallo??? In welcher Welt lebt der denn?
    Hab ja schon von diesen Zukunfts-Fantasten aus dem Silicon Valley gehört, die scheinbar jeden Bezug zur analogen Welt verloren haben, aber ich hoffe die Deutschen sind da etwas schlauer und kaufen denen diesen Mist nicht auch noch ab!

    Jetzt wird hier zumindest erst mal wieder in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehr investiert. E-Busse, Straßenbahnen, …
    Das ist doch wenigstens was Handfestes!

  2. Und wenn Europa nicht mitziehen will, dann schaffen wir den Umbau auch erst einmal deutschlandweit. In einem „kleinen“ Land ist alles schließlich auch besser überschaubar und wir sind wieder ein Stück weit Herr oder Frau über die Lage. Statt unzählige Güter und Personen ständig quer über die Welt zu transportieren, könnte man ja nachhaltige Ideen und Konzepte für ein best mögliches regionales Wirtschaften exportieren.
    Wo ist das Problem? Sind wir nicht mehr souverän genug, um auch mal voran zu gehen und die Vorreiterrolle zu übernehmen? Aber mit Frau Merkel mittlerweile so sichtlich ermüdet? Hmm … 😕

    Nichtsdesttotrotz, sinnvoll eingesetzt können technische Lösungen auch durchaus einen Mehrwert bieten und natürliche Kreisläufe unterstützen, dürfen dabei aber nicht zum Selbstzweck werden! Für organische Lebewesen gibt immer noch die Natur den Ton an, sonst bekommen wir nun mal Probleme.
    Aber an sich denke ich schon, dass wir mit einem organischen Mix ganz gut die großen Herausforderungen unserer Zeit stemmen können, aber nur wenn die Richtung klar ist und nicht wieder alles was die Reichen nur noch reicher macht getan wird!
    Bspw. die Renaturierung und weitere ! nachhaltige ! Nutzung bereits vom Menschen verwüsteter Gebiete, wovon es ja mittlerweile mehr als genug gibt.
    Von daher kann ich den Redakteuren von Utopia nur zustimmen. Die Transformation muss auf vielen Ebenen stattfinden. Und es gibt genug Missstände zu verbessern und mehr als genug Lösungspotential dafür!
    Vor allem muss Wirtschaft an natürliche Vorgaben halten und z.B. unnötige Transporte konsequent vermeiden und wir Verbraucher oder Produzenten dürfen nicht mehr wie Kleinkinder auf jeden Zug aufspringen, der uns nur noch weiter davon wegführt, wo wir doch eigentlich hin wollen 😉

  3. Ich habe eine Bitte:
    Könnt ihr, wenn ihr über Lanz schreibt, nicht auch einen Link zur Sendung hinzufügen, damit man die nicht erst umständlich suchen muss.