Außen Altplastik, innen Unkraut: Wie „No Planet B“ Kosmetik grüner machen will

Foto: No Planet B

Naturkosmetik aus vermeintlich wertlosen Zutaten wie Löwenzahn und Gänseblümchen, überwiegend verpackt in Recycling-Plastik: Das Startup „No Planet B“ macht mit seinen Pflegeprodukten einiges richtig – und hofft auf einen „Schmetterlingseffekt“.

Seit Anfang März gibt es bei dm eine neue Produktreihe, die vielleicht nicht sofort ins Auge springt, obwohl sie allemal Aufmerksamkeit verdient hat: Der Schmetterling auf der ansonsten schmucklosen, braunen Verpackung der Marke „No Planet B“ ist nämlich Programm. Die Cremes und Duschgels – vegane, tierversuchsfreie, zertifizierte Naturkosmetik mit vielen Bio-Inhaltsstoffen, die zwischen 2,95 Euro und 3,95 Euro kostet – sollen mit kleinen Taten viel bewirken. Einen „Butterfly-Effect“ auslösen.

„Die Welt braucht eigentlich keine neuen Beautyprodukte“ heißt es im Markenfilm auf YouTube – und wer würde da widersprechen? Das Startup, gegründet von Jessie und Sebastian Wölke, einem in London lebenden Ehepaar, versteht sich jedoch als Träger einer Botschaft: Man wolle einen kleinen, grünen Impuls in der Schönheitsindustrie setzen und mehr Menschen für Naturkosmetik und Nachhaltigkeit begeistern.

„No Planet B“ verwendet alltägliche statt exotische Inhaltsstoffe

Punkt eins in diesem Plan: der Inhalt. Die Idee von „No Planet B“ ist, alltägliche Zutaten in den Vordergrund zu stellen, die meist als „Unkraut“ oder Abfall gelten: Bodylotions mit Klatschmohn, Löwenzahn und Hafer, Duschgels mit Wildblumen oder Mandarinenschale. Regionale Ressourcen statt Exotik zu verwenden, sorgt nicht nur für eine bessere Öko-Bilanz, die Inhaltsstoffe haben laut den Herstellern auch wirkliches Potenzial in Sachen Pflegewirkung.

Sonnenblumenöl ist nicht so sexy wie Avocadoöl oder Kokosöl und gilt nicht als hip oder cool“, sagt Sebastian Wölke gegenüber Utopia. Seine Frau ergänzt, dass es zwar auch in Kosmetik Verwendung fände, aber nie explizit genannt werde, weil man es eben doch eher mit Kochen assoziiert. „Aber dieses gewöhnliche Öl ist mein Lieblingsöl: Es enthält viele Fettsäuren und Vitamine, versorgt die Haut dadurch langanhaltend mit Feuchtigkeit und verbessert die Hautbarriere.“

Zutaten, die woanders nicht gebraucht werden

Ein weiterer Rohstoff, der sich prima für die Haut verwenden lässt: Baby-Äpfel, die zu hart und zu sauer für den Verzehr sind. Sie werden klein gepflückt, um die Ernte insgesamt zu verbessern und landen ansonsten im Kompost. Ebenso wie Mandarinenschale, ein Beiprodukt der Lebensmittelindustrie, das keine weitere Verwendung finden würde, aber wertvolle ätherische Öle enthält. „Wir hoffen, dass das nur der Anfang ist“, so Sebastian Wölke. Auch andere Zutaten, die woanders nicht gebraucht werden, seien für Pflegeprodukte interessant – zum Beispiel Kaffeesatz als Peeling. Es gebe an vielen Stellen unserer Konsumgesellschaft Ressourcen, die wir viel besser nutzen können.

Noch läuft in Sachen Ingredienzien nicht alles vorbildlich: Die Leitpflanzen stammen aus der EU, doch beim Klatschmohn war das für die Erstproduktion nicht möglich – er kommt daher erntebedingt aus Marokko. Das puristische Wunschszenario der Wölkes wäre jedoch gewesen, den Anbau der Pflanzen selbst zu realisieren. Nun lassen sie die Extrakte von einem Hersteller in der Schweiz herstellen, die Endprodukte in Deutschland. Ein weiteres Manko: „No Planet B“ verwendet zwar keine Silikone, Mineralöle, synthetische Konservierungsstoffe und chemische Konservierungsstoffe, aber kommt noch nicht ohne einen kleinen Anteil an RSPO-zertifiziertem Palmöl als Stabilisator aus.

Der Anspruch: so wenig neues Plastik wie möglich

Punkt zwei: die Verpackung. „Für uns ist es wichtig, transparent zu sein und bewusst darauf hinzuweisen, dass wir auf einer Reise und nicht perfekt sind“, sagt Sebastian Wölke. Statt Ganz-oder-gar-nicht wolle man zeigen, dass in vielen Fällen Veränderungen möglich sind. Das gilt auch für die Verpackung: Die besteht bei den Flaschen zu 97 Prozent aus Altplastik (und 3 Prozent Farbe; der Verschluss ist leider nicht aus Altplastik, weil er damit laut den Wölkes nicht stabil genug wäre) und Bio-Etiketten aus 80 Prozent erneuerbaren, pflanzenbasierten Rohstoffen. Die Tube mit Allzweckcreme ist aus 50 Prozent Altplastik gemacht – mehr sei bei dieser Form der Verpackung derzeit nicht möglich. Aber aktuell gäbe es auf dem Markt keine Tube, die einen höheren Anteil an recyceltem Plastik verwendet. Zudem sorgt bei den Flaschen die platzsparende runde Form dafür, dass nicht mehr Plastik eingesetzt wird als unbedingt nötig. Die Verpackungen können wieder recycelt werden und gehören nach Gebrauch in den Gelben Sack.

Die Strategie, das Problem des immensen Plastikmülls aktiv anzugehen, indem der bereits produzierte Plastikberg genutzt und so wenig neues Plastik wie möglich verwendet wird, setzt sich in einer Kampagne fort: „No Planet B“ unterstützt mit 5 Cent pro verkaufter Flasche die Initiative Plastic Bank. Diese baut Recyclingcenter in Entwicklungsländern, wo für den Müll Prämien gezahlt werden – das soll verhindern, dass noch mehr Plastik ins Meer geworfen wird. Ein verkauftes „No Planet B“-Produkt finanziert das Recycling von drei weggeworfenen Plastikflaschen. Nach den Planmengen des Startups könnte ihr Beitrag jedes Jahr insgesamt etwa 2 Millionen Plastikflaschen vor einem Ende in den Weltmeeren bewahren. Die Produkte sind daher „plastikneutral“ – das bedeutet nach den Kriterien von Plastic Bank, dass mindestens so viel Umweltplastik eingesammelt und recycelt wie verbraucht wird; quasi eine Neutralisierung des persönlichen Plastik-Fußabdrucks.

Erschwingliche Produkte für die breite Masse

All das sind gute Ansätze. Ein ganz konsequenter Weg, um Plastik zu vermeiden, wäre jedoch von vornherein die Herstellung von verpackungsfreier Kosmetik. Die gibt es mittlerweile nicht nur als Haarseife bzw. festes Shampoo oder feste Handcreme, sondern zum Beispiel auch als festes, unverpacktes Duschgel oder als feste Bodylotion. Freilich sind solche Produkte noch kaum in großen Drogeriemarktketten zu finden, und die Anwendung ist Gewöhnungssache. „No Planet B“ ging es aber gerade darum, massentaugliche Produkte zu entwickeln, die viele Menschen erreichen.

Das Startup vertreibt die Kosmetik deshalb exklusiv über dm, und das zu einem moderaten Preis. Der sei nur dadurch möglich, dass es keine Investoren oder große Werbekampagnen gibt – das Paar hat nur seine eigenen Ersparnisse in das Unternehmen gesteckt. Jetzt haben die Produkte einige Monate Zeit, um sich im Sortiment zu beweisen. „Wenn die Kunden lieber Duschgels mit Einhörnern wollen, muss dm natürlich darauf reagieren“, sagt Sebastian Wölke. Doch das Paar ist optimistisch, dass der Schmetterling dagegen eine echte Chance hat.

Unser Fazit: „No Planet B“ hat einige wirklich gute Ideen, um das Angebot im Drogeriemarkt aufzumischen und neue Ansätze für mehr Nachhaltigkeit bei Kosmetik auszuprobieren. Die Produkte überzeugen mit ihrem Duft, ihrer Pflegewirkung und interessanten Inhaltsstoffen – haben aber durchaus Makel wie die Verwendung von Palmöl und die Tatsache, dass die Verpackung eben doch noch nicht ganz ohne neues Plastik auskommt. Aber das Startup setzt wichtige Signale und zeigt, dass auch Produkte, die nicht verpackungsfrei sind, in vielen Punkten das Potenzial haben, grüner zu werden.

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(3) Kommentare

  1. Innhaltsstoffe – sehr sympathisch zum größten Teil jedenfalls.

    Warum wieder Plastikflaschen ohne Ende? Recycelt klar, besser als neu hergestellt, aber eben doch wieder die alte Leier.
    Und man weiß ja auch gar nicht wirklich, was da nun wieder aus dem Plastik in die diversen Kosmetika diffundiert.
    Wer weiß schon, welche Verbindungen sich durch das recyceln von Plastik ergeben, welche neuen Dämpfe oder was weiß ich. Ich bezweifle, dass das so durch und durch erforscht ist.

    Richtig gut hätte ich gefunden, wenn ich im Drogerie-Markt eine Abfüllstation vorfinden würde, wo ich mit einem genormten Glasgefäß einfach abfüllen kann was ich möchte.

  2. „„No Planet B“ ging es aber gerade darum, massentaugliche Produkte zu entwickeln, die viele Menschen erreichen.“

    Darum – um möglichst eine breite Masse zu erreichen, die dann zumindest für Lebewesen & Umwelt verträglicheRE Produkte kauft.

    Du und ich mögen an dem Punkt angekommen sein … Ich weiß ja nicht, ob du perfekt auf die Welt gekommen bist … bei mir jedenfalls wars eine jahrelange Entwicklung von konv. Kosmetik > Naturkosmetik und z.B. von flüssiger Fertigware > festen Seifen & Einzelrohstoffen. Und eine immer breitere Sicht auf Pros und Kontras. Usw. usf..

    Von jedem von jetzt auf gleich sein positives „Extrem“ zu erwarten ist ideologische Träumerei, null realistisch.

  3. Danke, *ankegro*, das war nötig! Ich entwickle mich seit über 2 Jahrzehnten zu dem, was ich heute bin: vegan, natürliche Kosmetik, weniger plaste.Mir geht’s euch irgendwie zu langsam, aber wir schaffen es nicht von heut auf morgen, dazu spielen viel zu viel Faktoren eine Rolle – der größte ist Geld in jeder Hinsicht.