#NoWater: Influencerinnen propagieren den Verzicht auf Wasser

Fotos: Instagram / pimpyourprana; alisemiksta

Wassermelonen und Gurken statt Wasser? Auf Instagram wollen Influencerinnen den ultimativen Weg zum Wohlbefinden gefunden haben: Flüssigkeit nur noch über Nahrung und Säfte aufzunehmen. Das kann jedoch gefährliche Folgen haben.

Genug trinken ist wichtig – das lernen wir schon als Kinder. Doch einige Fitness-Influencerinnen bei Instagram schwören auf das Gegenteil: Sie trinken (fast) überhaupt kein Wasser mehr, sondern versorgen ihren Körper über Kokosnusswasser, frisch gepresste Säfte und Früchte mit Flüssigkeit.

Zwei, die nach diesem Trend leben: die 30-jährige Lettin Alise, die derzeit in Dubai wohnt, und die 35-jährige, österreichische Yoga-Lehrerin Sophie Prana (sie lebt zeitweise in Südostasien und hat rund 18.000 Follower*innen).

Roh-vegane Ernährung, kein Wasser aus Flasche und Hahn

Sophie erzählte dem Online-Magazin „Vice“, sie ernähre sich roh-vegan und habe vollständig aufgehört, Wasser aus der Flasche oder dem Hahn zu trinken. Alise hingegen schwöre H2O nicht ganz und gar ab, habe aber ihren Konsum um 90 Prozent reduziert. „Wenn man hauptsächlich frisches Obst und Gemüse isst, fühlt man sich automatisch nicht durstig“, schreibt sie auf Instagram.

Beide behaupten, keine gesundheitlichen Nachteile durch ihren Wasserverzicht zu haben. Im Gegenteil: „Es ist das Beste, was ich je in meinem Leben getan habe“, schwärmt Sophie im Artikel. In einem Beitrag schreibt sie, sie praktiziere sogar Hot Yoga, ohne zu trinken. Die Instagram-Accounts beider Frauen sind voll von Bildern in der typischen Healthy-Lifestyle-Ästhetik.

Hier kannst du Posts der Influencerinnen sehen (evtl. musst du zuerst die Ansicht aktivieren):

„Gesünderes“ Wasser aus der Nahrung?

Nach Überzeugung der beiden ist die Empfehlung, ständig Wasser zu trinken, ein Marketing-Trick der Wasserindustrie, so teilten sie der „Vice“ mit. Diese Behauptung hat womöglich einen wahren Kern: Ein Beitrag von ARD Plusminus berichtete, dass große Wasserhersteller geschicktes Marketing an Schulen betreiben und dort Angst vor Dehydrierung schüren. Dabei ist im Grunde nicht das Entscheidende, täglich unbedingt auf 1,5 Liter Wasser zu kommen, sondern dann zu trinken, wenn man wirklich Durst hat.

Mehr dazu hier: Wasser trinken: So viel ist gesund

Nun könnte die Konsequenz daraus sein, Wasser aus Plastikflaschen zu meiden (was eine sehr gute Idee wäre). Und stattdessen Leitungswasser zu trinken, für unterwegs eine plastikfreie Trinkflasche mitzunehmen und auf die Signale des eigenen Körpers zu hören. Für die Influencerinnen heißt die Lösung dagegen: „gesünderes“ Wasser aus der Nahrung zu sich nehmen.

Ein Guru brachte Alise vom „Wasser-Hype“ ab

Bei Alise steckt eine spirituelle Begegnung hinter der Entscheidung: Vor fünf Jahren habe ihr ein Guru in einem indischen Ashram erklärt, der europäische Hype, immer eine Wasserflasche dabeizuhaben, sei völlig unnötig. Bei Sophie spielt die parawissenschaftliche, in Esoterik-Kreisen verbreitete Lehre von „lebendigem Wasser“ eine Rolle (Lies auch: Levitiertes Wasser: Prinzip und was dahinter steckt). Das hat angeblich eine bessere Qualität und ist laut der Yoga-Lehrerin in Melonen, Gurken, Kokosnüssen, Orangen und Co. zu finden.

„Das reine Kokoswasser stammt aus den jungen, noch grünen Kokosnüssen und ist reich an Elektrolyten, Kalium und Antioxidantien“, schreibt Sophie in einem Instagram-Post. „Diese Inhaltsstoffe sind richtig gut für den menschlichen Körper und somit stellt Kokoswasser herkömmliche Sportgetränke und ‚normales’ Wasser den Schatten.“

Elektrolytgetränke können manchmal sinnvoll sein

Wieder ein wahrer Kern in diesen Worten: Speziell nach dem Sport kann es sinnvoll sein, nicht nur Wasser zu trinken, sondern Elektrolytgetränke, die den Körper mit wichtigen Nährstoffen versorgen. Aber: Für die meisten Menschen sollte Wasser das wichtigste Getränk bleiben – darin sind sich internationale Ernährungsrichtlinien einig.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont, dass der Körper Flüssigkeit in Form von Wasser braucht. Säfte – eine der Haupt-Flüssigkeitsquellen der Influencerinnen – enthalten laut DGE viel Zucker, liefern viele Kalorien und können damit Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 fördern.

Die Ernährungswissenschaftlerin Haleh Moravej empfahl in der „Vice“, neben wasserreichen Früchten immer auch andere Flüssigkeiten aufzunehmen: „Ich würde den Leuten stark davon abraten, auf Wasser zu verzichten. (…) Das Desaster ist dabei vorprogrammiert.“

Die Erkenntnis „kein Wasser trinken = gesund“ kann gefährlich werden

Selbst Sophie räumt ein: Wenn man eine „normale westliche Ernährung“ mit Salz und Fetten habe, dann könne es „wirklich schädlich sein“ kein Wasser zu trinken. Wenn sie selbst es durch ihre roh-vegane Ernährung schafft, genug Flüssigkeit zu sich zu nehmen und sich damit gut fühlt, ist das das Eine. Das Problem ist: Influencerinnen wie sie propagieren und inszenieren ihren Lebensstil aber für ein großes Publikum – und das kann gefährlich werden.

Wer sich unreflektiert durch die euphorischen Beiträge klickt und nur die Erkenntnis „kein Wasser trinken = gesund“ herausfiltert, kann damit seine Gesundheit in Gefahr bringen.

Wer will nicht im Paradies leben und Kokosnusssaft schlürfen?

Hinzu kommt: Sowohl Sophie als auch Alise führen – ihren typischen Social-Media-Traumkulissen-Bildern nach – ein Leben, um das viele sie beneiden dürften. Wer würde nicht gern im Paradies leben und den ganzen Tag frischen Kokosnusssaft schlürfen? Sie bedienen Sehnsüchte, doch ihre Lebensrealität wird wahrscheinlich nur von einem Bruchteil ihrer Follower*innen geteilt.

Die „Vice“ bringt es auf den Punkt: „Wenn du nicht gerade das ausschweifende Aussteiger-Traum-Leben lebst, das Sophie und Alise für sich selbst kreiert haben, ist es schwierig, an frisch gepressten Wassermelonensaft zu kommen oder ein Kilo Trauben zum Frühstück auszupressen.“

Ganz zu schweigen davon, dass es für Menschen in Europa oder den USA nicht gerade nachhaltig ist, den Durst mit exotischen Früchten und Kokosnüssen zu stillen. Sie haben einen weiten Transportweg hinter sich und eine dementsprechend schlechte Klimabilanz.

Das natürliche Durstgefühl wird die meisten Menschen schützen

Die beiden Influencerinnen weisen indes die Verantwortung von sich: Alise erklärt, es liege an den Follower*innen, was sie mit den Informationen machen, die sie auf Instagram finden. Sophie gibt immerhin zu Protokoll, dass sie Ratsuchende, die sie kontaktieren, darauf hinweist: Eine solch große Ernährungsumstellung muss langsam und umsichtig passieren.

Dass sich Nachahmer*innen finden, die sich von den Fotos und „Weisheiten“ angezogen fühlen und sich selbst gefährden, lässt sich damit jedoch nicht verhindern. Bleibt zu hoffen, dass in dem Fall eintritt, was ein Medizinprofessor in der „Vice“ prognostiziert: Das natürliche Durstgefühl würde die meisten Menschen ohnehin davor bewahren, Wasser komplett zu streichen.

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