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Cittàslow: Das sind die Ideen der „Slow-City“-Bewegung

Foto: CC0 / Pixabay / Tama66

Cittàslow ist eine Bewegung und ein Netzwerk aus Städten, die sich um mehr Lebensqualität bemühen. Dabei spielen Entschleunigung, Vielfalt und Nachhaltigkeit eine große Rolle.

1986 in Rom: An der berühmten Spanischen Treppe soll ein McDonald’s-Restaurant eröffnet werden. Aus Sorge, die Fast-Food-Kette würde zum Verlust der regionalen Esskultur führen, kommt es zu Demonstrationen. Kurz darauf wird in Italien die Slow-Food-Bewegung gegründet, die sich für die Bewahrung von Traditionen, hochwertigen Lebensmittel und bewussten Genuss einsetzt. Einige Jahre später entsteht aus dem Slow Food-Konzept ein erweitertes Konzept, welches das entschleunigte Leben in der Stadt in den Blick nimmt: „Cittàslow“.

Paolo Saturini, Bürgermeister des Ortes Greve in der Toskana, gründete Cittàslow (città: italienisch für „Stadt“) 1999 als eine Bewegung und ein „internationales Netzwerk von Städten, in denen es sich gut leben lässt“. Ziel der Bewegung ist es, die Lebensqualität in Städten zu erhöhen. Dabei spielen neben dem Erhalt der unverwechselbaren, örtlichen Identität einer jeden Stadt und der Förderung ihrer kulturellen Vielfalt auch Bemühungen um Umwelt- und Klimaschutz eine wichtige Rolle.

Cittàslow: Umwelt, Infrastruktur und Lebensqualität

Cittaslow-Städte fördern die regionale Wirtschaft.
(Foto: CC0 / Pixabay / Fotoworkshop4You)

Cittàslow ist eine Mitgliedschaftsorganisation, wobei nur Städte mit einer Einwohner:innenzahl von unter 50.000 vollständige Mitglied werden können. Zudem ist es erforderlich, dass sich die Städte für die Mitgliedschaft qualifizieren, indem sie mindestens 50 Prozent der Cittàslow-Kriterien erfüllen. Diese Kriterien beziehen sich auf die Bemühungen der Städte, aus wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer und kultureller Sicht lebenswertere Orte zu werden. Somit verfolgen Cittàslow-Städte das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, welches Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander verknüpft: 

  • Umweltpolitik: Darunter fallen die Förderung innovativer Technologien, ein schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen (zum Beispiel mit Wasser, wie ihn auch das Konzept der Schwammstadt betont) und die Steigerung der Energieeffizienz. 
  • Infrastruktur: Die Stadt soll behutsam und unter Aspekten der nachhaltigen Stadtentwicklung erneuert werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Städte umweltfreundlichere Mobilitätsformen wie Radfahren priorisieren und die Barrierefreiheit von Gebäuden erhöhen. 
  • Urbane Qualität: In diesem Bereich zielen Cittàslow-Mitglieder unter anderem darauf, die städtische Resilienz zu fördern. Dies beinhaltet eine gute Vorbereitung der Städte auf Krisen und Katastrophen. Die Stadt soll zudem durch mehr Sitzgelegenheiten, Grünflächen, geringere Umweltbelastungen wie Lärmverschmutzung, bessere digitale Angebote und nachhaltigeren Städtebau attraktiver werden. Gleichzeitig sollen regionale Märkte gefördert werden, zum Beispiel durch Schaffung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Auch kürzere Wege für das Leben in der Stadt, zum Beispiel von zuhause bis zur Arbeit, sollen die urbane Lebensqualität erhöhen. Ein Stadtkonzept, das sich auf kurze Wege fokussiert, ist übrigens die Die 15-Minuten-Stadt

Weitere Kriterien: Tourismus, Bildung und Solidarität

Grünflächen sind ein wichtiger Bestandteil der Cittàslow-Bewegung.
(Foto: CC0 / Pixabay / MabelAmber)

Im Bereich von Agrar-, Tourismus- und Bildungspolitik und dem Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt gibt es für Cittàslow-Städte weitere Kriterien:

  • Landwirtschaft, Tourismus und Handwerk: Cittàslow-Mitglieder möchten ihre regionaltypischen Produkte und Handwerkserzeugnisse schützen. Dazu können sie Zertifizierungen nutzen oder Handwerkskunst- und Gewerbemuseen einrichten. In Schulkantinen und anderen öffentlichen Einrichtungen sollen lokale Lebensmittel, möglichst aus ökologischer Landwirtschaft, auf dem Speiseplan stehen. In Cittàslow-Städten ist es Landwirt:innen verboten, durch Gentechnik veränderte Samen und Pflanzen zu verwenden. Auch Bemühungen um den Erhalt lokaler Kulturveranstaltungen fallen in diesen Bereich.
  • Gastfreundschaft, Bewusstsein und Bildung: Hierzu gehören Bemühungen, Tourist:innen einen entspannten Aufenthalt im Sinne des Slow Traveling zu ermöglichen. Dazu werden Tourismus-Mitarbeitende entsprechend geschult. Zudem sollen die Bürger:innen für Cittàslow-Themen sensibilisiert werden.
  • Sozialer Zusammenhalt: Cittàslow-Mitglieder setzen sich verstärkt für gesellschaftliche Vielfalt ein, beispielsweise durch Inklusion von Personen mit Behinderung, multikulturelle Integration, Förderung der Jugendarbeit und Möglichkeiten der politischen Beteiligung. 
  • Partnerschaften: Cittàslow unterstützt die Slow-Food-Bewegung sowie Städtepartnerschaften. 

Alle fünf Jahre müssen sich die Mitgliedsstädte durch eine Kommission der Cittàslow-Vereinigung neu zertifizieren lassen. Dabei wird erneut bewertet, ob sie die Kriterien erfüllen. 

Cittàslow-Städte in Deutschland

Mittlerweile gehören zum Cittàslow-Netzwerk 287 Städte weltweit. In Deutschland haben sich bisher 23 Städte und Gemeinden als „Slow Cities“ qualifizieren können. 

Hersbruck im Nürnberger Land war 2001 die erste deutsche Cittàslow-Stadt. Seitdem hat die Stadt das Streben nach mehr Lebensqualität, Entschleunigung und Nachhaltigkeit in mehreren Projekten verwirklicht. So stattete sie den öffentlichen Raum mit sogenannten Ruheinseln aus, die zur Entspannung einladen sollen. Die städtischen Busse wurden auf den Betrieb mit Erdgas umgestellt und lokale Betriebe verfolgen in der Wald- und Holzwirtschaft Nachhaltigkeitsprinzipien. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Erhalt einer naturnahen Kulturlandschaft. 

Meldorf in Schleswig-Holstein ermöglicht seinen Einwohner:innen und Gäst:innen wortwörtlich ein entschleunigtes Leben: Im Stadtzentrum wurde der Autoverkehr auf ein Minimum reduziert. Das hat viel Platz zum entspannten Bummeln, Verweilen und Spielen geschaffen. In einem Cittàslow-Workshop wurde zudem die Idee eines Kulturfestivals geboren, das regionalen Künstler:innen eine Bühne bietet. 

Die südhessische Cittàslow-Stadt Michelstadt lädt dazu ein lokales Gemüse einfach selbst anzubauen – und das mitten in der Stadt. Dazu wurde in zentraler Lage ein Hochbeetgarten angelegt, der auch barrierefrei zugänglich ist. Bürger:innen können sich ein Hochbeet pachten und eigenes Gemüse säen und ernten. Außerdem wartet in der Altstadt ein Beerengarten mit heimischen Sorten darauf, erkundet zu werden.

Fazit: Die Ausrichtung nach Cittàslow-Zielen kann Städten dabei helfen die Lebensqualität ihrer Bewohner:innen zu steigern. Dazu ergreifen sie Maßnahmen, die so individuell sind wie die Städte selbst. Ob mietbare Hochbeete, Festivals oder Ruheinseln – Cittàslow-Städte zeigen viel Kreativität und Engagement, um die Stadtentwicklung positiver für Mensch und Umwelt zu gestalten. 

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