Net Zero: Das steckt hinter dem Programm

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Net Zero ist ein Programm mit dem Ziel, den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Warum es dabei schnell zu radikalen Veränderungen kommen muss, erfährst du hier.

Ist Net Zero ein Rettungsanker für das Klima?

Bei dem Programm von Net Zero oder auch Netto-Null geht es darum, die menschengemachten Treibhausgas-Emissionen möglichst schnell abzusenken.

  • Der Weltklimarat erklärt, dass Net-Zero-Emissionen erreicht sind, sobald alle vom Menschen verursachten Treibhausgase sich durch entsprechende Maßnahmen wieder ausgleichen lassen.
  • Das Helmholtz-Institut bringt das Konzept auf einen einfachen Nenner: „Wer eine Tonne CO2 ausstößt, muss auch wieder eine Tonne CO2 aus der Atmosphäre entnehmen.“

Die Klima-Initiative des Helmholtz-Instituts erläutert, wie es noch möglich sein könnte, bis spätestens 2050 den durchschnittlichen Temperaturanstieg deutlich unter zwei Grad Celsius zu senken. Dafür müssen jedoch die empfohlenen Maßnahmen rasch greifen.

  • Emissionen senken – Innerhalb der nächsten Jahre müssen weltweit die Verursacher von Treibhausgasen ihre Emissionen senken. Neben Kohlenstoffdioxid (CO2), das hauptsächlich bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen entsteht, gehören zu den Treibhausgasen etwa auch Methan (CH4) oder Lachgas (N2O).
  • Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre entziehen – Die Einsparungen, die in den nächsten Jahren realistisch sind, reichen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus, um das Net-Zero-Ziel zu erreichen. Zusätzliche Maßnahmen, um der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid zu entziehen, sind deshalb notwendig. Das kann durch natürliche Kohlenstoffspeicher im Boden oder in Form von Wäldern erfolgen. Das Helmholtz-Institut untersucht weitere Verfahren, die zugleich im Zusammenhang mit dem Gewinn erneuerbarer Energien stehen. Dazu gehört zum Beispiel die zirkulare Kohlenstoffnutzung: Dabei wird das CO2 aus der Atmosphäre durch erneuerbare Energien in Brennstoffe umgewandelt. Weitere Möglichkeiten sieht das Institut in der unterirdischen Speicherung von Gas- oder Wärmeenergie. In bestehenden Gesteinsschichten ließen sich natürliche Energiespeicher anlegen.

Läuft Net Zero und dem Klimaschutz die Zeit davon?

Der Klimawandel nimmt an Fahrt auf  – und dem Net-Zero-Programm läuft die Zeit davon.
Der Klimawandel nimmt an Fahrt auf – und dem Net-Zero-Programm läuft die Zeit davon.
(Foto: CC0 / Pixabay / Seaq68)

Mit einer konsequenten Net-Zero-Politik ließe sich der Klimawandel noch aufhalten. Dies ist auch die aktuelle Einschätzung des Weltklimarates (IPCC). Das Ziel, die Erderwärmung durch das Einsparen von Treibhausgasen zu senken, ist nicht neu.

2015 – Auf dem Klimagipfel in Paris einigten sich 197 Staaten auf verbindliche Klimaziele. Mit der Agenda 2030 beschlossen sie, unter anderem den Anstieg der Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu senken. Laut IPCC ist jedoch mindestens ein Wert von 1,5 Grad Celsius notwendig.

In den darauffolgenden Jahren stellte sich wenig Erfolg ein. Die Kurve der Treibhausgasemissionen stieg weiter an. Im Jahre 2015 lagen die Emissionen weltweit bei 35,2 Millionen Tonnen und 2019 bei 36,4 Millionen Tonnen. Laut den Statistiken der International Energy Agency (IEA) brachte das Pandemie-Jahr 2020 zwar eine deutliche Senkung der Emissionen um sechs Prozent., allerdings zeigte zum Jahresende die Kurve schon wieder nach oben. Im Monat Dezember 2020 lagen die Emissionen sogar wieder über denen aus dem Dezember 2019.

2021 – Der IPCC warnt in seinem Bericht vom August 2021, dass der Klimawandel schneller voranschreitet und seine Auswirkungen an Heftigkeit zunehmen. Der Anstieg von Flutkatastrophen, Waldbränden und Hitzewellen weltweit machen den Klimawandel real spürbar. Nun fordert der IPCC schnellere und drastischere Maßnahmen, um die Treibhausgasemissionen noch auf die bereits vereinbarten 1,5 Grad Celsius zu senken.

Der Weg von Net Zero führt zur Klimaneutralität, oder?

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten die Menschen ihren Einfluss auf das globale Klima neutralisieren, und zwar bis spätestens 2050. Laut Weltklimarat ist Klimaneutralität dann erreicht, wenn die Handlungen der Menschen keinerlei Auswirkungen auf das Klima haben.

Klimaneutralität ist also der Zustand, den das Programm Net Zero ermöglichen soll. Das Net-Zero-Programm soll die noch entstehenden Emissionen mit der Entnahme von Kohlenstoffdioxid im gleichen Umfang aufrechnen. Dadurch steht unter dem Strich der CO2-Bilanz eine Null – eben die Netto-Null. Der CO2-Fußabdruck der Menschen wird dadurch rechnerisch unsichtbar.

Dabei vermischen sich umgangssprachlich beide Begriffe. So spricht zum Beispiel die International Energy Agency (IEA) von einem Net-Zero-Ziel bis 2050. Die Europäische Kommission dagegen nennt Klimaneutralität, als Ziel.

Net Zero ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Zero Emissionen!

Zero Emissionen bedeutet einem Stopp jeglicher Treibhausgas-Emissionen durch den Menschen. Dadurch sinkt der klimaschädliche Einfluss auf null – ganz ohne Rechnerei. Ein Ausgleich durch Kohlenstoffdioxidentnahmen aus der Atmosphäre ist bei null Emissionen überflüssig.

Auf diesen kleinen, aber bedeutsamen Unterschied weist unter anderem Fridays for Future hin. Vor allem der Plan, einmal freigesetztes Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu neutralisieren, diskutieren Wissenschaftler:innen kontrovers.

  • Fridays for Future führt an, dass für alle die benötigten Kompensationsprogramme der Industrie riesige Mengen an CO2-Speicher, wie Wald verfügbar sein müssten. In der Realität schrumpft jedoch die Waldfläche jedes Jahr. Laut WWF verloren 2019 zum Beispiel tropische Waldgebiete jede Minute etwa Flächen in der Größenordnung von 30 Fußballfeldern. Der Grund ist vor allem der Bedarf an Ackerfläche für Nahrungsmittel.
  • Der englische Carbonbrief weist in einem Artikel von Duncan McLaren vom Lancaster Environment Centre darauf hin, dass es dadurch zu einer Konkurrenzsituation kommen kann. Diese kann zum Beispiel entstehen, wenn die Waldflächen eigentlich auch als Acker zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung benötigt würden.
  • Fridays for Future befürchten, dass Industrie und Wirtschaft die Kompensationsmaßnahmen als Ausrede benutzen könnten, um weiterhin kräftig Treibhausgase zu produzieren.
  • Duncan McLaren warnt im Carbonbrief, dass die Technologien, die das Net-Zero-Programm mit der Kompensation setzt, noch in der Erprobung stecken. Ob es wirklich gelingt, entsprechend wirksam das Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre abzuziehen, wird sich erst in einigen Jahren oder Jahrzehnten herausstellen.

Das Net-Zero-Programm in der Politik

Net Zero zeigt Wege auf, um schnell Treibhausgase einzusparen.
Net Zero zeigt Wege auf, um schnell Treibhausgase einzusparen.
(Foto: CC0/pixabay/mirey2222)

Schon im Vorfeld des Klimagipfels 2019 in Abu Dhabi forderte Johan Rockström, der Direktor des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, mutiges Handeln von den Regierungen. Er argumentierte, dass die Bevölkerung darauf vorzubereiten sei, in den nächsten zehn Jahren die Treibhausgasemissionen zu halbieren.

Aus seiner Sicht sind Staaten aufgerufen, jetzt Net-Zero-Emissionen gesetzlich zu verankern. Als Vorbilder nannte er beispielsweise die skandinavischen Länder. Norwegen will bis 2030 Klimaneutralität erreichen und Finnland und Schweden bis 2035 beziehungsweise 2045.

Deutschland verschärfte sein Klimaschutzgesetz erst kürzlich im Jahr 2021. Die vorgesehenen Änderungen sind unter anderem:

  • Treibhausgasneutralität bis 2045 statt wie bisher geplant für 2050.
  • Bis 2030 sollen die Emissionen insgesamt um 65 Prozent gesenkt werden, gemessen am Wert von 1990. 2022 soll erstmals eine Bewertung der Wirksamkeit erfolgen.

Wie ist die Klimaneutralität zu erreichen?

  • Treibhausgase einsparen – Die jährlich zulässigen Treibhausgasemissionen für Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr und Gebäude sinken entsprechend.
  • Natürliche Kohlenstoffspeicher fördern – Zusätzlich bezieht das Gesetz natürliche Kohlenstoffsenken wie Wälder und Moore mit ein.
  • Investitionen – Die deutsche Regierung will ein Acht-Milliarden-Euro-Soforthilfepaket bereitstellen, um den Ausstoß von Treibhausgasen kurzfristig zu mindern. Die Gelder sollen zum Beispiel dazu dienen, die Industrie auf klimafreundliche Energie umzustellen, Technologien für grünen Wasserstoff zu fördern, sowie für energetische Gebäudesanierung und klimafreundliche Mobilität. Zusätzlich sollen auch die nachhaltige Landwirtschaft und Forstwirtschaft von dem Programm profitieren.

Net Zero: Was können Unternehmen und Gesellschaft unternehmen?

Net Zero setzt auch auf den Ausbau von erneuerbaren Energien.
Net Zero setzt auch auf den Ausbau von erneuerbaren Energien.
(Foto: CC0/pixabay/solarimo )

Net Zero und Klimaschutz als Unternehmensziele sind bislang nur bei einer Minderheit der Unternehmen angekommen. Johan Rockström verweist in seinem Artikel unter anderem darauf, dass die Klimaziele von internationalen Großkonzernen (Fortune-500-Unternehmen) die Treibhausgasemissionen nicht ausreichend begrenzen. Er berichtet, dass bislang nur fünfzehn Prozent der Konzerne Klimaziele eingeführt haben, die auch das Zwei-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen unterstützen. Für das notwendige 1,5-Grad-Ziel sieht es noch schlechter aus.  

Die IEA zeigt mit Net Zero den Weg auf, der bis 2050 zur Klimaneutralität führen soll. Sie weist darauf hin, dass der Wandel nur gelingen kann, wenn internationale Unternehmen diesen auch annehmen. Die empfohlenen Maßnahmen sind unter anderem:

  • Sofortiger Stopp von Investitionen für fossile Energien oder Finanzierung von Kohlekraftwerken.
  • Ab 2035 soll die Automobilindustrie den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor einstellen.
  • Bis 2040 soll der Stromsektor weltweit Net-Zero-Emissionen erreicht haben. Das wird nur durch den verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien erreicht. Die IEA weist darauf hin, dass bis 2030 noch die Leistung von Photovoltaik und Windkraft auszubauen ist. Nötig wöre dazu etwa das Vierfache der 2020 installierten Leistung.

Net Zero ist auch ein Weg, den du selbst einschlagen kannst. In ihrem Report hält die IEA schnelle Änderungen in bisherigen Verhaltensmustern für notwendig. Nach ihren Einschätzungen könnte sofortiges Handeln zu mehr als zwanzig Prozent eingesparten CO2-Emissionen im Transportsektor führen. Unter den insgesamt elf untersuchten Maßnahmen zeigen diese das größte Einsparungspotential:

  • Kurzstreckenflüge unter einer Stunde lassen sich durch klimaschonende Alternativen wie Bahnreisen ersetzen.
  • Kurze Entfernungen unter drei Kilometern sind zu Fuß oder mit dem Rad gut zu bewältigen.
  • Das Tempo im Straßenverkehr senken: Schon generell sieben Kilometer pro Stunde weniger zeigen eine Wirkung.
  • Heizung oder Kühlung von Wohnraum: Den Energiebedarf senken, entweder durch energetische Maßnahmen oder energieeffizientere Anlagen.

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