Die Spirulina-Algen, so reich an Nährstoffen – aber so gar nicht nachhaltig

Spirulina
Foto: © Colourbox.de

Sie ist winzig, blaugrün und kommt aus dem Meer – die Rede ist von der Mikroalge Spirulina. Sie wird gepriesen als die neue Wunderwaffe im Kampf gegen Altern, Zivilisationskrankheiten und ungesunden Lebenswandel.

Reich an Nährstoffen sollen die Spirulina-Algen aus den tropischen und subtropischen Regionen der Erde Defizite ausgleichen und beim Abnehmen und Muskelaufbau helfen.

Neu als Nahrungsmittel sind Algen eigentlich nur in unseren Breitengraden, in den Herkunftsregionen waren die grünen Organismen aus dem Meer schon seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Speiseplans. Weil Spirulina-Algen noch dazu sehr anspruchslos in Salz- und Brackwasser gedeihen, gelten sie auch als Chance im Kampf gegen den Hunger. Und auch für das Klima sollen die Mikroalgen gut sein: Während ihres Wachstums bauen sie mit Fotosynthese Kohlendioxid in Sauerstoff um. Eine rundherum positive Bilanz also? Wir haben für dich nachgeforscht.

Bis zu 35 Spirulina-Algen

Spirulina, oder eigentlich korrekt Arthrospira, gehört zur Gattung der Cyanobakterien. Cyanobakterien, zu deutsch Blaualgen, sind winzige spiralförmige Bakterien. Eine einzige Blaualge ist nur etwa 0,5 Millimeter lang und enthält neben dem grünen Chlorophyll auch noch blaue Farbpigmente, die der Gattung ihren Namen gaben. Spirulina-Algen gibt es in bis zu 35 unterschiedlichen Arten, die bekanntesten und am häufigsten vorkommenden sind Spirulina platensis und Spirulina maxima. Es ist jedoch umstritten, ob es sich tatsächlich um unterschiedliche Arten handelt oder lediglich um lokale Anpassungen einer einzigen Algenart an lokale Gegebenheiten.

Wie alle grünen Pflanzen nutzen die Mikroalgen das Chlorophyll a zur Fotosynthese, um Energie zu gewinnen. Dabei kann ein Kilo Algen rund 1,5 Kilo Kohlendioxid (CO2) abbauen und in ein Kilo Sauerstoff umwandeln. Dieser Effekt hat möglicherweise vor Milliarden von Jahren zur Entstehung der heutigen Erdatmosphäre geführt.

Spirulina-Pulver
Spirulina-Pulver: Die Farbe wirkt künstlich, ist es aber nicht. (Foto: © Music4thekids)

Spirulina: Vorkommen und Kultivierung

Spirulina-Algen lieben Wärme und direkte Sonneneinstrahlung. Deswegen kommen sie auf natürliche Weise in allen tropischen und subtropischen Regionen vor. Heimisch sind sie in salzhaltigen, alkalischen flachen Gewässern wie Salzseen, Brackwasser oder flachen Lagunen. Dort bilden Millionen der Mikroalgen einen intensiv blaugrün gefärbten Algenteppich. Die winzigen Algen verdrängen andere Mikroorganismen und sind daher relativ leicht „sortenrein“ zu ernten.

Das macht sich auch die industrielle Produktion zunutze. Die Kultivierung erfolgt in warmen, flachen Salzwasserbecken (Wassertemperatur bis 35° Celsius), gerne auch in sonst unfruchtbaren Gegenden wie Wüsten oder Steppen. Die direkte Sonneneinstrahlung und ins Wasser eingeleitetes CO2 sorgen für ein schnelleres Wachstum der Algen. Produziert werden die Algen in Asien (vor allem Indien), Südamerika, Afrika, Hawaii, Kalifornien und mittlerweile auch in Europa, zum Beispiel in der Normandie (hier jedoch meist für Biogasherstellung, nicht für den Verzehr).

Wo kann man Spirulina kaufen?

Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, Spirulina-Produkte zu kaufen: in Bio-Läden, Drogeriemärkten, Reformhäusern, Apotheken** (shop-apotheke.com, zur Rose Apotheke), in Onlineshops** wie nu3, Amazon, Avocado Store werden die Spirulina-Algen angeboten. Die Algen werden nach der Ernte getrocknet und anschließend zu Pulver vermahlen. Dieses wird dann entweder direkt verkauft oder in Kapseln gefüllt, zu Tabletten oder Presslingen verarbeitet. Eine schonende Verarbeitung ist dabei wichtig, um die wertvollen Inhaltsstoffe nicht zu zerstören. Produkte aus asiatischen Ländern sind nicht immer schonend behandelt und daher qualitativ oft schlechter. Ein Blick auf das Etikett, um das Herkunftsland zu bestimmen, ist daher nie verkehrt. 2011 fand Stiftung Warentest sogar giftige Bestandteile in den Algenprodukten.

Zudem solltest du auf Zuchtalgen Wert legen. Eine Bio-Spirulina gibt es zwar in dem Sinne nicht, weil die Alge ohnehin nur mit CO2 gedüngt wird. In den wild wachsenden Spirulina-Algen sind aber die Nährstoffanteile schwankend, und es können sich sogar giftige Schwermetalle anreichern, wenn die Mikroalgen diese aus dem Wasser filtern. Zuchtalgen werden dagegen als sicher eingestuft.

Spirolina-Algen: Anbau in der Normandie
Eine Spirulina-Zucht in der Normandie . (Foto: © Oliver H)

Die Inhaltsstoffe: Ist wirklich so viel Protein in Spirulina-Algen?

Die seit Milliarden Jahren existierenden Cyanobakterien sind wahre Nährstoffwunder. Sie enthalten rund 60 Prozent Proteine und gehören damit zur Spitzenklasse. Dazu enthält das Protein aus der Blaualge auch alle essenziellen Aminosäuren. Aber auch bei den Mineralstoffen und Vitaminen ist die kleine Alge ganz groß (die Schwankungsbreite ergibt sich aus dem Unterschied im Wasser der Zuchtalgen): Pro 100 Gramm enthält sie 400-700 mg Kalzium, 400-480 mg Magnesium, 50-100 mg Eisen, 100-300 mg Selen und 180 mg Beta-Carotin. Zusätzlich ist der Gehalt an B-Vitaminen (speziell das wichtige Vitamin B12) und Vitamin E relativ hoch. Im Gegensatz zu anderen Meeresalgen enthält Spirulina wenig Jod, was einen täglichen Verzehr unbedenklich macht.

Spirulina-Pulver oder Spirulina-Tabletten?

Ob du dich für Pulver oder Tabletten entscheidest, ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschmackssache. Das Pulver hat einen Verarbeitungsschritt weniger durchlaufen und ist daher weniger gefährdet, Nährstoffe zu verlieren. Es schmeckt jedoch nicht besonders gut, weswegen es schwer in die tägliche Ernährung zu integrieren ist. Am ehesten lässt es sich als Bestandteil eines grünen Smoothies mit Obst oder Gemüse trinken, dort wird der Geschmack überdeckt. Spirulina-Tabletten sind gepresst und werden einfach mit etwas Flüssigkeit geschluckt. Der Geschmack stört kaum, dafür können durch die Pressung wertvolle Inhaltsstoffe verloren gehen.

Ähnlich, aber doch verschieden: Spirulina und Chlorella

Auf den ersten Blick sehen Spirulina und Chlorella ziemlich ähnlich aus. Beides sind grüne Mikroalgen. Doch während Spirulina ein mehrzelliges, spiralförmiges Bakterium ist, handelt es sich bei Chlorella um einen Einzeller mit unverdaulicher Zellmembran. Die Ernte und Verarbeitung von Chlorella ist damit wesentlich aufwendiger, das schlägt sich auch im höheren Preis nieder.

Beide Mikroalgen sind sehr nährstoffreich, doch die blaugrüne Spirulina hat im Vergleich die Nase vorne. Einen entscheidenden Vorteil hat Chlorella allerdings: Weil der Einzeller schwieriger zu kultivieren ist, ist eine Verunreinigung mit anderen Algen eher unwahrscheinlich. Bei Spirulina sind hingegen Fälle von durch giftige Blaualgen kontaminierten Produkten bekannt.

Die medizinische Wirkung der Spirulina-Algen

Welche Wirkung haben die Spirulina-Algen denn nun? Der Mikroalge werden erstaunliche Eigenschaften zugeschrieben: Sie soll antiviral wirken und damit Krankheiten wie HIV, Hepatitis C oder Herpes heilen können. Ihre Inhaltsstoffe sollen den Blutdruck senken, gegen Diabetes helfen und Allergien, vor allem Heuschnupfen, mindern. Die Cyanobakterien sollen auch entzündungshemmende Eigenschaften haben und dadurch bei Arthritis und Gelenkbeschwerden helfen.

Daneben wird den Spirulina-Algen eine das Immunsystem stimulierende sowie Anti-Aging-Wirkung nachgesagt. Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2010 scheint alle diese Wirkungen zu bestätigen. Und eine aktuelle Studie aus 2016 ergab eine mögliche Wirkung gegen Adipositas und Bluthochdruck. Also wirklich eine Wunderwaffe? Mitnichten. Wirft man nämlich einen genaueren Blick auf die über 100 Studien zur Blaualge, stellt man schnell fest, dass diese meist in vitro, also im Reagenzglas, oder an Mäusen oder Ratten durchgeführt wurden. Die Beweiskraft solcher Studien für eine Wirkung am Menschen ist gering – Stoffwechsel und Bedingungen sind im menschlichen Körper einfach völlig anders.

Natürlich gibt es auch Studien an Menschen, wie die von 2016. Aber auch diese weisen Schwachstellen oder Fehler auf: Schlechtes Studiendesign, viel zu kleine Stichproben, keine klaren Wirkzusammenhänge oder fehlender Ausschluss von Fremdeinflüssen lassen sie wenig aussagekräftig wirken. Übrig bleibt für die Wirkung ein „Könnte“ – und die Tatsache, dass Spirulina nur als Nahrungsergänzungsmittel, nicht jedoch als Medikament registriert ist.

Spirulina-Tabletten
In Tabletten- oder Kapselform ist die Spirulina für die meisten einfacher einzunehmen als in Pulverform – bei der Pressung können aber Inhaltsstoffe verloren gehen. (Foto: © English Wikipedia)

Spirulina-Algen und unsere Ernährung

Die Mikroalge wurde bei der Zulassung als Nahrungsergänzungsmittel als „generell sicher“ eingestuft. Das heißt, es sind keine Nebenwirkungen zu erwarten. Das bestätigt auch der jahrtausendelange problemlose Konsum in den Herkunftsregionen. Zusammen mit dem hohen Proteingehalt und dem für Pflanzen seltenen Gehalt an Vitamin B12 scheint die Blaualge daher die ideale Nahrungsergänzung für Veganer zu sein.

Allerdings ist das so nicht ganz korrekt. Ja, Spirulina-Algen enthalten rund 60 Prozent Protein. Aber bei einer täglichen Aufnahme von 10 g der Blaualge deckt das gerade einmal ein Zehntel des Tagesbedarfs eines Erwachsenen, eine 2-Gramm-Tablette liefert gar nur 1,2 g Proteine. Mit Hülsenfrüchten, Kartoffeln und Vollkornprodukten lässt sich der Proteinbedarf besser decken. Auch der hohe Eisengehalt ist kein Argument, dafür gibt es genug heimische Alternativen wie Leinsamen oder Spinat.

Bleibt noch das Vitamin B12 in den Spirulina-Algen. Aber auch hier gilt: Ja, der Gehalt an Cobalamin ist hoch. Allerdings ist nur ein kleiner Teil (rund 20 Prozent) davon überhaupt für den Menschen verwertbar, die Mikroalge daher als Quelle ungeeignet. In Europa bieten die Cyanobakterien also nichts, was normales Obst oder Gemüse nicht auch könnte.

Spirulina-Algen und Nachhaltigkeit?

Anders sieht dies wieder in den Hungergebieten dieser Welt aus. Die nährstoffreiche Alge, die auch in sonst eher unfruchtbaren Gegenden kultiviert werden kann, hilft dabei, Mangelernährung auszugleichen. Mit dem hohen Anteil an Proteinen, Beta-Carotin und Eisen bekämpft sie genau jene Defizite, die laut WHO in den Hungergebieten besonders problematisch sind. Und das, ohne wertvolles, sauberes Süßwasser zu verbrauchen, gedeiht sie doch am besten in Salzwasser. Das bringt den Spirulina-Algen eine Menge Pluspunkte unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ein.

Für weitere Pluspunkte sorgt die starke Umwandlung von Kohlendioxid in Sauerstoff, die die Mikroalgen während ihres Wachstums bewirken. Rechnet man allerdings den Transport aus den Herkunftsländern nach Europa mit ein, ist die Öko-Bilanz nicht mehr so umwerfend. Die Nachhaltigkeit von Spirulina hängt also stark damit zusammen, wo sie konsumiert wird.

Unser Fazit zu Spirulina

Die kleine blaugrüne Alge beeindruckt mit hohem Nährstoffgehalt, Klima verbesserndem Wachstum und der Möglichkeit zur Kultivierung an sonst unfruchtbaren Orten. In den Herkunftsregionen ist Spirulina damit ein wertvolles Nahrungsmittel. Hier in Deutschland dagegen ist der Verzehr der Alge eher unsinnig. Zum einen, weil es bessere Alternativen für die Ernährung gibt. Zum anderen, weil der Transport aus den Anbaugebieten die positive Wirkung der Cyanobakterien für die Nachhaltigkeit wieder zunichte macht.

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(2) Kommentare

  1. Der Beitrag ist sehr Gut, nur ein Punkt kann ich nicht verstehen warum unsinnig in Deutschland und warum nicht Nachhaltig. Spirulina hat da wenig zu sagen, es geht um den Anbau an.
    Industriel angebaut wie in China und USA ist schade aber kleinbäuerlich wie in Frankreich, Afrika und Indien und auch jetzt in Deutschland dank Akal Food (uns). Find ich voll und ganz Nachhaltig besonders das hier Spirulina Kultur als Wärmenutzung für Biogaz Anlagen dient.

    Ich verstehe den Ansatz des Beitrag, es fehlt mir die Differenzierung zwischen industrielle Spirulina und kleinbäuerliche ganz besonders im Hinblick auf Nachhaltigkeit.

    nochmals vielen dank für den Beitrag,

    Frank

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