Zersiedelung: Eine Herausforderung für die Umwelt

Zersiedelung
Foto: CC0/pixabay/Catkin

Die Zersiedelung der Landschaft ist ein Problem mit weitreichenden Folgen. Lies hier, was die fehlgeleitete Bebauung alles verursachen kann und was zu unternehmen ist.

Die Zersiedelung der Landschaft ist messbar

Zersiedelung beschreibt eine Entwicklung, bei der sich Städte immer weiter ausdehnen und Äcker oder naturbelassene Gebiete vereinnahmen. Das Wissensmagazin Spektrum definiert den Begriff als die konzeptlose und flächenintensive Ausdehnung städtischer Siedlungen in den ländlichen Raum.

Mit Zersiedelung ist nicht nur die reine Ausdehnung in der Fläche gemeint, sondern auch ihre nicht optimale Ausnutzung. Die Stadt wächst und zerdehnt sich dabei, wie ein Netz. Mit einem Schweizer Messkonzept können Wissenschaftler:innen den Grad der Zersiedelung auch mathematisch beschreiben, so eine Studie von 2014. Dabei berücksichtigen sie, wie dicht besiedelt die Gebiete sind, ihre Streuung in der Fläche sowie die Ausnutzung. Du kennst das vielleicht: Viele Kilometer vor der Stadtgrenze beginnen schon Wohnsiedlungen und Gewerbeparks. Viele kleine unzusammenhängende Siedlungsflächen sind ein Anzeichen für einen hohen Zersiedelungsgrad. Dagegen spricht eine kompakte Wohngegend, in der sich auch Geschäfte und Gewerbeimmobilien befinden, für einen niedrigeren Grad.

Angewandt auf deutsche Gemeinden ergab die Studie, dass rund neuen Prozent ein erhebliches Problem mit Zersiedelung haben. Besonders betroffen sind Regionen um die Ballungszentren an Rhein-Ruhr sowie Rhein-Neckar, ebenso die Metropolregionen um Hamburg, Bremen, Hannover, Bielefeld, Berlin, Stuttgart oder München.

Laut Umweltbundesamt (UBA) lag in Deutschland der gesamte Anteil der Siedlungs- und Verkehrsflächen (SuV) Ende 2019 bei rund 14 Prozent. Die Bundesregierung hat sich im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsziele vorgenommen, die Ausbreitung der Städte bis 2030 auf 30 Hektar pro Tag zu senken. Zwischen 2015 und 2018 lag der Wert noch bei 56 Hektar täglich.

Zersiedelung hat Folgen – nicht nur für die Umwelt

Mit der Zersiedelung veröden die Innenstädte.
Mit der Zersiedelung veröden die Innenstädte.
(Foto: CC0/pixabay/planet_fox)

Wohnen auf der grünen Wiese hört sich zwar verlockend an, aber es bringt einige Probleme mit sich. Die Umweltorganisation NABU erklärt, dass der massive Verbrauch von unbebautem Boden schwerwiegende Folgen für die Umwelt, die Gesellschaft und die Gesundheit der Bevölkerung hat. Zersiedelung bringt schlussendlich auch wirtschaftliche Nachteile.

Eine Studie von 2015 zeigt die Folgen der Zersiedelung auf:

  • Umwelt – Verlust an Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die Zersiedelung begünstigt dadurch das Artensterben. Die Häuser und Straßen versiegeln durch Beton und Asphalt den Boden. Dadurch kann unter anderem der Regen schlechter versickern. Zum Beispiel führt schon ein starker Regenfall zu einem erhöhten Risiko einer Überschwemmung. Die neuen Straßen oder Schienen zerschneiden zusammenhängende Ökosysteme. Wildtiere sind gefährdet, wenn sie zum Beispiel eine Straße überqueren wollen oder sie sind wie auf Inseln isoliert von anderen Artgenossen, wogegen dann Grünbrücken nötig sind.
  • Klima – Wohngebiete und Stadtzentren entfernen sich immer weiter voneinander. Das führt zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen. Dadurch nehmen die CO2-Emissionen durch die Autoabgase zu. Aufgrund der Bebauung fehlen Pflanzen, die das klimaschädliche Kohlenstoffdioxid wieder aufnehmen könnten.
  • Gesellschaft – Der NABU berichtet, dass die Stadtzentren aussterben, dagegen nehmen die Siedlungen am Rande zu. Ein sogenannter Donut-Effekt entsteht. Wie bei dem Gebäck entsteht in der Mitte ein Leerraum. Das führt zu einer ineffizienten Nutzung des bestehenden Stadtgebietes. Die oben genannte Studie weist darauf hin, dass die verstreut liegenden Siedlungen die Aufspaltung der Gesellschaft fördern, zum Beispiel bilden sich Gruppen nach Einkommen.
  • Gesundheit: Der NABU warnt, dass Beton und Steine Wärme speichern. Dadurch kann es in Städten zu Hitzestaus kommen. Diese können bei Menschen zunehmend Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemprobleme verursachen.
  • Wirtschaft: Die bebauten Flächen stehen in der Regel nicht mehr für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung. Sie fehlen in der Landwirtschaft und können so zu Engpässen in der Lebensmittelversorgung führen. Zum Beispiel entstehen höhere Ausgaben durch importierte Nahrungsmittel. Touristische Ausflugsziele, die von unberührten Landschaften leben, verlieren mit unter an Attraktivität und gefährden dadurch Arbeitsplätze. Kosten für Renaturierung, um bebaute Flächen wieder in Naturlandschaften zu verwandeln. 

Zersiedelung und das Problem mit Gesetzen

Ein- und Zweifamlienhäuser fördern die Zersiedelung. Hier ein Beispiel aus England.
Ein- und Zweifamlienhäuser fördern die Zersiedelung. Hier ein Beispiel aus England.
(Foto: CC0/pixabay/AJACS)

Wie kann es zu der konzeptlosen Bebauung rund um die Städte kommen? In Deutschland gibt es verbindliche Bebauungspläne – dDamit sollten doch Konzepte vorliegen.

Zum Beispiel beschreibt die Stadt Kassel die Aufgaben einer Stadtplanung so: Sie entwirft die strategischen Entwicklungskonzepte für die einzelnen Stadtteile. Diese finden sich im Bebauungsplan sowie in den Nutzungs- und Erschließungskonzepten wieder und berücksichtigen die Bodennutzung in der Gemeinde. Im Planungsprozess kommen auch die Bürger:innen zu Wort.

Der NABU bietet zwei Erklärungen, wieso es trotzdem zu einer planlosen Zersiedelung kommt:

  • Paragraf 13b des Baugesetzbuches – Diese Klausel erlaubte die schnelle Bebauung neuer Flächen.  Durch sie fällt die vorgeschriebene Bürger:innenbeteiligung und Einschränkungen durch das Naturschutzrecht weg. Sie trägt somit teiilweise die Verantwortung für das konzeptlose Wachstum in den letzten Jahren. Der Paragraf ist daher als Turbo- oder Betonparagraf verrufen. Ursprünglich sollten Ballungszentren rasche Hilfe erhalten. Wie der NABU berichtet, nutzten Gemeinden den Bebauungs-Turbo hauptsächlich für Ein- und Zweifamiliensiedlungen. Der Paragraf galt befristet bis Ende 2019. Über die mögliche Verlängerung soll bis Dezember 2021 noch der Bundestag abstimmen. Der NABU setzt sich für die Beendigung des Paragrafen ein und verweist auf den Widerspruch zu dem genannten Nachhaltigkeitsziel der Bundesregierung.
  • Steuereinnahmen – Mit der Ansiedlung von Gewerbebetrieben erhalten die Kommunen zusätzliche Gewerbesteuer. Die neuen Bewohner:innen entrichten ebenfalls ihre Einkommenssteuer an die Finanzämter.

Problem Zersiedelung – was ist zu tun?

Die Hamburger Speicherstadt gilt als Beispiel gegen Zersiedelung.
Die Hamburger Speicherstadt gilt als Beispiel gegen Zersiedelung.
(Foto: CC0/pixabay/heju)

Das Grundproblem der Zersiedelung ist, dass bestehende Gebiete nicht optimal ausgenutzt sind. Der NABU nennt Lösungsansätze, um das Problem anzupacken:

  • Innenentwicklung – Die Stadt wächst im Inneren. Bereits erschlossenen Flächen dienen als Bauland. Brachliegende Grundstücke lassen sich ebenfalls noch nutzen. Der NABU nennt als Beispiel die Hamburger Speicherstadt: Im alten Hafen mit ihren Warenspeichern entstand neuer Wohnraum. Bei diesem Konzept lassen sich die bestehenden Grünflächen in der Stadt als wichtiger Erholungsraum erhalten.
  • Nachverdichtung – Zusätzlich lassen sich auf bestehenden Gebäuden, wie zum Beispiel Einkaufszentren, noch Stockwerke aufsetzen. Dadurch entsteht neuer Wohnraum, ohne neue Flächen zu beanspruchen. Der NABU berichtet, dass allein auf Einzelhandelsimmobilien geschätzt etwa 1,2 Millionen neue Wohnungen entstehen könnten.

Mit verschiedenen Initiativen will zudem das Bundesministerium für Inneres und Bau die bestehenden Quartiere lebenswerter gestalten. Dabei sollen in den Stadtvierteln viele unterschiedliche Menschen zusammenleben. So sollen zum Beispiel Spielplätze, Bildungseinrichtungen oder auch Arbeitsplätze den Zusammenhalt und soziale Integration stärken.

Durch die Zersiedelung gehen Naturflächen und der Lebensraum vieler Pflanzen und Tiere verloren. Du hast einen Garten? Mit diesen Tipps kannst du die Artenvielfalt vor deiner Haustür fördern:

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