„Du bist hier der Chef!“: Hier entscheiden Verbraucher, wie Lebensmittel gemacht werden

Bild: Du bist hier der Chef! / Utopia

Eine Verbraucherinitiative will noch 2020 Milch in die Supermärkte bringen, die etwas ganz neues versucht: Die Kunden sollen hier selbst bestimmen, wie sie produziert wird und welche Vergütung zum Beispiel die Bauern bekommen. In Frankreich sind auf diese Weise schon 33 faire und nachhaltige Produkte entstanden, die auch bei Branchengrößen wie Carrefour oder Lidl verkauft werden.

Seit Monaten protestieren Bauern in Deutschland gegen zu strenge Auflagen, die aus ihrer Sicht das Wirtschaften unmöglich machen. Auf der anderen Seite stehen immer mehr Verbraucher, die sich mehr Umwelt- und Tierschutz wünschen.

Anfang Februar hat der Disput die höchste Ebene erreicht: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bat Vertreter von Handel und Ernährungsindustrie ins Kanzleramt, um über faire Preise für landwirtschaftlich hergestellte Produkte zu sprechen. Lies dazu auch Was eint Biobauern und konventionelle Landwirte?

An einer unbürokratischen Lösung aus Perspektive des bewussten Konsums arbeitet derweil die Initiative „Du bist hier der Chef!“.

Du bist hier der Chef!

Die Initiative „Du bist hier der Chef!“, die sich selbst als „Verbrauchermarke“ sieht, will Landwirte fair entlohnen und Kundenwünsche nach nachhaltigen Lebensmitteln erfüllen – unabhängig von politischen Entscheidungen. Den Graben zwischen Landwirten und Verbrauchern könne man nur durch Kooperation schließen, so der Gründer Nicolas Barthelmé.

Die Idee:

  • Die Verbraucher legen online fest, welches Lebensmittel die Initiative auf den Markt bringen soll.
  • Die Initiative sucht Partner unter den Landwirten und Verarbeitungsbetrieben, spricht mit ihnen über Kriterien und Preise und entwickelt daraus einen Fragebogen.
  • Mit dem Fragebogen stimmen die Verbraucher ab, wie das Produkt hergestellt werden und wie hoch die Bezahlung für die Produzenten ausfallen soll.
  • Aus den Ergebnissen werden Kriterien für die Produktion erarbeitet.
  • Schließlich landet das von den Verbrauchern gestaltete Produkt in den Märkten.

Die Kontrolle sollen ein unabhängiges Institut und die Unterstützer der Initiative übernehmen, der gesamte Prozess transparent online begleitet werden können.

Milch von der Verbrauchermarke

Zum Start hat Nicolas Barthelmé das Produkt „Milch“ ausgewählt: „Ein spannendes Produkt, bei dem das Tierwohl m Fokus steht“, begründet der 44-Jährige aus Eltville am Rhein. Noch im Frühjahr sollen Frisch- und H-Milch in den Läden stehen. Mit mehr als 100 Landwirten stehe er bereits in Kontakt.

Auch die Resonanz des Handels sei gut. „Viele sehen, dass ‚Geiz ist geil‘ eine Sackgasse ist“, sagt er. Im Gegenzug biete die Initiative auch den Supermarktketten eine faire Preisspanne. „Auch deren Mitarbeiter sollen von ihrer Arbeit leben können“, erklärt er.

Fünf Prozent des Verkaufspreises gehen an die Initiative selbst, um das Projekt zu finanzieren, die Community dahinter aufzubauen und die Betriebskosten zu decken, so der Gründer. Verzichtet wird indes auf Werbung: „Wir setzen auf Social Media und Mundpropaganda.“

Zunächst aber sind die Verbraucher gefragt:

  • Noch bis 29. Februar können sie kostenlos und anonym auf der Webseite der Initiative dubisthierderchef.de festlegen, was ihnen bei Milch wichtig ist: Zum Beispiel, ob die Kühe ganzjährig im Stall oder vier Monate auf der Weide stehen sollen.

Je nach Antwort auf die insgesamt acht Fragen steigt der Preis pro Liter und der Anteil, den der Landwirt für den Mehraufwand erhält. Das Ziel von mindestens 5000 Antworten hat „Du bist hier der Chef!“ inzwischen erreicht.

Parallel läuft bereits die Abstimmung für das nächste Lebensmittel: Bislang liegen Eier und Kartoffeln vorn, verrät Barthelmé.

Vorbild: C’est qui le patron?!

Derzeit ist Nicolas Barthelmé der einzige, der in Vollzeit für die Initiative arbeitet und quer durch Deutschland reist, um Partner zu finden oder das Projekt vorzustellen. Die Lebensmittelbranche ist für ihn aber kein Neuland: Nach seinem BWL-Studium in Frankreich hat er 20 Jahre für Snack- und Käsehersteller im Vertrieb und im Marketing gearbeitet.

2019 hat er dann von der französischen Verbrauchermarke „C’est qui le patron?!“ (dt. Wer ist der Boss) gehört, die seit 2016 aktiv ist: Nach eigenen Angaben wurden in Frankreich bislang 158 Millionen Lebensmittel der Marke verkauft und 3000 Produzentenfamilien unterstützt, 33 Produkte von Erdbeeren über Eier bis Mehl stehen in 12.000 Geschäften.

„Auch in Deutschland ist der Markt dafür bereit“, glaubt Barthelmé. Im Juni folgte die Gründung der Initiative und auch des gemeinnützigen Vereins „Die Verbrauchergemeinschaft“, bei dem man für einen Euro Mitglied werden, die Initiative unterstützen und die Partnerbetriebe kennenlernen kann.

Was Barthelmé antreibt: „Ein bisschen Idealismus und ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit.“ Das Beispiel Frankreich habe ihm gezeigt, dass Verbraucher Unglaubliches erreichen können. Langfristig soll aus „Du bist hier der Chef!“ indes kein weiterer Großkonzern werden: „Ich hoffe, dass wir auch andere Marken inspirieren, den Weg zu Fairness und Nachhaltigkeit zu gehen – wir zeigen, dass es geht.“

Und da das erste thematisierte Lebensmittel der Initiative Milch ist, unser Hinweis zum Schluss. Wie bei allen tierischen Lebensmitteln gilt: weniger ist mehr.

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