Das Märchen von Weide- und Heumilch

Heumilch Weidemilch Milch Kuh Weide Wiese
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Glücklich grasende Kühe sieht man auf jeder zweiten Milchpackung, in der Realität sind sie ein seltener Anblick. Halten Heu- und Weidemilch dennoch, was sie versprechen – oder steckt hinter den neuen Milchtrends nur ein Marketingtrick, auf den man besser nicht hereinfällt?

Ein paar zufriedene Kühe auf der Weide, die sich frei bewegen können und grünes, saftiges Gras und Kräuter fressen. Dieses Bild wird uns Verbrauchern auf den meisten Milchprodukten vermittelt. Und genau diese  Tierhaltung wünscht sich auch der Großteil von uns. Laut einer Studie der Universität Göttingen achten mehr als die Hälfte aller Verbraucher beim Milchkauf vor allem auf Weidehaltung und eine gentechnikfreie Fütterung der Kühe. Kein Wunder also, dass Heu- und Weidemilch immer populärer werden. Doch was steckt eigentlich hinter den Begriffen? Welche Qualität haben die Produkte? Und worin bestehen Unterschiede zu konventioneller Milch und zu Biomilch?

Weidemilch, Heumilch: Guter Ansatz für Tierwohl und Gesundheit

Sowohl bei Weide- als auch bei Heumilch ist das grundsätzliche Ziel, den Milchkühen ein möglichst artgerechtes Leben zu bieten.

  • Der Begriff Weidemilch bezieht sich auf die Haltung, die Kühe sollen möglichst viel Zeit auf der Weide verbringen.
  • Heumilch hingegen betrifft die Nahrung der Milchkühe – sie sollen möglichst viel Grünfütter und keine bzw. möglichst wenig Silage (Futter, das durch Gärung haltbar gemacht wird) und Kraftfutter (v.a. Getreide, Raps- und Sojaschrot) zu sich nehmen.

Heumilch und Weidemilch sollen dabei nicht nur gut für das Wohl der Tiere sein, sondern auch für unsere Gesundheit. In einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie (PDF) fand man heraus, dass die Milch von Kühen, die mit Gras und Heu gefüttert wurden, deutlich mehr für die Gesundheit wichtige Omega-3-Fettsäuren enthält als die Milch von Kühen, die konventionell – also mit Silage und Kraftfutter – ernährt wurden.

Fehlende Siegel: Sind Weidemilch und Heumilch nur Marketing-Tricks?

„Die Idee hinter Heu- und Weidemilch ist gut“, sagt Mirko Kaiser von Öko-Test. „Woran es aber fehlt, ist die Transparenz für den Verbraucher. Bislang ist noch nicht so richtig klar, was man genau unter den beiden Begriffen versteht. Es gibt in Deutschland kein Siegel.“

In anderen Ländern hingegen existieren bereits Standards für Heu- und Weidemilch. So gibt es zum Beispiel in Österreich das sogenannte Heumilchregulativ, das genau definiert, wie groß der Anteil an Heu am Gesamtfutter der Kuh sein muss. In Holland ist festgelegt, dass es sich dann um Weidemilch handelt, wenn die Kühe mindestens an 120 Tagen im Jahr für 6 Stunden auf die Weide dürfen. Das Ideal für Heu- und Weidemilch findet man in Irland: Hier stehen die Kühe mehr oder weniger das ganze Jahr auf der Weide und ernähren sich von Grünfutter.

Die Idee hinter Weide- und Heumilch ist gut. Was fehlt, ist die Transparenz für den Verbraucher … Es gibt in Deutschland kein Siegel.“

Da auch in Deutschland Weidemilch und Heumilch immer beliebter werden, nutzen viele Betriebe die Gunst der Stunde und vermarkten ihre Produkte ebenfalls unter diesen Bezeichnungen. Da es aber kein unabhängiges Siegel gibt, kann der Verbraucher nicht nachvollziehen, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden und was sie zu fressen bekamen.

Das bedeutet aber nicht, dass jede Weidemilch oder Heumilch in unseren Supermärkten automatisch „fake“ bzw. ein Marketing-Trick ist.

„In allen von uns getesteten Heumilchprodukten konnten wir einen erhöhten Gehalt an Omega-3-Fettsäuren messen“, so Mirko Kaiser. „Daraus lässt sich schließen, dass die Tiere wahrscheinlich deutlich mehr Grünfutter erhalten haben, als es in der konventionellen Milchproduktion üblich ist. Bei Weidemilch war das in unseren Tests beispielsweise anders: diese war bezüglich Omega-3-Fettsäuren nicht so besonders überzeugend.“

Viele Unternehmen legen intern einen eigenen Standard für Heu- oder Weidemilch fest, nach dem sie sich dann richten. „Allerdings bestehen große Unterschiede darin, was die Betriebe überhaupt als Weide- oder Heumilch ansehen“, erklärt Kaiser.

Was kaufen: Heumilch, Weidemilch oder Biomilch?

Die Realität der konventionellen Milchkuhhaltung hat mit dem Ideal von Heu- und Weidemilch wenig gemeinsam: Die meisten Kühe leben in Laufstallhaltung in engen Ställen mit Betonböden. Als Liegefläche bekommen sie oft lediglich eine Gummimatte, selten etwas Einstreu. Noch schlechter ergeht es den Tieren in der Anbindehaltung: anstatt sich wenigstens auf kleinstem Raum bewegen zu dürfen, sind sie über Halsrahmen oder Ketten in Gittervorrichtungen fixiert und praktisch bewegungsunfähig. Eine Weide bekommen viele ihr ganzes Leben lang nicht zu sehen. Zu Fressen bekommen sie (häufig gentechnisch verändertes) Kraftfutter und Silage.

Heumilch Weidemilch Milch Kuh Weide Wiese

Die Haltungsbedingungen von Biomilchkühen sind bereits deutlich besser: Genmanipuliertes Futter und Anbindehaltung sind beim EU-Bio-Siegel beispielsweise (weitgehend) verboten. Die Tiere haben mehr Platz, sie bekommen Einstreu und Weidegang. An das Ideal von Heumilch und Weidemilch reicht Bio allerdings trotzdem nicht heran: So ist beispielsweise nicht genau geregelt, wie viel Zeit die Tiere tatsächlich auf einer Weide verbringen. Und Biokühe erhalten meist nicht ausschließlich Grünfutter, sondern auch Silage und Kraftfutter.

Dennoch ist zum aktuellen Zeitpunkt die Biomilch gegenüber Heu- und Weidemilch noch zu bevorzugen, denn: hier gibt es feste Siegel, deren Einhaltung regelmäßig kontrolliert wird und auf die sich der Verbraucher verlassen kann. Sollte es in Zukunft auch ein Siegel für Heu- und Weidemilch geben, so wird eine Neubewertung nötig, welche Variante für Tier und Mensch besser ist.

Demeter Milchbauern Süd: erste deutsche Organisation mit Heumilchzertifikat

Einen neuen Standard bildet die Erzeugergemeinschaft Demeter Milchbauern Süd e.V. Sie produziert Bioheumilch und verfüttert keinerlei Silage an die eigenen Milchkühe, was durch den Kontrollverein Karlsruhe bestätigt wurde. Ein Siegel gibt es zwar (noch) nicht, aber sie erhielt als erste deutsche Organisation überhaupt ein Heumilchzertifikat und kann damit garantieren, dass alle Höfe ganzjährig silagefrei sind. Eine solche Zertifizierung ist bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung – und heraus aus dem Heu- und Weidemilchdschungel.

Utopia meint: Der Grundgedanke hinter Weide- und Heumilch ist gut. Zum aktuellen Zeitpunkt ist dennoch Biomilch zu bevorzugen, am besten mit Zertifikat von Anbauverbänden wie demeter, Bioland und Naturland. Denn für Weide- und Heumilch gibt es noch keine festen Siegel und als Verbraucher kann man nicht nachvollziehen, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden bzw. welches Futter sie bekamen. Sehr empfehlenswert aber ist die Bioheumilch von Demeter – bei ihr handelt es sich um die erste bislang zertifizierte Heumilch in Deutschland.

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(21) Kommentare

  1. hab mal ne frage, habe mir den artikel plus ähnliche artikel durchgelesen. Ich wollte jetzt genau wissen was mit der Rewe weidemilch ist ? da steht auf der verpackung das sie mindestens 120 tage im jahr für 6 stunden täglich draußen sind. Nachdem es ja kein verbindliches siegel ist frag ich mich jetzt kann man dem glauben oder nicht ? wenn ich das thema bei google suche komme ich nicht wirklich zu einem ergebnis. Wisst ihr darüber mehr ?

    danke

  2. Bei REWE gibt es verschiedene Weidemilch. In Bio oder konventionell, länger haltbar oder nicht und auch regionale Ableger, wie Weidemilch aus dem Schwarzwald.
    Man kann also ohne nähere Angaben Deine Frage nicht beantworten.
    Aber grundsätzlich hast Du schon recht, daß der Begriff keine Verbindlichkeit enthält.
    Wenn Du es genau wissen willst, mußt Du raus finden, von welchen Betrieben die Milch kommt und dort nach fragen oder besser schauen.
    Grundsätzlich sollte die Milch Bio sein, weil dann die Haltungsbedingungen besser sind. Aber eine Garantie über eine bestimmte Anzahl Stunden / Tage bekommst Du auch dort nicht.

  3. Bei mir in leipzig im rewe gibt es nur eine weidemilch. Wenn da aber jetzt 120 tage im jahr draufsteht heißt das jetzt das es stimmen muss oder ist das eventuell ein etikettenschwindel ? werde aber darrauf schauen und nachgucken.

  4. Sicher muß das mit den 120 Tagen wenigstens im Ansatz stimmen.
    Die bauen natürlich auch drauf, daß keiner hin geht und das nachkontrolliert.
    Machbar wäre es natürlich, weil jeder Bauer über jeden Furz seiner Kuh Buch führen muß.

    Aber es gibt meines Wissens keine Kontrollstellen – im Gegensatz zu Bio, wo die Haltungsvorschriften – soweit möglich – kontrolliert werden.

    Hier ein ganz interessantes Doku:
    http://www.kuhplusdu.de/wp-content/uploads/Milchratgeber_Welttierschutzgesellschaft-eV.pdf

    Du hast immer noch nicht beantwortet, ob es sich bei REWE um eine Bio-Weidemilch handelt. Wenn ja, wie bei Arla Bio-Weidemilch , dann hast Du schon eine sehr gute Kombination.

  5. Ich stecke da in einem ganz anderen zwiespalt, bei uns in der gegend gibt es einen Hof der die Tiere gut hält, Bio ist und eine eigene kleine Molkerei hat. Eigentlich top, man zahlt einen fairen Preis an den Erzeuger, Tierhaltung, kurze Wege , etc. alles Super . Und man kann die Sachen sogar im Rewe bei den Landmarkt Produkten kaufen. Das spart Weg und Zeit.( ist auf dem Land ein echter Faktor, hier bekommt man zwar fast alles vom Erzeuger wenn man bereit ist viele Höfe die Kilometerweit auseinander sind abzufahren, Biosupermarkt aber 25 km weg). Aber, mir gefällt die Verpackung nicht. Milch in Plastikflaschen( Pfand) und sogar die Butter kommt in runde stabile Plastikdosen. Diese werden nicht mehrmals verwendet und irgendwann hat man zuhause auch keine Verwendung mehr dafür. Die restlichen Produkte sind auch alle in Einwegplastik verpackt. Da ärgert mich der Müll. Man sieht , korrektes einkaufen ist nicht so einfach….

  6. Hab auch Frische Weidemilch gekauft 3,8 % – die erste Flasche hatte sehr gut
    geschmeckt- beim zweiten und dritten Einkauf war sie von einem anderen
    Lieferanten, die Flaschenform ( PET) war jetzt rund von zuvor quadratisch…
    nach dem Oeffnen ( 12 Tage vor MHD ) in den Kuelschrank bei +7° C – drei
    Tage spaeter flockte die Milch total aus, schmeckte aber eigenartigerweise
    noch fast wie normale Milch… den Hersteller angeschrieben – mal sehen was
    die sagen… übrigens PET-Flasche stoert mich generell, nicht nur bei Milch …

  7. Wirklich Frische Milch hat kein so langes MHD.
    Bist Du sicher, daß es wirklich genau die gleiche Milch – nach dem gleichen Verfahren hergestellt – ist?
    Unsere frische Demeter-Flaschenmilch schmeckt um Enden besser, als andere Bio-Frischmilch. Die hat ein kürzeres MHD. Kann aber nicht auswändig sagen, wie viele Tage.

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